Spritpreis und Spekulanten
Viel Luft im Benzinpreis

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Alles reine Spekulation? Von wegen. Eine neue Studie belegt erstmals mit Zahlen: Zocker an den Rohstoffbörsen treiben den Benzinpreis künstlich in die Höhe. Den deutschen Autofahrer kostet das pro Tankfüllung mehrere Euro.
(dpa/cj) Das österliche Aufstöhnen ist gerade verklungen, da kündigt sich schon die nächste Wucherrunde an. Der Benzinpreis treibt den deutschen Autofahrern an den Tankstellen derzeit die Zornesröte ins Gesicht. Als Schuldige gelten mal die Steuern, mal die hohe Nachfrage. Der Hamburger Energieexperte Steffen Bukold vom unabhängigen Informationsbüro EnergyComment kommt nun in einer Studie im Auftrag der Grünen-Bundesfraktion zu einem ganz anderen Ergebnis: Internationale Spekulanten blasen viel Luft in den Preis, die den Autofahrer an der Zapfsäule teuer zu stehen kommt.
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Der derzeitige Preis ist mehr als doppelt so hoch wie zu Beginn des vergangenen Jahres und bedeutet für die Verbraucher in Deutschland enorme Kosten für Benzin und Heizöl. Gleichzeitig ist die Ölproduktion hoch, die Lager sind gut gefüllt, es gibt reichlich freie Förderkapazitäten und die Nachfrage hat noch nicht so richtig angezogen. Kein Grund also für hohe Preise. Den Berechnungen in der Studie zufolge zahlt der Autofahrer in Deutschland für jeden Liter Benzin, Diesel oder Heizöl 14 Cent zu viel. Bei einer Tankfüllung von 50 Litern macht das schon sieben Euro. Allein für die Autos in Privathaushalten in Deutschland ergeben sich jährlich Mehrkosten von fünf Milliarden Euro, wie der Hamburger Energieexperte ausrechnete – im Schnitt 136 Euro.
"Der Schaden fällt beim Konsumenten an", sagt Bukold. Der Nutzen jedoch nicht nur beim Spekulanten. Die Gewinne an den Rohstoffbörsen lassen sich nicht beziffern, denn die Akteure handeln ebenso mit Weizen, Nickel, Kupfer oder Kakao und weisen das nicht einzeln aus. Zudem geht nicht jede Spekulation auf; es kommt auch zu Spekulationsverlusten. Gewinner sind auf jeden Fall die Ölförderländer, denn sie erzielen für ihr reales Öl ebenfalls die hohen Preise, die auf den Finanzmärkten entstehen.
Experten stimmen zu – Detailberechnung schwierig
Andere Branchenexperten stimmen Bukold im Grundsatz zu, sind aber im Detail skeptisch. "Es ist richtig, dass sich der Preis von den Fundamentaldaten abgekoppelt hat", sagt Karin Retzlaff vom Mineralölwirtschaftsverband (MWV) in Berlin. Die Versorgung der Märkte sei gut, der Preis steige trotzdem. Ähnliches sei auch auf den Aktienmärkten zu beobachten, die ebenfalls steigen. Vermutlich suche Kapital nach Anlagemöglichkeiten. Klaus Matthies vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI), der seit Jahrzehnten die Ölmärkte beobachtet, sieht ebenfalls einen klaren Einfluss der Spekulation auf den Ölpreis und andere Rohstoffpreise. "Ich sehe aber keine Möglichkeit, das zu quantifizieren." Dazu müsse zunächst einmal der "richtige" Ölpreis ermittelt werden, und das sei kaum möglich.
Zwei Euro pro Liter absehbar
Die Spekulation wirkt zudem in beide Richtungen. Als nach der Preisspitze von 149 Dollar im Sommer 2008 der Ölpreis auf unter 40 Dollar abstürzte, da wetteten die Spekulanten auf sinkende Preise. "Das zeigt sehr schön den Einfluss der Spekulanten, denn der Preis fiel teilweise unter die Förderkosten", sagt Bukold. Die sind sehr unterschiedlich, liegen für konventionelles Öl jedoch meistens zwischen 10 und 40 Dollar je Barrel. Für die Zukunft rechnet der Hamburger Forscher mit deutlich steigenden Preisen. Im Aufschwung wird das Öl wieder knapper und die Finanzmärkte bleiben liquide und treiben den Ölpreis mit in die Höhe. Neue Rekordpreise oberhalb von 150 Dollar je Barrel und Benzinpreise von zwei Euro je Liter seien absehbar.
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