Tesla Model S mit Free Supercharging: kaufen?
Lohnt der Kauf eines gebrauchten Tesla Model S mit Gratis-Laden?

Bild: Toni Bader
Inhaltsverzeichnis
- Was bedeutet die Option
- Wie lange halten Akku und Motor des Model S?
- Wie schnell lädt ein alter Tesla Model S?
- Wann endet die Akku-Garantie von Tesla?
- Welche Schwachpunkte haben alte Tesla Model S?
- Wann wurde Free Supercharging gelöscht?
- Wie erkenne ich, ob Free Supercharging vorhanden ist?
- Warum ist der Kauf eine Wette auf die Zukunft?
Es war ein zugkräftiges Lockangebot: Wer bis 15. Januar 2017 privat ein Tesla Model S bestellte, erhielt automatisch kostenlosen Strom am firmeneigenen Supercharger-Ladenetz dazu – und zwar solange das Auto fährt! Dieses Privileg ist an das jeweilige Fahrzeug gebunden und geht bei Verkauf an alle folgenden Besitzer über.
Demnächst auch an mich? Ein reizvoller Gedanke: Günstig so einen alten Luxus-Tesla kaufen und anschließend bis ans Ende des Autos gratis damit Strom zapfen. Wo könnte eine Falle liegen?
Ein Blick auf die Marktlage zeigt: Die Preise für gebrauchte Model S beginnt derzeit bei um die 18.000 Euro. Die Verkäufer wissen zumeist um das besondere Feature ihres Fahrzeugs, schreiben "Free Supercharger" ganz oben ins Inserat. Es sind zumeist Exemplare ab Baujahr 2014 mit oftmals weit über 200.000 km auf dem Tacho. Und einem zehn Jahre altem Akku, der sehr haltbar ist – aber trotzdem nicht ewig hält.
Aber wann geht so ein Akku vom Tesla Model S denn nun kaputt? Es werden Fahrzeuge mit 400.000 km auf dem Tacho angeboten. Darunter auch Exemplare, deren Batterie erst kürzlich erneuert wurde. Allerdings laden frühe Model S bei Weitem nicht so schnell wie Model 3 oder Model Y. Die Ladeleistung liegt bei maximal 120 kW. Und die Langzeitqualität von Akkus ist inzwischen mehrfach nachgewiesen – die Speicherfähigkeit großer Traktionsbatterien ist inzwischen haltbarer als die der Autos, in die sie eingebaut sind.

Tesla brachte die Oberklasselimousine Model S Mitte 2012 als erstes Großserienauto. Die kostenfreie Nutzung der werkseigenen Supercharger war damals inklusive.
Bild: Roman Raetzke
Hinzu kommt, dass Tesla bei älteren Model S automatisch die Ladeleistung drosselt. Wenn die jeweilige Batterie etwa 2500 kWh Gesamt-Ladevolumen erreicht hat, wird die Ladeleistung schrittweise von rund 120 bis auf 85 kW herabgesetzt, der Wagen lädt dann bis zu 15 Prozent langsamer. "Das ist zu beachten: Bei einem Lade-Hub von 20 auf 90 Prozent steht man mit so einem alten Modell S locker zwei Stunden am Supercharger", sagt Stefan Moeller von Nextmove, Deutschlands größtem Elektroauto-Vermieter.
Und was, wenn der Akku des gebrauchten Tesla Model S verbraucht ist? Tesla hat an die Neuwagen-Garantie bis 2020 keine Kilometer-Begrenzung geknüpft. Heißt: Auch nach 400.000 km könnte ein Akku, wenn er 70 Prozent unter seiner ursprünglichen Ladekapazität läuft, ein Garantiefall sein. Die Grenze liegt lediglich beim Alter: Nach acht Jahren schließt Tesla die Garantie für Akku und Antriebsstrang aus. Heißt auch: Wer ein Model S vor Baujahr 2016 kauft, riskiert beim Ausfall des Fahrakkus den Totalschaden, denn ein Tauschakku kostet aktuell über 21.000 Euro.
Aber selbst wer innerhalb der Garantie bleibt, könnte auf Granit beißen: Speziell bei Tesla-Akkus verspricht eine Garantieforderung kompliziert zu werden. "Es gibt vom Model S aus dieser Zeit kein technisches Datenblatt, daher lässt sich kaum bestimmen, welche Anfangskapazität der Akku einmal gehabt haben muss", sagt Stefan Moeller. Aus zahlreichen Gerichtsprozessen sei bekannt, dass Tesla sich bei der Möglichkeit um die Produkthaftung drückt.
Andererseits gebe es inzwischen freie Werkstätten, die einen Tesla-Akku mit erloschener Garantie für um die 10.000 Euro wieder flottmachen, so der Nextmove-Chef.
Und wenn man dieses Problem ignoriert? Es könnte ja gut gehen, und der Akku hält noch viele Jahre. "18.000 Euro sind noch ziemlich viel Geld für ein mindestens neun Jahre altes Fahrzeug mit 250.000 oder mehr Kilometer", sagt Matthias Vogt vom ADAC gegenüber AUTO BILD. Er gibt Grundsätzliches zu bedenken: Reparaturen an Oberklasse-Fahrzeugen kosten meist deutlich mehr als bei kleineren Fahrzeugen. "Gerade Supercharger-Free-Autos wurden wohl überdurchschnittlich viel gefahren." Entsprechend verschlissen könnten Motor, Antrieb und Fahrwerk sein.

Die Ladeleistung der frühen Tesla ist relativ gering; sie betrug beim S 60, 70 und 85 lediglich 118 kW. Bei älteren Akkus drosselt Tesla zusätzlich die Ladeleistung.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Das bestätigt Stefan Moeller von Nextmove: "Man sollte so ein altes Auto nicht mehr bewegen wie einen Sportwagen, es ist ja die erste Generation des Model S." Und gerade frühe Tesla seien empfindlich an Akku und Motor. Wenn die "Drive Unit" Schaden nimmt, koste eine Instandsetzung schnell 3000 bis 5000 Euro, so Moeller.
Hier der Blick in die Testergebnisse: AUTO BILD testete 2019 einen gebrauchten Tesla Model S mit 83.000 km Laufleistung. Ergebnis: Technisch war das Auto okay, aber Verarbeitung und Materialqualität entsprachen nicht den Erwartungen an ein Oberklasse-Auto.

Verarbeitung und Materialqualität entsprechen beim Tesla Model S nicht dem, was man von einem Oberklasse-Auto erwartet, stellte AUTO BILD beim Gebrauchtwagen-Test fest.
Bild: Sandra Beckefeldt / AUTO BILD
Noch eine Crux an den Gratis-Ladern: Das Feature kann zwischenzeitlich auch wieder gelöscht worden sein. Moeller: "Ist ein Model S jemals wieder an Tesla zurückgegangen, zum Beispiel als Leasingfahrzeug, wurde dort die Supercharger-Freigabe deaktiviert." Im Klartext heißt das: Man kann sich nicht darauf verlassen, dass ALLE Tesla Model S mit Zulassung vor dem 15. Januar 2017 noch kostenlos am Supercharger laden dürfen.

Auch der Anschluss ist ein Thema: Frühe Tesla haben keine CCS-Ladedose, erst ab 2019 gab es die Technik in Serie. Sie lässt sich aber für 500 Euro nachrüsten.
Bild: Werk
Hinzu kommt: Das wiederholte Schnellladen an Hochvolt-Gleichstromladern stresst den Akku. Es beschleunigt die Alterung, Kapazität und Lebenserwartung sinken. Übrigens sind frühe Model S noch oft ohne CCS-Ladedose unterwegs: Erst ab 2019 war das Feature, das die Anbindung an Ladenetze anderer Anbieter eröffnet, serienmäßig an Bord. Es lässt sich jedoch für 500 Euro nachrüsten.
Wie sehe ich überhaupt, ob ein Tesla mit dem begehrten Feature "Free Supercharger" ausgestattet ist? Das steht jedenfalls nicht in der Zulassungsbescheinigung. Auch das Zulassungsdatum hilft nicht unbedingt weiter: Denn sogar nach dem 15. Januar 2017 kamen noch einige Tesla-Neuwagen mit "Free Supercharging" zum Verkauf, die vor der Frist produziert worden waren. Aber damals waren die Lieferfristen für neue Elektroautos – anders als heute – nicht so quälend lang. Stefan Moeller: "Autos, die im Frühjahr 2017 zugelassen wurden, können das Feature durchaus haben, ab Jahresmitte wird es unglaubwürdig."

Bild: DPA
In verschiedenen Internet-Foren wird berichtet, dass bei den betreffenden Model S im Nutzerprofil der Tesla-App die Option "Gratis Supercharger-Nutzung" eingetragen sei. Offenbar ist aber auch das nicht immer der Fall.
Weiter Foren-Infos: Um es genau zu wissen, müsse man am Desktop-PC das Nutzerprofil aufrufen. Durch Rechtsklick auf das Bild des Fahrzeugs würde dann die Ausstattungsliste sichtbar. Die Option "Gratis-Supercharger-Nutzung" soll den Code SC01 haben. Ist die Strom-Flatrate auf den Erstbesitzer beschränkt (auch das gab es), lautet der Code SC05.
Stefan Moeller: "Wir haben das mit mehreren Modellen mit Free Supercharging in unserem Fuhrpark ausprobiert, konnten die Kürzel aber nicht finden." Offenbar ist also auch dieser Vermerk nicht verbindlich bei allen Fahrzeugen vorhanden.
Eine weitere Identifikationsmöglichkeit: Man lässt vor der Probefahrt in den Online-Besitzer-Account die eigene E-Mail-Adresse eintragen und führt unterwegs einen Ladevorgang durch. Aus der anschließenden E-Mail-Bestätigung lässt sich erkennen, ob die Stromspende kostenlos war. Moeller: "Aber für alle Fälle sollte man sich diese Eigenschaft unbedingt im Kaufvertrag zusichern lassen." Um notfalls rückabwickeln zu können.
Lohnt es sich auf lange Sicht, einen Tesla Model S mit dem Feature "kostenloses Laden" zu kaufen? Eine einfache Rechenaufgabe: Wenn der mindestens sieben Jahre alte Tesla noch zehn Jahre ohne Akkuwechsel fährt, wäre das sehr optimistisch geschätzt. "Nimmt man einen Durchschnittsverbrauch von 22 kWh auf 100 km an, ergibt sich bei 15.000 km jährlicher Fahrleistung und einem kWh-Preis von 0,46 Euro [derzeit günstigster Tarif für Tesla-Kunden, d. Red.] eine Ersparnis von 15.180 Euro in zehn Jahren", rechnet Matthias Vogt vom ADAC vor. Das drückt den Kaufpreis auf rund 12.000 Euro. Aber nur, wenn in den nächsten zehn Jahren nichts Gravierendes kaputtgeht.

Mitte 2019 untersuchte AUTO BILD einen gebrauchten Tesla Model S mit 83.000 km. Das Ergebnis: Motor und Akku waren in gutem Zustand, der Rest eher nicht.
Bild: Sandra Beckefeldt / AUTO BILD
Ein günstiger Preis für ein so altes Auto? Ein etwa gleich alter Oberklasse-Verbrenner mit ähnlich hohen Laufleistungen, zum Beispiel der Audi A6, kostet derzeit ab etwa 9000 Euro – doch hier sind die Energiekosten für die kommenden Jahre nicht berücksichtigt. Und die werden dank CO2-Steuer gewiss steigen. Aber lahmt der Vergleich nicht? Schwierig zu beurteilen: Zwar sind die Wartungskosten bei Elektroautos nachweislich geringer als bei Verbrennern, doch wie lange die diffizile Tesla-Technik hält, ist offen.
So bleibt die Investition in einen alten Tesla Model S mit Free Supercharging eine Wette auf die Zukunft. Wer so ein Risiko scheut, wird lieber zum Neuwagen greifen: Ein neuer Tesla Model 3 kostet zwar etwas mehr, hat aber die volle Garantie. Überdies bietet Tesla aktuell attraktive Rabatte und Vergünstigungen, zum Beispiel einen Kredit zum niedrigen Zinssatz oder ein Jahr Gratis-Strom für Käufer des Crossover-SUV Model Y.
Wer es dennoch ins Auge fasst: Grundsätzlich sei es bei alten Gebrauchtwagen wichtig, vor dem Kauf eine technische Durchsicht vorzunehmen und sich "einen Tesla-Kenner zur Besichtigung mitzunehmen", so Matthias Vogt vom ADAC. "Wenn überhaupt, sollte man ein Model S kaufen, das kurz vor Garantie-Ablauf steht", empfiehlt Stefan Moeller von Nextmove. Das lasse man anschließend technisch überprüfen und die identifizierten Defekte als Garantieschäden bei Tesla reparieren.
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