Mercedes Unimog U84

— 08.03.2013

Der Weg zu neuer Kraft

Quattro? Jensen? Jeep? Hier kommt der einzige, wahre Allradler. Einer, der alles kann, was physikalisch möglich ist. Und spirituell möglich: Ein Unimog kann einem das Weltbild zurechtrücken.



"Irchenduas stimmd ned midm Uwe", murmelt man sich zu. Es liegt eine seltsame Stimmung überm Stammtisch im Schwarzen Adler in Uffenheim heute, an einem Abend im Winter 1979/80. Das Unheimlichste ist der Eblich Uwe, der mit am Tisch sitzt, aber irgendwie doch nicht dabei ist. Seit drei Wochen geht das so, dass der Uwe nur dasitzt, milde dreinschaut, statt was zu sagen, und sich den ganzen Abend an einem Glas Wasser festhält. Das ist das größte Alarmzeichen: Sprudel statt Wein! Warum kommt er überhaupt zum Stammtisch, wenn er nix sagt und nix trinkt? Hat das was mit diesem Unimog zu tun, den er im Sommer bekommen hat und der auch jetzt vor der Tür steht? Später am Abend bleiben nur der Uwe und Pleidner Klaus, Uwes bester Kumpel, am Tisch übrig. Gelegenheit, dem Uwe zu befragen.  

Gesträuch und Schotter, Schlamm und Geröll, Regen und Wind – der Unimog kommt durch, in Sanftmut, Klarheit und Aufrichtigkeit.

© M. Heimbach

"Sachmo, was isn mid dir? Wennsd den ganzn Ohmd nix drinksd un nix sachsd, was kommsdn überhaupd her?" Uwe blickt auf: "Ich hab an Buddha." "An was hast du?" Richtig gehört, Uwe hat einen Buddha. Was er damit meine, will Klaus wissen, und Uwe erklärt, dass er doch diesen Unimog hat seit dem Sommer, für den sie ihn alle geschimpft haben – zu teuer, zu kompliziert, nix Halbes und nix Ganzes, warum er keinen Allrad-Deutz nimmt. Aha, also doch!, denkt Klaus, aber Uwe spricht weiter: Ja, teuer war er, aber dieser Unimog, der hat ihm die Augen geöffnet, und jetzt sieht er die Welt anders. Es hat ganz normal angefangen nach der Auslieferung im Juli, zwei Hänger fürs Getreide und danach die große Scheibenegge, alles normal.

Spielt gern im Schnee: Unimog U 411

Schon sehr bald zeigte der Unimog, dass es mehr draufhatte als jeder Trecker.

© M. Heimbach

Das erste Mal hat Uwe gestaunt bei der Rübenernte, als der Unimog wieder zwei volle Hänger vom Acker gezogen hat, "und du weißt ja, wie’s geregnet hat im Oktober und wie sie alle steckengeblieben sind, sogar die Allradtrecker". Nur er ist durchgekommen, mit zwei Hängern voll Rüben. Aber dann kam diese Nacht auf der Autobahnbaustelle, erzählt Uwe. Nach Ochsenfurt ist er neulich abends gefahren, um was einzukaufen. Weil der Unimog 80 Sachen läuft, lässt er den alten 200 D stehen, er braucht eigentlich kein Auto mehr. Jedenfalls war’s dunkel, als er zurückfuhr, und dann war Stau auf der B 13 hinter Oberickelsheim, wo sie grad die neue Autobahn nach Ulm bauen. An der Auffahrt zur Baustelle hatte sich ein Lkw festgefahren, der angehängte Tieflader mit Straßenwalze darauf blockierte die Straße. Uwe dachte, na Mahlzeit, des wird spät heut. Da kam einer angerannt und trommelte ihm an die Fahrertür: Ob er nicht mitziehen könnt? Also fuhr er vor, wo der Laster bis zu den Achsen im Schlamm steckt. Uwe setzte den Mog davor, jemand schob die Schleppstange ins Zugmaul, Uwe schaltete die Vorderachse zu, sperrte die Achsen, legte den zweitkleinsten Gang ein (nicht gleich alles Pulver verschießen!) und ließ die Kupplung kommen. Und der Unimog ruckte an und zeckerte den Hang hoch auf die geschotterte Trasse, mit Zwölftonnenlaster und Tieflader und Walze. Als Uwe die Fuhre oben hatte, sind sie ihm fast um den Hals gefallen vor Glück.

Leserwahl: Die wichtigsten Allradler aller Zeiten

Die rechte Hand muss wissen, was sie tut: Schalthebel, Vorwärts/Rückwärts, Untersetzung, Zapfwelle, Vorderachsantrieb.

© M. Heimbach

"Diese 20 Sekunden, als der Mog einfach loszog, einfach so den Berg hoch, als wenn nix wär, die haben alles verändert. Ich hab gespürt: Mit dem kommst du überallhin. Entspannt und sanft. Das hab ich meiner Schwester erzählt, weißt ja, die spinnt so’n bissel mit ihrem Bhagwan, und die hat gesagt, der Unimog, das wär ein Buddha. Der macht alles in Reinheit und Güte und Kraft." Jetzt ist Klaus doch erleichtert. Spinnt also nicht schlimm, der Uwe – "Aber sag mal, was hockst den ganzen Abend hier und trinkst nix", will er noch wissen. In dem Moment klingelt das Telefon an der Theke. "Deswegen", sagt Uwe und steht auf. "Der Baustellenleiter hat gleich selbst einen Unimog bestellt, aber das dauert, bis der geliefert wird. Bis dahin halt ich mich bereit, weil eigentlich immer einer steckenbleibt auf der Baustelle. Und ich hock hier, weil ich doch daheim immer noch kein Telefon hab." Damit nimmt er den Hörer, den der Wirt ihm hinhält, zwinkert dem Klaus zu und sagt: "Buddha-Notdienst, hallo?"

Historie

Ein Traktor wie kein anderer Traktor sollte das Universal-Motorgerät werden, das sich der Ingenieur Albert Friedrich mit seinem kleinen Team ausdachte. 1946 fuhr der erste Prototyp, 1948 begann die Fertigung, und ziemlich bald schon zeigte das kleine Gerät, dass es mehr draufhatte als jeder Trecker. Die ersten Exemplare entstanden bei Boehringer in Göppingen, 1951 zog der Unimog um ins Daimler-Benz-Werk Gaggenau. Die Basis-Baureihen mit wenig PS und der kantigen Ur-Karosserie (401/411) blieben bis 1974 in Produktion. Ab 1955 freute sich die Bundeswehr über den Unimog S (404), und 1962 kam der erste schwere Unimog mit großem Dieselmotor, rundlicher Kabine und den drei Sicken neben dem Scheinwerfer, zunächst als Baureihe 406. Spätestens jetzt entwickelte er eine Vielfalt, die so ziemlich jeden denkbaren Einsatzzweck abdeckte. Der MB trac übersetzte 1973 das Unimog-Konzept zurück ins streng Agrarische, verkaufte sich aber nicht wie erhofft. Übrigens ist der Unimog gewissermaßen erwachsen auf die Welt gekommen: Schon die Boehringer-Wagen sind technisch hochkomplex.

Technische Daten

Welch winziger Schacht für so einen Motor: 5,7 Liter zwängen sich hier rein und wärmen das Knie.

© M. Heimbach

Unimog U84, Baureihe 406.120 Motor: wassergekühlter Sechszylinder-Reihenmotor, vorn längs • eine untenliegende Nockenwelle • zwei Ventile pro Zylinder • mechanische Treibstoff-Direkteinspritzung (Bosch) • Bohrung x Hub 97 x 128 mm • Hubraum 5675 ccm • Verdichtung 17:1 • 62 kW (84 PS) bei 2550/min • 260 Nm bei 1600/min • Antrieb/Fahrwerk: Sechsganggetriebe mit zwei Rückwärtsgängen, optional Vorschaltgetriebe für 20 Vorwärts- und acht Rückwärtsgänge, Sonderabtrieb, Doppelkupplung • Allradantrieb (Vorderachse abschaltbar) • Starrachsen an Schraubenfedern mit Teleskopdämpfern, sperrbare Differenziale, Portalachsen mit Radvorgelegen • Scheibenbremsen vorn und hinten • Reifen 10,5-20 • Maße: Radstand 2380 mm • L/B/H 4100/2160/2350 mm • Leergewicht 3600 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: Spitze 80 km/h • Verbrauch 19,5 l Diesel/100 km • Neupreis: 29.852 Mark (1971, mit Basisgetriebe und Allzweckbereifung).

Plus/Minus

Wo man hinwill, da geht er hin, und dort macht er, was man von ihm will. So betrachtet, hätte er eigentlich in der Rubrik "Alltagstauglichkeit" mindestens fünf Sterne verdient. Weil aber nur die härtesten Burschen damit ins Büro fahren, weil er laut ist und man nicht einsteigt, sondern sich kletternd einfädelt, und weil die meisten frühen Unimog auf der Autobahn nichts verloren haben, bekommt er nur zwei Sterne. Im Vergleich zum 124er-Mercedes ist ein Unimog halt brutal unkomfortabel. Ein Stern erhält er in der Disziplin Reparaturfreundlichkeit. Das bedeutet: Wenn man auf ihn aufpasst, geht nichts kaputt – aber wenn was zu machen ist, sollten nur Kfz-Meister mit 20 Jahren Berufserfahrung ans Werk gehen. Generell gilt: Wo die Pfade rau werden, gibt es nichts Großartigeres als einen Unimog.

Ersatzteile

Ein Unimog ist beliebig konfigurierbar, auch heute noch. Dieses Exemplar vergnügt seinen Fahrer mit Klappverdeck.

© M. Heimbach

Es ist ein Mercedes-Benz, außerdem hat er eine gewaltige Gefolgschaft (der größte Klub, der Unimog-Club Gaggenau, hat fast 6000 Mitglieder). Das bedeutet: Große Sorgen muss man sich nicht machen. Vieles ist noch ab Werk zu bekommen, außerdem gibt es jede Menge kompetenter Spezialisten, die manches selbst nachfertigen und gern auch einbauen. Bei aller technischen Komplexität und trotz der enormen Typenvielfalt sind die Chancen gut, die passenden Teile für seinen speziellen Unimog zu bekommen. Schwierig ist es nur beim Blech, besonders wenn man einen frühen Unimog möglichst originalgetreu wiederherstellen möchte.

Marktlage

Die Boehringer-Exemplare sind extrem begehrt, also teuer. Ansonsten hat man freie Auswahl, auch bei Aufbau und Anbaugeräten. Entscheidend für den Preis ist vor allem der Zustand. Ausgenudelte Arbeitspferde sind schon für zwei bis drei Tausender zu haben, gute Exemplare rangieren weit im fünfstelligen Bereich.

Empfehlung

Noch immer: der Bundeswehr-Unimog S, Baureihe 404. Er sieht prima aus, kommt zumeist mit Cabrioverdeck und bewohnbarem Koffer, läuft 100 km/h und ist reichlich verfügbar. Der originale Benzinmotor ist besser als sein Ruf, und der Verbrauch hängt wesentlich von der Fahrweise ab. Man kann ihn auf Diesel umrüsten, was den Verbrauch allerdings kaum senkt. Gut gepflegte Exemplare haben ihren Preis, aber lieber etwas mehr hinlegen, als an einem bemoosten Eckensteher zu verzweifeln.
Fotos: M. Heimbach


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