CES 2024: Messerundgang
CES 2024: KI, Vernetzung und fliegende Autos in Las Vegas
Smart, sauber, vernetzt und ganz schön abgehoben – so will die PS-Branche auf der CES ihre Zukunft sichern. AUTO BILD macht einen Messerundgang.
Bild: AUTO BILD
Die Zeiten, in denen sich Autohersteller auf der CES noch über die Bildschirmgröße definiert haben, sind lange vorbei. Und über Batteriekapazitäten oder Elektromotoren redet auf der größten Consumer Elektronik Show der Welt auch keiner. Wichtig ist allein, was das Auto seinen Insassen künftig sonst noch zu bieten hat und wie Mensch und Maschine miteinander umgehen.
Klassische Autothemen spielen keine Rolle
Ging es früher bei der Verbindung zwischen Fahrer und Fahrzeug um ingeniöse Finessen wie das Federungsverhalten, die Gasannahme oder die Lenkung, reden darüber heute nur noch in Würde ergraute Petrolheads. Wer mit der Zeit geht oder ihr gar voraus sein will, der meint den digitalen Dialog und das elektronische Erleben. Und landet damit zwangläufig bei der künstlichen Intelligenz, die dieses Miteinander künftig entscheidend prägen wird.
Mercedes verändert die Beziehung zum Fahrer
Das wissen sie auch bei Mercedes, dem deutschen Dauergast auf der CES: So stolz sie auch auf ihr Concept CLA sind mit seiner Plattform für die nächste Generation von E-Modellen, dem ersten eigenen Betriebssystem und – ja, das natürlich – dem Bildschirm über die gesamte Fahrzeugbreite, geht es Entwicklungsvorstand Markus Schäfer deshalb in Las Vegas mehr noch um das "hyperpersonalisierte Kundenerlebnis".

Hyperpersonalisiertes Kundenerlebnis: Die Studie Concept CLA zeigt, was Mercedes in Zukunft in Sachen Bedienung vor hat.
Bild: Mercedes-Benz AG
Möglich machen das die neueste Generation von MBUX und Partner wie Google & Co. Damit "verändern wir die Beziehung, die unsere Kundinnen und Kunden mit ihrem Mercedes-Benz haben", sagt Schäfer und skizziert ein Fahrerlebnis, in dem die Insassen eine digitale Vollversorgung genießen, die vorausschauend ist, individuell und allumfassend wie die Liebe der Eltern zu ihrem Kind.
Künstliche Intelligenz ist ein großes Thema
Ach, die KI! Noch vor gar nicht allzu langer Zeit Jahren ein Thema, bei dem nur die Nerds mitreden konnten, ist sie nicht einmal zwei Jahren nach dem Debüt von Anwendungen wie ChatGPT in aller Munde – und bald auch in allen Autos. Denn Mercedes ist beileibe nicht alleine. So integriert VW den Sprachbot ChatGPT jetzt ebenfalls in sein Infotainment, verbessert damit die Sprachsteuerung und erweitert den Wissenshorizont des Bordcomputers schier ins Unendliche: Ein Märchen für die Kinder? Stilberatung bei der Wahl der Abendgarderobe oder einfach nur eine technische Frage zum Auto: Die Füllung für alle Wissenslücken der Welt ist nur ein "Hey Volkswagen" entfernt.
BMW verspricht Ultimate Digital Experience
BMW nutzt die KI natürlich ebenfalls. "Denn BMW steht für beides: Die Ultimate Driving Machine plus die Ultimate Digital Experience", sagt Entwicklungsvorstand Frank Weber und demonstriert deshalb in Vegas nicht nur den neuen Tiefgang in der Kommunikation etwa mit dem Siebener, einen immer praller gefüllten Appstore im jüngsten Betriebssystem der Bayern oder neue Gaming-Anwendungen mit vollwertigen Controllern. Wer mit den Entwicklern über den Strip fährt, sieht die reale Welt da draußen durch eine neu integrierten AR-Brille gar vollends mit der virtuellen verschmelzen.
Hyundai geht sogar noch weiter. Statt die KI einfach nur zu integrieren, wollen sie das Auto selbst zu einer Art KI aufrüsten, die ständig lernt und in einem neuen Mobilitäts-Ökosystem die Bedürfnisse der Nutzer frühzeitig erkennt und jederzeit und überall erfüllen kann. Nach Ansicht der Hyundai-Verantwortlichen werden sich Fahrzeuge im Laufe der nächsten Jahre zu "KI-Maschinen" entwickeln. "Diese Transformation schafft neue Möglichkeiten zur Automatisierung, liefert Daten, verhindert potenzielle Problemstellen, personalisiert das Nutzererlebnis und optimiert Dienste und Lösungen, um Nutzern einen Mehrwert zu bieten", schwärmen die Verantwortlichen.
Hype um autonomes Fahren kühlt ab
Während die künstliche Intelligenz in rasendem Tempo ihren Weg ins Auto findet, ist der Hype ums Autonome Fahren weiter abgekühlt. Zwar sind Hard- und Softwarespezialisten an vielen Ständen in der imposanten Westhall zu finden – es geht um Lidar und Radar und um die Fusion der Sensordaten –, doch der Durchbruch ist nach wie vor nicht in Sicht. Stattdessen werden wir wohl noch lange Zeit selber lenken müssen.
VW zeigt das getarnte GTI-Facelift
Da trifft es sich ganz gut, dass es in Las Vegas auch ein paar neue Autos zu sehen gibt: Klar, die CLA-Studie von Mercedes kennen die Europäer schon von der IAA in München und die vier wie Brummkreisel im G-Turn kurz nach Mitternacht auf dem legendären Strip auf der Stelle drehenden Elektroversionen der G-Klasse sind zwar ein Blickfang für die Nachtschwärmer, tragen aber noch die immer Prototypentarnung und werden erst im April in Peking enthüllt. Genau übrigens wie der Golf GTI, den VW nur in psychedelischen Tarnfarben zeigt, um die Spannung bis zur Premiere des Facelifts später im Monat hochzuhalten.

Aufgewertet: VW hat das Facelift des GTI fertig. Auf der CES steht der Kompaktsportler allerdings noch in psychedelischen Tarnfarben.
Bild: Volkswagen AG
Und für einen elektrischen Pick-up des von Startschwierigkeiten geplagten vietnamesischen Großkonzerns Vinfast interessiert man sich genauso wenig wie für eine elektrische Kompaktlimousine aus der Türkei, selbst wenn der Togg T10F ganz hübsch aussieht und sein Interieur sogar dem CLA Showcar die Schau stiehlt.
Honda fängt mit der 0-Serie neu an
Kia zeigt auf der CES 2024 zum ersten Mal vor Großem Publikum die schmucke Coupélimousine EV4 und vor allem den EV3, mit denen die Koreaner der Elektrifizierung durch sinkende Preise und steigende Stückzahlen noch mehr Drive geben wollen. Und Honda, bislang bei der Elektrifizierung von allen großen aus der alten Welt am weitesten hintendran, hat mit der 0-Serie ein imposantes Aufholprogramm gestartet.

Neuanfang: Mit der 0-Series will Honda bei der Elektromobilität Boden gut machen. Schon 2025 soll eine futuristische Limousine kommen.
Bild: Thomas Geiger
Schon 2026 wollen die Japaner mit einer ausgesprochen futuristischen Limousine auf einer neuen E-Plattform auf den Markt kommen und dann kurz drauf auch einen Van nachschieben. "Und das ist nur der Anfang", sagen die Japaner, die wohl auch deshalb von der Null-Serie sprechen, weil sie noch einmal ganz bei null anfangen wollen.
Kia präsentiert anpassbare PV-Studie
Aber es bleibt nicht beim klassischen Auto: So wie im Netz, in der Cloud und in der mehr oder minder virtuellen Realität alles irgendwie zusammenwächst, so verwachsen auch Fahrzeug und Lebensraum miteinander – zumindest in der Vision von Kia-Designchef Karim Habib. Denn wo andere einfach eine schnöde Plattform für elektrische Nutzfahrzeuge vorgestellt hätten, machen die Koreaner daraus die neue Fahrzeugkategorie der "Purpose-Built Vehicles".

Tausendsassa: Das Kia Purpose-Built Vehicle – kurz PV – soll sich dank modularem Aufbau jedem Einsatzzweck anpassen lassen.
Bild: Thomas Geiger
Mit einer Handvoll solcher "PV"-Studien skizziert Kia eine Familie von ebenso auffälligen wie stimmigen Schuhschachteln auf Rädern, die sich dank ihres modularen Aufbaus und ihres skalierbaren Unterbodens jedem Einsatzzweck anpassen können – mal als Lieferwagen und mal als Kleinbus, mal als Büro oder Wohnzimmer, dann wieder als Pop-up-Store oder auch als Schlafkapsel und das immer mit und später dann auch mal ohne Lenkrad und stattdessen mit Autopilot.
Kia baut in Korea bereits eine Fabrik für 100.000 solcher PV pro Jahr, und während wir auf den kleinen PV3 genau wie auf den großen PV7 noch etwas warten müssen, geht der PV5 im Format von VW Bulli oder Mercedes V-Klasse schon 2025 in Serie.
Fliegendes Auto mit Klapprotor
Wem das noch nicht abgehoben genug ist, den schicken die endlosen Helfer und Hostessen entweder zu Hyundais Ausgründung Supernal oder zum XPeng-Ableger Aeroht. Bei beiden Ausstellern manifestiert sich die Idee vom Flugauto.

Flugauto: XPeng-Ableger Aeroht präsentiert in Las Vegas die ultimative Waffe gegen den Stau – ein Sportwagen mit ausklappbaren Rotoren.
Bild: Thomas Geiger
Die Koreaner haben nach vier Jahren die Konzeptphase hinter sich gelassen und präsentieren nun die Serienfassung eines Fünfsitzers mit acht elektrischen Kipprotoren, der mit knapp 200 km/h in 500 Metern Höhe dem Stau den schrecken nehmen und pro Flug Distanzen von bis zu 100 Kilometern zurücklegen soll. Und die Chinesen haben neben einem Pick-up als fahrendem Flugzeugträger auch noch einen Supersportwagen vorgestellt, bei dem auf Knopfdruck vier Rotoren ausfahren, damit auch ihn kein Stau ausbremsen kann.
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