Beginnen wir mit einer Rückblende: Kärntner Schneerallye, Winter 2009. Ein hoch liegendes, kastiges Militärfahrzeug mit Portalachsen erklettert ohne jede hörbare Anstrengung die verschneite Simonhöhe. Und entlockt den am Wegesrand stehenden, mit chronischer Lärmbelastung lebenden Pinzgauer-Fahrern bewundernde Kommentare: "Wer hat denn diesen Motor zugeliefert? Rolls-Royce?"
Der Vergleich erscheint mir noch immer treffend, wenn ich den Fahrerplatz volle 40 Zentimeter über dem Fahrzeugboden erklimme, den Zündschlüssel drehe und den Startknopf drücke.  Statt Nutzfahrzeug-Genagel ertönt das noble Fauchen eines Reihensechszylinder-Benziners – kurios in einem Militär-Kantholz mit Starrachsen an Blattfedern, innen mit übergroßen Schaltern und Drehreglern für die Bedienung mit dicken Handschuhen.
Volvo C303
Das Fahrwerk ist derart ver­schränkungsfähig, dass es die Räder geradezu abzuwerfen scheint.

Der Überraschungseffekt erinnert an den Land Rover 101 Forward Control, einem nicht minder kantigen Militärfahrzeug mit V8 aus dem Range Rover. Mit anderen Worten: Dieser Volvo sieht nur aus wie ein derbes Militärfahrzeug.
Beim Fahren gibt er, abgesehen von der servolosen Lenkung, das wohlkalkulierte Ingenieursauto mit fein austarierter Gewichtsverteilung (Front-Mittelmotor), nicht zu schwergängiger Kupplung und einer gut flutschenden Viergangschaltung, deren Schaltwege nicht ganz so lang ausfallen wie erwartet.
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Volvo C303: Architektur auf Rädern

Aus Rücksicht auf die Antriebswellen und -gelenke hinten ist mit dem Einlegen der Geländeuntersetzung automatisch auch der Allradantrieb zugeschaltet. Wer in "High" mit Allrad fahren möchte, drückt auf den roten Knopf mit der Aufschrift "Framhjuls Drift" in der Mittelkonsole, der den Antrieb der Vorderräder zuschaltet.
Hoch auf seinen Portalachsen sitzend, wirkt der Volvo wie ein Stück Architektur auf Rädern. Eigner und Restaurator des C303 ist der 32-jährige Darmstädter Steffen Geppert, passenderweise Architekt mit eigenem Büro und Buchautor. Sein Buch dokumentiert eine sechsmonatige Reise im VW Bus T3 syncro.
Volvo C303
Viel zu kurbeln am dürren Lenk­-Rad: Die Lenkung ist stark unter­setzt, da servolos. Recht massive Mittelkonsole.

Seinen Volvo nennt Geppert "Mr. Big", benannt nach einem Charakter aus der Stadtneurotikerinnen-Serie "Sex and the City". Dessen zentrale Eigenschaft: Er zieht beim Betreten eines jeden Raumes die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich. Das passt, denn der skandinavische Hochbau mit seinen reduzierten Formen fällt auf im Meer der überdesignten Breitbauten unserer Tage. Und zwar positiv. Es gab für diesen größeren Bruder des Volvo Lappländer nicht weniger als sieben verschiedene Aufbauten ab Werk: offen oder geschlossen, mit Pritsche oder als Krankenwagen, als 4x4 oder 6x6.

Nicht endender Kampf gegen den Rost

Dieser C303 war kein Stehzeug aus irgendeinem Depot. Er ist immerhin 75000 Kilometer gelaufen und wurde Mitte der Nullerjahre von Schwedens Armee ausgemustert. Nächster Besitzer: ein Deutscher, der ihm zum H-Kennzeichen verhalf, aber den Rost nicht bekämpfte. Erst ganz späte Exemplare, erkennbar etwa an der glattflächigeren Hecktür, waren verzinkt; Gepperts Exemplar ist eines der frühen.
Volvo C303
Eindrucksvoll verschränkungs­ fähige Achsen. Der C303 ist grö­ßer als ein Puch Pinzgauer, vor allem breiter.

Die untere Hälfte des Aufbaus und die hinteren Dachpfosten bestehen aus Stahl, die obere Hälfte aus Alu. Als Trennmaterial fungiert Gummi, wie bei Land-Rover-Klassikern. Wenn die Trennschicht weggammelt, ist die Kontaktkorrosion programmiert. "Der Volvo neigt zu Rost an den Radläufen und im Areal um die Batterie. Meiner war vorn völlig durchkorrodiert und ließ Wasser hinein. Ich war ein volles Jahr lang nach Feierabend mit dem Schweißgerät zugange. Der Aufbau nahm ein weiteres Jahr in Anspruch."

Neue Schalldämpfer etwa kosten 350 Euro

Die Teilesituation? Besser, als man befürchten könnte; bei Tatanka.nu etwa gibt es Achsen, Blattfedern und Auspuffanlagen. "Alles da, aber nicht billig." Neue Schalldämpfer etwa kosten 350 Euro das Stück, eine Portalachse  um 3500 Euro, ein Ersatzmotor um 4000 Euro, ein Satz Blattfedern pro Achse 800 Euro. Natürlich ist ein solch großer Benziner mit Portalachsen kein Kostverächter. Und ab 80 km/h wird die stark untersetzte Kugelumlauflenkung – fünf Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag – vage, der Geradeauslauf schwammig.
Volvo C303
Nobel fauchender 3,0­-Liter­-Sechszylinder­-Benziner als Front-Mittel­motor, zwei Stromberg­ Vergaser.

Gepperts Exemplar ist fast ein Restomod, ausgeführt mit sicherem Geschmack. "Mehr als drei Farben finden sich nicht am Fahrzeug. Ich mag Einheitlichkeit." Wie kommt man als junger Mensch auf solch einen Exoten? "Ein Freund mit T3 syncro hat mich mit dem Allradvirus infiziert. Ich wollte aber keine Hecklastigkeit und viel Zuladung – da fallen viele Fahrzeuge gleich durchs Raster."
Echt schwedisch: An der Heizung auf der Beifahrerseite kann man sich die Füße verbrennen, so wirksam ist sie.

Technische Daten und Preis: Volvo C303

Motor: Sechszylinder-Reihe-Benziner als Front-Mittelmotor, längs, zwei Stromberg-Vergaser
Hubraum: 2980 cm3
Leistung: bei 1/min 86 kW (117 PS) bei 4250/min
Drehmoment: bei 1/min 220 Nm bei 2500/min
Radaufhängung: Portalstarrachsen mit Blattfedern
Bremsen: Trommelbremsen v./h.
Reifengröße: 315/75 R 16 Cooper Discoverer ST
Getriebe: Viergang manuell mit Untersetzung
Allrad/Kraftverteilung v:h: Heck, Front zuschaltbar/0:100 oder 50:50
Traktionshilfen: Achssperren v./h., elektropneumat. betätigt
L/B/H: 4350/1890/2270 mm
Radstand: 2300 mm
Böschungswinkel: 45° v./h.
Bodenfreiheit: 410 mm
Leergewicht/Zuladung: 2400/900 kg
Wendekreis: 11,5 m
Spitze: 80 km/h
Verbrauch: ca.15-19 l S/100 km
Tankgröße: 84 l
Stückzahl: ca. 8700
Wert: heute 15 000 bis 35 000 Euro

Der Technikspender für den Volvo C303

Der Reihensechszylinder-Benziner des primär als Militärfahrzeug entwickelten Volvo C303 stammt aus dem damaligen Flaggschiff der Schweden, dem 164.Die gegenüber dem vierzylindrigen Standard-Volvo 144 leicht verlängerte Limousine erinnert mit ihrem repräsentativen Hochformat-Kühlergrill und den Doppelscheinwerfern unterschiedlicher Größe an den Jaguar XJ und erschien wie dieser im Jahr 1968.
Volvo 164
Nein, das ist kein Jaguar: Der Reihen­sechser des C303 entstammt der Ober­klassen­-Limousi­ne Volvo 164.

Bis 1972 speisten Vergaser Volvos Sechszylinder der B30-Baureihe, danach füllte eine Saugrohr-Einspritzung die Brennräume. 1975 erschien der Nachfolger 264. Der Offroader C303 blieb bis zu seinem Produktionsende 1980 beim Vergaser.

Von

Rolf Klein