Mit dem Utopia (interner Code C10) präsentiert Pagani eine völlig neue Baureihe – nach Zonda (C8) und Huayra (C9) passiert das erst zum dritten Mal. Zwar hat der italienische Supersportwagenhersteller in den vergangenen Jahren immer wieder neue Modelle ausgeliefert, es handelte sich dabei jedoch stets um neue Versionen der bereits bekannten Autos.
Nach dem Zonda im Jahr 1999 und dem Huayra im Jahr 2012 beginnt mit dem Utopia nun ein neues Kapitel. Ein Kapitel, in dem Pagani zu seinen Wurzeln zurückkehrt!

Keyfacts zum Pagani Utopia

● V12-Biturbo von Mercedes-AMG
● 864 PS und 1100 Nm zwischen 2800 und 5900 U/min
● kein Hybridsystem
● Topspeed 350 km/h
● 1280 Kilo Leergewicht
● wahlweise 7-Gang-Handschaltung oder sequenzielles 7-Gang-Getriebe
● 99 Stück werden gebaut
● Basispreis ab 2,56 Millionen Euro
● Serie schon komplett ausverkauft
● Marktstart im Sommer 2023
● Roadster und Sonderversionen sollen folgen

864 PS aus einem sechs Liter großen V12-Biturbo treffen auf 1280 Kilo Leergewicht – damit ist die Frage nach der Power schon beantwortet. Den Utopia nur auf seine Leistung zu reduzieren, wäre jedoch falsch. Dazu muss man verstehen, dass Pagani nie darauf aus war, die schnellsten Autos der Welt zu bauen – diese Disziplin bleibt Koenigsegg und Bugatti überlassen. Stattdessen versteht Horacio Pagani seine Autos als funktionale Kunstwerke, die neben der Ästhetik vor allem eines bieten sollen: Fahrspaß.

Der Utopia ist das dritte Modell nach Zonda und Huayra

Um die Vision hinter dem Utopia zu verstehen, lohnt ein Blick zurück. Mit dem 1999 gezeigten Zonda hat sich Horacio Pagani ein automobiles Denkmal erschaffen. Auch 23 Jahre nach der Präsentation des Erstlingswerks verlassen immer noch neue Zonda (HP Barchetta, 760 Roadster) das Werk im italienischen San Cesario sul Panaro.
Pagani Utopia
Erst im Profil wird deutlich, wie geduckt die Silhouette des neuen Pagani Utopia ist.

Während der Entwicklung des Huayra stellte sich Horacio Pagani die Frage, wie er den Zonda toppen könne. Die überraschende Antwort damals: gar nicht. So sollte der Huayra den Zonda nicht beerben, sondern völlig anders sein. Nach insgesamt über 300 verkauften Huayra aller Ausbaustufen kann dieses Vorhaben als geglückt bezeichnet werden.
Für das dritte Modell musste sich Pagani dieselbe Frage erneut stellen – und auch wenn Mastermind Horacio seine ganz eigenen Ideen hatte, wollte er es dieses Mal anders machen und seine Kunden miteinbeziehen. So wurden schon früh in der Entwicklungsphase des Utopia einige der loyalsten Pagani-Kunden befragt, was sie sich von einem neuen Modell wünschen würden. Schnell kristallisierten sich drei Punkte heraus: Fahrspaß, Leichtbau und analoges Fahrerlebnis.
Mit diesen drei Eckpfeilern ging es an die Entwicklung. Das war 2016. Nach sechs Jahren, Tausenden von Zeichnungen, zehn 1:5-Modellen, einem Windtunnel-Modell und zwei 1:1-Mock-ups ist der Utopia fertig und trotzt fast allen aktuellen Trends im Super- und Hypersportwagen-Segment.
Während die meisten Fahrzeuge in dieser Klasse auf Hybridantrieb und somit auf Elektrifizierung setzen, kommt der intern C10 genannte Utopia völlig ohne schwere Zusatzbatterien aus, was sich in einem Leergewicht von nur 1280 Kilo widerspiegelt. Auch auf ein Doppelkupplungsgetriebe wird aus Gewichtsgründen verzichtet, stattdessen bietet Pagani auf expliziten Kundenwunsch wieder eine manuelle Handschaltung an.

Typisch Pagani, aber doch neu

Ein völlig neues Auto zu designen, ist kein leichter Prozess. Erst recht nicht, wenn die zu füllenden Fußstapfen so groß sind wie bei Pagani. Für Horacio hatte es oberste Prämisse, ein zeitloses Auto zu designen, das sich keinen aktuellen Trends unterwirft. Auf der anderen Seite war es trotzdem unerlässlich, dass der Utopia auf den ersten Blick als Pagani zu erkennen und doch eigenständig ist.
Auch wenn Pagani in der Pressemitteilung erklärt, dass der Utopia völlig anders sei als alle bisherigen Modelle, so lassen sich doch einige Parallelen erkennen: An der Front trägt der Utopia zwei Scheinwerfer pro Seite – genau wie Zonda und Huayra. Erstmals (mit Ausnahme der beiden Zonda 760 LM) sind diese jedoch unter einem Scheinwerferglas zusammengefasst. Die Inspiration stammt von der Beleuchtung alter Fahrräder und frühen Vespas. Die bei den Vorgängern spitz zulaufende Front wurde beim Utopia deutlich entschärft und ist nur noch am mittigen Element der vorderen Haube zu erahnen.
Pagani Utopia
Mit etwas Fantasie erinnert die Front des Utopia an einen Mix aus Zonda und Huayra.

Das Heck hat deutliche Züge vom Zonda übernommen. Zwei (wie bei den ersten Zonda) statt drei Rückleuchten pro Seite vereinfachen das Design und sollen an Jet-Turbinen erinnern. Eine besondere Herausforderung war die Aerodynamik, denn von Beginn an sollte der Utopia ohne riesige Flügel auskommen. Dazu wird aktive Aerodynamik (wie beim Huayra) mit elektronisch gesteuerten Dämpfern kombiniert.
Ein Detail, das natürlich nicht fehlen darf, ist der mittige Vierrohr-Auspuff – die Pagani-Tradition seit 1999 schlechthin. Beim Utopia besteht die Abgasanlage aus keramikbeschichtetem Titan; sie soll in Summe nur sechs Kilo wiegen.
Typisch Pagani sind detailverliebte Lösungen wie die von oben aufgehängten Außenspiegel, die in der Luft zu schweben scheinen, sowie die Lederschnallen zum Öffnen und Schließen der beiden Hauben. Um den Fokus auf das Wesentliche zu legen, entschied sich Pagani zudem bewusst gegen eine Karosserie in Sichtcarbon-Finish. Einzig an den geschmiedeten 21-/22-Zoll-Felgen finden sich im Exterieur Carbon-Aero-Einsätze, die nicht nur Show sind, sondern für zusätzliche Radhaus-Entlüftung sorgen.
Es waren die Räder, die den Grundstein für das Design gelegt haben, wie Horacio bei der Weltpremiere in Mailand erklärte. Nur mit solch gewaltigen Dimensionen konnte er das geschwungene Design umsetzen, das er von Beginn an im Kopf hatte. 

Neues Modell, neue Türen

Die Türen sind eine Premiere: Erstmals in einem Straßenmodell setzt Pagani auf sogenannte Schmetterlingstüren (hatte zuvor nur der Rennwagen Huayra R)! AUTO BILD durfte den Innenraum des Utopia bereits live unter die Lupe nehmen, und auch im Interieur hatte zeitloses Design oberste Priorität. So verzichtet Pagani auf einen mittigen Infotainment-Bildschirm. Ein Schritt, den Bugatti mit dem Veyron vorgemacht hat und der den Hypersportwagen besonders schonend altern ließ.
Pagani C10
Das Cockpit soll zeitlos sein und verzichtet deshalb auf einen großen Infotainmentbildschirm in der Mitte. Stattdessen gibt es aus Alu gefräste Drehregler und Zusatzinstrumente.

Ganz ohne Display geht es im Jahr 2022 aber dann doch nicht, und so gibt es zwischen den analogen Rundinstrumenten immerhin einen kleinen digitalen Bildschirm für die wichtigsten Informationen. Das neue Lenkrad ist aus einem Aluminium-Block gefräst und wirkt selbst im edlen Pagani-Cockpit wie ein Skulptur. In der Mittelkonsole verbauen die Italiener vier Rundinstrumente und filigrane Drehregler für die Klima-Bedienung.
Besonders spektakulär ist die offene Schaltkulisse des manuellen Siebengang-Getriebes mit erstem Gang unten links (Dogleg-Konfiguration). Wie von den sequenziellen Getriebe bekannt, liegt die Mechanik frei. Die Bedienung der Handschaltung erfordert etwas Kraftaufwand und wird durch ein herrliches mechanisches Klicken quittiert.
Der gesamte Innenraum des Utopia ist gewohnt hochwertig, edel und gleichzeitig auch leicht verspielt. Leichte Abzüge in der B-Note gibt es lediglich für den Part vor dem Beifahrer. Vorbei die Zeiten des edlen Handschuhfachs mit Lederschnalle (Zonda) oder des Carbon-Ablagefachs (Huayra) – stattdessen gibt es im Utopia eine schlichte Lederabdeckung. Hier hätte es dann doch etwas mehr sein dürfen, aber das ist Meckern auf höchstem Niveau.

V12-Biturbo von AMG mit 864 PS

Das Carbon-Monocoque, das aus Hightech-Materialien wie Carbo-Titanium und Carbo-Triax besteht, wurde für den Utopia noch mal verstärkt. Es soll 38 Prozent mehr Steifigkeit aufweisen und gleichzeitig alle weltweiten Crashvorschriften erfüllen.
Pagani C10
Zurück zu den Wurzeln: Den Utopia bietet Pagani auf Wunsch mit einer Siebengang-Handschaltung an. Das Getriebe mit erstem Gang unten links wurde extra für das neue Modell entwickelt.

Das Herzstück des Utopia ist der von Mercedes-AMG für Pagani entwickelte Pagani-V12. Das ist der V12, der 2019 im Huayra Roadster BC debütierte. Statt 802 PS im Roadster BC und 840 PS im Huayra Codalunga leistet der doppelt aufgeladene V12 mit 5980 ccm im Utopia 864 PS. Das maximale Drehmoment von 1100 Nm fällt bereits ab 2800 U/min über die Hinterräder her. Ein schwerer Allradantrieb? Für Pagani keine Option.
Der V12 hingegen war von Anfang an ein Muss, wie Horacio in Mailand mit ruhiger Stimme erklärte. Außerdem verriet er, dass Mercedes-AMG ursprünglich einen Hybridantrieb mit 1000 PS Systemleistung vorgeschlagen habe. Doch das hätte auch bedeutet, dass der Utopia mindestens 400 Kilo schwerer geworden wäre. Undenkbar für Pagani, schließlich wollten die Kunden ein leichtes, fahraktives Auto.

Die Handschaltung erlebt eine Renaissance

Beim Getriebe gibt es eine kleine Sensation. Während sich viele Hersteller in den vergangenen Jahren von der Handschaltung verabschiedet haben, erleben manuelle Getriebe im Hypercar-Segment gerade ein kleines Revival. Nach dem Koenigsegg CC850, der eine Handschaltung mit einem Automatikgetriebe kombiniert, bietet auch Pagani seinen Kunden an, die Gänge wieder manuell von Hand zu sortieren – ganz oldschool, mit Kupplung und allem, was dazugehört.

Nachdem es den Huayra während des gesamten Bauzeitraums nie mit Handschaltung gegeben hat, heißt es beim Utopia auch hier zurück zu den Wurzeln. Eine Handschaltung zu entwickeln, die dem maximalen Drehmoment von 1100 Nm standhält, war dabei eine Herkules-Aufgabe, wie Pagani verrät.
Doch die Kunden wollten unbedingt selber schalten, was sich darin widerspiegelt, dass über 50 Prozent der Utopia mit manuellem Getriebe bestellt wurden. Alternativ zur Siebengang-Handschaltung kann der Utopia übrigens auch mit einem sequenziellen Siebengang-Getriebe von Xtrac bestellt werden.
Pagani C10
Der 6,0-Liter-V12-Biturbo wurde von Mercedes-AMG entwickelt. Er bringt es im Utopia auf 864 PS und 1100 Nm Drehmoment.
Zu den Fahrleistung sagt Pagani nur so viel: Der Topspeed des Utopia ist auf 350 km/h begrenzt. Dabei könnte der Hypersportwagen schneller. Warum wird die Höchstgeschwindigkeit also begrenzt? Der Grund ist einfach, wie Horacio ausführlich erklärt: "In den letzten 15 Jahren hat kein Kunde je nach der 0-100-km/h-Zeit oder dem Topspeed gefragt. Stattdessen wollen sie ein Auto, das Spaß macht, ein einzigartiges Fahrerlebnis bietet und trotzdem sicher ist."

99 Utopia Coupé sollen gebaut werden

Der Basispreis des Utopia liegt bei 2,56 Millionen Euro brutto (2,15 Millionen Euro netto). Durchschnittlich geben die Kunden inklusive Extras allerdings etwa 3,09 Millionen Euro für ihren neuen Pagani aus. Der Preis ist aber sowieso eher zweitrangig, da alle 99 geplanten Utopia Coupé bereits vor der Präsentation vergeben waren.
Die Auslieferungen starten im Sommer 2023 für die Fahrzeuge mit sequenziellem Getriebe. Die Utopia mit Handschaltung folgen später im Jahr, was daran liegt, das der Homologationsprozess für die beiden Versionen nacheinander stattfindet.

Bildergalerie

Pagani Utopia
Pagani Utopia
Pagani Utopia
Kamera
Pagani Utopia
Doch die 99 Utopia Coupé sind erst der Anfang, denn Pagani hat schon verraten: Es werden eine Roadster-Version und zahlreiche Sondermodelle folgen. Während seines rund zehnjährigen Bauzeitraums sollen in Summe mehr Utopia als Huayra entstehen.
Und danach? Entgegen einiger Gerüchte tüfteln die Italiener nach wie vor am Elektro-Projekt. Ob das dann Pagani Nummer vier oder erst Nummer fünf wird? Die Zeit wird es zeigen!