Praga Bohema: das seltenste Hypercar der Welt im Fahrbericht
980 Kilo und 700 PS: So extrem fährt Tschechiens Hypercar
Autos aus Tschechien heißen Skoda und sind eher praktisch als potent? Denkste! Im Schatten der VW-Schwester gedeiht eine ganz seltene Blume: der Praga Bohema, eines der heißesten Hypercars unserer Zeit.
Wer an Autos aus Tschechien denkt, denkt an Skoda. An vernünftige Familienkutschen, Details nach dem Motto "simply clever" – wie den Eiskratzer im Tankdeckel oder Regenschirme in der Tür – und vor allem an erstaunlich viel Auto fürs Geld. Doch nur ein paar Kilometer neben dem Skoda-Stammsitz wächst und gedeiht eine weitere Marke. Und mit ihr ein Auto, das mit dieser Vorstellung ungefähr so viel gemein hat wie ein Le-Mans-Prototyp mit einem Octavia Combi. Praga ist wieder da und strebt mit dem Bohema nach den höchsten Weihen im Himmel der Petrolheads.
Der aus Carbon gebackene Zweisitzer ist genauso kompromisslos wie ein Aston Martin Valkyrie oder ein Mercedes-AMG One – und kommt in noch kleinerer Stückzahl: Eine Auflage von 89 Exemplaren macht ihn zu einem der exklusivsten Supersportwagen der Welt. 20 Mann bauen daran jeweils rund drei Wochen, mehr als 20 Fahrzeuge im Jahr werden nicht fertig.
Vom Kartsport zum Hypercar
Die Idee hatten die Tschechen, die früher mal mehr Autos verkauft haben als Skoda und Tatra zusammen und heute im Kartsport so etwas sind wie Ferrari in der Formel 1, als Aston Martin und AMG noch an ihren ersten Konzepten arbeiteten. Schon 2016 entstand in Prag der Plan, einen Rennwagen mit Straßenzulassung zu bauen – radikal leicht, kompromisslos aerodynamisch und näher an der Arnage-Kurve als an der Autobahn, sagt Chief Engineer Jan Martinek.
Die Karosserie des Praga Bohema ist aus Carbon gebacken und wurde im Windkanal gezeichnet.
Bild: T. Geiger
Doch die Entwicklung dauerte länger als geplant, und Corona hat dem kleinen Team auch nicht gerade geholfen. Als 2025 die ersten Kundenfahrzeuge ausgeliefert wurden, hatten die Briten und die Deutschen ihre Autos bereits vorgestellt und die Schlagzeilen geschrieben. Das kann Martinek gut verschmerzen. Auch wenn sein Bolide weder der erste in dieser Liga ist noch der stärkste oder der schnellste, ist er wahrscheinlich der radikalste und ganz sicher der rarste Raser für die linke Spur.
Nur 89 Exemplare weltweit
Vom AMG One gibt es schließlich 275 Exemplare, den Valkyrie baut Aston Martin immerhin 230-mal. Bugatti hat die Produktion des Chiron erst nach 500 Exemplaren gestoppt und will vom Tourbillon zunächst 250 Autos bauen. "Den Bohema dagegen wird es nur 89-mal geben", sagt Martinek und rechnet dafür von der Premiere 2022 zurück zum berühmten Sieg eines Praga-Rennwagens bei den 1000 Meilen der Tschechoslowakei im Jahr 1933.
Und auch der Preis ist heiß. 1,7 Millionen Euro verlangen die Tschechen für ihr Hypercar. Das ist etwa der 80-fache Preis eines Skoda Fabia. Aber kaum mehr als halb so viel wie für einen Valkyrie oder einen AMG One fällig wird – vom Bugatti Tourbillon für 4,5 Millionen Euro ganz zu schweigen.
Der Bohema ist exklusiver als jeder Bugatti oder der AMG One, denn er wird nur 89-mal gebaut. Dafür ist er mit 1,7 Millionen Euro Grundpreis fast ein Schnäppchen.
Bild: T. Geiger
Aber Praga sticht noch ein paar weitere exklusive Exoten aus. Auch Koenigsegg aus Schweden und Pagani aus Italien sind leistungsmäßig in dieser Liga unterwegs, verlangen aber für ihre sehr viel luxuriöseren und weniger kompromisslosen Hypercars ein Vielfaches des Praga-Preises.
Weniger komplexe Formel-1-Technik, mehr Fahrerlebnis
Entsprechend selbstverständlich und selbstbewusst reihen sich die Tschechen ein in die Phalanx der PS-Helden und spielen dort ihre ganz eigene Rolle: Während Valkyrie und AMG One auf Formel-1-Technik und komplexe Hybridsysteme setzen, verfolgt Praga einen vergleichsweise puristischen Ansatz und setzt auf weniger Gewicht, weniger Komplexität und dafür auf noch mehr Fahrerlebnis.
Schon der erste Blick macht klar, worum es hier geht. Der Bohema duckt sich flach über den Asphalt. Luftkanäle durchziehen die Karosserie, die Radhäuser wirken wie aerodynamische Skulpturen und jede Linie hat ihren Zweck. Nichts ist hier Deko und alles Funktion.
Nicht umsonst erzeugt die Karosserie bei 250 km/h mehr als 900 Kilogramm Abtrieb – beinahe so viel wie die 980 Kilo, die der Bohema auf die Waage bringt. In einer Welt, in der selbst Supersportwagen längst an der Anderthalb-Tonnen-Marke kratzen, ist das vielleicht die beeindruckendste Zahl des gesamten Datenblatts.
Dazu kommen ein Carbon-Monocoque, ein Fahrwerk mit liegenden Federbeinen, ein sequenzielles Getriebe mit automatisierter Kupplung und eine Titan-Abgasanlage, deren Endrohr eher an eine Turbine erinnert als an einen klassischen Auspuff.
Nissan-Motor mit bis zu 1000 PS
Nur beim Motor verzichten die Tschechen auf technische Extravaganzen. Während andere Hypercars auf aufwendige Hybridsysteme und eigens entwickelte Hochleistungsaggregate setzen, arbeitet hinter den Sitzen ein alter Bekannter: der 3,8 Liter große Biturbo-V6 aus dem Nissan GT-R. Das mag zunächst überraschen. Folgt aber einer Logik, die perfekt zum Charakter des Autos passt. "Der Motor ist standfest, ausgereift und belastbar", sagt Martinek.
Dem Lenkrad sieht man die Wurzeln aus dem Langstreckenrennen an.
Bild: T. Geiger
Seine Möglichkeiten – und seine Reserven – sind bekannt. Schon serienmäßig leistet er 700 PS und entwickelt 780 Newtonmeter Drehmoment. Für ein Auto, das weniger als eine Tonne wiegt, ist das mehr als ausreichend. Und wem das nicht genügt, dem bietet Praga Tuningsätze für weit mehr als 1000 PS.
Und wenn du dich erst mal über die breiten Schweller in die enge Wanne hast gleiten lassen, dich festzurrst wie bei einer Mondmission, das Formel-1-Lenkrad mit digitalen Instrumenten statt Airbag wieder auf den Stift steckst und dann am Schalter im Dach den V6 zündest, dann wird dir schnell klar, dass Leistung hier ohnehin nur ein Teil der Geschichte ist.
Dieses Auto lässt dich seine Kraft roh und ungezügelt spüren. Der Bohema zerrt an der Kette wie eine wütende Bulldogge, und du musst am Steuer alle Selbstbeherrschung zusammennehmen, ihn nicht einfach laufen zu lassen. Das kommt offenbar dabei heraus, wenn ein Formel-1-Profi wie Romain Grosjean den Feinschliff übernimmt. In gerade mal 2,3 Sekunden erreicht der Bohema Tempo 100, die 200er-Marke fällt nach knapp acht Sekunden. Auch bei 300 Sachen reißt der Schub nicht ab – und du kannst kaum glauben, dass bei 317 km/h schon Schluss sein soll.
Mehr Pilot als Fahrer
Beeindruckender als die nackten Zahlen ist allerdings die Art, wie der Wagen mit Geschwindigkeit umgeht. Je schneller der Bohema wird, desto wohler fühlt er sich, liegt ruhiger auf der Straße, fährt präziser und lässt den Alltag hinter sich. Genau wie der Fahrer, der von Praga längst zum Piloten geadelt wurde. Nicht umsonst öffnen sich die Türen wie die Kanzel eines Jets nach oben. Und weil es im Cockpit keinen Platz mehr für ein paar Schalter gab, sind viele Bedienelemente wie im Flieger ins Dach gerückt.
Der freie AUTO BILD-Autor Thomas Geiger bei der Testfahrt im eiligen Exoten.
Bild: T. Geiger
Vor allem aber ist das Gefühl am Steuer mit "fahren" nur unzureichend beschrieben. Wenn man im Tiefflug über den Asphalt jagt und einem das Zischen und Fauchen der Turbos bei jedem Gasstoß eine Gänsehaut über den ganzen Körper treibt, bleibt vom Trommelfell bis zu den Fußsohlen nichts verschont.
Überraschend dabei: Sie haben ihn nicht nur liebevoll ausgekleidet und durch die versetzt montierten Sitzschalen sogar ein bisschen Platz in der Kabine geschaffen. Sondern das Fahrwerk wahrt einen Hauch von Restkomfort, und man fährt im Praga sogar halbwegs bequem. So bequem jedenfalls, wie es in einem Schraubstock sein kann, wenn direkt in deinem Nacken ein Monster mit 6000 Touren tobt und das Blut langsam dem Siedepunkt entgegenköchelt.
Simply clever auf Speed
Fahren nur um des Fahrens willen – und das mit einer Intensität, die kaum ein anderes Auto bietet. Natürlich hat der Bohema mit einem Superb oder Kodiaq nicht viel mehr gemein als die tschechische Heimat. Und doch steckt etwas Skoda drin. So hat Chief Engineer Martinek vor seiner Zeit bei Praga tatsächlich in der Entwicklung in Mladá Boleslav gearbeitet. Und wer Details wie die maßgeschneiderten Taschen für die Staufächer in den hinteren Kotflügeln sieht oder die modular aufgebauten Kopfstützen aus dem 3D-Drucker, die sich mit einem Handgriff für einen Helm umbauen lassen, der denkt unweigerlich an "simply clever". Nur eben auf Speed.