Der irre Opel Speedster: warum dieser Roadster heute fehlt
25 Jahre Opel Speedster: das mutigste Auto aus Rüsselsheim
Opel ist in der Stellantis-Familie zur Vernunft verdammt. Umso schöner ist die Erinnerung an die wilden Zeiten: Zum 25. Geburtstag steigen wir noch einmal in den Speedster!
Bild: Dani Heyne
Wenn heute bei Opel von Wind die Rede ist, dann kommt er meist von vorn statt aus dem Rücken – und er bringt zudem selten Gutes. Denn so richtig viel Raum zur Entfaltung haben die Rüsselsheimer in der Stellantis-Familie gerade nicht mehr, und frischen Wind sucht man im Portfolio vergebens. Zumindest solchen, der einem fröhlich ins Gesicht weht.
Ja, sie proben mit den GSE-Modellen für Mokka und Corsa wieder ein bisschen Widerstand gegen die gähnend langweilige Konzernstrategie. Aber gerade in der schwitzigen Sommerhitze gibt sich Opel schmerzlich zugeknöpft, und wir sehnen uns nach einem Cabrio: Kadett oder Astra, Corsa und natürlich der Tigra kommen einem da in den Sinn, und selbst der Cascada wäre plötzlich eine Verlockung. Und dann ist da ja noch der Speedster, mit dem Opel vor ziemlich genau 25 Jahren mal einen echten Sturm angezettelt hat.
Ein Sturm namens Speedster
Auch, weil das ein Auto war, das bei Opel seit dem seligen GT keiner mehr erwartet hatte. Eines, das nur dem Fahren verpflichtet war, frei von jeder Vernunft und jedem Mobilitätsauftrag, aber dafür reichlich Leidenschaft: zwei Sitze und kaum mehr Stauraum als für eine Zahnbürste, Wechselwäsche und eine Kreditkarte für alle restlichen Erfordernisse der Reise. Keine Servolenkung. Kein ESP. Kein Komfort. Aber dafür auch keine Kilos, selbst die Fensterheber – natürlich mechanisch – waren ausgefräst, um ein paar Gramm zu sparen.

Der Speedster war kein typischer Opel, sondern ein kompromissloser Sportwagen mit Lotus-Technik, Leichtbau und jeder Menge Fahrspaß.
Bild: Dani Heyne
Wer heute durch einen Opel-Schauraum geht, findet solide Autos. Sauber konstruiert, vernünftig ausgestattet, effizient elektrifiziert und bisweilen sogar attraktiv gezeichnet. Aber eben auch austauschbar. Der Astra macht wenig falsch. Der Grandland ebenfalls. Selbst der Frontera erfüllt zuverlässig seinen Auftrag. Vernunft ist zum Markenkern geworden, und zwei GSE-Modelle allein können daran wenig ändern. Das ist wirtschaftlich nachvollziehbar – emotional allerdings bleibt wenig hängen.
Vor 25 Jahren war das anders. Da stellte Opel ein Auto auf die Räder, das sich anfühlte wie ein Betriebsunfall. Einer von der schönsten Sorte: Der Speedster passte in keine Produktplanung. Er passte nicht zur Marke und schon gar nicht zu den Erwartungen der Kundschaft. Genau deshalb wurde er zur Legende.
Ein Lotus mit Blitz
Er wurde ersonnen in einer Zeit, als General Motors und Lotus mal wieder gemeinsame Sache machen wollten. Der legendäre Lotus Omega war zwar da schon Geschichte, aber noch immer in feuriger Erinnerung. So entstand in Hethel eine Aluminiumplattform, die später auch den Lotus Elise trug. Opel steuerte Motoren, Design und den Mut bei, dieses Konzept tatsächlich mit einem Blitz auf den Markt zu bringen. Heraus kam kein verkleideter Lotus, sondern ein eigenständiger Charakter, der mehr Leidenschaft nach Rüsselsheim gebracht hat als die allermeisten Autos davor und danach.
Für die Leidenschaft mussten die Fans allerdings tatsächlich auch ein bisschen leiden. Das Stoffdach mit den dünnen Spriegeln wickelst du auf wie den Deckel einer Sardinenbüchse und opferst dabei jedes Mal einen Fingernagel. Und schon damals war das Einsteigen keine leichte Übung, weil es eher ein Anziehen war – so eng und unbequem ist der Zweisitzer. Und heute, 25 Jahre später, sieht die Sache nicht besser aus. Selbst wenn die paar Kilo mehr sogar ein bisschen helfen, weil dich die Schwerkraft wie von selbst in die engen Sitze zieht. Nur ans Aussteigen denkst du jetzt besser noch nicht.

Tief sitzen, Verdeck fummeln, Motor starten: Schon der Einstieg macht klar, dass der Speedster kein Auto für Bequeme ist.
Bild: Dani Heyne
Aber all das ist vergessen, wenn du den unscheinbaren Metallknopf oben auf dem erfreulich leeren Armaturenbrett drückst – aus einer Zeit, in der noch keiner etwas von einem Touchscreen wissen wollte und schon das Radio Aufpreis gekostet hat. Dann zündet in deinem Nacken ein Vierzylinder, und wenn du Glück hast, dann ist es sogar der Turbo: Statt 2,2 Litern und 147 PS stehen dann 2,0 Liter und 200 PS im Fahrzeugschein und lehren dich schon auf den ersten Metern, wie wenig es braucht, um glücklich zu sein in einem Auto. Zumindest, wenn das keine 900 Kilo auf die Waage bringt, keine Elektronik dein Erlebnis verfälscht und deinen Allerwertesten nicht viel mehr vom Asphalt trennt als der Stoff deiner Hose und das dünne Leder auf den Sitzen.
Jeder Meter ein Abenteuer
Auf dem Papier ist der Speedster heute allenfalls durchschnittlich: Die 4,9 Sekunden von 0 auf 100 parieren mittlerweile elektrische Kleinwagen, und 243 km/h sind für einen ernsthaften Sportwagen viel zu wenig.
Aber die Zahlen erzählen beim Speedster ja nur die halbe Geschichte: Das geringe Gewicht und seine direkte Art bringen alles zum Einsturz, was du dir bis dahin an PS-Koordinaten aufgebaut hast. Jeder Lenkimpuls wird unmittelbar umgesetzt. Jede Bodenwelle wandert ungefiltert durch das Chassis, schon einen Schatten auf der Straße spürst du bis ins Steißbein. Und mit jedem Gasstoß pumpst du mehr Adrenalin in die Blutbahn, das im Kopf genauso explodiert wie der Sprit in den Zylindern hinter dir.
Geschwindigkeit ist hier keine abstrakte Größe, sondern wird auf jedem Meter greifbar, und du misst sie nicht mit dem Tacho, sondern mit dem Schmerz, wenn die Fliegen auf der Stirn einschlagen.
Bereits auf der Landstraße entsteht dieses seltene Gefühl völliger Verbundenheit. Die Vorderachse spricht permanent mit dem Fahrer. Man spürt Asphaltkanten, Bitumenstreifen, unterschiedliche Fahrbahnbeläge. Das Lenkrad erzählt Geschichten, lange bevor das Auto überhaupt in die Kurve einlenkt.

Gerade mal knapp 900 Kilo Gewicht machen den Speedster bis heute zu einem der unmittelbarsten Fahrerautos seiner Zeit.
Bild: Dani Heyne
Moderne Sportwagen sind schneller. Deutlich schneller sogar. Sie verfügen über aktive Dämpfer, Hinterachslenkung, Torque Vectoring und Rechenleistungen, mit denen sich einst Raumsonden steuern ließen. Der Speedster besitzt nichts davon. Und genau deshalb wirkt er heute fast revolutionär.
Er fährt dich nicht, sondern er will gefahren werden, und verlangt auf jedem Meter deine Mitarbeit. Wer hektisch lenkt, wird bestraft. Wer sauber fährt, erlebt eine Leichtigkeit, die kaum ein aktuelles Auto noch vermittelt. Das geringe Gewicht macht jede Kurve zum Vergnügen. Bremsen, einlenken, Lastwechsel, Gas – alles geschieht ohne Verzögerung, ohne künstliche Filter, ohne elektronische Übersetzung. Das Auto antwortet unmittelbar.
Natürlich hat der Speedster Eigenheiten. Das Verdeck ist umständlich. Die Geräuschkulisse erinnert eher an Motorsport als an Reisen. Bei Regen wird Gelassenheit zur Tugend. Und wer größer als 1,90 Meter ist, entwickelt schnell ein sehr persönliches Verhältnis zur Windschutzscheibe. Aber genau das gehört dazu. Wer Komfort will, kann ja einen gebrauchten Cascada kaufen. Der Speedster will seinem Fahrer nichts abnehmen. Er verlangt Aufmerksamkeit und Konzentration und revanchiert sich dafür mit etwas, das selten geworden ist im Automobilbau: Authentizität.
Der Flop, der zum Klassiker wurde
Dumm nur, dass viele Opel-Kunden damit damals wenig anfangen konnten. Zwar war der Speedster nie dafür gedacht, Verkaufsrekorde aufzustellen, weil man auch in Rüsselsheim wusste, dass die 36.500 Euro für den Turbo damals zwar wenig Geld waren für einen Sportwagen mit dem Spaßfaktor eines 911 GT3, aber verdammt viel für einen Opel. Doch obwohl die Rüsselsheimer nur auf magere 10.000 Verkäufe gehofft hatten, wurden es am Ende gerade einmal 7207 Exemplare, bevor der Speedster im Juli 2005 nach gerade einmal vier Jahren eingestellt wurde.

Besonders begehrt ist heute der Speedster Turbo mit 200 PS, der den leichten Zweisitzer in unter fünf Sekunden auf Tempo 100 beschleunigt.
Bild: Dani Heyne
Heute dagegen hat er einen kleinen, aber dafür umso treueren Freundeskreis und zählt – zumindest unter den Opel-Modellen – zu den edleren Klassikern, für die Fans und Sammler je nach Motor und Zustand schon mal den Neupreis zahlen müssen. Wenn sie denn einen finden.
Mehr Mut statt mehr Vernunft
Wichtiger allerdings als die Leidenschaft der Opel-Fans wäre ein bisschen Aufmerksamkeit im Management. Vielleicht sollten sich die hohen Herren selbst einmal tief auf den Asphalt begeben und sich den Kopf vom Fahrtwind freiblasen lassen. Denn als authentisches, ehrliches und lustvolles Auto könnte der Speedster für Opel eine wichtige Lehre sein. Mit mehr oder minder überzeugenden Elektroautos, vernünftigen Familienkutschen und konsensfähigen Crossovern bleibt man zwar überlebensfähig, zugleich aber auch unsichtbar und irgendwann verzichtbar. Ein bisschen Wahnsinn hat der Marke immer gut gestanden. Autos wie der GT, die OPC-Palette oder eben der Speedster haben gezeigt, dass Rüsselsheim mehr zu bieten hat als nüchterne Rationalität.

Mit nur 7207 Exemplaren blieb ein Verkaufserfolg aus. Heute zählt der Speedster zu den begehrtesten Opel-Klassikern.
Bild: Dani Heyne
Ob es so weit noch einmal kommt? Die Chancen dafür stehen eher schlecht. Ja, sie haben einen Mokka GSE gebracht und lassen dem jetzt als neuen Hot Hatch auch einen heiß gemachten Corsa folgen. Doch den sehnlich erwarteten Manta-Nachfolger zum Beispiel haben sie verschoben – viele glauben sogar: auf den St.-Nimmerleins-Tag. Concept Cars wie das GSE Concept fahren nur auf der PlayStation, und von einem neuen Open-Air-Modell war schon ewig keine Rede mehr in Rüsselsheim.
Und doch werden zumindest ein paar Opel-Fahrer bald wieder den perfekten Sturm spüren und ein bisschen Speedster-Gefühl haben. Nicht auf einer Landstraße, sondern zwischen Betonmauern und Leitplanken. Und nicht mit einem 2,0-Liter-Turbo, sondern mit einem E-Motor.
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