Tail of the Dragon: Strecke und Erfahrung
Hier lauert in jeder Kurve der Tod

An der Grenze zwischen den US-Bundesstaaten North Carolina und Tennessee liegt die Tail of the Dragon. Eine der gefährlichsten Straßen der Welt: 17,7 Kilometer lang und mit 318 Kurven. Jede eine Herausforderung, die fatal enden kann.
Bild: Bernhard Filser
- Wolfgang Gomoll
An der Grenze zwischen den US-Bundesstaaten North Carolina und Tennessee, auf dem Parkplatz Deal's Gap, steht der "Tree of Shame". Dieser Baum der Schande ist ein Menetekel des Scheiterns und der mobilen Selbstüberschätzung. Wie Skalps am Gürtel eines indianischen Kriegers baumeln rund 1000 Relikte an den Ästen des Laubbaums: Tanks von Motorrädern, Spiegel, verbogene Karosserieteile oder auch eine Pralltopf-Abdeckung des Lenkrads eines Audi TT.
Hinter jedem dieser Überbleibsel steckt eine meist tragische Geschichte. "RIP R1, Florida 2015" steht auf einem Tank. "Ruhe in Frieden R1, Florida 2015". Der Abschiedsgruß eines Bikers aus Florida gilt seinem verblichenen Feuerstuhl, einer Yamaha YZF-R1.

An dem Tree of Shame (Baum der Schande) haben sich die Gescheiterten verewigt.
Bild: Bernhard Filser
Der morbide Kult wird seit den 1980er-Jahren gepflegt. Eine ungeschriebene, eherne Regel gilt: Wer etwas anhängt, sollte wenigstens Humor mitbringen. Die Betreiber dulden nur signierte, zuordenbare Fragmente – Trophäen sind das nicht. Manche Nachrichten sind nüchtern. "Washington 2023" hat ein Bruchpilot auf seine Baseballkappe gekritzelt.
Im Durchschnitt etwa alle vier Tage ein Unfall
Zumindest konnte er noch schreiben. Nicht alle sind so glücklich. Im Durchschnitt ereignet sich etwa alle vier Tage ein Unfall. Rechnerisch kommen pro Jahr 1,5 Menschen ums Leben. Der traurige Höhepunkt wurde 2021 erreicht, als acht Menschen ihr Leben verloren, als sie versuchten, die "Tail of the Dragon" zu bezwingen.
Dieser Drachenschwanz (so die deutsche Übersetzung) ist keine besonders schwierige Kletterpartie, sondern eine der gefährlichsten Straßen der USA: Das Asphaltband ist elf Meilen (circa 17,7 Kilometer) lang und hat 318 Kurven. Die meisten davon sind blind. Das bedeutet, dass man am Kurveneingang nicht sehen kann, wo sie endet. Fliegen auf Sicht also. Na, das kann ja heiter werden.
Tail of the Dragon: Pilgerstätte für Speed-Freaks
Ungeachtet der Gefahr ist die Tail of the Dragon eine Pilgerstätte für Speed-Freaks aus aller Welt. James ist aus Springfield im Bundesstaat Oregon angereist und wuchtet seine Indian Challenger Limited, ein schweres Tourenmotorrad, das einem Straßenkreuzer auf zwei Rädern gleicht, durch das Geschlängel. Passt irgendwie: Denn die Tail of the Dragon, offiziell US 129, war zunächst ein Trampelpfad für Tiere und wurde ab dem 18. Jahrhundert von Cherokee-Indianern und Siedlern genutzt.

Die Tail of the Dragon ist 11 Meilen (17,7 Kilometer) lang und hat 318 Kurven.
Bild: Bernhard Filser
Neben ihm steht sein Schulkamerad Conrad, der den langen Weg aus Sidney in den Osten der USA zurückgelegt hat. Nur um einen Tag auf der Schicksalsstraße zu verbringen, die schon so viele Biker abgeschüttelt hat. Beide strahlen den unerschütterlichen Optimismus aus, den die US-Amerikaner schon mit der Muttermilch aufsaugen. "Wir haben das im Griff!", erklären beide unisono.
Die Schulkameraden sind eher von der gemütlichen Sorte. Es gibt aber auch selbsternannte Marc Márquez', die dem MotoGP-Künstler nacheifern wollen und mit einem Affenzahn und betonter Schräglage ohne Rücksicht auf Verluste über den Asphalt brettern. Der Tree of Shame wartet schon.

Der tiefe Schwerpunkt des Minis hilft.
Bild: Bernhard Filser
Die beiden Freunde zucken nur kurz zusammen, als ein Mercedes-AMG GT 63 donnernd an uns vorbeifliegt. Wir stehen in einer Asphaltbucht, die es in regelmäßigen Abständen entlang der Strecke gibt. Manche nutzen die kleine Boxengasse, um schnellere Vehikel vorbeizulassen, andere, um zu verschnaufen.
Wir beobachten. Heute geht es eher ruhig zu. An einem Sommerwochenende tummeln sich täglich rund 1200 Fahrzeuge auf dem "Drachenschwanz". Die Straße ist fest in der Hand der Biker, aber auch Autofahrer versuchen ihr Glück auf der legendären Strecke.
Erst braust ein Konvoi aus Mazda MX-5 an uns vorbei, dann folgt ein schwerer Ford F-150 Pick-up und kurz danach der unvermeidliche Porsche 911. Beschränkungen gibt es keine. Manche bringen ihre Quads mit zur Tail of the Dragon, andere haben den Van voller Kinder und schrubben über den Asphalt.

Viele der Kurven sind "blind".
Bild: Bernhard Filser
Aber es gibt eben auch die Speed-Fraktion, die es sich und allen anderen zeigen will. Bergab klebt einer mit seinem aufgemotzten Subaru Impreza im Auspuff eines Honda Civic. Gefühlt jeden Meter schaltet der selbsternannte Kurvenkünstler herunter, um dem Vordermann zu signalisieren: "Ich will vorbei." Wie sich wohl der weiß lackierte Heckspoiler an einem Ast macht?
Genug der Vorrede. Jetzt wollen wir uns der Herausforderung Tail of the Dragon stellen. Meter für Meter, wohlwissend, dass der kleinste Fehler uns zum Teil des Tree of Shame machen kann. Das Auto? Wie gemacht für das Links-rechts-Stakkato – ein Mini Cooper John Cooper Works. Ein Dreitürer mit 170 kW/231 PS, Vorderradantrieb, einem Radstand von 2,50 Metern, tiefem Schwerpunkt. In der Farbe "Ocean Wave Green" lackiert. Ein Farbklecks in der rot-grün-gelben Herbstlaub-Orgie. Schon bald sind die ersten Kurven genommen. Entspannt.
Der Mini wird der Aufgabe gerecht
Der Asphalt auf dem Drachenschwanz ist eben, und die Pirelli-Sportreifen müssen erst einmal auf Temperatur kommen. Der Grip verbessert sich, wir werden mutiger. Das Wedeln entlang des Drachenschwanzes wird forcierter.
Der Kurventanz ist kein Anfängerkurs: links, rechts, rechts, 180 Grad. Rhythmisch ist anders. Doch der Mini ist der Aufgabe gewachsen. Der deutsch-englische Kleinwagen lenkt dank gezielter Bremseingriffe an den einzelnen Rädern auch ohne mechanische Sperre an der Vorderachse leichtfüßig ein. Mit einem Gewicht von 1330 Kilogramm (ohne Fahrer) hat er mit dem ursprünglichen Mini nicht mehr allzu viel gemein.

Der Mini John Cooper Works schlägt sich auf der Tail of the Dragon gut.
Bild: Bernhard Filser
Die Bremseingriffe sind perfekt gesetzt. Nur wenn man es übertreibt, ringen die Pneus quietschend um Traktion. Dann kann auch der Mini seine Frontantriebsnatur nicht verhehlen und schiebt über die Vorderräder in Richtung Fahrbahnrand. Kurz: Die Fahrt wird nervös. Schnell wird uns klar, dass das Messer zwischen den Zähnen nicht zielführend ist.
Also den Go-Kart-Modus deaktivieren, auf das Core-Fahrprogramm wechseln und mit fein dosierten Gasstößen das Schicksal in die eigene Hand nehmen. Wir genießen jeden Meter und rollen schließlich auf einen Parkplatz am Chilhowee Lake in Tennessee. Dort treffen wir Conrad und James wieder. "Du hast es geschafft! Wir auch!", strahlen beide. Sie klingen ein bisschen erleichtert, dass ihre Motorräder nicht am Tree of Shame enden.
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