Der flächendeckende Stromausfall hielt Anfang Januar 2026 den Südwesten Berlins im Klammergriff: Rund 43.000 Haushalte lagen auf Eis, ihre Bewohner merkten spürbar, wie abhängig wir von der öffentlichen Stromversorgung sind. Kann eine "Steckdose auf Rädern" helfen?
Die Rede ist – natürlich – vom Elektroauto. Viele neue E-Auto-Modelle können nicht nur Strom speichern und ihn beim Fahren an den Motor abgeben – sondern auch an externe Verbraucher. Das ist die erste Stufe des bidirektionalen Ladens. Laut dem Stromversorger E.ON können das bereits rund eine Viertelmillion E-Autos, die auf unseren Straßen unterwegs sind.
Im nächsten Schritt ist es sogar möglich, mithilfe einer passenden Wallbox den Strom über das Ladekabel zurück ins Hausnetz einzuspeisen. Doch reicht überhaupt die Energiemenge, die in einem Elektroauto-Akku gespeichert ist, für den Notfall aus?

Einige Automarken bieten V2L bereits an

Der südkoreanische Autokonzern Hyundai mit seinen Marken Kia, Hyundai und Genesis ist einer der ersten Hersteller, die ihre Elektro-Flotte konsequent mit V2L ausrüsten. Das Kürzel steht für "Vehicle to Load" und meint: Der Strom aus dem Akku kann über eine Steckdose für externe Geräte genutzt werden. Dazu ist ein V2L-Adapter notwendig, der je nach Ausstattungsstufe mitgeliefert wird oder als Extra erhältlich ist.
Kia EV6
Die Marken Kia, Hyundai und Genesis liefern einen V2L-Adapter mit. An seiner Schukosteckdose können diverse Geräte betrieben werden – so lässt sich damit auch ein Pedelec-Akku laden.
Bild: F. Roschki
Basis ist die neue Elektro-Plattform E-GMP, auf der EV-Typen aller drei Marken aufbauen. So lässt sich eine Kaffeemaschine betreiben, der Akku eines Pedelecs aufladen oder per Heizlüfter die Wohnung erwärmen. Und natürlich gibt es noch viele andere praktische Anwendungsfälle.
Kia EV9
Hier wird bei einem Zwischenhalt die Elektrik eines Caravans vom 99,8 kWh großen Akku des Kia EV9 versorgt.
Bild: www.weigl.biz
Das ursprünglich als Fahrzeug gedachte Auto dringt damit noch weiter ins Alltagsleben ein, wird sozusagen zum "Stehzeug" – und damit zum Haushalts-Accessoire. Auch der größte Elektroauto-Hersteller der Welt, BYD aus China, bietet inzwischen das praktische Feature V2L an.

Wie lange liefert der E-Auto-Akku Energie?

Doch wie lange kann ein typischer Elektroauto-Akku überhaupt Energie liefern? Kia hat das auf AUTO BILD-Anfrage mit dem elektrischen Kia EV3 beispielhaft durchgerechnet: Der kleinste Akku des 4,30 Meter langen Kompakt-SUV hat eine Kapazität von 58,3 kWh brutto. Damit kommt man auf der Straße bis zu 436 km weit (WLTP-Prüfnorm). Nutzbar sind laut Kia bei V2L mit vollem Akku maximal 80 Prozent, also 46,6 kWh.
Hängt man eine Kaffeemaschine (angenommene 1,5 kW Strombedarf) dran, lässt sich Wasser damit theoretisch 31 Stunden lang aufbrühen, bis der Energiespeicher seinerseits neue Kraft benötigt. Noch länger ließe sich damit fernsehen (466 Stunden) oder ein Kühlschrank betreiben (310 Stunden).

THG-Prämie

ANZEIGE

Kennzeichnung für einen externen Link
Elektrovorteil bietet 2026 eine THG-Prämie von 320 Euro

Elektrovorteil

Sonderprämie 2026: 320 Euro inkl. AUTO BILD-Bonus

  • Garantierte Auszahlung durch Top Bonität
  • Sofortprämie von 100 Euro binnen fünf Tagen
  • Folgejahr: mindestens 140 Euro
  • Zwei-Jahres-Vertrag muss händisch verkürzt werden

Leistungsstarke Geräte an V2L nicht empfohlen

Den Strom in Wärme umzuwandeln, kostet besonders viel Leistung: Ein Heizlüfter mit 2 kW Strombedarf hätte im Dauerbetrieb den kleinen EV3-Akku rein rechnerisch nach rund 23,3 Stunden bis auf 20 Prozent Restkapazität leer gesaugt. Aber in der Praxis liege die tatsächliche Laufzeit laut Kia deutlich darunter. Denn: Derartige Geräte zögen gerade am Anfang deutlich mehr Energie. Hinzu kämen Umwandlungsverluste innerhalb des Systems, zum Beispiel beim Wechselrichter. Die gibt es zwar auch bei kleineren Geräten, doch je höher der Strombedarf, desto höher auch der Schwund.
De facto könne der 58,3-kWh-Akku laut Kia nur für 11 bis 12 Stunden den Heizlüfter befeuern. Eine Nacht lang würde das Auto mit dem "kleinen" Akku also die gute Stube warmhalten. Noch einmal die Warnung: Die Nutzung leistungsstarker Haushaltsgeräte wie Heizlüfter wird vom Autohersteller nicht empfohlen – aber im Notfall würde es wohl funktionieren. Endgültig Schluss ist bei Waschmaschinen, Trocknern oder Klimaanlagen.

Adapter schaltet sich automatisch ab

Auch beim Heizlüfter scheint die Grenze der Leistungsfähigkeit bereits gefährlich nah: Kia rechnet mit "temperatur- und sicherheitsbedingten Abschaltungen", um den Akku und die Peripherie aus Leitungen und Leistungselektronik durch die Dauerbelastung nicht zu beschädigen.
genesis electrified gv70
Ein weiterer Anwendungsfall, allerdings für den Sommer: Hier sorgt ein Genesis GV70 dafür, dass der Champagner in der Kühlbox fürs Picknick schön prickelt.
Bild: Genesis
Hier ließe sich einwenden, dass auch ein Heizlüfter in der Praxis nicht permanent arbeitet, weil ein Thermoschalter ihn per Regelkreis deaktiviert, sobald die gewünschte Raumtemperatur erreicht ist. Und natürlich kommt es auch darauf an, ob das Gerät auf voller oder halber Stufe arbeitet. Aber das sind Feinheiten – hier geht es um die Frage, ob es grundsätzlich geht. Und da lautet die Antwort: ja.
Was passiert bei Überlastung? Bis zu 16 Ampere Stromstärke verkraftet das System, eine Leistung von maximal 3,6 kW steht zur Verfügung. Hängen zu viele Verbraucher an der Leitung, erfolgt bei Überlastung oder Überhitzung eine Notabschaltung des V2L-Systems. Verlängerungskabel sollten daher zuvor auf Schäden und Leistungsfähigkeit geprüft werden. Steckerleisten sind ebenfalls tabu. "Nur hochwertige Steckdosen verwenden", mahnt Kia. Im Übrigen erlaubt das Batteriemanagement die V2L-Nutzung nur bis 20 Prozent Akku-Restkapazität, um den Energiespeicher zu schonen. Danach ist der Ofen endgültig aus.
Die Entwicklung des Elektroautos erinnert an die vom Mobiltelefon: Vom unförmigen "Knochen" für Ferngespräche aus dem Unterholz zum digitalen Multifunktions-Tool, mit dem man auch telefonieren kann... Wer meinte, das Auto werde in Zukunft überflüssig, reibt sich die Augen: Es wird wichtiger & vielseitiger als je zuvor!