Letzte Chance? Die deutschen Hersteller wollen raus aus den Negativschlagzeilen. Auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in München zeigen sie ihre neuen Modelle. Können die wirklich eine Trendwende einleiten?

BMW "Neue Klasse" iX3

Am besten steht es derzeit um BMW. Die Zahlen der Münchner sind stabiler als bei der Konkurrenz, und die Strategie, Verbrenner und Elektroautos auf einer gemeinsamen Plattform anzubieten, hat sich bewährt. Mit der neuen Fahrzeuggeneration – der Neuen Klasse – soll nun alles noch besser werden. Jahrelang vorbereitet, gilt sie als Vermächtnis und Gradmesser des scheidenden Vorstandschefs Oliver Zipse.
BMW iX3
Sie hat BMW in den 60ern aus der Krise geführt – und soll die Marke nun erneut transformieren: die "Neue Klasse".
Bild: BMW
Das Besondere: Herzstück ist nicht mehr allein der Antrieb, sondern eine neue Softwarearchitektur. Das "Software Defined Vehicle" (SDV) wird in der Branche als Gamechanger gehandelt. Bislang waren viele digitale Systeme in Autos eher ein Ärgernis: kompliziert, fehleranfällig, unzuverlässig. BMW hat den Knoten mit dem ersten Modell der Neuen Klasse, dem iX3, offenbar durchschlagen. Erste Tests zeigen: bis zu 20-mal höhere Rechenleistung und KI-gestützte Funktionen unterstützen den Fahrer endlich sinnvoll, ohne ihn zu nerven oder zu überfordern. Damit könnten die Münchner erstmals auch bei der Software die chinesische Konkurrenz in Schach halten, die beim SDV bisher die Nase vorn hatte.

Mercedes CLA und GLC

Auch Mercedes will beim Softwareauto aufholen und bringt in München den neuen Mercedes CLA und die nächste Generation des GLC. Beide basieren auf modernen 800-Volt-Architekturen, die schnelleres Laden und effizientere Technik ermöglichen. Anders als BMW wirkte der Kurs der Stuttgarter zuletzt jedoch unklar: Luxusstrategie hier, Design-Experimente dort – mit Flops wie EQS und EQE, die bei den Kunden durchfielen. Auch die ambitionierte Elektroplattform MB.EA wurde wieder gestoppt.
Mercedes GLC
Gesicht aus den 60ern und 70ern mit neuer Technik: Mercedes GLC.
Bild: Mercedes
Jetzt heißt das Rezept: Rückbesinnung auf Bewährtes. Der CLA zeigt ein gefälligeres Design, der GLC trägt einen neu interpretierten Retro-Kühlergrill, der an die glanzvollen Mercedes-Jahre der 60er und 70er erinnert. Dahinter steckt ein klarer Plan: Technologieoffensive mit Anknüpfung an Tradition. Unser erster Test zeigt: Mercedes ist mit dem CLA technisch konkurrenzfähig – auch auf dem wichtigsten Elektroauto-Markt China, wo die Marke zuletzt schwächelte.

VW ID.Polo und Audi TT

Am heftigsten schlingerte Volkswagen. Modelle wie der VW ID.3 starteten mit Softwareproblemen und enttäuschten in der Qualität. Inzwischen hat Wolfsburg nachgebessert und bei umstrittenen Bedienlösungen wie den berührungsempfindlichen Lenkradtasten zurückgerudert. Auch das Namenschaos zwischen E-Autos und Verbrennern wird beendet: Aus dem ID.2 wird nun der ID.Polo – sofort verständlich.
VW ID.Polo
Wieder verständlich: aus VW ID.2 wird VW ID.Polo.
Bild: VW
Audi macht es ähnlich und verabschiedet sich von kryptischen Bezeichnungen, setzt wieder auf Klartext. In München zeigen die Ingolstädter eine TT-Studie, die an bessere Zeiten anknüpfen soll.
Audi Concept C
Zurück zu besseren Zeiten mit dem Concept C, das an den Audi TT erinnert.
Bild: Audi
Für die große Kundschaft im Heimatmarkt setzt VW zudem auf Vertrautes: DerVW T-Roc, Deutschlands meistverkauftes Kompakt-SUV, kommt in zweiter Generation. Er wirkt hochwertiger, bleibt aber vor allem eine Preisfrage. Denn stärker als BMW oder Mercedes wird VW am Geldbeutel gemessen. Und genau da droht Gefahr: Gegen chinesische Rivalen wie BYD, die mit aggressiven Preisen und massiver Förderung auftreten, ist der Standort Deutschland im Nachteil.

Fazit

Die IAA zeigt: Technologisch schließen die deutschen Hersteller wieder auf – in manchen Bereichen geben sie sogar wieder den Takt vor. Und sie haben auch bei Namensgebung, Design und Qualität zurück in die Spur gefunden. Doch zwei Risiken bleiben: Zeit und Geld. Der enorme Druck durch den rasanten Technologiewandel, bei dem die Deutschen bisher schwankend hinterherliefen. Und der Preis. Autos „Made in Germany“ sind schlicht zu teuer geworden. Ohne politische Unterstützung, etwa bei Energiepreisen, Standortkosten und Handelsbedingungen, droht das Dilemma: Wir bauen die besten Autos, aber kaum jemand kann sie sich leisten.