Audi will ganz nach oben, da können die Ziele nicht forsch genug formuliert sein. "Profitabelste Nobelmarke" wollen die Ingolstädter werden, der Sportwagen R8 soll gar eine Ikone wie den Porsche 911 jagen. Und dann dieser Satz: "Der neue A4 ist die sportlichste Limousine der Mittelklasse", so der Pressetext. Langsam, langsam, auf diesem Thron sitzt – Bangle hin, iDrive her – doch wohl der 3er von BMW. Ist den Audi-Leuten etwa ihr (berechtigtes) Selbstbewusstsein zu Kopf gestiegen? Unsere erste Fahrt im A4 fällt mitten ins Tief "Felisa". Es nieselt. So ein italienischer Landregen raubt selbst der sportlichsten Limousine der Mittelklasse einiges an Glanz. Zudem gibt uns Audi fürs Anschmecken keinen glamourösen V6, keinen quattro, sondern zuerst das neue Basismodell mit 1,8-Liter-Turbo-Benziner. Und mit Vorderradantrieb! Willkommen Felisa, danke für die nassen Teststrecken.

Mit neuer Größe gegen die Konkurrenz

Lang gemacht: Mit 4,70 ist der A4 fast auf A6-Größe gewachsen.
Trotz aller Wasserperlen auf dem Blech – der rote A4 sieht verdammt gut aus. Nicht so hüftschwingend sexy wie sein Bruder A5, dafür geradlinig, straff, präsent. Der ist wer. Kein Wunder, mit 4,70 Meter Länge rangiert Audis Mittelklasse (passt das Wort noch?) nur zwei Handbreit unter dem A6, aber eine halbe Galaxie über dem A3. Sportliche Diät sieht anders aus. Dafür dürfte der A4 drinnen seine Konkurrenten abhängen. Im Fond haben die Knie spürbar mehr Luft als in der Mercedes C-Klasse. Das Cockpit wendet sich sportlich dem Fahrer zu; diese perfekte Ergonomie hat BMW vor Jahren ohne Not aufgegeben. Und diese Oberflächen, diese Qualität – so, als habe Audi tatsächlich ein Patent für Materialien mit dem gewissen Etwas. Kein Zweifel, das ist der Maßstab in der deutschen Belle Etage.

Der Vierzylinder entpuppt sich als Leisetreter

Angenehm leise: der 160 PS starke Turbo-Vierzylinder.
Wie ein Stilbruch wirkt dagegen der dicke Zündschlüssel, der, in einen Schacht gedrückt wie beim VW Passat, den neuen 1,8-Liter startet. Der 160 PS starke Vierzylinder ist ein echter Leisetreter, zieht mit seiner Turbokraft schon ab 1500 Touren wie ein Berserker und dreht klaglos bis 7000 Touren. Ein herrlicher Alltagsmotor, der lebendiger wirkt als der C 180 Kompressor von Mercedes. Ob der 1.8 TFSI auch im Alltag mit den versprochenen 7,1 Liter Super auskommt, werden wir nachmessen. Nächstes Sport-Kriterium: die neue Lenkung, die das Lenkgetriebe vorn unter die Radachse rückt. Tatsächlich, sie arbeitet aus der Nulllage deutlich direkter als früher. Die Stöße von fiesen Asphaltkanten, früher ein Komfortkiller im A4, sind fast weg. Die Audi-Insassen spüren förmlich, wie der Neue sich vorn auf eine 45 Millimeter breitere Spur stemmt. Zudem profitiert die Limousine vom längsten Radstand ihrer Klasse: Es sind stolze 2,81 Meter, und die verleihen einen generösen Komfort, den wir bislang vom A4 nicht gekannt haben – trotz der flachen 45er-Reifen der Sportversion Ambition (1950 Euro extra).
Ergebnis: Der A4 schiebt die erlebbaren Grenzen des Vorderradantriebs wieder ein Stück weiter hinaus. Aber: Er ist und bleibt ein Fronttriebler, wie unser Tief Felisa schon bald entlarvt. Da konnte Audi die Vorderachse so weit nach vorn, den Motor nach unten rücken - wenn es bergauf schnell durch Serpentinen geht, wenn der Asphalt feucht wird, dann scharrt der kurveninnere Reifen wieder nach Halt. Dann drängt der A4 über die Vorderräder zum Kurvenrand und verrät das Manko des langen Radstands: Einen leichtfüßigen Tänzer hat Audi da nicht großgezogen. Sportlichste Limousine? Wohl eher Marketing-Poesie - zumindest beim Basismodell. Gut, das können die stärkeren, sportlicheren und teureren A4 später vielleicht korrigieren. An der Auswahl wird es nicht mangeln: Der A4 kommt im November zunächst mit fünf Motoren von 143 bis 265 PS, mit einem neuen, heckbetonten quattro-Antrieb, der 60 Prozent der Kraft (früher: 50) an die Hinterräder schickt, und mit einer Armada von elektronischen Gimmicks.

Drive Select macht den A4 dynamischer

Zügig ums Eck: Drive Select sorgt für eine gute Portion Sportlichkeit.
Zum Beispiel der Dynamiklenkung mit variabler Lenkübersetzung wie bei BMW oder der Wundertüte Drive Select, die für 2400 Euro extra in der Preisliste steht. Der Fahrer kann Gasannahme, Schaltpunkte, Lenkung und Stoßdämpfer in 24 Programmen individuell einstellen. Ob das jemand braucht und wie gut es funktioniert, muss sich zeigen. Wer bei Audi eine letzte Prise Sportsgeist sucht, findet ihn in den Preislisten. Im Januar kommt der 1,8-Liter-Benziner mit 120 PS und drückt den Einstiegskurs auf 25.970 Euro. Für 28.950 Euro fährt der A4 1.8 TFSI mit CD-Radio, Klimaautomatik und 16-Zoll-Alurädern vor. BMW und Mercedes kosten ein paar Hunderter mehr. Aber warum spricht niemand vom großen, günstigen Fast-A6? Auch das wäre jetzt passend.

Fazit von AUTO BILD-Redakteur Joachim Staat

Der neue A4 hat deutlich an Fahrdynamik zugelegt. Das ist der beste Vorderradantrieb, den Audi je gebaut hat: Er kommt den Qualitäten eines 3er-BMW sehr nah. Bei Platzangebot und Preis setzt der A4 sogar Maßstäbe: In der deutschen Nobelliga wird es jetzt noch enger.

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Joachim Staat