Togg T10X im Fahrbericht
So gut ist der türkische Tesla

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Sie bauen pro Jahr 1,5 Millionen Autos, hatten aber keine eigene Marke. Bis die Türken 2018 Togg gegründet haben. Ausschließlich elektrisch und ganz schön smart, ist deren Erstling T10X seit einem halben Jahr in Fahrt und nun auch auf dem Weg nach Deutschland.
Bild: Togg
Vorne Olivenhaine und hinten der Strand – normale Türkeibesucher denken bei diesem Anblick als erstes an Urlaub. Doch hier locken weder Bungalows noch Badebuchten. Sondern hier, 90 Minuten südlich von Istanbul, schlägt das junge Herz der türkischen Automobilindustrie. Denn auch wenn sie rund um den Bosporus seit Jahrzehnten Autos bauen, mittlerweile auf eine Produktion von 1,5 Millionen Fahrzeugen kommen und mehr Neuwagen nach Europa exportieren als Amerikaner, Japaner oder Koreaner, hat es bislang für keine eigene Marke gereicht.
Bis sich vor sechs Jahren eine Handvoll türkischer Industriegiganten aus Schlüsselbranchen wie dem Maschinenbau, dem Handel, der Elektronik und der Kommunikation zusammengetan haben, um den ersten eigenen Automobilhersteller der Neuzeit zu gründen: Togg. Und weil es schon genügend klassische Blechbieger gibt auf der Welt, sollte daraus in integrierter Hightechkonzern werden, mit eigenem Energie- und Ladenetz und mit einem digitalen Ökosystem, das weit über den Verkauf von Autos hinaus geht.
Auf Augenhöhe mit VW ID4, Tesla Model Y und Co?
Als türkischer Tesla hat Togg seinen Einstand nirgendwo geringeres gegeben als bei der Technologieshow CES in Las Vegas, hat hier in Gemlik in der Provinz Bursa seitdem ein riesiges Werk aus dem Erdbebengeplagten Boden gestampft, hat 1000 Ladesäulen bestellt und im ganzen Land mit der Installation begonnen und als erstes Modell den T10X enthüllt. Als SUV der Mittelklasse will der auf Augenhöhe sein mit Elektroautos wie dem VW ID4, dem Renault Megane E-Tech, dem Tesla Model Y und ja, eigentlich auch dem neuen Audi Q6.

Der T10X ist das erste türkische Auto aus der Türkei.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Zumindest in der Türkei hatte der Wagen, der in der Basisversion 1,4 Millionen Lira oder umgerechnet rund 40.000 Euro kostet und damit anderthalb mal so viel wie der Bestseller Fiat Aegea, den wir als Tipo kennen, einen Traumstart: Nachdem dort im vorletzten Jahr insgesamt nur 8000 Elektroautos zugelassen wurden, hat Togg zum Bestellstart im Frühjahr 2023 binnen weniger Stunden die 2,5-fache Menge verkauft. Und weil sie mehr als 20.000 Autos im ersten Jahr nicht bauen konnten, haben sie fast 150.000 weiteren Interessenten erst einmal wieder abgesagt.
Togg plant 2024 mit 40.000 Autos
Doch dieses Jahr planen sie schon mit mehr als 40.000 Fahrzeugen und denken über die Türkei hinaus. Stattdessen wollen sie ihr Glück mit dem T10X ab Herbst auch bei uns probieren. Und weil man auf einem Bein schließlich schlecht stehen kann, gibt es dazu bald auch noch eine 4,80 Meter lange Mittelklasse-Limousine, die als T10F gegen Autos wie den VW ID 7 oder Tesla Model S antritt.
Fahrzeugdaten | Togg T10X Standard Range |
|---|---|
Motor | Elektromotor, hinten |
Leistung | 160 kW (218 PS) |
max. Drehmoment | 350 Nm |
Batteriekapazität | 52,4 kWh |
Ladeleistung AC/DC | 11/180 kW |
Antrieb | Hinterradantrieb |
L/B/H | 4599/1886/1676 mm |
Leergewicht | 1949 kg |
Kofferraum | 441–1515 l |
0–100 km/h | 7,4 s |
Höchstgeschw. | 185 km/h |
Verbrauch | 19,5 kWh (WLTP) |
Reichweite | 314 km (WLTP) |
Preis | ab 40.000 € |
Auf zur Testfahrt: Dass der T10X ganz schmuck aussieht, ist kein Wunder. Schließlich hat Togg nicht nur Pininfarina verpflichtet, sondern auch den ehemaligen VW-Chefdesigner Murat Günak, der als gebürtiger Türke ein besonderes Interesse am ersten eigenen Auto vom Bosporus hat.
Das Platzangebot passt zum Format von 4,59 Metern Länge und 2,89 Metern Radstand, der Kofferraum ist mit 441-1515 Litern reisetauglich und die Sitze haben so viel Komfort und Halt, dass man gleich die 2300 Kilometer bis zur deutschen Zentrale in Stuttgart abspulen möchte.

Mit knapp 4,70 Metern fährt der T10X in einer Liga mit dem VW ID.4 oder dem Renault Megane, ist aber deutlich billiger.
Bild: Togg
Das Ambiente ist viel vornehmer als bei den Billigautos, die Fiat, Ford oder Renault am Bosporus zusammenschustern lassen. Das Fahrverhalten ist entspannt und erhaben, wie es sich für ein Auto seiner Statur geziemt, auch ohne Luftfederung bietet er reichlich Komfort, mit großem Lenkeinschlag wirkt er selbst bei starrer Hinterachse ungewöhnlich handlich. Und anders als bei den chinesischen Newcomern wirken die vielen Assistenzsysteme lange nicht so nervös und nervig.
Togg T10X: Elektrische Eckdaten
Die elektrischen Eckdaten sind ohnehin mehr als konkurrenzfähig. Schließlich wird das selbst entwickelte Skateboard mit einem oder zwei Bosch-Motoren von jeweils 218 PS und 350 Nm bestückt, so dass der Sprint von 0 auf 100 km/h in 4,8 Sekunden gelingt und eine Höchstgeschwindigkeit von 185 km/h erreicht wird. Und die Akkus, die Togg direkt neben der Fabrik im Joint Venture mit Farasis selbst fertigt, fassen 52,4 oder 88,5 kWh, ermöglichen Reichweiten von bis zu 523 Kilometern und Laden mit bis zu 22 und 180 KW. Damit müssen sich die Türken zum Beispiel vor dem Wolfsburger MEB nicht verstecken.

Das Cockpit spannt sich über die gesamte Breite des Wagens und bietet diverse digitale Spielereien.
Bild: Togg
Aber der charismatische Togg-Chef Gürkan Karakas, der bei Bielefeld aufgewachsen ist und sein Geschäft bei Bosch gelernt hat, weiß, dass die Welt nicht noch ein weiteres Start-up braucht, das noch in elektrisches SUV baut.
Er dreht das Rad deshalb ein gutes Stück weiter und spricht wie alle visionären PS-Bosse vom Auto als einem Smart Device auf Rädern – nur, dass er dabei viel weiter geht als die hohen Herren in Wolfsburg, München oder auch bei Tesla. Deshalb ist der Bildschirm im Cockpit nicht nur größer und brillanter als bei den meisten Konkurrenten und spannt sich tatsächlich nahtlos über die gesamte Fahrzeugbreite, deshalb haben die Insassen darauf nicht nur mehr Gestaltungsspielraum und deshalb prangt auf dem Armaturenbrett nicht nur eine Kamera, die den Fahrer mit Face-ID am Gesicht erkennt und so den Zündschlüssel überflüssig macht.
Sondern zumindest in der Türkei hat er tatsächlich alle großen Player zusammengeholt und ein Art Appstore geschaffen: Von Turkish Airways über die Energieversorger bis zum lokalen Finanzamt sind in diesem Ökosystem und damit im Auto wirklich alle relevanten Player präsent und es gibt sogar eine gemeinsame virtuelle Währung, mit der von der Steuererklärung über die Flugbuchung bis hin zum nächsten Ladestopp alle digitalen Bedürfnisse bezahlt werden können. Und zwar während der Fahrt.

Für Ausflüge ins Abenteuer ist der Togg gut gerüstet, denn auf Wunsch gibt es natürlich auch Allrad.
Bild: Togg
Dagegen verblasst selbst die digitale Kunst, die auf Knopfdruck individuell über den riesigen Screen flimmert, und auch das AI-Radio. Dabei würde das manchem Hersteller schon als Highlight reichen. Schließlich komponiert die künstliche Intelligent dort aus einem Standard von 2000 Instrumentals in ganz unterschiedlichen Genres bei jeder Fahrt neue und individuelle Musik, die einzigartig und einmalig ist. Auf solche Ideen muss man erst einmal kommen.
Die Sache hat nur einen Haken: Wie gut einem die Musik auch gefallen mag, kann man sie nur einmal hören. Das dürfte bei Togg selbst ganz anders werden. Denn wenn es den Türken gelingt, ihr digitales Angebot zum Beispiel für uns Deutsche genauso maßzuschneidern wie daheim in der Türkei, dann könnte der T10X sogar zum Tophit werden, bei dem so manchem in Wolfsburg, in Paris und vielleicht sogar bei Tesla in Texas dauerhaft die Ohren klingen werden.
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