Timo Glock etablierte sich 2009 mit starken Leistungen in der Formel 1

Formel 1 2009

— 23.11.2009

Das war 2009: Timo Glock

Timo Glock schnupperte 2009 schon mal vorsichtig am ersten Sieg und wurde seinem Image als "Kampfdackel" gerecht - bis zum Unfall in Suzuka...

Zugegeben, die Formel-1-Saison 2009 bescherte der Fangemeinde kein so hochdramatisches Finale wie jenes von São Paulo 2008, doch in vielerlei Hinsicht war das Jahr dennoch eines der interessantesten der Grand-Prix-Geschichte. Denn selten zuvor waren die Kräfteverhältnisse vor den einzelnen Rennen so unvorhersehbar wie in der zurückliegenden Saison - und wahrscheinlich noch nie zuvor hat es einen Weltmeister gegeben, der so unerwartet kam.

Wie ausgeglichen das Feld war, beweist die Tatsache, dass alle Teams bis auf Toro Rosso (!) entweder einen Grand Prix angeführt oder den Sprung auf das Podium geschafft haben. Außerdem konnten sechs Fahrer aus vier Teams Rennen gewinnen und sogar acht Fahrer aus sechs Teams eine Pole-Position erobern. 'Motorsport-Total.com' rollt die zurückliegenden Ereignisse in Form einer Artikelserie noch einmal auf. Den Anfang machten die zehn Teams, nun folgen die fünf Deutschen und zum Abschluss am 26. November Weltmeister Jenson Button. Heute: Timo Glock.

Rasante Aufholjagd in Australien

Für den Toyota-Piloten begann die Saison mit gemischten Gefühlen: Zwar schaffte er als Achter des Qualifyings in Melbourne den Einzug ins Top-10-Finale, wo er dann Sechster wurde und gleich einmal schneller als sein Teamkollege Jarno Trulli war, doch die Freude war nur von kurzer Dauer, denn wegen flexibler Heckflügel wurden die beiden nachträglich ans Ende des Feldes versetzt. Der Weg in die Punkteränge konnte also nur über eine furiose Aufholjagd führen.

Die gelang Trulli, der sogar noch Dritter wurde, aber auch Glock: Der Wersauer zeigte einige beherzte Überholmanöver, drehte sich einmal bei einer Attacke gegen Fernando Alonso und überquerte die Ziellinie als Fünfter. Durch die Lügenaffäre um Lewis Hamilton rückte er nachträglich sogar auf den vierten Platz auf. Nach den überragenden Test- und Trainigsleistungen hatte man sich bei Toyota fast noch mehr erwartet, aber zumindest schien die Basis mit dem neuen TF109 zu stimmen.

Eine Woche später sollte der Höhenflug weitergehen: Glock sicherte sich in Kuala Lumpur den fünften Startplatz, konnte aber im Qualifying nicht ganz die Pace von Trulli mitgehen. Im Rennen kam ihm jedoch der Wettergott zu Hilfe, denn als es immer stärker zu regnen anfing, war der Toyota-Pilot plötzlich der schnellste Mann im Rennen. Glock überholte sogar noch Nick Heidfeld, wurde aber dennoch hinter seinem Landsmann als Dritter gewertet, weil bei einem Abbruch immer die Runde vor der roten Flagge zählt.

Topleistung im Abbruchrennen

Im Nachhinein betrachtet wäre Kuala Lumpur wahrscheinlich sogar die größte Chance gewesen, einen Grand Prix zu gewinnen: "Ich bin mir ganz sicher, dass ich Button noch geschnappt hätte, wenn das Rennen noch zwei oder drei Runden länger gedauert hätte", sagt Glock im Interview mit 'Motorsport-Total.com'. "Ich war richtig gut drauf! Das waren die perfekten Umstände und Bedingungen für mich, aber es ist nicht so, dass ich das als vertane Chance sehe. Der Abbruch kam für mich eben nur ein paar Runden zu früh."

Beim nächsten Regenrennen in Schanghai entschied sich Glock wegen seiner aussichtslosen Startposition freiwillig für einen Start aus der Boxengasse, was nach einer weiteren Topleistung mit zwei Punkten belohnt wurde. Anschließend erlebte er in Manama das vorläufige Highlight, als er zum zweiten Mal nach Montréal 2008 einen Grand Prix anführte, diesmal gleich für zehn Runden. Dennoch hielt sich die Freude nach der Zieldurchfahrt in Grenzen.

"Ich war das erste Auto, das an die Box kam, was schon kritisch war. Als ich auf dem härteren Reifen wieder auf die Strecke kam, hatte ich keinen Grip mehr. Ich bekam keine Hitze in die Reifen und verlor das Rennen im zweiten Stint", ärgerte sich der siebtplatzierte "Kampfdackel" (Copyright: Manager Hans-Bernd Kamps), blieb aber trotz der hervorragenden Ansätze ganz seinem Naturell entsprechend auf dem Boden: "Zwei Punkte sind besser als keiner."

Verpasste Chance in Bahrain

Glock war vom zweiten Platz aus ins Rennen gestartet und kam besser weg als sein Teamkollege, sodass er sich an die Spitze setzte. Doch gemessen an der niedrigen Benzinmenge konnte sich der Toyota-Express auch mit den besseren weichen Reifen zu wenig stark von den Verfolgern absetzen, also kam Glock nach seinem frühen Boxenstopp mitten im Feld wieder auf die Strecke zurück. Von da an spielte er für die Vergabe der Podestplätze keine Rolle mehr.

Es folgte ein zehnter Platz nach einem missglückten Start in Barcelona und noch ein zehnter Platz in Monte Carlo. Auf der Fahrerstrecke im Fürstentum schien die bis dahin so starke Toyota-Performance wie verflogen zu sein: "Rein vom Handling her", so Glock am Samstagnachmittag, "fühlte sich das Auto gar nicht so schlecht an, wie es der 19. Platz vermuten lässt, aber es hat uns einfach der Speed gefehlt. Was die Gründe dafür sind, weiß ich ehrlich gesagt nicht."

Es folgte ein kleines Sommerloch, in dem absolute Spitzenergebnisse Mangelware blieben. Glocks bestes Abschneiden in jener Phase war der sechste Platz auf dem Hungaroring, wo er schon 2008 sensationell Zweiter geworden war. Und dann kam Singapur: Beim Nachtrennen auf dem spektakulären Stadtkurs inmitten der südostasiatischen Millionenmetropole wuchs der Toyota-Pilot über sich hinaus und wurde hinter Lewis Hamilton Zweiter!

Performance nicht konstant genug?

"Timo ist einer von denen, die über sich hinauswachsen können, wenn sie merken, dass etwas geht. Das war in Singapur ganz extrem. Das war der Timo, den wir kennen und den wir das Jahr zuvor in Ungarn schon mal gesehen haben", analysiert 'Motorsport-Total.com'-Experte Marc Surer, der Glock insgesamt für unterschätzt hält, aber gleichzeitig sagt: "Das Problem ist, dass er so etwas selten hinkriegt. Woran das liegt, kann er nur selbst beantworten."

Was noch niemand ahnen konnte: Singapur sollte Glocks letztes Rennen in dieser Saison bleiben, denn nach Suzuka reiste der Deutsche mit einer Grippe an, sodass er schon das Freitagstraining auslassen musste, und am Samstag baute er nach einem Fahrfehler im Qualifying einen schweren Unfall. Mit einer tiefen Fleischwunde und weiteren Verletzungen war an einen Renneinsatz tags darauf gar nicht zu denken - und auch in São Paulo und Abu Dhabi blieb es für ihn bei der Zuschauerrolle.

"Natürlich war Suzuka für mich das prägende Negativerlebnis des Jahres. Gerade vor den japanischen Fans wollte ich zeigen, was ich drauf habe", gibt Glock zu Protokoll. "Dann ging das Wochenende aber schon mit Fieber und Erkältung los. Der Unfall im Qualifying hat für mich das Saisonende bedeutet. Das war schon extrem schade." Zumindest konnte er sich so auf seine Vertragsverhandlungen für 2010 konzentrieren. Den Zuschlag erhielt nach mehr oder weniger intensiven Gesprächen mit Renault, Sauber/Qadbak und McLaren letztendlich das neue Manor-Team.

Viele kämpferische Vorstellungen

"Die Podestplätze in Malaysia und Singapur waren ganz sicher die Höhepunkte im Jahr, aber es gab auch andere Situationen, wo ich ganz zufrieden war - zum Beispiel, wenn ich aus der Boxengasse noch weit nach vorne fahren konnte. Ich hatte 2009 viele kämpferische Rennen, die mir viel Spaß gemacht haben", zieht Glock Bilanz. "Ich habe im Vergleich zu 2008 in allen Bereichen dazugelernt. Vor allem in den Rennen konnte ich durch viele Positionsverbesserungen ganz gut zeigen, was in mir steckt. Da waren wirklich einige gute Rennen dabei."

Was bleibt, sind nackte Zahlen: Glock verlor das Qualifyingduell gegen den anerkannten Superqualifyer Trulli klar mit 4:11, gewann aber nach Punkten mit 24:22,5 (Stand vor der Verletzung in Suzuka). Das ist umso beeindruckender, als der routinierte Italiener wahrscheinlich einer der schwierigsten Teamkollegen in der Formel 1 ist, auch wenn er keinen großen Namen hat: "Man darf nicht vergessen, dass Trulli die Formel-1-Karriere von Ralf Schumacher beendet hat, weil er meistens besser war", bringt es Experte Surer auf den Punkt.

"Trulli ist einer, der auch mit einem Auto schnell fahren kann, das nicht perfekt ist", so der ehemalige Formel-1-Pilot. "Außerdem war er bisher neben Hamilton der stärkste Teamkollege von Fernando Alonso. Dazu kommt noch, dass Trulli einer ist, der es in der Qualifikation fast immer genau auf die Reihe kriegt. Da hatte Timo eine harte Nuss zu knacken, deshalb sieht das Resultat wohl schlechter aus, als es wirklich ist. Das Qualifying ist eine Stärke von Trulli. Das hat man ja bei den anderen Teamkollegen gesehen."

Lob von Mercedes-Sportchef Haug

Glock arbeitete aber in seinen zwei Jahren bei Toyota konsequent daran, die anfänglichen Probleme mit dem speziellen Fahrverhalten des Autos in den Griff zu bekommen, was ihm nach und nach gelang. Gar nicht auszudenken, was dieses Jahr möglich gewesen wäre, wenn er immer so weit vorne gestanden wäre wie Trulli. Selbst Mercedes-Sportchef Norbert Haug findet: "Wer in Singapur Zweiter werden kann, muss stark sein. Er hat kritisch beäugt vielleicht eine Qualifikationsschwäche, aber ansonsten ist Timo ein Megatyp, sehr bodenständig, toll."

Ein Tiefpunkt für Glock war am Jahresende der Toyota-Ausstieg: "Das war nicht schön", sagt der 36-fache Grand-Prix-Teilnehmer, der die Japaner 2010 aber so oder so verlassen hätte. "Der Ausstieg kam überraschend und mir tut es für die vielen guten Mitarbeiter einfach sehr, sehr leid. Ich war oft in Köln, habe sogar eine Zeit lang dort eine Wohnung gehabt, um möglichst nahe beim Team zu sein. Ich kenne dort unglaublich viele Leute. Es ist extrem schade, dass die jetzt um ihre Jobs bangen müssen."

Er selbst nimmt mit Manor beziehungsweise Virgin eine neue Herausforderung an. Das Team um Teamchef John Booth und Chefdesigner Nick Wirth, der seinen Boliden ohne eine einzige Stunde im Windkanal ausschließlich am Computer entwickelt, passt von der Mentalität her hervorragend zu Glock und seinem Manager Kamps. Die beiden Freunde hoffen, dass sie als Alphatier bei Manor etwas Neues aufbauen und später dann eventuell die Früchte ihrer mutigen Entscheidung ernten können...

Saisonstatistik:

Fahrerwertung: 10. (24 Punkte)
Gefahrene Rennen: 14/17
Siege: 0
Podestplätze: 2
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 1
Durchschnittlicher Startplatz: 12,3 (16.)
Bester Startplatz: 2.
Bestes Rennergebnis: 2.
Ausfallsrate: 0,0 Prozent (1.)

Qualifyingduell:

Glock vs. Trulli: 4:11

Fotoquelle: xpb.cc

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