Eine Ampel in Downtown Shenzhen: Ich stehe auf einer Verkehrsinsel, um mich sechs Fahrspuren. Dutzende Autos, die auf Grün warten. BYD, Li Auto, GAC und Marken-Logos, die ich nicht kenne. Alle haben grüne Kennzeichen, alles E-Autos also. Auch Tesla. Aber: kein VW, kein BMW. Leise fließt der Verkehr. Die Luft ist klar. Vögel zwitschern. Blätter rauschen. Willkommen im neuen China.

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Wer eine leise Ahnung davon haben will, was da auf uns zurollt, sollte sich also an eine Kreuzung im Zentrum der 17-Millionen-Stadt stellen. Sollte nach Bishan in Zentralchina reisen. Sollte die Wand des Wissens besuchen, im Hauptquartier von BYD in Pingshan.
Dies ist eine Reise in die "Build Your Dreams"-Welt, das Reich des chinesischen Großherstellers von Autos und Akkus. Und des vielleicht bald weltweit größten E-Auto-Bauers.
Von außen eher ein Altbau: BYD-Batteriewerk außerhalb Chongqings.
Bild: Hauke Schrieber / AUTO BILD

BYD organisiert diese Reise, um Stärke zu demonstrieren, Vertrauen aufzubauen und Ängste zu nehmen. Es ist natürlich keine ganz freie Reise. Keine Extratouren; keine Fragen zu Wirtschaftspolitik. Außenministerin Baerbock sagt gerade, China sei heute vor allem "systemischer Rivale". Und: keine Fragen zu Europa-Plänen. Dabei wird BYD wohl ein Werk in Europa übernehmen; in Holland oder im Saarland. Ein Manager verrät dann doch, dass man mittelfristig unter die Top-5-Autobauer in Europa wolle. Was für eine Ansage.

BYD "die größte unbekannte Marke der Welt"

BYD nennt sich selbst "die größte unbekannte Marke der Welt". Aber sie sind jetzt schon Nummer eins in China; verkauften im ersten Halbjahr 1,25 Millionen E-Autos. Seit Kurzem auch bei uns. Die Modelle heißen Atto 3, Seal, Han und Tang, Dolphin und bald Seal U. Dazu die Marken Denza (Joint Venture mit Mercedes) und Yangwang. Bald kommt mit der F-Serie eine fünfte Marke für Offroadmodelle. Dazu E-Busse, Lkw und ihre Lithium-Eisenphosphat-Akkus (LFP) in Schwertform: die Blade-Batterien. Die bestellt gerade auch Konkurrent Tesla.
Straßen von Shenzhen: Die 17-Millionen-Metropole ist voll von E-Autos – aber so gut wie keine deutschen.
Bild: Hauke Schrieber / AUTO BILD

Beginnen wir die Reise also an der Wand des Wissens. In der Konzernzentrale mitten im Wohngebiet. Rund 60.000 Menschen arbeiten hier. Ingenieure beziehen in ihren ersten fünf Jahren direkt nebenan ein Ein-Zimmer-Apartment für 40 Euro im Monat. Arbeiten, schlafen, arbeiten. Ein leitender Ingenieur verdient umgerechnet rund 100.000 Euro im Jahr bei (derzeit noch) deutlich geringeren Lebenshaltungskosten.

28.000 genehmigte Patente

Ein fahrerloser Sky-Shuttle bringt Mitarbeiter von einem Gebäude zum anderen. In einem steht eine 40 Meter lange und acht Meter hohe Wand mit 1000 von 40.000 von BYD eingereichten Patenten (28.000 genehmigt). Vorsprung durch Wissen. Im Raum daneben zeigt eine Art Miniatur-Wunderland die Vision einer nachhaltigen Stadt. BYD will die Erderwärmung um ein Grad senken. Ganz allein.
BYD Seal: So fährt sich der E-Chinese
Es gibt eine Crashanlage, in der täglich bis zu sieben Autos live zerstört werden; sogar Straßenbahnen. Und eine 200 Millionen Euro teure Halle zur Messung elektro-magnetischer Verträglichkeit. Wo das alles steht, war vor elf Jahren Wiese und Sumpf. Und doch sagt eine Sprecherin: "Wir bauen gerade eine neue Konzernzentrale, sieben Kilometer entfernt." Kosten: rund 2,7 Mrd. Euro. Fertig: 2025.
Voll automatisiert: Jeden Tag werden im Werk 90.000 Blade-Akkuzellen hergestellt.
Bild: BYD

Auf dem Gelände fahren getarnte Pick-ups und Geländewagen zwischen Gabelstaplern, alles elektrisch. Im Designstudio arbeitet seit sieben Jahren der Ex-Audi-Designchef Wolfgang Egger mit inzwischen 800 Mitarbeitern an der Formensprache. Er nennt BYD einen "Spielplatz der grenzenlosen Möglichkeiten".

Neue Fabrik für zwei Milliarden Euro

Der Besucher ahnt: Wer hier spielt, der hat nicht nur Spaß. Der Arbeitsdruck ist enorm; sogar Top-Manager klagen über Überlastung. Das Tempo irre hoch. Eine Verdoppelung des Umsatzes kommt in diesen Dimensionen ja nicht einfach so. Es wird schnell gedacht, schnell geplant, schnell umgesetzt. Es wird gebaut (mehrere neue Auto- und Akku-Werke) und erweitert. Wie die Batterie-Fabrik "FinDreams" in Bishan.
Zwei-Stunden-Flug in die 30-Millionen-Metropole Chongqing in Zentralchina. Eine Stunde mit dem Bus in ein Industriegebiet. Für zwei Milliarden Euro stampfte BYD auf 1500 Hektar eine Anlage mit einer Kapazität von mittlerweile 35 GWh aus dem Boden. In ein paar Monaten. Hier entstehen jeden Tag 90.000 Blade-Batteriezellen, das Herz von BYD. Die 96 Zentimeter langen Zellen sind günstig und robust, sparen Platz und Gewicht.
Denza D9: Das Joint-Venture- Produkt von BYD und Mercedes gibt es als E-Auto und Hybrid ab umgerechnet rund 48.000 Euro.
Bild: Hauke Schrieber / AUTO BILD

Alles ist vollautomatisch. Sie sagen, 17.000 Arbeiter seien hier beschäftigt (für die 18 Wohntürme um das Werk stehen). Ich sehe vielleicht zehn Menschen in Schutzanzügen. "Die meisten sitzen in Kontrollzentren", sagt ein BYD-Ingenieur.
Gerüchte, BYD wolle bald die noch preiswerteren Natrium-Zellen bauen, um unabhängiger von Lithium zu sein, werden nicht kommentiert. Zu viel Macht will BYD dann doch nicht demonstrieren.

Das ist BYD

Gegründet 1995 in Shenzhen. Zunächst Batteriehersteller. Ab 2000 Zulieferer für Akkus in Motorola-Handys. Seit 2003 Autohersteller. 2005 das erste Modell, der F3. 2008 Premiere des ersten in Großserie gebauten Plug-in-Hybrids der Welt, des F3DM. Heute vier Geschäftsfelder: Auto, Bahn, New Energy, Elektronik. 600 000 Mitarbeiter, darunter 70 000 Ingenieure. Der Umsatz verdoppelte sich von 26,8 Mrd. Euro (2021) auf 52,7 Mrd. Euro (2022). Gewinn im ersten Quartal 2023: 541 Mio. Euro (+411 Prozent).
Diese Reise wurde unterstützt von BYD. Unsere Standards zu Transparenz und journalistischer Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unab-haengigkeit

Kommentar

von AUTO BILD
Vor genau 20 Jahren war ich erstmals in China. Gefühlt 50 Prozent der Autos waren VW Santana, fast alle als Taxi. Die Luft in Shanghai war übel, der Verkehr laut. Aber der Aufbruch war schon zu spüren. Das Tempo. Heute sind Metropolen wie Shenzhen fast schon Oasen der Stille und Reinheit. E-Mobilität überall. Aber klar: Eine von BYD organisierte Tour verzerrt, manipuliert. Eine Machtdemonstration war es trotzdem.