Direktkauf vom ID.3 in China: lohnt sich das?
VW ID.3 aus China für 33 Prozent unter Listenpreis – ein Schnäppchen?

Bild: China Crunch
Internet-Shopping kann so einfach sein: ein neuer VW ID.3 gefällig? Frisch aus China, da werden die auch gebaut. Einfach das Häkchen bei "add to shopping cart" setzen, und schon ist das Elektroauto von VW aus chinesischer Fertigung im Einkaufswagen. Das Portal "China Crunch" bietet dieses und andere E-Autos an. Dort kostet das VW-Modell 23.270 US-Dollar, umgerechnet 19.968 Euro.
Der Grau-Importeur hat in der ersten Jahreshälfte weltweit 7000 Autos verkauft, teilt sein Management mit. Davon 40 Prozent in Europa. Ein Geheimtipp?
Jedenfalls scheint der ID.3 ein tolles Schnäppchen im Vergleich zum regulären Preis bei VW zu sein: Direkt aus dem Werk Zwickau gibt es das gleiche kompakte E-Auto – inklusive der aktuellen "Kaufprämie" für ID-Modelle – hierzulande erst ab 29.830 Euro. Der China-Rabatt beträgt also rund 33 Prozent. Fast 10.000 Euro gespart. Und wie kriege ich nun mein Auto?
Es kommen ein paar Kosten-Posten dazu
Nach dem Shopping kommt das Shipping: Das Auto geht in die Seefracht, teilt die Plattform mit. In 20 bis 40 Tagen soll es in Europa ankommen. Wo? "Lieferung direkt vor die Tür", sagt Jakub Gersl, Geschäftsführer (COO) des Unternehmens. Na also, immer her damit!

Beim offerierten VW ID.3 handelt es sich um ein Modell von 2024. Das heißt auch, dass der Neuwagen inklusive Akku schon einige Zeit ungenutzt herumstand.
Bild: Tom Salt / AUTO BILD
Halt, das Internet-Autohaus aus Fernost empfiehlt ein paar Zusatz-Services: "Homologation" für Europa, pauschal 3000 US-Dollar. Das betrifft passendes Licht, Hupe etc. – und ist zwingend vorgeschrieben, sonst kann ich den Wagen hier nicht zulassen. Also besser mitbestellen.
Außerdem rüstet China Crunch gegen Gebühr noch Adapter für Typ 2 (Wechselstrom), plus 400 Dollar, sowie für Schnelllade-Stecker CCS (Gleichstrom) plus 990 Dollar nach. Die Kosten-Posten machen zusammen 4390 Dollar, sprich 3765 Euro.

So sieht der Autokatalog des chinesischen Online-Portals aus: Neuwagen kaufen wie Bücher oder Klamotten.
Bild: China Crunch
Schließlich kommt noch die Zolldeklaration in Rotterdam oder einem anderen EU-Einfuhrhafen dazu: 400 Dollar pauschal für die Import-Formalitäten – möchte man nicht selbst machen. Sind dann insgesamt 4108 Euro. Das addiert sich alles zusammen auf 24.076 Euro. Das reduziert die Ersparnis schon mal um fast die Hälfte. War's das? Nicht ganz.
Import-Zölle sind auch noch zu bezahlen
Denn jetzt schließt sich noch etwas Politik an: die Zölle! Seit 31. Oktober 2024 erhebt die EU Strafzölle auf Elektroautos aus China, vorläufig auf fünf Jahre befristet. Das betrifft auch Erzeugnisse europäischer Marken. Laut EU-Liste werden auf meinen ID.3 made in China 20,7 Prozent aufgeschlagen. Also kommen noch mal 4133 Euro hinzu. Ergibt Kosten von insgesamt 28.209 Euro.

China Crunch will im ersten Halbjahr 2025 rund 7000 Neuwagen aus China in alle Welt verkauft haben. Davon gingen 40 Prozent nach Europa, teilt die Firma mit.
Bild: China Crunch
Damit schrumpft der Preisunterschied zwischen deutschem und chinesischen ID.3 auf rund 1500 Euro zusammen – denn beim neuen E-Auto aus Deutschland kommen ja noch die Überführungs- oder Auslieferungskosten hinzu, die zum Beispiel bei Abholung aus der Autostadt 940 Euro betragen.
Und wie verhält es sich mit Einfuhrumsatzsteuer? "Das obliegt der Verantwortung des Kunden", teilt China Crunch ausweichend mit. Tatsächlich spricht alles dafür, dass auf den Neuwagen zusätzlich zum Zoll noch 19 Prozent Mehrwertsteuer zu entrichten ist. Das wären weitere 4574 Euro. So kommt ein Endpreis von 32.783 Euro zusammen. Das sind 2953 Euro mehr, als der ID.3 aus Zwickau kostet!
Die China-Garantie ist deutlich niedriger
Der China-VW ist also am Ende der Reise teurer als das deutsche Produkt. Und es gibt weitere Fragen: Wie sieht es mit Garantie aus? VW gibt acht Jahre oder 160.000 km Garantie auf den Akku – aber nicht bei einem Grauimport wie dem China-ID.3.
Tatsächlich findet sich dazu etwas im Kleingedruckten: "Der Hersteller bietet 100.000 km oder drei Jahre Garantie." Das ist deutlich weniger als bei einem Exemplar, das man in Deutschland kauft. Es kommt aber noch dicker: "Wenn Sie eine Garantieforderung haben, stellen wir gern den Kontakt zum Produzenten her."
Akzeptiert das Werk die Reklamation, muss man "beim Versand in Vorleistung" gehen. Versand? Genau: Garantiefälle werden in China bearbeitet. Die Instandsetzung dort dauere 1 bis 3 Wochen. Kleiner Trost: China Crunch betreibt ein Service-Center in Prag, das auch Reparaturen anbietet. Der Transport in die tschechische Hauptstadt kostet gewiss erheblich weniger ...

Der Tesla Model Y, den China Crunch im Internet anbietet, ist ein Vor-Facelift-Exemplar.
Bild: Tom Salt/AUTO BILD
Auch Software-Updates gibt es keine
Volkswagen bestätigt auf Rückfrage gegenüber AUTO BILD: Bei Grauimport eines Elektroautos aus China gibt es keine deutsche Garantie. Von Kulanz ganz zu schweigen. Käufer haben auch keinen Anspruch auf Software-Updates vom benachbarten VW-Händler.
Es muss natürlich kein VW sein. So bietet China Crunch zum Beispiel auch Tesla Model Y des Baujahrs 2024, also Bestandsfahrzeuge vor dem Facelift, für umgerechnet 31.955 Euro. Auch hier empfiehlt sich Anpassung an den deutschen Markt etc. Rechnet man das sowie die sieben Prozent Strafzoll sowie 19 Prozent Einfuhrumsatzsteuer hinzu, landet man bei mehr als 44.000 Euro. Das sind über 1000 Euro mehr, als vergleichbare Exemplare offiziell bei Tesla Deutschland kosten.
Fazit
Neuwagen im Internet zum Kauf anzubieten wie Bücher oder CDs, das ist ja schon verrückt. Aber die Preismasche von China Crunch schlägt dem Fass dann den Boden aus. Auf den ersten Blick ein Knaller, auf den zweiten ein Rein-Faller: Addiert man alle "Nebenkosten" dazu, liegt der Endpreis weit über dem für regulär in Europa gekaufte E-Autos. Und hinzu kommen ungeklärte Fragen zu Wartung und Instandsetzung. Die Krone wird der Sache dann durch die Garantie aufgesetzt: Sie ist erheblich knickriger als die von EU-Unternehmen – und zudem auch noch in China angesiedelt! Da bekommt das Wort "Reichweitenangst" eine ganz neue Bedeutung ... Mein Fazit: Finger weg!
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