Autos made in Estonia: Reportage
Die Monstertrucks vom Peipussee

Die Reifen der Pick-ups aus Kallaste sehen aus wie Riesen-Donuts. Wir waren mit den Monstern auf dünnem Eis in Estland unterwegs.
Bild: Fabian Weiß
- Claudius Maintz
Wenn es dunkel wird, steigen die Monster aus dem See, oft sind es 20, manchmal mehr. Mit funkelnden Augen rollen sie auf Gummiwalzen über das Eis, in ihren eisernen Bäuchen Männer und Fische. Am Ufer brüllen die Ungetüme laut, wühlen sich schnaubend über den Strand, fallen nacheinander über Kallaste her, das kleine Dorf im Osten Estlands. Jedes Monster nimmt sich eines der kleinen Holzhäuser vor.
Für die Fischer sind die Monstertrucks kein Freizeitvergnügen
Video: Omega, Datsun Cherry, Mercedes W123
Monstertrucks vom Peipussee
Kaum ein Automodell ist sicher vor den schweißwütigen Männern

Selbstgeschweißt: Die Kontruktionspläne existieren nur im Kopf, bei der Karrosserie gibt es keine Grenzen.
Bild: Fabian Weiß
Ansonsten lässt die Kallaster Autoindustrie ihrer Kreativität freien Lauf. Vorne Toyota RAV4, hinten VW Caddy, Flugzeugreifen, Motor von Mazda – erlaubt ist alles, was irgendwie zusammenhält. Ohne Montageplan schweißen, flexen und schrauben die Männer drauflos. Oleg Lutshezharnõi tippt sich an die Stirn. "Hier, ich habe alles in meinem Kopf", sagt er. Zusammen mit Sohn Artur ist der Werkstattbesitzer so etwas wie der ADAC vom Peipussee, fährt bei Pannen oder Notfällen aufs Eis. In diesem Jahr musste er nur ein Monsterauto abschleppen, 2015 gab es keinen einzigen Einsatz. Trotz der eher bescheidenen Statistik hat der Mechaniker eine 24 Stunden am Tag erreichbare Notfallnummer auf die Tür seines Mischwesens aus Mazda, Nissan und UAZ gepinselt – für alle Fälle.
Die Eigenbauten machen auch schon mal schlapp

Nicht immer zuverlässig: Zwei der drei Autos machen am Tag unserers Besuches leider schlapp.
Bild: Fabian Weiß
Mit den Ballonreifen ist man auch bei brechendem Eis sicher

Gehen selbst bei Eisbruch nicht ganz unter: Die großen Reifen schützen die Trucks vor dem Verschwinden.
Bild: Fabian Weiß
Natürlich kämen die Monster aus dem Peipussee niemals durch irgendeinen TÜV dieser Welt. Doch die Polizei lässt Estlands Extrem-Schrauber gewähren. "Solange wir hier im Dorf bleiben, ist das okay für die", sagt Aleksander Goidin. Offizielle estnische Nummernschilder tragen die Ungetüme aus dem Eis nicht. Doch weil auch in Kallaste Ordnung herrschen muss, hat jeder Ballonreifen-Bolide ein eigenes, sauber durchnummeriertes Kallaste-Kennzeichen. Auf Aleksander Goidins Blech sind die Ziffern "007" eingeprägt. Krass, krasser, Karakat.
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