Schwere Unfälle mit E-Scootern
Auf kleinen Rollen in die Klinik

E-Scooter sollen Menschen in der Stadt mobil machen – doch um welchen Preis? Die Unfallzahlen sind erschreckend, die Verletzungen schwerer als gedacht. Das belegen klinische Studien. Eine Bilanz nach drei Jahren.
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- Egon Morawietz
Samstagnacht, Partystimmung in der belebten Kölner City. Ein 17-Jähriger knallt mit seinem E-Scooter gegen eine Verkehrsinsel. Er stürzt und bleibt mit schweren Kopfverletzungen liegen. Ein Alkoholtest ergibt 1,9 Promille.
Eine Stunde später streift ein 28-Jähriger beim Abbiegen einen Bordstein. Verbotenerweise steht seine 24-jährige Freundin mit auf dem Elektroroller. Der alkoholisierte Fahrer wird beim Sturz schwer verletzt, seine Mitfahrerin leicht.
Rund 14.000 Roller sind in Köln unterwegs. Am Wochenende geht es rasant zu, Touristen und Partymacher überschätzen sich und ihren Roller und landen schlimmstenfalls mit schweren Verletzungen in der Notaufnahme. "Wir sehen vielfach Schädel-Hirn-Traumata und Mittelgesichtsverletzungen", erklärt Dr. Emmanouil Skouras, Chefarzt der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie des St. Franziskus-Hospitals in Köln-Ehrenfeld, "und auch die oberen Extremitäten sind relativ häufig betroffen".
Medizinische Fallzahlen nicht flächendeckend verfügbar
Medizinische Fallzahlen zur neuen Unfallart sogenannter Elektrokleinstfahrzeuge sind flächendeckend noch nicht verfügbar; nur punktuell gibt es Ergebnisse: Eine Studie des Frankfurter Universitätsklinikums umfasst 76 Unfallopfer. Jeder zweite verunglückte E-Roller-Fahrer hatte schwere Verletzungen an Schulter, Ellbogen oder Handgelenk, die Hälfte aller Knochenbrüche musste operiert werden. Zweithäufigste Verletzungsart waren Kopf- und Gesichtsverletzungen.
Wien: Jede sechste Verletzung lebensbedrohlich
Die wohl umfangreichste Studie haben drei große Traumazentren in Wien erstellt. Dort wurden 175 Verletzte behandelt: 71 mit schweren Verletzungen am Kopf und den oberen Extremitäten, davon 30 mit lebensbedrohlichen Kopfverletzungen.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Typisch beim Rollerunfall sind Schulter-, Handgelenks-, Kopf- und Gesichtsverletzungen.
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"Eingelieferte E-Scooter-Fahrer erleiden überproportional oft Kopfverletzungen", bestätigt Unfallchirurg Skouras. Ein Helm könnte seiner Ansicht nach das Schlimmste verhindern. Internationale Studien belegen: Nur etwa ein Prozent der Verunglückten war mit Helm unterwegs. "Der Gesetzgeber sollte mit einer Helmpflicht nachbessern", fordert Skouras.
E-Roller-Nutzer meist Männer zwischen 20 und 40
Vorwiegend jüngere Menschen fahren auf die E-Roller ab: Die Kernnutzer sind zwischen 20 und 40 Jahre alt und meist Männer. Sie sind zu 90 Prozent auf geliehenen E-Scootern unterwegs, deshalb fehlt oft die Fahrerfahrung. Anders als beim Fahrrad straucheln Rollerfahrer beim Ausweichen oder beim abrupten Bremsen leicht. Hinzu kommen kleine Räder, die am Bordstein verkanten können.
Seit 2020 registriert das Statistische Bundesamt die amtlich gemeldeten Unfälle – die Zahlen gehen steil nach oben. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn viele Unfälle tauchen in der Statistik nicht auf. Eine Nachverfolgung bei Notaufnahmepatienten ergab: Drei Viertel der Fälle waren nicht polizeilich erfasst. "Insgesamt dürfte die Dunkelziffer – besonders bei Alleinunfällen – riesig sein", vermutet Marco Schäler, Leiter der Fachkommission Verkehr der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Schätzungen gehen von mindestens doppelt so hohen Unfallzahlen aus.
In Köln droht ein Nachtfahrverbot für E-Scooter
Weil die E-Roller am Wochenende alkoholisiert in Vergnügungsvierteln missbraucht werden, denkt Köln jetzt über ein Nachtfahrverbot nach. So wie es schon in Kopenhagen oder Oslo gilt. Denn in den ersten acht Monaten dieses Jahres zählte die Kölner Polizei 245 Scooter-Unfälle, 74 Fahrer waren betrunken. Schon ab 0,21 Promille verschlechtert sich die Fahrleistung um bis zu 40 Prozent, wie Unfallmediziner feststellen.

Oftmals ist Alkohol für schwere Unfälle mit E-Scootern mitverantwortlich.
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"Oft wissen die Fahrer nicht, dass für sie die gleichen Promillegrenzen gelten wie für Autofahrer", erläutert Marco Schäler. Werden Betrunkene mit 0,5 Promille oder mehr erwischt, wird es teuer: 500 Euro Bußgeld, dazu Fahrverbot und Punkte in Flensburg. Ab 1,1 Promille ist es eine Straftat und der Führerschein ist weg. Für Fahranfänger und Autofahrer unter 21 Jahren gilt die Null-Promille-Grenze (FAQ zur E-Scooter-Rechtslage).
Oft wird verbotenerweise auf Gehwegen gefahren
Verkehrsregeln sind den Fahrern häufig schnuppe oder schlicht nicht bekannt. Unfallforscher vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) ermittelten, dass – wo kein Radweg vorhanden – verbotenerweise zu 37 Prozent auf Gehwegen gefahren wird, zu 45 Prozent entgegen der Fahrtrichtung und zu fünf Prozent zu zweit. Gut ausgebaute Fahrradwege seien eine Grundvoraussetzung für sicheres Fahren.
Experten fordern Kontrollfahrten für Anfänger
Könnten Fahrstunden wie für den Autoführerschein die Unfallzahlen senken? Die Technische Universität München (TUM) untersuchte dies in aufwendigen Fahrsicherheitstrainings. Danach verbesserte sich das Fahrverhalten beim Anfahren, Bremsen und in Kurven. Die Experten schlagen daher Kontrollfahrten für Anfänger vor, idealerweise einen Scooter-Führerschein. "Wie für Mofas sollte mindestens eine Prüfbescheinigungspflicht gelten", erklärt auch Polizeirat Marco Schäler, "als Nachweis über die Handhabung der E-Scooter und die Kenntnis von Verkehrsregeln."
Drei Jahre ist es her, dass Andreas Scheuer (CSU) mit einem E-Scooter über die Flure seines Ministeriums rauschte. Die umstrittene Elektrokleinstfahrzeugverordnung regelte das Nötigste. Der damalige Bundesverkehrsminister ahnte schon: "Es wird Konflikte geben, die müssen wir uns nach ein paar Jahren genau ansehen." Scheuer ist Geschichte, die E-Scooter mit ihrer Unfallbilanz bleiben ein Problem. Auf Nachfolger Volker Wissing (FDP) wartet Arbeit.
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