Für Elektroautos gelten viele Sonderregeln – auch im Pannenfall! Denn bleibt ein E-Auto liegen, ist nicht einfach mit einem Reservekanister voll Sprit geholfen. Auch Abschleppen lässt sich ein Elektroauto nur in Ausnahmefällen.
Umgekehrt ist ebenfalls Vorsicht geboten: Auch ein Elektroauto kann nicht ohne Weiteres in der Pannenhilfe für einen liegen gebliebenen Verbrenner eingesetzt werden. AUTO BILD beantwortet die wichtigsten Fragen!

Hyundai, der ADAC und mobiles Notfall-Laden

Hyundai und die ADAC Service GmbH (nicht die ADAC Pannenhilfe) haben in Hamburg und Duisburg eine mobile Ladehilfe getestet. Ziel war es, so ADAC-Sprecher Christian Buric, das Aufkommen von Pannensituationen in den beiden Großstädten mit unterschiedlich ausgeprägter Lade-Infrastruktur zu untersuchen.
Hyundai IONIQ Mobile Charger
Der Ioniq Elektro Mobile Charger spendet dem havarierten Fahrzeug aus der eigenen Batterie Strom.
Ein Hyundai Ioniq – selbst ein vollelektrisches Fahrzeug – eilte mit einem Mobile Charger an Bord gestrandeten E-Autos zu Hilfe. Im sogenannten V2V-Charging (Vehicle to Vehicle) verabreichte der Ioniq aus seiner Batterie dem Havaristen neuen Saft. Geladen wurde mit Gleichstrom (DC-DC), genutzt wurde ein CCS-Stecker (Combined Charging System).

Was tun, wenn das E-Auto liegen bleibt?

Wie vermeidet man das Liegenbleiben?

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Einfach aufs Auto hören bzw. die Ladestandsanzeige und Reichweiten-Prognose beachten. Jedes E-Auto hat einen Bordcomputer, der in der Regel deutlich auf eine drohende leere Batterie hinweist und den Weg zur nächsten erreichbaren Ladesäule beschreibt. Diese Signale sollte man keinesfalls ignorieren, auch wenn es Zeit kostet.

Kann man ein E-Auto einfach abschleppen?

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Normalerweise nicht. Elektroautos lassen sich nicht gefahrlos abschleppen, weil meist über mindestens eine Achse Energie im Elektromotor erzeugt wird. Fließt die Energie im E-Motor ohne aktiviertes Bordsystem, kann es zu hohen Induktionsspannungen kommen, die die Steuerungselektronik schädigen. Daher muss ein E-Auto in der Regel verladen werden.

Kann ich mit dem E-Auto ein anderes Auto abschleppen?

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Grundsätzlich geht das, aber über längere Strecken ist es riskant: Das Abschleppen bedeutet für den Fahr-Akku eine erhebliche Belastung. Er leert sich erheblich schneller, sodass die Reichweite nur noch einen Bruchteil des gewohnten Aktionsradius beträgt. Daher haben die meisten Elektroautos auch keine Anhängerkupplung – bereits das Ziehen eines leichten Anhängers saugt den Akku in Rekordzeit leer. Die Reichweite sinkt dann schon um bis zu 70 Prozent. Es ist also davon auszugehen, dass selbst mit vollem Akku ein tonnenschwerer Havarist nur wenige Kilometer weit geschleppt werden kann, bis auch der abschleppende Wagen nicht mehr vom Fleck kommt.

Bleiben E-Autos oft liegen?

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Nein. Der ADAC hat 2021 in seiner Pannenstatistik eine Sonderauswertung für Elektroautos durchgeführt. Danach waren Elektroautos bisher überdurchschnittlich zuverlässig: Bauartspezifische Baugruppen wie Akku, Elektromotor oder Ladetechnik machten nur 4,4 Prozent der Pannen aus. Allerdings wies der 12-Volt-Bordakku, der zusätzlich zum Hochvolakku in jedem Elektroauto installiert ist, verhältnismäßig oft einen Defekt auf: 54 Prozent aller Panneneinsätze bei E-Autos betraf diese kleine Starterbatterie. Damit fiel sie bei Elektromobilen höher aus als bei Verbrennern (46 Prozent der Pannenursachen).

Wer hilft bei einer Panne mit einem Elektroauto?

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In vielen Fällen helfen die Hersteller im Rahmen ihrer Mobilitätsgarantie. Wie das Portal elektroautomobil.com in einer Umfrage herausfand, kann man den Wagen meist zu einem Service-Partner, einer Ladestation oder auch nach Hause transportieren lassen. Die Notdienstkräfte sind zumeist speziell für Elektroautos geschult, viele Hersteller bieten einen Leihwagen als vorübergehenden Ersatz an.

An wen kann ich mich außerdem wenden?

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An die Pannenhelfer der Automobilklubs. Die "gelben Engel" vom ADAC etwa sind im Umgang mit Elektroautos geschult und wissen in jedem Fall Rat. Ist eine E-Auto-erfahrene Werkstatt in der Nähe, kann auch die helfen. Hilfsbereite Passanten sollten klare Anweisungen bekommen.

Was darf man bei einer E-Auto-Panne keinesfalls tun?

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Selbst an der Hochvolt-Anlage des Fahrzeugs "herumspielen". Vereinfacht ausgedrückt sind alle orangefarbenen Kabel unter dem Blech des eigenen E-Autos tabu. Ausnahmen gelten nur für erfahrene Spezialisten. Alle anderen sollten bei einer Panne so einen Spezialisten rufen. 

Gibt es einen mobilen Lade-Service?

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Ja, Hyundai und der ADAC haben seit 2019 sogenanntes Mobile Charging in Hamburg und in Duisburg getestet. Das Autohaus Sangl in Landsberg am Lech hat ebenfalls eine rollende Ladestation im Fuhrpark. BMW i schickte unter der Bezeichnung Mobile Recharger Service fahrende Helfer in Ballungsräumen in den Einsatz. Diese wurden jedoch bis 2020 in den Ruhestand versetzt – mangels Nachfrage.

Können alle E-Autos mobil aufgeladen werden?

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Nein, nur die, die mit Gleichstrom betankt werden können. Der Renault Zoe gehört beispielsweise nicht dazu; der Nissan Leaf, der Hyundai Ioniq und die Tesla-Modelle schon.

Welche weiteren mobilen Ladelösungen gibt es?

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Es gab mehrfach Versuche einer Elektroauto-Pannenhilfe, doch bisher konnte sich kein Anbieter etablieren. Neuerdings will das Start-up ETree aus Stuttgart Stromspende für Elektroautos per Batterie-Wagen anbieten. Die kleinen Fahrzeuge parken notfalls auch auf Gehwegen und in engen Höfen, um den Ladevorgang zu ermöglichen. Sie lassen sich per App bestellen und liefern Ökostrom. Was das kosten soll, ist noch nicht bekannt.
Das britische Start-up ZipCharge bietet eine große Powerbank, die wie ein Rollkoffer aussieht. Sie soll im Laufe des Jahres in Europa verfügbar sein. Man kann diesen unter 25 Kilo schweren Akku im Kofferraum mitführen. Wer ihn für eine Stunde beim Auto andockt, lädt Strom für rund 65 Kilometer. Im Monats-Abo soll ZipCharge 57 Euro kosten, ein Kaufpreis steht noch nicht fest.

Kann ich mit dem E-Auto einem Verbrenner Starthilfe geben?

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Gerade im Winter passiert das häufig: Die Starterbatterie streikt, weil die Kälte den Elektronenfluss hemmt und nicht mehr genügend Energie zur Verfügung steht, um den Anlasser zu drehen. Kann man nun mit einem Elektroauto dem Verbrenner Starthilfe geben? Der ADAC gibt zu bedenken: "Starthilfe sollte grundsätzlich nur zu einem Pannenfahrzeug erfolgen, das über eine kleinere bzw. gleich große Batterie verfügt. Hauptsächlich, damit eine Überlastung der Spenderbatterie und der elektrischen Bordnetze vermieden wird." Maßgeblich sind die Amperestunden: Hat das liegen gebliebene Fahrzeug eine größere Batterie als das Stromspender-Elektroauto, dürfen Sie nicht überbrücken. Ansonsten riskieren Sie, dass der Zwölf-Volt-Akku des E-Mobils leergesaugt wird. Dann wären Sie der nächste Pannen-Kandidat!

Das speziell ausgestattete Ladefahrzeug lud mit einer Leistung von maximal 20 kW. Damit erhielt das liegen gebliebene Elektroauto innerhalb von 15 Minuten eine Reichweite von etwa 25 Kilometern – genug, um die nächste Ladestation zu erreichen.
Ein eigener Notfall des Ioniq war ausgeschlossen: Sobald sein Ladezustand unter 30 Prozent sank, wurde der Hilfevorgang automatisch abgebrochen.