Es soll ja Leute geben, die ihren Wagen bis zum bitteren Ende fahren. Die sich nicht um die aktuelle Automode scheren, sondern ihr Gefährt nach 15 Jahren mit 200.000 Kilometern auf der Uhr abgeben. Das ist der Zeitpunkt, an dem bei den meisten Typen der Spaß aufhört. Sie fühlen sich ausgelutscht an oder klappern, die Sitze sind verschlissen, die Reparaturen häufen sich. Schon der reguläre AUTO BILD-Dauertest über 100.000 Kilometer gibt in der Regel genügend Hinweise, wie sich ein Auto im Alter anfühlt. Bei dem VW Golf 1.4, der im November 2003 seinen Dienst in der Redaktion antrat, war das ein bisschen schwieriger. Denn dieser Testwagen ließ vergessen geglaubte VW-Tugenden lebendig werden: Er lief und lief und lief – und zeigte kaum Anzeichen von Ermüdung. "Fahrwerk, Lenkung und Getriebe fühlen sich nach mehr als 100.000 Kilometern noch wie neu an", notierte Kollege Oliver Hilger einst im Fahrtenbuch. Auch Manfred Klangwald, Herr über die Dauertestflotte, attestierte dem Golf nach Ablauf der Distanz einen "nahezu neuwertigen Eindruck". Angesichts solcher Lobeshymnen lag es nahe, den Golf in die Verlängerung zu schicken und ordentlich zu schikanieren.
Schöner reisen: Mit dem Golf waren die AUTO BILD-Redakteure sicher und komfortabel unterwegs.
Schöner reisen: Mit dem Golf waren die AUTO BILD-Redakteure sicher und komfortabel unterwegs.
200.000 Kilometer – da sollte doch etwas ausleiern oder kaputtgehen. Es kam anders. Am Ende absolvierte der VW die zweite Hälfte des Extremtests sogar besser als die erste, als einige kleine Mängel wie ein ständig defektes Kühlerlüfter-Steuergerät sowie überforderte VW-Schrauber zeitweise für Frust sorgten. Alles in allem war der Golf ein überaus treuer Begleiter. Am Ende hatten ihn alle ins Herz geschlossen, und die Zerlegung nach 200.000 Kilometern tat fast ein bisschen weh. Natürlich kann man sich aufregendere Autos vorstellen als einen mausgrauen VW Golf mit 75-PS-Basismotor. Aber vielleicht liegt ja gerade in dieser Langeweile sein besonderer Reiz. Das Auto funktioniert auf eine beeindruckend unspektakuläre Weise – und passt sich dem Menschen an, nicht umgekehrt. Wer, wie die AUTO BILD-Redakteure, ständig in den unterschiedlichsten Modellen unterwegs ist, bemerkt das besonders deutlich. "Es macht immer wieder Spaß, den Golf zu fahren", schreibt etwa Roland Bunke bei Kilometerstand 138.912 ins Testtagebuch. "Das Einzige, was klappert, ist mein Alukoffer im Beifahrer-Fußraum." Einhelliges Lob gab es auch für das hervorragende Fahrverhalten, die exakte Lenkung, die bequemen Sitze und die komfortable Federung. Auch die Fahrgeräusche halten sich in Grenzen – mal abgesehen vom kleinen 1.4er-Motor, der recht kernig klingt, wenn seine Leistung gefordert wird.

Ohne Ecken und Kanten: Der Golf ist jedermanns Freund

Das Erfolgsgeheimnis des deutschen Bestsellers ist einfach: Er geht einem auch nach längerer Zeit nicht auf den Wecker – im Gegensatz zu manch Konkurrenten. Mal nervt das zu progressive Design, mal eine zu harte Federung, mal die Erwartung auf eine bescheidene Langzeitqualität. Dass der Golf seine Sache so gut machte, war auch deshalb bemerkenswert, weil der Wagen aus der ersten Produktionsserie stammte und Kinderkrankheiten zu befürchten waren. Eine hat ihn dann auch erwischt: Der abblätternde Softlack auf Teilen der Türverkleidung sah am Ende einfach nur schäbig aus. Man habe das Problem inzwischen besser im Griff, heißt es bei VW. Zumindest glaubt man, den Verursacher zu kennen – es soll an den Kosmetika der Insassen liegen.
Er läuft und läuft und ... Selbst auf der letzten Dienstreise von Hamburg nach Wolfsburg ist unser Golf so quicklebendig unterwegs, als würde auf dem Tacho höchstens eine 20.000 stehen. Selbst nach 200.000 Kilometern kennt der 75-PS-Benziner keine Müdigkeit. Die Fünfgang-Schaltung hat nichts an Präzision eingebüßt, Sitze und Fahrwerk bieten noch gewohnten Komfort. Allerdings zeigen diverse Abnutzungserscheinungen rund um den Fahrersitz sein wahres Alter. Ablösungen vom Softlack an den Türgriffen wurden schon nach 100.000 Kilometern bemängelt. Sie sind inzwischen großflächiger geworden. Die Kappe des Schalthebels ist zum wiederholten Mal abgebrochen, dazu ist der Schaltsack brüchig und unansehnlich wie in einem betagten Linienbus. An den Schaltern für Fensterheber und Licht kommt bereits der weiße Basiskunststoff durch. Grund zur Freude bietet der Blick unters Blech. Die nach diversen Dauertests gelobte Rostvorsorge und Hohlraumkonservierung von VW sind auch nach vier Jahren noch voll wirksam. Höchst positiv auch das Ergebnis der Motor- und Getriebeuntersuchung. Wie aus dem Fahrbetrieb heraus zu vermuten, ist den Bauteilen die Belastung anzusehen, aber nirgendwo zeigt sich übermäßiger Verschleiß. Selbst Kupplung und Ausrücklager bieten noch Reserven. Nur in die Kugellaufbahnen der Antriebswellen hat der harte Einsatz Spuren eingegraben. Trotzdem: ein tolles Ergebnis nach 200.000 Kilometern.

Fazit von AUTO BILD-Redakteur Matthias Moetsch

AUTO BILD-Redakteur Matthias Moetsch sieht den Golf in Sachen Qualität als Nummer eins.
AUTO BILD-Redakteur Matthias Moetsch sieht den Golf in Sachen Qualität als Nummer eins.
Als der mausgraue (heißt bei VW Sagegreen Metallic) Golf 1.4 vor vier Jahren seinen Dienst in der Dauertest-Flotte von AUTO BILD antrat, waren wir erst einmal skeptisch. Hat der Neue die Macken seines Vorgängers geerbt? Gibt es wieder den typischen VW-Ärger mit kollabierenden Luftmassenmessern, einfrierenden Motoren und defekten Fensterhebern? Kommt es am Ende gar zu einem neuerlichen Dauertest-Desaster wie bei dem schrecklich unzuverlässigen Touran? Nichts von alledem! Unser Golf lief auch nach 200.000 Kilometern noch wie ein Schweizer Uhrwerk. Abgesehen von ein paar oberflächlichen Schönheitsfehlern gab es an Deutschlands meistverkauftem Auto kaum etwas zu kritisieren. VW scheint aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben. Das belegt auch die spärliche Post an den AUTO BILD-Kummerkasten. Dort ist Schweigen ja bekanntlich Gold.
Wie hat der Rüsselsheimer abgeschnitten? Hier geht es zum Dauertest des Opel Astra!

Das sagen die Leser zum Golf

"Bislang sind keine ernsthaften Probleme aufgetreten": Nur einige Kleinigkeiten haben zu Werkstattaufenthalten geführt. Gegen Leerlaufruckeln half ein Software-Update, eine Dämmmatte im Motorraum hatte sich gelöst, der Fahrer-Sicherheitsgurt wurde wegen Quietschen ausgetauscht. Nach Austausch eines Steuergeräts in der Fahrertür war kurzfristig der Seitenblinker im Spiegelgehäuse außer Betrieb, die Climatic macht durch Klopfgeräusche auf sich aufmerksam. Ansonsten verwöhnt das Wolfsburger Original mit allem, was in Ihren Tests immer zum Ausdruck kommt: Platz, Komfort und tolles Fahrverhalten. Harald Ammermann, 51789 Lindlar, Golf 1.6 Goal, (13.500 km)
"Bis heute null Problemo": Mein Golf macht mir jeden Tag großen Spaß. Peter Heck, 76467 Bietigheim Golf 2.0 FSI (38.000 km)
"Würde wieder Golf kaufen": Ich fahre seit März 2006 meinen Golf Plus. Bisherige Fehler: Innenraumlicht war bei Übergabe defekt, Fernlicht zu hoch eingestellt, Wackelkontakt im Wippschalter für das Innenraumlicht, wiederholte Fehlermeldungen vom Abgassystem, leichtes Knarzen aus der Fahrertür. Für mich sind das keine wirklichen Fehler. Echte Garantiefälle gab es bisher nicht. Den Golf Plus würde ich wieder kaufen, dann aber als 2.0 TDI mit DPF. Harald Kachler, 78126 Königsfeld, Golf Plus 1.9 TDI (45.000 km)
"Ich bin sehr zufrieden": Mit meinem Golf bin ich sehr zufrieden. Auch das vielfach kritisierte Nageln des Pumpe-Düse-Systems kann ich nicht nachvollziehen. Hier merkt man einfach noch, dass ein Motor vorhanden ist. Jürgen Faber, 6119 Friedberg, Golf 2.0 TDI (45.000 km)