Ivan Espinosa hat es momentan nicht leicht. Der oberste Produktplaner übernimmt in ein paar Tagen den Chefposten bei Nissan. Eigentlich ein logischer Schritt, da sich der japanische Autobauer neu aufstellen will, um in Zukunft nicht zum reinen Nischenhersteller abzudriften. Die Gemengelage zum Amtsantritt des Mexikaners ist diffizil: Die Geschäfte laufen alles andere als gut, das Verhältnis zum Allianz-Partner Renault war auch schon mal besser, und zu allem Übel sind die Kooperationsgespräche mit Honda krachend gescheitert. Die Truppe aus Yokohama muss sich also neu orientieren.
Die Zeit drängt. In Zeiten des immer härteren Wettbewerbs und schrumpfender Märkte muss das Ruder schnell herumgerissen werden, sonst wird die finanzielle Luft für Nissan dünn. Um eine schnelle Wende hinzubekommen, hat der Bald-Firmenchef ein Maßnahmenpaket geschnürt: An oberster Stelle stehen natürlich die Produkte und das Ausrollen der Modellpalette auf die jeweiligen Regionen.
Ivan Espinosa
Bald-Nissan-CEO Ivan Espinosa will den Autobauer effizienter aufstellen.
Bild: Nissan
"Wir sind zu langsam und haben in wichtigen Märkten entscheidende Trends verpasst", analysiert Espinosa nüchtern. Damit sich das ändert, sollen die richtigen Fahrzeuge für die jeweiligen Märkte gebaut werden und so für Umsatz sorgen. Konzentration auf das Wesentliche lautet die Maxime: Der Kunde bekommt das Auto, das er will – mit dem Antrieb, den er bevorzugt. Eine Antriebs-Monokultur führt in eine Sackgasse. Das haben die Nissan-Manager erkannt.

Nissan: drei E-Modelle für Europa

In Europa bringt Nissan 2025 drei elektrifizierte Modelle auf den Markt. Dabei feiert der Micra als E-Auto ein Comeback. Das BEV ist auf den ersten Blick als Verwandter des Renault R5 zu erkennen, mit dem es sich die Technik teilt. Genauso spannend ist die Neuauflage des Nissan Leaf EV, der auf der CMF-EV-Plattform basiert. Die dritte Generation hat sich zu einem Crossover gemausert, der auf 19-Zoll-Reifen rollt.
Nissan Leaf (Mitte) und Micra EV (rechts)
Nissan bringt neue Modelle nach Europa: unter anderem den Leaf (Mitte) und den Micra EV (rechts).
Bild: Nissan
Dank einer verbesserten Aerodynamik und Effizienz, die unter anderem durch Nissans kompakte Antriebseinheit 3-in-1-EV Powertrain erreicht wird, soll der Leaf mit einer Batterieladung deutlich weiter kommen als das aktuelle Modell. Der Innenraum präsentiert sich geräumig und folgt mit zwei großen Bildschirmen dem Hyundai-Vorbild. Das große Panorama-Glasdach sorgt für angenehme Lichtverhältnisse.
Der Qashqai rollt mit der dritten Generation des e-Power-Systems an den Start, das den Verbrauch noch weiter senken soll und besser für Fahrten auf Autobahnen und Highways geeignet ist. Für Aufsehen wird auch die der neue Juke sorgen, der mit einem polygenen Design an die Extravaganz seiner Vorgänger anknüpft und diese sogar noch übertrifft.

China: Nissan bringt N7-Limo

In China hat Nissan ebenfalls den Anschluss verloren. Das soll sich mit der vollelektrischen N7-Limousine ändern, die ebenfalls noch 2025 auf den Markt kommt. Um im Reich der Mitte wieder auf die Beine zu kommen, intensivieren die Japaner das Joint Venture mit Dongfeng weiter, um China auch als Exportplattform für Nissan-Modelle zu nutzen.
In Indien will Nissan mit einem SUV punkten.
Bild: Nissan
Das alles ändert nichts an der Tatsache, dass Nissan sparen muss. Das geht weit über den Abbau von Arbeitsplätzen hinaus. Das gesamte Unternehmen muss effizienter agieren. Das betrifft auch die Beschleunigung der Entwicklungsprozesse. Außerdem will sich der Automobilhersteller sich nicht verzetteln, sondern sich auf seine Kernkompetenzen konzentrieren. Dazu gehört das autonome Fahren der Stufe 4 ebenso wie die Feststoffbatterie, die 2026 auf öffentlichen Straßen erprobt werden soll. Ambitionierte Ziele. Deren Verwirklichung kostet auch Geld, viel Geld.
Nicht zuletzt haben andere Autobauer wie VW und Ford beim Robo-Fahren schon abgewunken. Zu teuer, zu komplex, zu langwierig. Auch die Entwicklung der Feststoffbatterie ist kein Selbstläufer, der eben mal nebenher erledigt wird. Diese beiden Technologien binden Ressourcen – finanzielle und personelle, die man auf anderen Gebieten brauchen könnte. Dennoch hält Nissan an beiden Projekten fest. Vorerst.
Diese Vorhaben sind offenbar als wichtige Projekte definiert, bei denen sich Nissan langfristig mit Partnern wie Mobileye zusammengetan hat. Ähnliches gilt auch für das zukunftsträchtige Software Definde Vehicle (SDV). Im ersten Schritt kommt 2026 eine Evolutionsstufe der CCS-Plattform (Connected Car Services), bei der die künstliche Intelligenz ebenso integriert ist wie Features on Demand.
Die Zukunft ist bereits vorgezeichnet: In der nächsten Ausbaustufe wird die Architektur zu einer offenen Plattform mutieren, an der sich auch Drittanbieter beteiligen können und so Geld in die Kassen des Autobauers spülen.