"Endlich!", werden viele Autofahrer sagen. Ab dem 1. Juni 2022 gelten für Sprit durch eine staatliche Entlastung deutlich niedrigere Steuersätze. Normalerweise müssten Benzin und Diesel um gut 35 bzw. knapp 17 Cent pro Liter günstiger werden.
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Doch wer gleich am ersten Tag mit leerem Tank und hohen Erwartungen an die Zapfsäule fährt, könnte eine böse Überraschung erleben: Angesichts des zu erwartenden Ansturms drohen Engpässe an den Tankstellen. Möglicherweise wird es bis zu einer flächendeckenden Preissenkung auch einige Zeit dauern. 
Hintergrund: Die Energiesteuer fällt nicht erst beim Tanken an, sondern bereits früher, an Raffinerien und Tanklagern. Dadurch ist der Kraftstoff, der sich am 1. Juni im Lager der Tankstelle befindet, in der Regel noch nach den alten Sätzen versteuert und damit teurer eingekauft. Ob die Tankstellenbetreiber bzw. die Mineralölkonzerne die Steuersenkung dennoch sofort an die Kunden weitergeben, ist nach Ansicht vieler Experten völlig offen.
Zapfsäule mit Super und Diesel
Die Preise für Benzin und Diesel sind in Deutschland seit Beginn des Ukraine-Krieges stark gestiegen.

Durch den steuerrechtlichen Effekt könnte zudem das Angebot knapp werden. Denn die Tankstellenbetreiber werden versuchen, ihre Bestände bis zum 1. Juni stark herunterzufahren, um so wenig wie möglich hoch versteuerten Sprit weiterverkaufen zu müssen. Da die Nachfrage hoch sein wird, sind vorübergehende Engpässe nicht komplett auszuschließen, wie mehrere Branchenvertreter bestätigten.
Der ADAC und die Verbraucherzentrale NRW rieten dazu, den Tank zum Monatsbeginn nicht ganz leerzufahren, um im Zweifelsfall erst ein paar Tage später tanken zu müssen. Bei Aral hingegen ist man laut "Rheinischer Post" zuversichtlich: Logistikketten seien robust aufgestellt, sodass auch kurzfristige Belieferungen von Tankstellen möglich seien.

Dieselpreis mehr als 6 Cent unter Superbenzin

Aktuell ist Diesel erstmals seit zwei Monaten wieder günstiger als Superbenzin. Laut ADAC-Auswertung vom 18. Mai kostet ein Liter Super E10 im bundesweiten Mittel 2,090 Euro – 5,4 Cent mehr als eine Woche zuvor. Der Liter Diesel wurde hingegen um 2,1 Cent günstiger und kostet nur im Schnitt 2,028 Euro, also rund 6,2 Cent weniger.
Spritpeistafel an Tankstelle
Lange Zeit war der Liter Diesel teurer als Superbenzin.
Beiden Treibstoffsorten gemein ist, dass sie – nicht nur nach Ansicht des ADAC – weiterhin viel zu teuer sind. Das Bundeskartellamt hat bereits eine Untersuchung des Mineralölsektors angekündigt.

Ukraine-Krieg: größter Spritpreis-Sprung in Deutschland

Nirgendwo in der EU sind seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine die Spritpreise stärker gestiegen als in Deutschland. Das geht aus Daten der EU-Kommission hervor, die das Statistische Bundesamt auf Anfrage der Linken im Bundestag übermittelte und aus denen Zeitungen der Funke-Mediengruppe berichteten.
Demnach verteuerte sich der Liter Diesel zwischen dem 21. Februar 2022 (drei Tage vor Kriegsbeginn) bis zum 25. April um 38 Cent auf 1,66 Euro. Nur in Schweden und Lettland gab es die gleiche Steigerung. In Frankreich hingegen betrug der Anstieg lediglich 17 Cent, in Italien nur fünf Cent.
Der Liter Super 95 wurde in Deutschland seit Kriegsbeginn 23 Cent teurer, nur in Österreich fiel der Preisanstieg mit 24 Cent noch etwas höher aus. In Ungarn dagegen sank der Preis um sechs Cent, in Italien sogar um acht Cent pro Liter.

Super E10 im April 10 Cent günstiger als im März

Laut der Auswertung des Verbraucherinformationsdienstes Clever Tanken (gehört zur AUTO BILD-Gruppe) lag Super E10 im April im Schnitt bei 1,9747 Euro pro Liter – und damit rund 10 Cent niedriger als im März. Vier Tankfüllungen à 60 Liter kosteten damit 473,93 Euro. Für dieselbe Menge Diesel waren rund 487,15 Euro fällig. Denn der Liter kostete im Mittel immer noch rund 2,0298 Euro, rund 11 Cent weniger als im Vormonat.

Was beeinflusst die Spritpreise?

Zwar schürten Corona-Lockdowns in China und die erwarteten US-Zinserhöhungen Spekulationen auf eine Konjunkturabkühlung – wodurch die Rohölpreise ebenso unter Druck gerieten wie durch die Freigabe strategischer Ölreserven durch die Internationale Energieagentur (IEA). Zugleich gab es aber die Sorge vor Lieferengpässen durch Sanktionen des Westens gegen Russland.
"Russland ist weltweit der drittgrößte Ölproduzent. Der Krieg in der Ukraine ist seit seinem Beginn daher eng verbunden mit der Angst vor russischen Lieferausfällen", so Steffen Bock, Gründer und Geschäftsführer von Clever Tanken. Diese Furcht spiegele sich an der Börse und damit auch an den Zapfsäulen wider.

Wie geht es weiter mit den Spritpreisen?

Angesichts eines Ölembargos der EU gegen das kriegstreiberische Land, ist für Autofahrer im Mai wieder eine höhere finanzielle Belastung zu erwarten: "Ein Ölembargo dürfte die Benzinpreise wohl kurzfristig wieder deutlich steigen lassen, allerdings dürften in die aktuellen Preise ein mögliches Embargo zum Teil bereits eingepreist sein", sagte Energieexperte Manuel Frondel vom RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung der "Rheinischen Post" (kostenpflichtig). "Dauerhafte Benzinpreis-Höhen von 3 Euro pro Liter sollten aber eher unwahrscheinlich sein."
Auto an einer Zapfsäule
Der Besuch an einer Tankstelle tut vielen Autofahrern derzeit richtig weh.
Auch Clever-Tanken-Gründer Bock ist pessimistisch: "Die weiteren Geschehnisse in der Ukraine-Krise werden auch im Mai die Rohölpreise und damit die Preise an den Zapfsäulen bestimmen." Zudem könne das Ölkartell Opec+ nach eigenen Angaben die russischen Fördermengen nicht ersetzen, China lockere die strikten Corona-Maßnahmen im Land mancherorts." All das spreche dafür, dass sich deutsche Autofahrer im Mai mindestens auf ein ähnlich hohes Preisniveau wie im April einstellen müssten, so Bock.

Nie da gewesener Preisschock im März

Immerhin ist der Preisschock aus dem März 2022 überwunden. Clever Tanken ermittelte für den Horrormonat für den Liter Super E10 einen Monatsschnitt von rund 2,0697 Euro – etwa 32 Cent mehr als noch im Februar. Für den Liter Diesel zahlten Autofahrerinnen im Mittel rund 2,1441 Euro und damit etwa 47 Cent mehr als im Vormonat.
Spritpreisentwicklung Aufmacher
Im März 2022 verzeichneten die Preise für Benzin und vor allem für Diesel einen vorher nie da gewesenen Anstieg.

"Für beide Kraftstoffsorten wurden die höchsten Durchschnittspreise aufgerufen, die Clever Tanken je ermittelt hat", sagte Bock. Gestartet wurden die Aufzeichnungen im Juni 2012.

Ein Liter Diesel 83 Cent teurer als im Vorjahr

Der Vergleich mit den Vorjahreswerten macht den enormen Preissprung noch deutlicher: Rund 62 Cent mehr als im März 2021 kostete der Liter Super E10, rund 83 Cent (!) mehr der Liter Diesel.
Für vier Tankfüllungen à 60 Liter Super E10 zahlten Autofahrer im März 2022 im Schnitt 496,73 Euro. Das waren rund 76,56 Euro mehr als im Monat zuvor sowie rund 148,39 Euro mehr als im Vorjahresmonat. Die gleiche Menge Diesel kostete im März 2022 rund 514,58 Euro (+113,57 Euro gegenüber Februar; +199,75 Euro gegenüber März 2021).

Untersuchung des Mineralölsektors

Mittlerweile ist der Rohölpreis wieder merklich gesunken, die Belastung der Autofahrerinnen beim Tanken aber nicht im selben Maße. Aus diesem Grund will das Bundeskartellamt den Mineralölsektor genauer unter die Lupe nehmen. "Wir werden nun eine Ad-hoc-Sektoruntersuchung mit klarem Fokus auf die Raffinerie- und Großhandelsebene einleiten. Ziel ist es insbesondere, die Gründe für die jüngsten Markt- und Preisentwicklungen auszuleuchten", erklärte Behördenchef Andreas Mundt.

Clever Tanken
Tanken

Minutengenauer Spritpreis-Check

So steht der Spritpreis an Tankstellen in der Umgebung!

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Grundsätzlich habe das Kartellamt "Instrumente, um mögliche Wettbewerbsverstöße gegebenenfalls zu sanktionieren", teilte ein Sprecher auf Anfrage von AUTO BILD mit. Allerdings gebe es in diesem Fall noch keinen Anfangsverdacht für kartellrechtswidriges Verhalten.
Nach Angaben des Kartellamtes war der Abstand zwischen Rohölpreis und Tankstellenpreis für Diesel von 40 Cent pro Liter im Februar auf fast 90 Cent im März in die Höhe geschnellt. Zum Ende der ersten Aprilwoche lag er bei rund 60 Cent.

Wie die Entwicklung am Ölmarkt 2021 verlief

Besonders drastisch ist die aktuelle Entwicklung, wenn man sie mit dem Jahr 2020 vergleicht. Damals hatten Öl- und Spritpreise durch die Corona-Krise Tiefstände erreicht. Seither geht es mit Schwankungen tendenziell bergauf.
Schon die Jahresbilanz 2021 beim Tanken fiel aus Autofahrersicht verheerend aus: So kostete Super E10 zum Jahresende satte 38 Cent pro Liter mehr als im Dezember 2020, bei Diesel belief sich der Anstieg auf 42 Cent. Günstigster Monat war bei beiden Kraftstoffsorten der Januar, am teuersten war Sprit jeweils im November.
Die günstigste Tankstadt 2021 war Bonn (Super E10: 1,5006 Euro; Diesel: 1,3627 Euro). Am meisten zahlten Autofahrer nur knapp 60 Kilometer Luftlinie entfernt in Wuppertal (Super E10: 1,5451 Euro; Diesel: 1,4017 Euro).

Warum waren Benzin und Diesel schon 2021 teuer?

Aber warum war schon 2021 so ein schlechtes Tankjahr? "Haupttreiber der Kraftstoffpreise war die steigende Nachfrage nach Rohöl im Zuge der wiedererstarkten Weltwirtschaft nach dem Lockdown-Jahr 2020. Zusätzlich haben sich die Einführung des nationalen CO2-Preises für Verkehr und Heizen sowie die Anhebung der Mehrwertsteuer auf den Vor-Corona-Satz von 19 Prozent spürbar auf die Preise an den Zapfsäulen ausgewirkt", erläutert Steffen Bock.

Wie sich der steigende CO2-Preis auf den Spritpreis auswirkt

Jahr
CO2-Preis/Tonne
Preisaufschlag/Liter Benzin
Preisaufschlag/Liter Diesel
Abzweigung
2021
Abzweigung
Abzweigung
2022
Abzweigung
Abzweigung
2023
Abzweigung
Abzweigung
2024
Abzweigung
Abzweigung
2025
Abzweigung
25 Euro
30 Euro
35 Euro
45 Euro
55 Euro
ca. 7 Cent
ca. 8,4 Cent
ca. 9,8 Cent
ca. 12,6 Cent
ca. 15 Cent
ca. 8 Cent
ca. 9,5 Cent
ca. 11 Cent
ca. 15 Cent
ca. 17 Cent
Die erhöhte CO2-Abgabe machte dann am 1. Januar 2022 Benzin um 1,4 Cent und Diesel um 1,5 Cent pro Liter teurer. Im Gegenzug wurde die Pendlerpauschale von 30 auf 38 Cent pro Kilometer angehoben, allerdings erst ab dem 21. Kilometer. Geringverdiener mit einem Einkommen unterhalb des Grundfreibetrags bekommen nun ebenfalls ab dem 21. Kilometer eine Mobilitätsprämie von 4,9 Cent/km, wenn mit den Fahrtkosten der Arbeitnehmer-Pauschbetrag überschritten wird.
Die Politik will den Verbrennungsmotor aus Klimaschutzgründen nach und nach unattraktiv machen. Und die Elektromobilität gleichzeitig attraktiver – unter anderem mit der Innovationsprämie, der Umweltprämie und der Wallbox-Förderung.

Wie setzt sich der Spritpreis zusammen?

Ein großer Teil des Spritpreises sind Steuern und Abgaben. Die Energie- bzw. Mineralölsteuer macht bei Superbenzin 65,5 Cent pro Liter aus, bei Diesel sind es 47 Cent. Theoretisch müsste Diesel also stets knapp 19 Cent günstiger sein. Durch schwankende Preise im Großhandel und Sonderfälle wie den Ukraine-Krieg sieht es in der Realität an der Tankstelle aber oft anders aus.
Hinzu kommt seit Jahresbeginn der CO2-Preis – 5 Cent bei Super E10 und gut 6 Cent bei Diesel. Der Rest teilt sich auf in den Preis für Rohöl und Kosten für die Weiterverarbeitung, Transport, Tankstellen sowie den Gewinn der Mineralölwirtschaft. Und obendrauf kommt dann noch die Mehrwertsteuer von 19 Prozent.

Müssen wir uns Gedanken um Vorräte machen?

Sorgen um die Versorgungssicherheit mit Treibstoff in Deutschland müsse man sich nicht machen, so der ADAC-Kraftstoffmarktexperte Jürgen Albrecht. Er sehe keinerlei Anzeichen dafür, sagte er kürzlich. Allerdings gebe es keine Vergleichsfälle. Auch der Verband en2x erklärte, die Versorgung in Deutschland sei gesichert.
So gebe es entsprechend der gesetzlich vorgeschriebenen Bevorratung Reserven: 90 Tage bei Mineralöl und auch bei den wichtigsten Produkten. Zudem ließen sich Öl und Ölprodukte auch auf dem Seeweg handeln. Letzteres könne aber zu höheren Transportkosten führen.

Wie können Autofahrer beim Tanken sparen?

Um beim Tanken das eigene Konto nicht zu sehr zu belasten, sollten Autofahrer zur richtigen Tageszeit an die Zapfsäule fahren. Am günstigsten tankt es sich typischerweise abends, am teuersten im morgendlichen Berufsverkehr.
Die Grafik mit dem Peak in den Morgenstunden verdeutlicht die Schwankungen des Spritpreises im Tagesverlauf.

Im Grenzgebiet von Polen und Tschechien lohnt sich möglicherweise die Fahrt ins Nachbarland. Und auf Reisen sollte man auf jeden Fall Autobahntankstellen meiden. (Wertvolle Tipps zum Spritsparen)