Sechs Antriebe im Vergleich

Diesel, Benzin, Erdgas, Wasserstoff, Elektro, Hybrid: Test

Sechs Antriebe im Langstrecken-Test

Sechs AUTO BILD-Tester fahren mit verschiedenen Antrieben gleichzeitig von Hamburg nach München. Wer ist am schnellsten – und wer am günstigsten?
Wo bleibt Jan? Es ist Donnerstag, der 4. Oktober, es ist kurz nach 8 Uhr morgens, aber von Jan keine Spur. Wir haben Montag noch kurzfristig einen Tesla Model S klargemacht, einen Mietwagen. 950 Euro kostet so was für zwei Tage, 2000 Kilometer inklusive, Kollege Jan soll ihn abholen. Und jetzt stehen wir uns am Hamburger Hafen die Beine in den Bauch. Wo bleibt Jan? Stellen wir kurz den Rest der Truppe vor: Stefan hat über Nacht seinen Toyota Prius Plug-in an die Dose gesteckt, damit er die ersten Kilometer ohne Sprit fährt. Dennis war in aller Herrgottsfrühe mit seinem Hyundai Nexo an der Wasserstoff-Tanke, Tomas hat seinen BMW 520d noch schnell randvoll mit Diesel befüllt, Claudia gönnte ihrem Mercedes E 200 Super bis zum Anschlag und sich einen Kaffee – und Andreas ließ es bei seinem Audi A5 g-tron an der Erdgas-Tanke zischen. Alle da, alle startklar. Und endlich auch Jan.

Unser Marathon-Test geht über 780 Kilometer durch Deutschland

Handy-Stoppuhren auf null – und los geht's: Wir vergleichen sechs Antriebe auf der Langstrecke.

AUTO BILD-Klassenreise heißt die WhatsApp-Gruppe, die wir für unsere Tour gegründet haben. Da stehen auch die Spielregeln drin: Start am Schuppen 52 im Hamburger Hafen, Ziel an der Allianz-Arena in München. Wir nehmen die Zeit mit unseren iPhones und drücken nur bei Pipi- oder Kaffeepause auf Stopp, beim Tanken und Laden rennt die Uhr. In München machen wir die Tanks und Speicher wieder voll und wollen am Ende wissen: Wer hat wie lange gebraucht und wie viel Geld bezahlt? Einmal Deutschland-Tour mit sechs Antrieben. Diesel, Benzin, Erdgas, Wasserstoff, Plug-in-Hybrid und ein Stromer. Wer bringt uns am schnellsten zum Oktoberfest? Jan schon mal nicht. Da sind wir uns einig. Die von der Vermietung haben ihm tatsächlich ein Model S 60D mitgegeben, NEFZ-Reichweite 408 Kilometer, wurde nur bis April 2017 gebaut. Ein aktuelles Model S P100D hat bis zu 613 Kilometer gut. Okay, Kollege Jan ist unser Super-Streichelfuß, der kann sogar den NEFZ-Wert unterbieten. Aber er wird es machen wie alle Tesla-Fahrer: auf der Lkw-Spur sich von einer Ladestation zur nächsten schleichen, viel Spaß auch!

Dem Nexo fehlt nur noch ein dichteres Tankstellen-Netz

Hyundai setzt beim Nexo auf die Brennstoffzelle, den Wasserstoff dafür gibt es nur an 52 Tankstellen.

Apropos Verkehrshindernis: Um kurz vor 10 Uhr meldet sich Stefan vom Parkplatz, es geht um seinen Prius Plug-in-Hybrid. "41,1 Kilometer rein elektrisch geschafft, jetzt geht's mit Benzin weiter." Mit sagenhaften 162 km/h Spitze ist sein Toyota angegeben, morgens hat Andreas noch gefrotzelt: "Schafft mein Käfer mit Doppelvergaser-Tuning auch." Andreas sitzt im Audi A5 Sportback, gibt Erdgas. Und zwar so richtig. 170, 180, 190. Da, wo frei ist auf der A 7, drückt er auf die Tube. Und wundert sich: "Eigentlich ist hier Dauerstau weil Dauerbaustelle. Nur heute nicht!" Läuft wirklich gut, die AUTO BILD-Klassenreise. Nach etwas mehr als 300 Kilometern die erste Tank- und Kaffeepause für Erdgas-Andi. Er schreibt in die Gruppe: "Ich hab die beste Tankstelle Deutschlands entdeckt. Am Lohfeldener Rüssel gibt es Schnelllade-Strom, Erdgas, Autogas, Wasserstoff, Benzin und Diesel sowieso, aber auch einen Hundenapf mit Wasser. Das ist AUTO vorBILDlich!" Dennis fährt mit seinem Nexo vor, als Andreas gerade 22,38 Euro für die erste Erdgas-Ladung zahlt. Kollege Dennis ist so etwas wie der Anton Hofreiter dieser Klassenreise, der Grüne neben all den Vernichtern fossiler Ressourcen. In den Nexo-Tank kommen kurz vor Kassel vier Kilo Wasserstoff, hinten raus kam bis dahin nur Wasser; mehr öko wäre nur 'ne Fahrradtour.
Ist aber auch nicht billig. Das Auto kostet schon mal knapp 70.000 Euro, damit sind wir Otto-Normal-Verdiener raus. Fürs Kilo Wasserstoff zahlt Dennis deutschlandweit einheitliche 9,50 Euro, so kosten die 320 Kilometer von Hamburg nach Kassel schon mal 38,10 Euro. Dafür war Dennis aber auch nicht Schmidtchen Schleicher, fuhr 140 oder 150 Sachen. Und schon beim Boxenstopp hat er ein Lächeln drauf: "Tolles Reiseauto, nur ab 130 km/h zu hohe Abrollgeräusche der 245er-Reifen im 19-Zoll-Format." Was er erst später an der Arena sagt: "Es gibt zwar aktuell 52 Wasserstoff-Tankstellen, aber ich konnte heute zwei wegen eines Defekts nicht anfahren."

Mit dem Tesla verbringt man über zwei Stunden an der Ladesäule

Das kostet Zeit: Das Model S braucht vier Stopps zum Laden, aber immerhin zahlt Tesla den Strom.

Was macht der andere Öko? Oder: Wo bleibt Jan? Wartet und trinkt Kaffee. Der Kollege hat zu Beginn der Tour eine genaue Reiseplanung im Tesla-Navi erhalten. Grob gesagt soll er nicht dann laden, wenn der Akku alle ist, sondern ruhig früher. Und auch nicht 45 Minuten, bis theoretisch ein leerer Akku auf 80 Prozent wäre, sondern auch mal nur 15 Minuten. Am Abend wird Jan bei Schweinshaxe und Bier Bilanz ziehen: "Vier Ladestopps, Nummer eins nach 213 Kilometern und bei einem Akku-Rest von 19 Prozent 40 Minuten geladen. Stopp zwei nach 337 Kilometern, Akku-Stand 61 Prozent, 25 Minuten geladen. Nummer drei nach 550 Kilometern, da hatte die Batterie 36 Prozent Rest, 36 Minuten an der Säule. Kurz vor München, bei Kilometer 744, noch mal 33 Minuten geladen trotz Akku-Rest von 42 Prozent." Jan zahlte an der Schnellladesäule von Tesla nichts. Das Test-Model-S wurde vor dem Sommer 2018 erstmals zugelassen, profitiert damit vom einst angebotenen Gratis-Laden. In diesem Vergleich haben wir den Tesla im Kosten-Kapitel auf Platz eins gesetzt, aber der Vergleichbarkeit halber die Kilowattstunde mit 37 Cent berechnet, die jedes andere E-Auto im Schnitt zahlen muss. 134 Minuten hat der Kollege an den Ladestationen Rast gemacht, aber keine Angst, lieber Jan, ziehen wir dir nicht von der Arbeitszeit ab, warst ja im Dienst der Wissenschaft unterwegs.

Als ausdauerndes Reiseauto ist der BMW die erste Wahl

Besser nicht abschreiben: Der Diesel fuhr als Einziger nonstop bis München – so geht Langstrecke.

Zurück auf die A 7. Irgendwann gegen Mittag meldet sich Claudia, die Kollegin mit der E-Klasse. "Bei Kilometer 460 ist es passiert: Musste in der Rhön 48,38 Liter Super nachtanken", schreibt sie. Ihr Vierzylinder-Benziner ist ja eigentlich ein anschmiegsamer Gleiter, sagt Claudia, aber ab 190 km/h dringen vermehrt Windgeräusche in den Innenraum, und dann sind auch die hohen Drehzahlen des Vierzylinders nicht zu überhören. Hey, Claudia! Wir flüstern dir noch ganz was anderes: Bei diesem Tempo säuft der auch. Über 48 Liter für 460 Kilometer – Pi mal Daumen ist dein Verbrauch zweistellig! Einen haben wir völlig aus den Augen verloren: den Kollegen mit dem Diesel, den im BMW 520d. Und an dieser Stelle müssen wir Ihnen sagen, dass wir morgens noch über unseren "Hirschi" gelacht haben. Klar, über Chefs lacht man gern, aber Tomas hat sich doch tatsächlich belegte Brote, Getränke und Nüsse eingepackt und sein Hörbuch über Spotify geladen. "Weil ich als Einziger durchfahren werde", hat er noch gescherzt. Jetzt rufen wir ihn an: "Wo bist du?" – "Schon hinter Ingolstadt. Kann ich noch 'nen Abstecher in die Alpen machen? Der Tank gäbe es her." Wir so: "Nee, du fährst mal schön zur Arena und guckst dir an, wo deine Gladbacher am Wochenende die Kiste vollkriegen." Wie gut, dass wir von AUTO BILD über Autos schreiben und nicht über Fußball ...
Nach 6:20 Stunden ist Tomas am Ziel. Erster! Er drückt auf die Stoppuhr und fährt zur Tanke, knapp 60 Liter Diesel hat er verbraucht. Igitt, Diesel, so ein Stinker! Werden die Ökos jetzt sagen. Wir halten dagegen: Partikelfilter, Harnstoff-Einspritzung, SCR-Kat, Euro 6d-Temp. Also sauber, und 7,7 Liter auf 100 km/h trotz viel Vollgas gehen so was von in Ordnung! 17 Minuten später kommt Claudia ans Ziel. Sie ist Letzte im Kostenkapitel: 126,23 Euro – der Benziner kann zwar Langstrecke, spart aber nicht.

Defekte CNG-Zapfsäulen zwingen den Audi zu Umwegen

Der Audi zeigt in seinem Navi zwar Erdgas-Tankstellen an, zwei von fünf angefahrenen waren aber defekt.

Nach 7:09 Stunden steigt Andreas aus dem Audi aus und flucht: "Staatsamateure! Fünf Erdgas-Tankstellen angefahren, zwei waren defekt. Die letzte Station funktionierte zwar, aber da war das Herren-Klo kaputt." Das Audi-Navi zeigt die CNG-Tankstellen an der Route an, aber wenn da eine kaputt ist, gehst du in die Umkreissuche – und fährst Umwege, so ein Ärgernis. 20 Minuten später, nach 7:29 Stunden, kommt die Überraschung ins Ziel. Der Wasserstoff-Hyundai hängt den Toyota-Hybriden um 48 Minuten ab – trotz des dünnen Tanknetzes. Als die Sonne untergeht und die Arena in leuchtendem Rot erstrahlt, da fragen wir uns wie schon am Morgen: Wo bleibt Jan? Knapp vier Stunden nach dem Diesel, nach 10:04 Stunden, rollt der Tesla ins Ziel. Wenn Strom irgendwann mal das neue Diesel ist, dann wird langsam das neue schnell.
Andreas May

Andreas May

Fazit

Wer häufig Langstrecke fährt, kauft Diesel. Moderne Autos erfüllen die Euro-6d-Temp-Norm, sind sauber. Erdgas ist der Geheimtipp, Elektroautos sind auf Langstrecke etwas für Menschen mit viel Zeit.

Autoren: Tomas Hirschberger, Andreas May

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