Test HGP Golf R36/Enco Porsche Turbo
Begegnung der anderen Art

Der erste Eindruck täuscht: Der HGP Golf R36 ist nicht etwa bemitleidenswertes Opferlamm, sondern gleichrangiger Gegner. Mit aufbrausenden 640 PS heizt er den Supersportlern dieser Welt ein. Überraschend kräftig sogar.
- Ben Arnold
"Spare schon lange auf so einen Turboumbau ... welch ein Wink des Schicksals ... würde alles dafür tun, nur ein Mal als Beifahrer dabei zu sein ... BITTE, BITTE ... geben Sie mir die Chance." (Bastian B.). Dieser unter den Scheibenwischer unseres Testwagens geklemmte Liebesbrief muss ein schwerer Schlag für HGP sein: War die Grundidee von Inhaber Martin Gräf doch, mit dem Über-Golf im Allerwelts-Look jederzeit in der Menge abtauchen zu können. Diese Zeiten scheinen vorbei zu sein. Sein von uns auserwählter Gegner kann derartige Anwandlungen nicht nachvollziehen: Der $(LB55279:Porsche 911 Turbo)$ des Chemnitzer Tuners Enco genießt es, im Rampenlicht zu stehen. Sein Laufsteg heißt Dubai. Direkt nach Testende wird er verschifft. Um im Wüstenstaat eine gute Figur zu machen, bekommt er von Enco-Chef Jens Engelmann das entsprechende Rüstzeug mit auf den Weg: AEZ-Schmiederäder und ein formschönes Rinspeed-Bodykit.

Bild: Aleksander Perkovic
Mit optimiertem Lader kommt der Enco-Porsche auf 630 PS

Bild: Aleksander Perkovic
Im Alltagsbetrieb ziehen sich beide Kandidaten achtbar aus der Affäre. Beim Enco-Porsche stört nur die deutlich zu tiefe Frontspoilerlippe. Davon abgesehen ist alles gut: Keine Warnlampen blinken, und der Motor unterlässt auch bei niedrigen Geschwindigkeiten in hohen Gängen jegliches Rumgezicke. Den Golf haben wir Martin Gräf direkt aus der Werkstatt entführt – ein halber Prototyp sozusagen. Den Defekt im DSG-Getriebe sehen wir deshalb in mildem Licht. Martin Gräf gibt sich pragmatisch: "Die beiden Kupplungen erfuhren bereits umfangreiche Verstärkungen – sind praktisch unkaputtbar. Was die Aufrüstung der Getriebezahnräder anbelangt, war ich noch am Grübeln – jetzt nicht mehr." Das reparierte Fahrzeug funktioniert tadellos. Nachmittag in Cochstedt: Wir nutzen das Tageslicht für Fotos. Messen können wir die Autos im Dunkeln. Bald haben wir alle Bilder im Kasten. Unsere Nervosität hält sich in Grenzen: Auf schnurgerader Strecke aus dem Stand auf 300 km/h zu beschleunigen, stellt keine überwältigende fahrerische Herausforderung dar. Schwieriger: rechtzeitig anzuhalten, um nicht mit desaströsem Karacho in den Acker zu rumpeln.
Eine Landebahn wird bei Tempo 300 erstaunlich kurz

Bild: Aleksander Perkovic
Nach subjektivem Empfinden liegen beide Autos gleichauf. Erst die Auswertung der Messwerte gibt Aufschluss: Der Porsche benötigt 30,2 Sekunden bis 300 km/h – ein Spitzenwert. Einen von uns gemessenen $(LB56263:Lamborghini Murciélago LP 640)$ schlägt er damit um 3,1 Sekunden, den Mercedes SLR um immerhin 1,7 Sekunden. Die eigentliche Sensation lautet aber: Golf schlägt Porsche. Von 0 auf 100 km/h macht er ein Zehntel gut. Bis 300 km/h fast zwei Sekunden. 28,3 Sekunden dauert der Sprint. Damit liegt der VW in unserer ewigen 300-km/h-Bestenliste auf Platz fünf: Hinter Hennessey Viper (1100 PS), Bugatti Veyron (1001 PS), Lingenfelter Corvette (880 PS) und Ruf Rt12 (650 PS). Zum Preis eines Veyron bekäme man übrigens elf HGP Golf R36. Rein theoretisch zumindest: Nur fünf Fahrzeuge will Martin Gräf mit dem neuen Monstermotor ausstatten. Bleibt Bastian B. nur zu wünschen, dass er die aufgerufenen 114.400 Euro zeitnah beisammen hat.
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