Ein Renault-Van, elektrisch und mit SUV-Anstrich? Schauspielerlegende Louis de Funès wäre angesichts dieses Traditionsbruchs sicher ziemlich aufgeregt gewesen. Die Zutaten stimmen jedenfalls: Die Franzosen haben sich nicht lumpen lassen und mit 87 kWh (netto) einen Riesenakku eingebaut. Dazu gibt's 218 PS und das mittlerweile bekannte Renault-Infotainment, das einen Großteil seiner Funktionen über Google-Dienste bereitstellt.

Innenraum: Der Scenic gefällt mit guter Raumausnutzung

Dabei fällt der Scenic E-Tech auch an anderen Stellen positiv mit seiner Durchdachtheit auf. Unter dem hochkant eingebauten Bildschirm gibt es eine Knopfleiste für Klima-Schnellzugriffe, für die hinteren Passagiere eine ausgeklügelte Mittelarmlehne mit drehbaren Becherhaltern, einer Ablage und eingebauten USB-Anschlüssen. Insgesamt sechs gibt es davon im E-Tech.
Renault Scenic
Bei 1,83 Meter Körperlänge herrscht im Fond reichlich Knie- und auch ordentlich Kopffreiheit. Dazu kommt eine Mittelarmlehne mit justierbaren Becherhaltern und USB-Anschlüssen. Die Lehne ist einfach in der Neigung verstellbar.
Bild: AUTO BILD/Olaf Itrich
Die Zahl Drei hingegen beschreibt die Zahl der Hebel rechts vom Lenkrad. Da wäre der erste, der ganz konventionell den Wischer bedient. Der zweite, der zum Wählen der Fahrstufen dient. Und der dritte Hebel, der – so viel Tradition muss dann doch sein – in typischer Renault-Manier das Radio bedient. Anfangs kann das alles etwas verwirrend sein, und man erwischt sich des Öfteren dabei, wie man die Gänge am Wischer wechseln will. Keine Eingewöhnung braucht es für die stellenweise überraschend hochwertige Materialauswahl, die sich mit dem großzügig eingesetzten Hartplastik mischt.
Renault Scenic
Cockpit mit Google-basierten Diensten wie Maps oder Waze für die Navigation. Auch die Sprachsteuerung funktioniert über Google. Die Materialauswahl fällt gemischt aus: Belederte Stellen stehen dem großzügigen Einsatz von Hartplastik gegenüber.
Bild: AUTO BILD/Olaf Itrich
Großzügig fällt auch das Platzangebot im Innenraum aus: Ab und zu muss man sich daran erinnern, dass der Scenic mit gerade mal 4,47 Metern keine 20 Zentimeter länger ist als ein Golf – zum einen, weil die bullige Optik das überspielt. Zum anderen holt der Renault viel Ellenbogenfreiheit aus seiner mit 1,91 Metern breit ausfallenden Karosserie. Als einziger echter Kritikpunkt fällt die mit 79 Zentimetern recht hohe Ladekante auf, die den Zugang zum 545 bis 1670 Liter großen Kofferraum erschwert.
Renault Scenic
545 bis 1670 Liter fasst das Gepäckabteil des Scenic – daran gibt es anhand von nicht einmal viereinhalb Metern nichts zu meckern. Die mit 80 Zentimetern hohe Ladekante hat der Renault seiner SUV-igen Form zu verdanken.
Bild: AUTO BILD/Olaf Itrich

Fahrzeugdaten

Fahrzeugdaten
Motor-Bauart 
Synchronelektromotor 
Einbaulage 
vorn 
Spitzenleistung 
160 kW (218 PS) 
Dauerleistung 
55 kW (75 PS) 
maximales Drehmoment 
300 Nm 
Vmax
170 km/h 
Getriebe 
Einganggetriebe 
Antrieb 
Vorderradantrieb 
Bremsen vorn/hinten 
Scheiben/Scheiben 
Testwagenbereifung 
235/45 R 20 Y 
Reifentyp 
Michelin Pilot Sport 4 
Radgröße 
7,5 x 20" 
Reichweite* 
599 km 
Verbrauch* 
17,6 kWh/100 km 
Batteriekapazität nutzbar 
87 kWh 
Ladeleistung AC/DC 
22/150 kW 
Ladezeit (15–80 %, DC-Laden) 
37 Minuten 
Ladeanschluss 
vorn rechts 
Fach unter Frontklappe 
Vorbeifahrgeräusch 
64 dB(A) 
Anhängelast gebr./ungebr. 
1100/750 kg 
Stützlast 
75 kg 
Kofferraumvolumen 
545–1670 l 
Länge/Breite/Höhe 
4470/1864–2085**/1571 mm 
Radstand 
2785 mm 
Grundpreis
48.900 Euro
Testwagenpreis (wird gewertet)
50.700 Euro

Fahreindruck: Auf der Langstrecke kann eine Schwäche besonders stören

Trotz der leicht geländegängigen Optik: Den Scenic E-Tech gibt es ausschließlich mit Frontantrieb und zwei Motor-Akku-Kombinationen. Unser Testwagen kommt wie erwähnt mit der größeren Variante, mobilisiert so 218 PS und 300 Newtonmeter Drehmoment. Abgesehen von einem eher verhaltenen Antritt von ganz unten heraus geht es damit flott genug voran, 100 km/h stehen nach 8,2 Sekunden (Werksangabe: 7,9 Sekunden) auf dem Tacho. Nicht ganz so gut ins Bild passt da die recht straffe Auslegung des nicht adaptiven Fahrwerks, die 20-Zoll-Räder helfen hier ebenfalls nicht.
Renault Scenic
Voll-LED Rückleuchten zieren serienmäßig das Heck des Scenic E-Tech.
Bild: AUTO BILD/Olaf Itrich
Bewegt man sich über gleichmäßigere Oberflächen, kann der Scenic dagegen voll überzeugen. Mit seiner ausreichend direkten Lenkung und standfesten Bremsen vermittelt er Agilität, punktet mit seinem großen Akku. 87 kWh Nettokapazität sorgen bei einem Durchschnittsverbrauch von 20,7 kWh für stolze 422 Kilometer Reichweite, gemessen bei 20 Grad Außentemperatur.
Sanfte Kritik gibt's für die etwas zu lange Ladezeit per DC (maximal 150 kW): 37 Minuten von 15 auf 80 Prozent, das ginge besser und kann auf längeren Autobahnetappen schon etwas wehtun, zumal man für die Vortemperierung des Akkus stets per Onboard-Navi eine Ladesäule ansteuern muss. Immerhin: Google Maps plant Ladestopps auf langen Routen selbstständig ein. Lob gibt es auch fürs schnelle AC-Laden des 87-kWh-Akkus mit bis zu 22 kW.

Messwerte

Messwerte
Beschleunigung
0–50 km/h
3,8 s 
0–100 km/h 
8,2 s 
0–130 km/h 
12,5 s 
0–160 km/h 
18,9 s 
Zwischenspurt
60–100 km/h
3,7 s 
80–120 km/h 
4,8 s 
Leergewicht/Zuladung 
1930/511 kg 
Gewichtsverteilung v./h. 
55/45 % 
Wendekreis links/rechts 
11,0/11,0 m 
Sitzhöhe 
635 mm 
Bremsweg
aus 100 km/h kalt
34,8 m 
aus 100 km/h warm 
35,1 m 
Innengeräusch
bei 50 km/h
56 dB(A) 
bei 100 km/h 
64 dB(A) 
bei 130 km/h 
68 dB(A) 
Verbrauch
Sparverbrauch 
14,4 kWh/100 km 
Testverbrauch Durchschnitt der 155-km-Testrunde
(Abweichung zur WLTP-Angabe)
20,6 kWh/100 km
(+17 %)
Sportverbrauch 
27,4 kWh/100 km 
CO2 (lokal) 
0 g/km 
Reichweite (Testverbrauch) 
422 km 

Preis und Unterhaltskosten: kein Schnäppchen, aber fair kalkuliert

Wie getestet – als Long Range und mit großem Motor – kostet der Scenic E-Tech ab 48.900 Euro. Kein Schnäppchen, aber fair kalkuliert, auch angesichts der dann bereits sehr vollständigen Ausstattungsliste (u. a. Klimaautomatik, Notbremsassistent, Voll-LED-Scheinwerfer, Navi, induktives Laden, Apple CarPlay/Android Auto kabellos). Auch die Versicherung bleibt recht preiswert. Abgesehen vom jährlichen Wartungsintervall gibt es also auch in diesem Kapitel nichts, das bei Louis de Funès für Aufregung sorgen könnte.

Wertung

Wertung
Karosserie
Ordentlich Platz überall, Materialanmutung gemischter Natur. Kofferraum gut, hohe Ladekante.
3,5/5 Punkten
Antrieb
Mit 300 Nm und 218 PS kein Kraftprotz, aber mit viel Reichweite und schnellem AC-Laden. DC dauert.
4/5 Punkten
Fahrdynamik
Straffe Grundabstimmung und große 20-Zoll-Räder. Solide Bremswerte, Assistenz arbeitet souverän.
3,5/5 Punkten
Connected Car
Google sorgt für schnelle Navigation, präzise Sprachbedienung und große App-Auswahl.
4,5/5 Punkten
Umwelt
Gemessen am großen Akku leicht, der Verbrauch (gemessen bei 20 Grad) könnte niedriger sein.
3,5/5 Punkten
Komfort
Der Einstieg sowie die Sitze sind okay, die straffe Federung kostet ein paar Pünktchen.
3,5/5 Punkten
Kosten
Gemessen an der Akkugröße und der Vielseitigkeit des Scenic kein Schnapper, aber okay.
3/5 Punkten
AUTO BILD-Testnote
2-

Fazit

Der Renault Scenic E-Tech bietet ein erfreulich rundes Paket. Abgesehen von Detailschwächen wie dem etwas langsamen DC-Laden ein souveräner Begleiter mit viel Platz und cleveren Features zum fairen Preis.