Vorne Olivenhaine und hinten der Strand – normale Türkeibesucher denken bei diesem Anblick als erstes an Urlaub. Doch hier locken weder Bungalows noch Badebuchten. Sondern hier, 90 Minuten südlich von Istanbul, schlägt das junge Herz der türkischen Automobilindustrie. Denn auch wenn sie rund um den Bosporus seit Jahrzehnten Autos bauen, mittlerweile auf eine Produktion von 1,5 Millionen Fahrzeugen kommen und mehr Neuwagen nach Europa exportieren als Amerikaner, Japaner oder Koreaner, hat es bislang für keine eigene Marke gereicht.

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Bis sich vor sechs Jahren eine Handvoll türkischer Industriegiganten aus Schlüsselbranchen wie dem Maschinenbau, dem Handel, der Elektronik und der Kommunikation zusammengetan haben, um den ersten eigenen Automobilhersteller der Neuzeit zu gründen: Togg. Und weil es schon genügend klassische Blechbieger gibt auf der Welt, sollte daraus in integrierter Hightechkonzern werden, mit eigenem Energie- und Ladenetz und mit einem digitalen Ökosystem, das weit über den Verkauf von Autos hinaus geht.

Auf Augenhöhe mit VW ID4, Tesla Model Y und Co?

Als türkischer Tesla hat Togg seinen Einstand nirgendwo geringeres gegeben als bei der Technologieshow CES in Las Vegas, hat hier in Gemlik in der Provinz Bursa seitdem ein riesiges Werk aus dem Erdbebengeplagten Boden gestampft, hat 1000 Ladesäulen bestellt und im ganzen Land mit der Installation begonnen und als erstes Modell den T10X enthüllt. Als SUV der Mittelklasse will der auf Augenhöhe sein mit Elektroautos wie dem VW ID4, dem Renault Megane E-Tech, dem Tesla Model Y und ja, eigentlich auch dem neuen Audi Q6.
Togg T10X Standard Range
Der T10X ist das erste türkische Auto aus der Türkei.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Zumindest in der Türkei hatte der Wagen, der in der Basisversion 1,4 Millionen Lira oder umgerechnet rund 40.000 Euro kostet und damit anderthalb mal so viel wie der Bestseller Fiat Aegea, den wir als Tipo kennen, einen Traumstart: Nachdem dort im vorletzten Jahr insgesamt nur 8000 Elektroautos zugelassen wurden, hat Togg zum Bestellstart im Frühjahr 2023 binnen weniger Stunden die 2,5-fache Menge verkauft. Und weil sie mehr als 20.000 Autos im ersten Jahr nicht bauen konnten, haben sie fast 150.000 weiteren Interessenten erst einmal wieder abgesagt.

Togg plant 2024 mit 40.000 Autos

Doch dieses Jahr planen sie schon mit mehr als 40.000 Fahrzeugen und denken über die Türkei hinaus. Stattdessen wollen sie ihr Glück mit dem T10X ab Herbst auch bei uns probieren. Und weil man auf einem Bein schließlich schlecht stehen kann, gibt es dazu bald auch noch eine 4,80 Meter lange Mittelklasse-Limousine, die als T10F gegen Autos wie den VW ID 7 oder Tesla Model S antritt.
Motor
Elektromotor, hinten 
Leistung
160 kW (218 PS) 
max. Drehmoment
350 Nm 
Batteriekapazität
52,4 kWh
Ladeleistung AC/DC
11/180 kW
Antrieb
Hinterradantrieb 
L/B/H
4599/1886/1676 mm 
Leergewicht
1949 kg
Kofferraum
441–1515 l
0–100 km/h
7,4 s
Höchstgeschw.
185 km/h
Verbrauch
19,5 kWh (WLTP)
Reichweite
314 km (WLTP)
Preis
ab 40.000 €
Auf zur Testfahrt: Dass der T10X ganz schmuck aussieht, ist kein Wunder. Schließlich hat Togg nicht nur Pininfarina verpflichtet, sondern auch den ehemaligen VW-Chefdesigner Murat Günak, der als gebürtiger Türke ein besonderes Interesse am ersten eigenen Auto vom Bosporus hat.
Das Platzangebot passt zum Format von 4,59 Metern Länge und 2,89 Metern Radstand, der Kofferraum ist mit 441-1515 Litern reisetauglich und die Sitze haben so viel Komfort und Halt, dass man gleich die 2300 Kilometer bis zur deutschen Zentrale in Stuttgart abspulen möchte.
Togg T10X Standard Range
Mit knapp 4,70 Metern fährt der T10X in einer Liga mit dem VW ID.4 oder dem Renault Megane, ist aber deutlich billiger.
Bild: Togg
Das Ambiente ist viel vornehmer als bei den Billigautos, die Fiat, Ford oder Renault am Bosporus zusammenschustern lassen. Das Fahrverhalten ist entspannt und erhaben, wie es sich für ein Auto seiner Statur geziemt, auch ohne Luftfederung bietet er reichlich Komfort, mit großem Lenkeinschlag wirkt er selbst bei starrer Hinterachse ungewöhnlich handlich. Und anders als bei den chinesischen Newcomern wirken die vielen Assistenzsysteme lange nicht so nervös und nervig.

Togg T10X: Elektrische Eckdaten

Die elektrischen Eckdaten sind ohnehin mehr als konkurrenzfähig. Schließlich wird das selbst entwickelte Skateboard mit einem oder zwei Bosch-Motoren von jeweils 218 PS und 350 Nm bestückt, so dass der Sprint von 0 auf 100 km/h in 4,8 Sekunden gelingt und eine Höchstgeschwindigkeit von 185 km/h erreicht wird. Und die Akkus, die Togg direkt neben der Fabrik im Joint Venture mit Farasis selbst fertigt, fassen 52,4 oder 88,5 kWh, ermöglichen Reichweiten von bis zu 523 Kilometern und Laden mit bis zu 22 und 180 KW. Damit müssen sich die Türken zum Beispiel vor dem Wolfsburger MEB nicht verstecken.
Togg T10X Standard Range
Das Cockpit spannt sich über die gesamte Breite des Wagens und bietet diverse digitale Spielereien.
Bild: Togg
Aber der charismatische Togg-Chef Gürkan Karakas, der bei Bielefeld aufgewachsen ist und sein Geschäft bei Bosch gelernt hat, weiß, dass die Welt nicht noch ein weiteres Start-up braucht, das noch in elektrisches SUV baut.
Er dreht das Rad deshalb ein gutes Stück weiter und spricht wie alle visionären PS-Bosse vom Auto als einem Smart Device auf Rädern – nur, dass er dabei viel weiter geht als die hohen Herren in Wolfsburg, München oder auch bei Tesla. Deshalb ist der Bildschirm im Cockpit nicht nur größer und brillanter als bei den meisten Konkurrenten und spannt sich tatsächlich nahtlos über die gesamte Fahrzeugbreite, deshalb haben die Insassen darauf nicht nur mehr Gestaltungsspielraum und deshalb prangt auf dem Armaturenbrett nicht nur eine Kamera, die den Fahrer mit Face-ID am Gesicht erkennt und so den Zündschlüssel überflüssig macht.
Sondern zumindest in der Türkei hat er tatsächlich alle großen Player zusammengeholt und ein Art Appstore geschaffen: Von Turkish Airways über die Energieversorger bis zum lokalen Finanzamt sind in diesem Ökosystem und damit im Auto wirklich alle relevanten Player präsent und es gibt sogar eine gemeinsame virtuelle Währung, mit der von der Steuererklärung über die Flugbuchung bis hin zum nächsten Ladestopp alle digitalen Bedürfnisse bezahlt werden können. Und zwar während der Fahrt.
Togg T10X Standard Range
Für Ausflüge ins Abenteuer ist der Togg gut gerüstet, denn auf Wunsch gibt es natürlich auch Allrad.
Bild: Togg
Dagegen verblasst selbst die digitale Kunst, die auf Knopfdruck individuell über den riesigen Screen flimmert, und auch das AI-Radio. Dabei würde das manchem Hersteller schon als Highlight reichen. Schließlich komponiert die künstliche Intelligent dort aus einem Standard von 2000 Instrumentals in ganz unterschiedlichen Genres bei jeder Fahrt neue und individuelle Musik, die einzigartig und einmalig ist. Auf solche Ideen muss man erst einmal kommen.
Die Sache hat nur einen Haken: Wie gut einem die Musik auch gefallen mag, kann man sie nur einmal hören. Das dürfte bei Togg selbst ganz anders werden. Denn wenn es den Türken gelingt, ihr digitales Angebot zum Beispiel für uns Deutsche genauso maßzuschneidern wie daheim in der Türkei, dann könnte der T10X sogar zum Tophit werden, bei dem so manchem in Wolfsburg, in Paris und vielleicht sogar bei Tesla in Texas dauerhaft die Ohren klingen werden.

Fazit

Elegant, geräumig, ausgreift und auf Augenhöhe mit ID4 & Co: Schon mit dem Auto selbst hat Togg einen großen Wurf gelandet, mit dem der Newcomer punkten kann. Wenn sie es schaffen, auch ihre Idee vom digitalen Ökosystem zu exportieren, dann sehen selbst Tesla & Co alt aus.