VW-Krise: Wie sieht der Sparkurs aus?
Wie VW jetzt sparen muss: Auch die Chefs sparen mit

Bild: Frank May
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Der Volkswagen-Konzern steht vor tiefen Einschnitten, die zunächst ohne Werkschließungen über die Bühne gehen. Aber in den kommenden Jahren werden Zehntausende Stellen bei Volkswagen abgebaut, immerhin ohne betriebsbedingte Kündigungen. Darauf haben sich Gewerkschaft und Chefetage nach Marathonverhandlungen geeinigt.
Der Kompromiss bedeutet den vorläufigen Erhalt sämtlicher VW-Werke, aber den Verlust von mittelfristig 35.000 Jobs bei VW. Und die Mitarbeiter bei Volkswagen müssen in den kommenden Jahren auf Gehaltserhöhungen verzichten, auch werden Boni gekürzt. Am Sparkurs wird auch die Unternehmensführung beteiligt.
VW war zuletzt durch die Absatzflaute in China und schleppende E-Auto-Verkäufe weltweit in die Krise gerutscht. Andere Hersteller zogen mit innovativeren und günstigeren E-Fahrzeugen vorbei. Hier die Pläne im Einzelnen:
Den Plänen zufolge sollen bis 2030 bei Volkswagen 35.000 Arbeitsplätze abgebaut werden. Das soll ohne betriebsbedingte Kündigungen passieren. Die Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo spricht von sozialverträglichem Abbau, Mitarbeiter würden in Altersteilzeit geschickt, sie reduzieren die Arbeitszeit bis auf 28 Stunden in der Woche oder bekommen Abfindungen. Das ist zwar auch ein Arbeitsplatzabbau, aber bei betriebsbedingter Kündigung schneiden die Betroffenen in der Regel schlechter ab, als wenn sie sich mit dem Arbeitgeber auf eine Abfindung einigen.
Zunächst bleiben alle zehn deutschen VW-Werke erhalten, verlieren allerdings zum Teil massiv an Kapazität. Es ist die Rede davon, dass 734.000 Autos weniger gebaut werden, das wäre rund ein Viertel der aktuellen Produktionskapazität.
Welche VW-Werke gibt es in Deutschland?
Derzeit stellt VW hierzulande in zehn Werken Autos her und beschäftigt dabei rund 120.000 Mitarbeiter. Die Hälfte der VW-Werke sind in Wolfsburg oder im niedersächsischen Umland angesiedelt: Sechs Werke liegen in Niedersachsen, drei in Sachsen, eines in Hessen. Hier ein Überblick:
- Das Stammwerk Wolfsburg am Mittellandkanal beschäftigt rund 62.000 Leute. Das 1938 unter den Nationalsozialisten errichtete Werk wurde in der Nachkriegszeit durch VW Käfer und VW Golf groß und berühmt. Es ist eine der größten Autofabriken der Welt. Die wichtigsten Modelle sind Golf, Tiguan und Touran. Beliebt ist der gläserne Turm, in dem sich Neuwagenkäufer ihren Wagen ausliefern lassen können.

Im VW-Stammwerk Wolfsburg arbeiten derzeit 60.000 Menschen.
Bild: Frank May
- Die angrenzende Autostadt in Wolfsburg beherbergt eine der wichtigsten Oldtimersammlungen der Welt.
- Das nach Wolfsburger Vorbild gebaute Werk Hannover fertigt nach dem Ende des Transporters T6.1 aktuell den Multivan und den elektrischen ID.Buzz. Das Werk beschäftigt 14.200 Mitarbeiter. Zuletzt wurden kontinuierlich Stellen abgebaut.
- Kassel (Baunatal): Das größte Komponentenwerk ist auch mit Entwicklung und Planung beschäftigt. Es ist der größte Arbeitgeber in Nordhessen. Dort bauen 16.500 Mitarbeiter Getriebe und E-Motoren.
- Emden: Das Werk der ehemaligen Passat-Produktion baut nun auch Elektrofahrzeuge wie ID.4 und ID.7. Rund 8600 Mitarbeiter.
- Salzgitter: Viele Motoren entstehen hier, auch eine Batteriezellfabrik, die 2025 den Betrieb aufnehmen soll. 7500 Mitarbeiter.
- In Braunschweig steht die älteste, auch 1938 gegründete VW-Fabrik mit heute rund 7000 Mitarbeitern. Dort werden Achsen gefertigt, es gibt eine Entwicklungsabteilung wie auch eine Endfertigung. Das Werk wird zunehmend auf Elektromobilität ausgerichtet.
- Osnabrück: Das dortige Werk ging aus dem Fahrzeugbauer Karmann hervor, ist Spezialist für Cabrios und Roadster. Das letzte VW-Cabrio läuft hier 2025 aus. Rund 2300 Mitarbeiter.
- Das Werk Zwickau wurde komplett auf die Fertigung von Elektroautos umgestellt, leidet aber unter deren schwacher Nachfrage.
- In Chemnitz werden vor allem Verbrennungsmotoren gebaut, vom TSI-Motor bis zu Motoren-Baugruppen. Hier arbeiten 1800 Menschen.
- Dresden: Aus der "Gläsernen Manufaktur" kam früher die Luxuslimousine Phaeton. Hier wurde bislang der ID.3 montiert.
Was ändert sich für die Werke?
Eine massive Änderung betrifft Wolfsburg: Im VW-Stammwerk sollen künftig mehrere E-Modelle gebaut werden, auch der neue elektrische Golf ab 2029. Allerdings: Die prestigereiche Produktion des Verbrenner-Golf wechselt ab 2027 in mexikanische Werk Puebla. Das ist ein Schritt, der nur mit der Verlagerung der Käfer-Produktion 1977 nach Mexiko verglichen werden kann. Die aktuell in Wolfsburg vorhandenen vier Produktionslinien werden auf zwei reduziert. Betroffen sind auch 4000 Leute in der Entwicklungsabteilung in Wolfsburg.
Im VW-Werk Zwickau werden künftig keine VW-Elektroautos mehr gebaut, dort läuft dann der elektrische Audi Q4 e-tron vom Band. Auch wird in Zwickau ein Recycling-Projekt gestartet. Zunächst geschont wird das ehemalige Karmann-Werk in Osnabrück, wo zuletzt Cabrios gefertigt wurden. Das T-Roc Cabrio soll dort bis 2027 produziert werden, läuft damit ein Jahr länger als geplant. Der harte Schnitt kommt für die Gläserne Manufaktur in Dresden, wo künftig kein ID.3 mehr montiert wird, die Fertigung wird eingestellt, aber der Standort bleibt.

Daniela Cavallo, Chefin des VW-Betriebsrats, informierte die Belegschaft Anfang September über die Sparpläne der Chefetage.
Bild: Julian Stratenschulte
Als Gegenleistung verpflichteten sich die Beschäftigten bei VW zu massiven Einschnitten bei Gehältern und Boni: In den kommenden vier Jahren verzichten sie auf tarifliche Gehaltserhöhungen. Auch fallen einige Boni ganz weg oder werden gekürzt. Geprüft wird auch das Entgeltsystem bei VW, der Check läuft bis 2027.
Wie sehr wird das Management am Sparkurs beteiligt?
Der Sparkurs beim Gehalt betrifft auch das Management. Laut "Süddeutscher Zeitung" soll der üblicherweise im Mai gezahlte Bonus für die Chefetage
so stark sinken, dass das Jahreseinkommen von rund 4000 Managern 2025 und 2026 um zehn Prozent sinke. Eine Quelle nannte die Zeitung nicht. In den folgenden drei Jahren sollen die Boni um acht, sechs und fünf Prozent schrumpfen. So würde der Gehaltsverzicht der Manager wie bei den Arbeitnehmern 2030 enden. Das Ganze soll in einer Betriebsvereinbarung geregelt werden. VW lehnte laut "SZ" eine Stellungnahme ab.
so stark sinken, dass das Jahreseinkommen von rund 4000 Managern 2025 und 2026 um zehn Prozent sinke. Eine Quelle nannte die Zeitung nicht. In den folgenden drei Jahren sollen die Boni um acht, sechs und fünf Prozent schrumpfen. So würde der Gehaltsverzicht der Manager wie bei den Arbeitnehmern 2030 enden. Das Ganze soll in einer Betriebsvereinbarung geregelt werden. VW lehnte laut "SZ" eine Stellungnahme ab.
Was bringen die Einsparungen?
Die durch den Verzicht beim Gehalt erzielten Einsparungen bezifferte Betriebsratschefin Cavallo auf 1,5 Milliarden Euro. Die Verringerung der Kapazität beziffert VW-Chef Oliver Blume in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" so: "Die jetzt vereinbarte Lösung mit Abbau der Kapazitäten an verschiedenen Standorten entspricht dem Produktionsumfang von zwei bis drei großen Werken."
Wie steht es um die Beschäftigungssicherung?
Unabhängig davon wird der seit 30 Jahren geltende Vertrag über eine Beschäftigungssicherung wieder in Kraft gesetzt. Für den geplanten Stellenabbau hatte VW den Vertrag zur Beschäftigungssicherung aufgekündigt. Die Vereinbarung gilt ohne Möglichkeit einer erneuten Kündigung nun bis 2030. Eine Sonderklausel wurde vereinbart: Sollte VW die Beschäftigungssicherung nach 2030 nicht verlängern, wird die Zahlung einer Milliarde Euro an die Beschäftigten fällig.
Die größten Baustellen bei VW nannte VW-Markenchef Thomas Schäfer: Es würden zu viele Autos gebaut in deutschen Werken, die Entwicklungskosten würden mit dem internationalen Niveau nicht mithalten, und die Kosten für die geleistete Arbeit sei zu hoch. Als Gründe für den Sparkurs hatte VW-Chef Oliver Blume die schwache Nachfrage nach Autos in Europa und dem deutlich gesunkenen Gewinn aus China benannt. Beides lege "jahrzehntelange strukturelle Probleme bei VW" offen. Nach der Einigung mit den Gewerkschaften sagte Schäfer. "Wir haben bei allen drei Themen tragfähige Lösungen erzielt."
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Wie kam es zur VW-Krise?
Im vergangenen Quartal meldete VW von Juli bis September einen Gewinneinbruch nach Steuern um 64 Prozent. Gemessen am Vorjahreszeitraum sank der Überschuss auf 1,58 Milliarden Euro ab, das Ergebnis im laufenden Geschäft schmolz um 42 Prozent auf 2,86 Milliarden Euro. Trotz Absatzschwungs lag der Umsatz nur knapp unter Vorjahresniveau, was bei schwindendem Gewinn aber eine verringerte Rendite bedeutet. Ein Unternehmenssprecher verwies auf den schrumpfenden Automarkt in Europa, bei dem derzeit zwei Millionen Autos pro Jahr weniger als geplant verkauft würden. Auf VW entfielen ungefähr 500.000 Fahrzeuge. Bei VW liegt die Rendite derzeit weit unter der Zielmarke von 6,5 Prozent.
Mit Material von dpa und Reuters
Kommentar
Die Sparpläne bei VW bedeuten tiefe Einschnitte, individuelle Härten. Der einstige Vorzeigekonzern reagiert mit massiven Einsparungen auf die Absatzkrise. Es ist eine Kehrtwende in letzter Minute, der Ruf der Kernmarke VW ist angekratzt. Ob der Schnitt ausreicht, VW wieder auf Kurs zu bringen? Das wäre zu hoffen!
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