Damon Hill machte sich vor Ort in Bahrain ein Bild von der Situation

Formel 1 2012

— 19.02.2012

Formel 1 und der Arabische Frühling: Hill unterstützt FIA

Damon Hill spricht über seinen Lokalaugenschein in der Krisenregion um Manama - Teammanager hält Entscheidung erst am 15. April für möglich

Am 22. April soll der Grand Prix von Bahrain, das vierte Rennen der Formel-1-Saison 2012, stattfinden. Derzeit deutet wenig darauf hin, dass die Veranstaltung abgesagt werden könnte, denn FIA und Bernie Ecclestone signalisieren keine Abweichung vom beschlossenen Kalender und die Teams sagen bislang nur, dass sie jede Entscheidung der Verantwortlichen akzeptieren würden.

Darüber, wie die Situation auf den Straßen der Hauptstadt Manama wirklich ist, gibt es widersprüchliche Berichte. Ecclestone hat "lediglich gehört, dass einige Jugendliche Ärger mit der Polizei hatten", wie der Formel-1-Geschäftsführer die jüngsten Unruhen im 'Telegraph' relativiert. Medienberichten zufolge kam es am "Tag des Zorns" (14. Februar) zu Straßenschlachten, bei denen die Polizei gegen die überwiegend jugendlichen Demonstranten Tränengas und Gummigeschosse einsetzte.

Auswärtiges Amt warnt vor Bahrain-Reisen

Insgesamt soll der Arabische Frühling in Bahrain bislang rund 60 Todesopfer gefordert haben. Auch das Auswärtige Amt hat seine Reisewarnung noch nicht aufgehoben. Auf der Internetseite des Ministeriums steht unverändert: "Die allabendlichen Zusammenstöße in Stadtteilen beziehungsweise Ortschaften mit überwiegend schiitischer Bevölkerung, auch unter Einsatz von Tränengas, halten weiter an."

"Angesichts der anhaltenden Spannungen in einigen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens sollten Reisende auch in Bahrain in der Öffentlichkeit zurückhaltend auftreten, in ihrem Verhalten auf die religiösen, kulturellen und gesellschaftlichen Traditionen Rücksicht nehmen und sich von Demonstrationen oder Protestveranstaltungen fernhalten", wird empfohlen.

Für die Formel 1 ist aber der Sicherheitshinweis unter dem Punkt "Terrorismus" am relevantesten: "Trotz umfassender örtlicher Sicherheitsvorkehrungen können Gefährdungen durch terroristische Aktivitäten sowie Risiken über die bestehende Landverbindung nicht ausgeschlossen werden", besagt dieser.

Andererseits hat der Bahrain-Grand-Prix mit Damon Hill einen genauso prominenten wie unvermuteten Fürsprecher. Denn der Weltmeister von 1996 war im vergangenen Jahr einer der vehementesten Gegner der Idee, die Veranstaltung um jeden Preis retten zu wollen, vertritt ein Jahr später aber die entgegengesetzte Meinung. Zu diesem Sinneswandel kam es bei einem Lokalaugenschein in der Krisenregion.

FIA um Transparenz bemüht

Hill jettete Ende 2011 auf Einladung von FIA-Präsident Jean Todt nach Bahrain. "Er fragte mich, ob ich mitkommen möchte, weil ich augenscheinlich sehr besorgt war", erklärt der 51-Jährige im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' und spricht Todt für dessen Offenheit und Transparenz großen Respekt aus. Außerdem berichtet er: "Der Besuch war kurz. Wir waren zwei Tage dort, aber wir hatten praktisch die ganze Zeit Meetings."

"Durch meinen Besuch gewann ich ein kompletteres Bild von der Situation, wenn auch natürlich leicht überschattet vom Bedarf nach Schutz", schildert Hill. Die Vorwürfe gegen die Regierung seien ohnehin bestens bekannt, aber: "Uns wurde Gelegenheit gegeben, überall hinzugehen und alle Fragen zu stellen, die wir stellen wollten. Jean war sehr gründlich und übte Druck aus, Menschen und Orte zu sehen, die ich lieber nicht gesehen hätte. Ich halte ihn nicht für naiv. Er merkt es genau, wenn ihm jemand eine geschönte Geschichte erzählen will."

"Wir trafen uns mit Professor Scharif Bassiouni (UN-Experte für Kriegsverbrechen; Anm. d. Red.) der gerade an seinem Bericht arbeitete. Wir trafen uns in der britischen Botschaft auch mit dem deutschen, französischen und britischen Botschafter. Wir trafen sunnitische und schiitische Geschäftsleute und Politiker. Uns wurden freizügig Belege für Proteste gezeigt, zum Beispiel Straßensperren, Graffiti, verbrannte Autoreifen oder niedergerissene Bäume", fährt Hill fort.

"Wir fuhren zur Rennstrecke und trafen uns mit den Veranstaltern", meint er weiter. "Wir fuhren ins Salmaniya-Krankenhaus und sprachen mit Ärzten und Pflegepersonal. Wir trafen uns auch mit dem Kronprinzen, der sein Bestes tat, um die Situation zu zerstreuen, und zum Dialog aufrief (...). Er wird als Reformer geschätzt und war einer der wichtigsten Drahtzieher, um die Formel 1 ins Land zu holen."

Hill unterstreicht, dass es auch in der britischen Politik Bewegungen gibt, die der Ansicht sind, dass eine Absage des Grand Prix die Reformbewegung in Bahrain untergraben würde. Gleichzeitig stellt er aber klar: "Es ist nicht meine Entscheidung, ob die Formel 1 nach Bahrain zurückkehren soll oder nicht." Und er betont: "Die Experten für Menschenrechte und Diplomatie im Mittleren Osten arbeiten daran, den Frieden in der Region zu erhalten. Das ist zum Glück auch nicht meine Aufgabe!"

Veranstalter mit fröhlichem Slogan

Der Slogan der Veranstalter für den Grand Prix lautet dieses Jahr "UniF1ed - One Nation in Celebration", also sinngemäß "Vereint - Eine Nation in Feierlaune". Damit soll die Formel 1 und der Sport im Allgemeinen als vereinende und harmonisierende Kraft präsentiert werden. "Der Sport bringt die Menschen zusammen", findet Kronprinz Scheich Salman ibn Hamad ibn Isa Al Chalifa und ergänzt: "Wir wollen Bahrain stolz machen und der ganzen Welt zeigen, dass wir in der Tat eine Nation in Feierlaune sind."

Seitens des Inhabers der kommerziellen Rechte vertritt man den Standpunkt, dass sich die Formel 1 nicht in politische Agenden einmischen will. Ecclestone hat geschätzte 25 Millionen Gründe, das Rennen nicht abzusagen; zudem sitzt im Motorsport-Weltrat der FIA ein mächtiger Vizepräsident aus Bahrain und die Bahrain Mumtalakat Holding Company ist mit 50 Prozent größter Anteilseigner des McLaren-Teams von FOTA-Chef Martin Whitmarsh.

Wahrscheinlich ist, dass die finale Entscheidung erst am Sonntag des China-Grand-Prix, also vier Tage vor dem Medien-Donnerstag in Bahrain, fallen wird. Denn aufgrund der unberechenbaren Situation im Land kann heute noch niemand sagen, wie gefährlich oder sicher die Straßen von Manama Ende April sein werden. Logistisch hält man sich jedenfalls alle Optionen offen.

Auf unsere Frage, ob eine so späte Entscheidung machbar wäre, entgegnet ein Teammanager eines Formel-1-Rennstalls: "Absolut. Man denke an den Kalender und an die Luftfracht. Nach Bahrain sind drei Wochen Pause bis Spanien, dazwischen der Test in Mugello. Sollte das Rennen am Sonntag in Schanghai abgesagt werden, würden die FOM-Charterflieger einfach nach Europa statt in den Mittleren Osten abheben. Kein Problem."

Fotoquelle: Renault

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