Peugeot hat seinen Transporter auf eine neue Basis gestellt: Der Expert fährt jetzt beinahe wie ein kleineres Auto. Fahrbericht!
Jürgen Wolff
Man sieht es nicht, aber man merkt es schon auf den ersten Kilometern: Die neuen Kastenwagen der beiden französischen PSA-Marken Peugeot und Citroën bauen auf der gleichen Plattform wie die aktuelle Mittelklasse-Limousine Peugeot 408 und der geräumige Familien-Van Citroën C4 Picasso auf. Nichts vom kernig ruppigen Gedröhne, mit dem manch altgediente Handwerker-Schaukel über schlechte Straßen poltert. Eher ein sanftes Gleiten wie in einem gut gefederten Pkw. Und je schwerer die Ladung hinter der Wand zum Fahrerhaus ausfällt, desto besser austariert erscheint das Fahrwerk.
Je nach Version liegt die maximale Zuladung bei bis zu 1400 Kilogramm.
Bild: Werk
In drei statt bisher zwei Fahrzeuglängen gibt es Expert und Jumpy künftig: Die 4,60 Meter lange Kompaktversion ist zehn Zentimeter kürzer als beispielsweise ein Opel Astra Sports Tourer und wuselt besonders behände durch Innenstädte. Mit der 5,30 Meter-Version schließlich liefert das Duo extra viel Laderaum: Drei Euro-Paletten passen dann in den bis zu 6,6 m3 schluckenden Kasten hinein, die Nutzlast liegt durchweg bei bis zu 1,4 Tonnen und Gegenstände bis zu vier Meter Länge lassen sich dank einer raffinierten Klappkonstruktion des Beifahrersitzes und der Trennwand durchschieben. Mit einer Höhe von 1,90 Metern passen die Lieferwagen durch praktisch alle Tor- und Parkhauseinfahrten.
Die Franzosen unterscheiden sich durch ihre Optik
Zwillingsbruder: Der Citroën Jumpy unterscheidet sich vor allem durch seine Frontpartie vom Expert.
Bild: Werk
Außen unterscheiden sich Expert und Jumpy vor allem in der Front. Während der Peugeot eher etwas amerikanisch hemdsärmelig mit einem leichten Dodge-Touch daher kommt, wirkt der Citroën eleganter und feinfühliger. Innen im Führerhaus muss man dagegen nach den Unterschieden suchen. Die Kombiinstrumente vor dem Fahrer sind im Peugeot rund, im Citroën fanden die Designer Fünfecke mit ungleich langen Seiten und abgerundeten Ecken schöner. Ansonsten sind selbst die Abmessungen der Ablagen praktisch identisch. Was fehlt, sind Halterungen für große Getränkeflaschen. Außerdem gibt es nichts, wo man den Schlüssel rutschsicher verstauen könnte – gestartet wird per Knopfdruck.Der Innenraum ist durchaus funktional gestaltet. Bei einem Pkw würde man den Franzosen die üppige Verwendung von Hartplastik um die Ohren schlagen – in solch durchweg gewerblich genutzten Fahrzeugen ist das eher ein Plus: Es ist pflegeleicht, schmutzresistent und verzeiht eher Kratzer. Größere Fahrer werden in beiden Modellen nur bedingt glücklich: Der Sitz lässt sich nur in Maßen nach hinten schieben und der Neigung der Rückenlehne setzt die Zwischenwand zum Ladeabteil enge Grenzen. Dazu kommt eine zu kurze Sitzfläche. Immerhin lässt sich das Lenkrad sowohl in der Tiefe wie in der Neigung gut einstellen. Und die Pedalerie ist weit genug auseinandergezogen, dass man auch mit breiten Arbeitsschuhen ohne Hakeleien klar kommt.
Präzise Lenkung, stadttauglicher Wendekreis
Stabile Kunststoffe, die auch mal einen Kratzer verschmerzen, und eine moderne Optik innen.
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Unter der Haube bieten die Franzosen ausschließlich Dieselmotoren an. Die Palette reicht vom etwas schwächlichen 1,6-Liter-Selbstzünder mit 5-Gang-Handschaltung und 75 kW/95 PS bis zum 2,0-Liter-Diesel mit 6-Gang-Automatik und 128 kW/180 PS sowie 400 Nm maximalem Drehmoment. Der DIN-Verbrauch liegt je nach Motorisierung und Fahrzeuglänge laut Peugeot zwischen 5,1 und 5,5 Liter je 100 Kilometer. Eine gute Wahl ist die 2,0-Liter-Version in der handgeschalteten 150-PS-Version. Sie kommt flott in die Puschen, erlaubt auch auf der Landstraße stressfreies Überholen und ist auf der Autobahn für 170 km/h Spitze gut. Den Spurt von 0 auf Tempo 100 gibt Peugeot mit 11 bis 14,3 Sekunden an – je nach Fahrzeuglänge. Fahren lassen sich Expert und Jumpy gleich angenehm – fast wie ein Pkw. Das griffige Lenkrad reagiert präzise und gibt eine gute Rückmeldung an den Fahrer, die in Griffweite am Armaturenbrett montierte Handschaltung funktioniert knackig und mit kurzen Wegen. Bei langen Beinen ist sie nur schnell dem Knie im Wege. Der Wendekreis beträgt bei der Kompaktversion stadttaugliche 11,6 Meter. Auch bei der Geräuschentwicklung haben die Franzosen gute Arbeit geleistet: Die Motoren werden auch bei höherem Tempo nicht nervig dominant, die Windgeräusch steigern sich erst ab Tempo 120 ganz allmählich. Auch die Entwicklung von Eigengeräuschen der großen Blechflächen haben die Ingenieure gut im Griff – man hört: nichts.Stolz sind sie Franzosen darauf, dass sie für ihre Arbeitstiere zahlreiche Assistenzsysteme als Option anbieten können. So gibt es gegen Aufpreis zum Beispiel ein Head-up-Display, Verkehrsschilderkennung, ein Navi, das auch die Preise der nahen Tankstellen anzeigt, Fernlichtassistent, Parkassistent, einen adaptiven Tempomaten und die Schiebetür lässt sich elektrisch öffnen, indem man mit dem Fuß unter dem Sensor im Heckstoßfänger herumfuchtelt. Was besonders die Kurierfahrer freuen wird: Expert und Jumpy schafften alle fünf Sterne beim NCAP-Crashtest.
Der Basispreis liegt bei 27.358 Euro
Preislich beginnt der Peugeot Expert bei 27.358 Euro (netto: 22.990) für die Kompaktversion in der Basisausstattung. Wer seinen hart schuftenden Arbeitnehmern mehr Komfort und Annehmlichkeiten bieten will, der ist bei der langen Premium-Version aber auch mit 37.104 Euro (netto: 31.180) dabei. Zu haben sind Expert und Jumpy ab Juni 2016. Außer als Kastenwagen wird es ihn als Doppelkabine mit fünf oder sechs Sitzplätzen geben, als Plattform-Fahrgestell für eigene Umbauten und als Kombi mit bis zu neun Sitzplätzen. Eigentlich ist das Duo übrigens ein Trio. Auf der gleichen Basis wie Expert und Jumpy entsteht auch der Toyota Proace.
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Gebrauchtwagen-Test VW T5
Gebrauchtwagen-Test VW T5
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Ob als Surfmobil oder VIP-Shuttle, als Camper oder als privater Schulbus: Der Bulli ist klassenlos – und sein Ruf ist perfekt. Wir sagen, worauf Gebrauchtwagen-Käufer beim VW T5 achten sollten. Unser Testwagen ist ein T5 Multivan 2.5 TDI Highline, Baujahr 2008. Seine Laufleistung liegt bei 159.500 km, der Preis bei 20.590 Euro.
Bild: Thomas Ruddies
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Die 2003 eingeführte Baureihe T5 setzte bei Fahrkomfort und Dynamik neue Maßstäbe. Trotz eines Gesamtgewichtes von bis zu 3,5 Tonnen fühlt sich der T5 wie ein Pkw an, und doch ...
Bild: Thomas Ruddies
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... ist seine Wandelbarkeit fast grenzenlos: Die Einzelsitze lassen sich verschieben, drehen und herausnehmen.
Bild: Thomas Ruddies
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Der Arbeitsplatz: Sitzposition wie im Bus, Cockpit wie im Pkw. Navi und Automatik verströmen Oberklasse-Flair.
Bild: Thomas Ruddies
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Trotz aller Vorzüge ist die Liste der typischen Mängel leider lang: Das angenehm abgestimmte Fahrwerk kapituliert auf Dauer vor dem hohen Fahrzeuggewicht. Federn brechen, Stoßdämpfer ermüden, Koppelstangen und Buchsen schlagen aus, die Verzahnung der Antriebswellen verschleißt im Zeitraffer.
Bild: Thomas Ruddies
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Auch die Getriebe halten oft nicht lange. Gerade die Automatik – in luxuriösen Bussen oft zu finden – verlangt oft nach weniger als 100.000 Kilometern nach einer Überholung. Das kostet 3000 Euro und mehr. Die Fünf- und Sechsgang-Schalter sind kaum besser.
Bild: Thomas Ruddies
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Häufige Ärgernisse sind auch defekte elektrische Schiebetüren, undichte Schiebefenster (Foto) und schlappe Heckklappendämpfer.
Bild: Thomas Ruddies
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Auch die Scheinwerfer können nerven: Wurden die Kappen der Montageöffnungen schlampig geschlossen, können die Scheinwerfergläser beschlagen.
Bild: Thomas Ruddies
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Die Antriebswellen machen ebenfalls Probleme. Gerade auf der rechten Seite verschleißt die Verzahnung auffällig oft. Die Reparatur kostet 700 Euro.
Bild: Thomas Ruddies
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Der Korrosionsschutz geriet gründlich, die Lackqualität bei frühen Jahrgängen weniger. Abplatzer rund um die Griffe und Kantenrost sind typisch.
Bild: Thomas Ruddies
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Das größte Risiko aber steckt im 2,5-Liter-Pumpe-Düse-Diesel. Die Plasmabeschichtung in den Zylindern löst sich, teure Schäden sind die Folge. Gelangt über die Pumpe-Düse-Elemente Diesel ins Motoröl, sind teure Lagerschäden zu befürchten. Auch die Späne verklemmter Turboleitschaufeln ...
Bild: Thomas Ruddies
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... können dem Motor den Garaus machen. Teuer wird's außerdem, wenn eine defekte Dichtung an der Wasserpumpe Motoröl und Kühlwasser zusammen kommen lässt. Erst 2007 baute VW standfestere Pumpen ein.
Bild: Thomas Ruddies
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Im Herbst 2009 sorgte eine Frischzellenkur für einen spürbaren Qualitätssprung. Erkennbar sind die Faceliftmodelle an den neuen, breiteren Scheinwerfern und am geradlinigen Kühlergrill. Wichtiger aber sind die neuen Common-Rail-Diesel, die den anfälligen Fünfzylinder ablösten. Neben zahlreichen Detailverbesserungen machen sie die T5-Modelle endlich uneingeschränkt empfehlenswert.
Bild: Thomas Ruddies
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Dem hohen Preisniveau können die vielen Wehwehchen keinen Abbruch tun: Gepflegte Multivan aus 2010 starten bei rund 25.000 Euro. Gerade als Multivan ist der T5 extrem beliebt. Leider auch bei Langfingern. Die Versicherungsklassen sind entsprechend hoch.
Bild: Thomas Ruddies
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Fazit: Den Spagat zwischen Lastenesel und Luxuslaster beherrscht keiner so gut wie der VW. Doch die flaue Qualität früher Jahrgänge und die anfälligen Pumpe-Düse-Motoren werden leicht zur Kostenfalle. Besser: ein Faceliftmodell ab 2009 mit neuem Diesel. Urteil: drei von fünf möglichen Punkten.
Bild: Thomas Ruddies
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Auf der Suche nach Alternativen zum VW T5? Ab 6000 Euro gibt es einen acht Jahre alten Ford Transit. AUTO BILD-Tipp: ein FT 300 2.2 TDCi, Baujahr 2009, für etwa 17.000 Euro.
Und dann wäre da noch der Opel Vivaro. Für ein zwölf Jahre altes Modell muss man mindestens 6000 Euro rechnen. AUTO BILD-Tipp: ein 2.5 CDTI LifeCosmo, Baujahr 2009, für etwa 15.000 Euro.