Wer an Smart denkt, der hat den 2,50 Meter langen Elefantenrollschuh fortwo im Hinterkopf, der seit mehr als 25 Jahren auf den Straßen unterwegs ist – zuletzt als vollelektrischer EQ fortwo. Doch es gilt umzudenken. Der neue Smart heißt jetzt Smart #1 und ist kein Kleiner mehr. Mit 4,27 Meter Länge hat er die Maße eines VW Golf oder eines Mini Countryman – und kommt hoch gebaut im SUV-Format.

Insofern hat der #1 mit der ursprünglichen Idee des urbanen Kleinstwagens nichts mehr gemein. Wenngleich die Idee, ein Elektroauto zu bauen, schon die des Gründers der Swatch-Gruppe, Nicolas Hayek, war. Der Schweizer Unternehmer wollte nämlich ein Elektromobil für die Stadt, das einer Swatch-Uhr ähnlich sein sollte. Der Rest ist Geschichte: VW wollte das Projekt nicht, Daimler stieg 1994 ein und übernahm 1998 die Rechte an Smart komplett.

Das Problem für die Stuttgarter war, dass der Smart über die Jahre zwar zu einem Kultauto, aber nicht zu einem Verkaufsschlager wurde. Das veranlasste Daimler am Ende, das Projekt an den chinesischen Partner Geely zu übergeben. Jetzt ist der Smart als #1 zurück, fährt in drei Ausstattungslinien mit Heckantrieb vor und in einer ausgesprochen sportlichen Variante als Smart #1 Brabus.

Als Brabus leistet der Smart #1 satte 428 PS

Ja, die Zusammenarbeit mit dem Tuner aus Bottrop (NRW) ist bestehen geblieben. Und so verwundert es nicht, dass nicht nur das Design deutlich martialischer daherkommt, sondern auch die Leistungsdaten den Dialekt des Ruhrpotts sprechen. Dank der zwei Permanentmagnetmotoren an Vorder- und Hinterachse wird der Brabus nicht nur zum Allrad-Smart, sondern auch zu einer beeindruckenden Leistungsmaschine.
Smart #1 Brabus
Mit seinen 428 PS macht der Smart #1 Brabus schon eine Ansage.

Wenn beide Motoren mit voller Kraft im Brabus-Modus arbeiten, dann liegen 428 PS an, und ein maximales Drehmoment von 543 Newtonmeter schiebt den 1,9 Tonnen schweren #1 in 3,9 Sekunden auf Tempo 100.

Das geschieht absolut ansatzlos, weil die Zugkraft nicht über notwendige Gangwechsel unterbrochen wird. Wer hier das E-Pedal nachdrücklich in Richtung Bodenblech schiebt, der sollte den Kopf schon mal vorsorglich gegen die Stütze pressen. Andernfalls schlägt er beim Raketenstart unvermittelt dagegen. Aber wir wissen: Kleine Schläge auf den Hinterkopf verbessern das Denkvermögen.

Viel Leistung für wenig Geld

Die Beschleunigung des #1 Brabus ist mindestens so beeindruckend wie der Preis. Nicht weil der Wagen mit 48.990 Euro billig wäre; vielmehr, weil es keinen Verbrenner mit ähnlichen Leistungsdaten zu diesem Preis gibt.
Nur bei einer Sache muss sich auch der Brabus-Fahrer einschränken: bei der Endgeschwindigkeit! Wer glaubt, er könne hier schneller werden als der einmotorige Bruder, der wird enttäuscht. Hüben wie drüben steht am Ende die Zahl 180 im digitalen Tacho.
Smart #1
Mit viel Liebe zum Detail und ausgewählten Materialien haben die Designer den Innenraum des Smart #1 gestaltet.


Inwieweit Brabus Einfluss auf das Fahrwerk genommen hat, war bei der kurzen ersten Ausfahrt nicht zu ermitteln. Fakt ist aber, dass der starke #1 immer noch sehr kommod über Straßenunebenheiten geht, gleichsam in der Lage ist, sich so zu straffen, dass ein flotter Strich ums Eck gezogen werden kann.
An die Grenzen stößt der Ruhrpott-Smart erst, wenn das Gewicht der Batterie zwischen den Achsen bei zu hohen Geschwindigkeiten anfängt, seitlich zu drängen. Glücklicherweise greifen dann die Regelsysteme sehr gekonnt ein und helfen, den Smart wieder in die Spur zu bringen.

Der Smart #1 ist auch mit nur einem Motor richtig flott

Natürlich kann man auch mit dem immerhin 272 PS leistenden Smart #1 flott unterwegs sein. Wenn hier das maximale Drehmoment von 343 Newtonmetern an die Hinterachse gedrückt wird, dann ist der Stromer in 6,7 Sekunden bei 100 km/h, was immer noch ausreichend schnell für einen zackigen Ampelstart ist. Zumal beide Antriebsvarianten nicht schneller als 180 km/h fahren.
Smart #1 Brabus
Das Leuchtband an Front und Heck ziert unabhängig vom Brabus alle Smart #1.

Aber nicht nur in der Endgeschwindigkeit gleichen sich die Smart-Varianten, auch der 66 kWh große Nickel-Cobalt-Mangan-Akku ist für alle gleich. Im besten Fall soll er den #1 nach WLTP 440 Kilometer weit bringen, den Brabus 400 Kilometer. Im Realbetrieb werden es nach ersten Testfahrt-Schätzungen knapp 350 Kilometer sein.
Geladen wird mit bis zu 150 kW, was den Akku in 30 Minuten von 10 bis 80 Prozent füllt. An der 22-kW-Dose sind es drei Stunden. Lediglich die preiswerte Einstiegsvariante #1 Pro+, die es ab 41.490 Euro gibt, ist beim Wechselstromladen auf 7,5 kW limitiert und braucht 7,5 Stunden.

Mercedes hat den Smart #1 auf Luxus getrimmt

Äußerlich und innerlich hat das Mercedes-Designteam um Chef Gorden Wagener für den Schliff gesorgt. Keine Kanten, bündige Türgriffe, windschlüpfig eben. An Front und Heck fallen die LED-Leuchteinheiten mit ihren durchgehenden Lichtbändern auf, und die C-Säule ziert ein großes Smart-Logo. Beim Brabus kommen noch zwei Lufteinlässe auf der Fronthaube hinzu, die den sportlichen Charakter unterstreichen sollen.
Smart #1 Brabus
428 PS lassen keine Fragen offen: Wer will, der kann mit dem Smart #1 Brabus einen sauberen Strich ums Eck ziehen.


Was beim Besteigen der #1-Modelle auffällt, ist die Mühe, die man sich bei der Materialwahl und der Verarbeitung gegeben hat. Der Smart fährt in dieser Klasse als Luxusauto vor. Ganz anders, als es zum Beispiel der VW ID.3 tut.
Selbst über die Grafik für das schmale 9,2 Zoll große digitale Kombiinstrument, das die Rundinstrumente von früher ersetzt, kann man nicht meckern. Gut ablesbar, in der Farbgebung unaufdringlich und dabei sehr informativ, hat der Pilot alles im Blick, was für den Fahrbetrieb von Interesse ist.
Zumal es diese Informationen auf Wunsch auch noch in einem gestochen scharfen Head-up-Display gibt. Ähnlich brillant und optisch gelungen ist die Grafik des 12,8-Zoll-Touchscreens, der über den Luftauslässen in der Mittelkonsole aufragt und dessen Software mit einem Qualcomm-8155-Chipsatz und 128 GB Speicher ausgestattet ist.
Smart #1
Die Reichweite des Smart #1 liegt je nach Leistung und Antrieb zwischen 400 (Brabus) und 440 Kilometern.

Mit der Rechenleistung sind auch so neckische Grafikelemente wie eine drehende Weltkugel für das Navi oder ein animierter Fuchs als Avatar für die KI-Assistenz möglich. Das ist alles spaßig, hat Charme und passt irgendwie zum neuen Smart.

Der Smart fortwo kommt auf neuer Plattform zurück

Pässlich ist auch die von Geely gelieferte Sustainable Experience Architecture, also die SEA-Plattform. Die ist ähnlich flexibel wie der einst von der Autowelt gefeierte Modulare Querbaukasten (MQB) von Volkswagen. Auf ihr können Kleinstwagen über Fahrzeuge der oberen Mittelklasse bis hin zu Nutzfahrzeugen zwischen 3,5 und 5,5 Tonnen aufgesetzt werden. Hier ist dann auch der Hinweis zu finden, dass Geely gewillt ist, die zurzeit auslaufende Generation des Kleinstwagens Smart fortwo wieder ins Programm zu nehmen – auf neuer Basis und weiterhin rein elektrisch.

Fazit

von

Holger Preiss
Der Smart #1 ist mit 4,27 Meter Länge ein echter Kompaktwagen – damit ist die Marke um Klassen gewachsen. Das gilt auch für die rein elektrischen Antriebe, die von 267 bis 428 PS reichen. Nun mag das angesichts des E-Antriebs gar nicht so erstaunlich sein. Dennoch bekommt man Autos mit diesen Leistungsdaten als Verbrenner nicht zu Preisen ab 42.000 Euro. Hinzu kommt, dass es gelungen ist, dem Smart #1 ein gutes Stück Luxusgefühl mitzugeben, das man so in der Kompaktklasse eher selten findet. Das gilt für das Fahrwerk ebenso wie für die verwendeten Materialien im gesamten Innenraum – und reicht bis hin zum flauschigen Filz im 323 Liter fassenden Kofferraum.

Von

Holger Preiss