Kosten: Ist die Reparatur eines E-Autos besonders teuer?
Von wegen teure E-Auto-Reparatur: neue Berechnung zeigt Fehler auf

Bild: Brock Archer
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Elektroauto-Reparaturen sind doch nicht so viel teurer als diejenigen von Verbrennern. Das ist die Auffassung der Dekra – nach einer Auswertung von 200.000 Schadengutachten. Im Ergebnis seien Reparaturkosten für E-Autos im Schnitt etwa zehn Prozent teurer als für Pkw mit konventionellen Antrieben. Relativ geringe Mehrkosten, die durch Einsparungen bei Kraftstoff und Wartung mehr als kompensiert werden.
Bisher lautete die Einschätzung innerhalb der Branche, dass Elektroauto-Reparaturen ein Viertel mehr kosten. Dieses vernichtende Resümee zog im Sommer zum wiederholten Mal der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Laut Dekra ein Fehlschluss! Denn bisher seien "Äpfel mit Birnen" verglichen worden.
Hintergrund: Der Bestand an Elektroautos in Deutschland unterscheidet sich wesentlich von demjenigen an Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor. "Die Flotte der Elektrofahrzeuge ist deutlich jünger als die durchschnittlicher Verbrenner", erklärt Bernd Grüninger von der Dekra. Ein geringeres Fahrzeugalter bedeute – unter anderem schon allein wegen der viel höheren Anzahl verbauter elektronischer Fahrerassistenzsysteme und ihrer Sensorik – automatisch höhere Reparaturkosten, ganz unabhängig von der Antriebsart.
Es handelt sich also um einen statistischen Fehler. Die Dekra hat ihn neutralisiert, indem sie ausschließlich junge Autos beiderlei Antriebsart miteinander verglich. Und zwar wurden Schadengutachten von bis zu drei Jahre alten Fahrzeugen in die Auswertung einbezogen. "Im Ergebnis liegen die durchschnittlichen Reparaturkosten bei Elektrofahrzeugen um gut 10 Prozent über denen bei Verbrennern", so Grüninger.
Wie lassen sich die übrig gebliebenen zehn Prozent erklären, um die Elektroauto-Reparaturen durchschnittlich teurer sind? Das hat laut der Dekra mehrere Gründe: Viele Betriebe rechnen für Elektrofahrzeuge höhere Stundensätze ab – etwa aufgrund notwendiger zusätzlicher Qualifikationen ihrer Beschäftigten und Anschaffungen, zum Beispiel für spezielle Prüfgeräte und Werkzeuge.
Bei E-Autos – und auch bei Plug-in-Hybriden – fallen in bestimmten Fällen zusätzliche Arbeiten an, wie etwa das Fahrzeug spannungsfrei schalten. Das erhöht den Aufwand und automatisch die Kosten. "Diese Faktoren erklären die etwas höheren Reparaturkosten für Elektrofahrzeuge bei vergleichbaren Fahrzeugen und vergleichbaren Schäden", so Grüninger.
Ganz anders – auch das zeigt die Auswertung der Schadengutachten – sieht es allerdings aus, wenn am Elektrofahrzeug tatsächlich Hochvoltkomponenten repariert werden müssen. "Wenn ein Stoßfänger zu tauschen ist, spielt die Antriebsart nicht die entscheidende Rolle. Wenn aber am Elektrofahrzeug zum Beispiel die Antriebsbatterie beschädigt ist, hat das natürlich gravierende Auswirkungen auf den Reparaturaufwand."
GDV: Fehler verteuern E-Auto-Reparaturen
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) kam in früheren Erhebungen zum Ergebnis, dass Elektroauto-Reparaturen um bis zu 25 Prozent teurer sind als die von Verbrennern. Die hohen Kosten würden offenbar zum Teil aus mangelnder Erfahrung mit der neuen Technik entstehen.
Insbesondere die teuren Akkus der Elektroautos belasten die Bilanz, so der GDV. Oft sei unsachgemäße Handhabung durch Einsatzkräfte nach dem Unfall oder von Werkstätten verantwortlich. So würden ohne akute Brandgefahr die gesamten Unfallautos in Löschcontainern versenkt. Bei einem Batteriebrand wäre diese Maßnahme zwar zwingend erforderlich. Doch dieser Schritt sei oft nicht notwendig – bedeutet aber regelmäßig den Totalschaden.

Gerät ein Elektroauto in einen Unfall – hier bei einem Test mit der Feuerwehr –, sind die Reparaturkosten bis zu 25 Prozent höher als bei Verbrennern, ermittelte die Versicherungsbranche.
Bild: obs/ADAC/ADAC e.V. Ralph Wagner
Auch würden Werkstätten offenbar bei Unfallwagen die teuren Akkus häufig komplett ersetzen, anstatt eine deutlich günstigere Reparatur einzelner Zellen durchzuführen. Tatsächlich ist das Fachpersonal, das an Elektroautos arbeiten darf, noch relativ dünn gesät.
Mangel an Fachpersonal zur E-Auto-Reparatur
Ein weiteres Problem deutet der Versicherungsverband nur an: "Lange Standzeiten" der Unfallfahrzeuge, die zu hohen Kosten für Ersatzwagen führen, weisen ebenfalls auf Mangel an Elektroauto-Expertise bei den Kfz-Werkstätten hin. Entsprechend überlastet scheint die Branche zu sein, was folgerichtig die Kosten durch lange Wartezeiten erhöht
Überdies fehle es noch an aussagekräftigen Diagnosedaten für die Bestimmung der Schadenshöhe und anschließende Reparatur, hebt der GDV hervor. Für den sicheren und kostensparenden Umgang mit beschädigten Akkus sollten Werkstätten, Abschleppunternehmen und Feuerwehren umfassend geschult werden.
Fazit des GDV: Hersteller sollten Akkus besser vor Unfallschäden schützen und nach einem Unfall aussagekräftige Diagnosedaten zum Zustand der Batterie zur Verfügung stellen. Die Versicherer warnen: "Wenn die Reparaturkosten nicht sinken, gefährden sie langfristig die Akzeptanz der Elektroautos", so der GDV-Vorsitzende Jörg Asmussen.
Ein weiterer Aspekt der GDV-Auswertung: Es werden bis zu 20 Prozent weniger Unfälle mit E-Autos in der Vollkasko-Versicherung gemeldet. Schon im vergangenen Jahr waren die hohen Reparaturkosten von E-Autos Thema beim GDV. Doch die damalige Auswertung ergab sogar rund ein Drittel höhere Reparaturkosten gegenüber denen von Verbrennern. Ist also davon auszugehen, dass die Werkstattbranche das Problem mittelfristig in den Griff bekommen? "Leider nein", so eine GDV-Sprecherin damals gegenüber AUTO BILD.
Die leichte Verbesserung im Vergleich zum Vorjahr sei darauf zurückzuführen, dass in der aktuellen Studie erstmals die Merkmale Fahrzeugalter und Finanzierungsart zusätzlich berücksichtigt wurden. Das verbessert Vergleichbarkeit zwischen E-Autos und Verbrennern. "Ohne Berücksichtigung der beiden Merkmale sind die Schäden von E-Autos wie in der letztjährigen Auswertung weiterhin 30-35 Prozent höher als die Schäden vergleichbarer Verbrenner."

Deutsche Versicherer kritisieren, dass bei Unfallschäden an E-Autos oft der gesamte Akku erneuert wird, anstatt preiswert einzelne Komponenten zu tauschen.
Bild: StoreDot
Auch bei der Haftpflicht sind Elektroautos laut GDV übrigens im Schnitt deutlich seltener die Verursacher von Unfallschäden. Im Vorjahr lag ihr Anteil um fünf bis zehn Prozent niedriger als bei Verbrennern. Die Gründe hierfür wurden nicht genannt. Möglicherweise wirkt sich teilweise der vorsichtigere Fahrstil aus, den Elektroautofahrer zur Schonung des Akkus pflegen, positiv aus.
Hohe Werkstattkosten bei Tesla-Modellen in den USA
Wenn ein Tesla einen Unfallschaden hat, kostet die Reparatur in Amerika im Schnitt 1350 Dollar (rund 1275 Euro) mehr als bei einem Pkw mit Verbrennungsmotor. Das ermittelte im Frühjahr das US-Unternehmen Mitchell, in Amerika wichtiger Lieferant von Diagnosesoftware für Autowerkstätten.
Noch teurer sind nach Mitchell nur Marken wie Polestar, Rivian und Lucid: Hier ist die Werkstattrechnung im Mittel über 2500 Dollar teurer. Die Instandsetzung anderer, einfacherer E-Automodelle fällt dagegen nur geringfügig teurer aus als die von Verbrennern: Hier ermittelte Mitchell für das dritte Quartal 2023 durchschnittlich Mehrkosten in Höhe von lediglich 269 Dollar.
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