Neue Autos werden immer sicherer. Damit das so bleibt, werden auch die Anforderungen an neue Pkw stetig erhöht: Seit Anfang 2026 verlangt die Sterne-Wertung der Prüforganisation Euro NCAP diverse neue Tests. Der ADAC hat als Euro-NCAP-Mitglied in sein Testzentrum in Landsberg geladen, um die neuen europäischen Sicherheitsmaßstäbe zu veranschaulichen. AUTO BILD war exklusiv vor Ort!
Auf dem Programm: ein Crashtest mit einem chinesischen MG3. Neu ist in diesem Fall, dass der Wagen mit Tempo 35 km/h gegen die Barriere "geschossen" wird – früher war nur ein Frontalcrash mit 50 km/h im Prüfprogramm enthalten.

So verlief der Crashtest

Mit einem gewaltigen Knall schlägt der MG3 in die blaue Crashbarriere ein. Zerbeultes Blech an der Front, gesplittertes Glas, in der Fahrgastzelle sieht es gut aus: Bei einem vorhergehenden Test löste sich beim Aufprall der Fahrersitz des MG3 aus der Verankerung, diesmal bleibt er an seinem Platz. Direkt nach dem Versuch rufen die ADAC-Verantwortlichen bei der Rettungszentrale an: Entwarnung! Das Rettungssystem eCall hat den vermeintlichen Unfall registriert und automatisch die zuständigen Retter alarmiert.
ADAC-Crashtest Euro NCAP 2026 Landsberg
Die zerstörte Front des MG3 nach dem Frontalaufprall mit 35 km/h.
Bild: ADAC/ABGEDREHT

Unfälle bei geringer Geschwindigkeit gefährlich für Senioren

Warum nun eine niedrigere Geschwindigkeit beim Crashtest? Volker Sander, ADAC-Experte für Fahrsicherheit, zu AUTO BILD: "Bei der Auswertung von echten Unfällen ist uns aufgefallen, dass niedrigere Geschwindigkeiten oft schwerere Verletzungen bei den Insassen hervorrufen als bei 50 km/h. Der Grund: Bei diesem Tempo nimmt die Crashstruktur des Fahrzeugs weniger Energie durch Verformung aus dem Aufprall, die Kräfte werden ungebremst auf die Insassen übertragen und die Rückhaltesysteme sind nicht für diesen Lastfall ausgelegt. Besonders Senioren sind bei solchen Unfällen gefährdet."
Euro NCAP unterteilt mit den neuen Regeln die Fahrzeugsicherheit künftig in vier Bereiche: sicheres Fahren, Unfallvermeidung, Unfallschutz und Rettung nach dem Unfall. Jeder Bereich wird einzeln bewertet, bestimmte Mindestwerte in den Teilbereichen müssen für die Bestnote "fünf Sterne" erfüllt werden.
ADAC-Crashtest Euro NCAP 2026 Landsberg
Zahlreiche Hochgeschwindigkeitskameras zeichnen den simulierten Unfall aus verschiedenen Blickwinkeln auf.
Bild: ADAC/ABGEDREHT

Neu: Praxistests im echten Straßenverkehr

Auch Praxistests stehen auf dem Programm. Der Grund: Moderne Fahrzeuge könnten erkennen, dass sie gerade ein Testszenario durchlaufen, und möglicherweise ihr Verhalten anpassen – in der Vergangenheit auf Abgas-Prüfständen bereits vorgekommen. Um diese Möglichkeit auszuschließen, werden im Rahmen der neuen NCAP-Richtlinien jetzt auch Prüffahrten im echten Straßenverkehr durchgeführt.
Mindestens 2000 Kilometer in drei verschiedenen Ländern muss ein Auto die Funktion seiner Fahr-Assistenzsysteme nun unter Beweis stellen. Falschmeldungen zu Tempolimits oder unnötiges Eingreifen von Hilfssystemen werden künftig mit Punktabzug bestraft. Ein weiteres Augenmerk gilt der Bedienung von Fahrzeugen: Gibt es physische Schalter für wichtige Funktionen? Lenken umständliche Menüführung oder Touchscreen den Fahrer unnötig ab? In diesem Fall droht ebenfalls eine schlechtere Bewertung.
ADAC-Crashtest Euro NCAP 2026 Dummies
Mit diversen Attrappen prüft der ADAC die Assistenzsysteme von Autos.
Bild: Raphael Schuderer
Wie sich ein Auto nach einem Crash verhält, wird im Bereich "Rettung nach dem Unfall" untersucht – vor allem bei E-Autos relevant. Wird die Antriebsbatterie vom Stromnetz abgekoppelt? Kommt es zu einem Fahrzeugbrand? Fahren in die Karosserie versenkte Türgriffe nach einem Unfall automatisch aus? Mit wie viel Kraft lassen sich die Türen öffnen? Die Auswertung all dieser Fragen bestimmt letztendlich, wie das getestete Fahrzeug beim neuen Crashtest abschneidet – und wie sicher das Fahrzeug unterm Strich ist.

Fazit

von

Raphael Schuderer
Die neuen Testkriterien sind ein großer Fortschritt für die Sicherheit. Vor allem die Fahrtests im echten Verkehr können Probleme aufzeigen, die sonst nicht auffallen würden. In Zukunft wird es schwieriger, die Höchstwertung von fünf Sternen bei Euro NCAP zu ergattern. Aber das kommt der Gesundheit der Autofahrer, ihrer Passagiere und aller anderen Verkehrsteilnehmer zugute.