Auf den Longruns ist Williams weniger beeindruckend als auf eine Runde

Formel 1 2012

— 23.02.2012

Bestzeit: Williams lässt die Hosen runter

Wie viel die Bestzeit von Pastor Maldonado wirklich wert ist und warum Williams glaubt, mit dem FW34 trotzdem auf einem guten Weg zu sein

Das Fahrerlager staunte nicht schlecht, als Witali Petrow im vermeintlich hoffnungslos unterlegenen Caterham bei den Testfahrten in Barcelona plötzlich mit Wochenbestzeit auftauchte. Doch dabei handelte es sich um einen Fehler in der Zeitmessung - ganz im Gegensatz zur Bestmarke von Pastor Maldonado, an der nicht gerüttelt werden kann.

Der Williams-Pilot markierte am dritten Tag in Barcelona eine Bestzeit von 1:22.391 Minuten und war damit heute um eine Sekunde schneller als der Rest der Welt. Zum Vergleich: Weltmeister Sebastian Vettel im Red Bull blieb gestern um eine halbe Sekunde hinter diesem Wert zurück. Das lässt zwei Schlüsse zu: Erstens, dass Williams heute zum ersten Mal mit wenig Benzin gefahren ist (die bisher erzielten Zeiten waren um mehr als drei Sekunden langsamer), und zweitens, dass die Topteams ihre Hosen vermutlich noch nicht runtergelassen haben.

Unterschiedliche Programme für die Fahrer

Nachdem Testfahrer Valtteri Bottas von Williams gestern darauf angesetzt wurde, ein typisches Freitagsprogramm mit Reifenvergleichen abzuspulen, weil das in der bevorstehenden Saison seine primäre Aufgabe sein wird, durchlief Maldonado heute eine ganz andere Tagesordnung: "Pastor testet für zwei Tage, also haben wir ihn für den Ablauf eines kompletten Rennwochenendes eingeteilt", erklärt Mark Gillan, Chefingenieur für Operatives.

Das heißt, dass gegen 12:30 Uhr, als Maldonado mit den weichsten Pirelli-Reifen auf die Strecke ging, vermutlich ein Qualifying mit wenig Benzin simuliert wurde. Der Venezolaner erzielte seine Bestzeit auf der ersten schnellen Runde eines Fünf-Runden-Runs - vergleichbar mit den gestrigen Vorlagen von Nico Hülkenberg im Force India (1:22.608 Minuten) und Sergio Perez im Sauber (1:22.648 Minuten). Sprich: Selbst wenn im Tank fast nur noch Luft war, kann die Zeit nicht so schlecht gewesen sein.

Gillan glaubt, nach dem ersten Testtag mit weniger Gewicht "eine gute Idee" davon zu haben, wo Williams wirklich steht - und er wirkt guter Dinge, wenn er sagt: "Von einem Tag zum anderen ist es sehr schwierig, die Situation einzuschätzen, aber wenn man die Tests in ihrer Gesamtheit betrachtet, kann man schon ungefähr sagen, was die einzelnen Teams machen. Wir wissen ungefähr, wo wir stehen, aber natürlich ist nichts hundertprozentig sicher - und es gibt auch keinen Preis dafür, jetzt Bestzeiten zu fahren."

Longrun nicht ganz so beeindruckend

Nach der Mittagspause fuhr Maldonado drei Longruns mit Rundenzeiten zwischen 1:30.5 und 1:34 Minuten - also doch deutlich langsamer als Michael Schumacher (Mercedes) und vor allem Mark Webber (Red Bull), die zeitgleich sogar richtige Rennsimulationen durchführten. Aber auf die Konkurrenz schaut Maldonado nicht: "Wir haben unser eigenes Testprogramm, darauf konzentrieren wir uns. Da haben wir keine Probleme", sagt er und weiß: "Uns mit den anderen Teams zu vergleichen, ist schwierig."

"Das Auto scheint konkurrenzfähig zu sein - viel besser als das vorjährige", lobt der 26-Jährige. "Alles harmoniert: Motor, Getriebe, Aerodynamik, Mechanik. Es ist kein perfektes Auto, wir müssen noch viel verbessern, aber es ist ja auch noch früh. Ich bin sehr glücklich, denn das Auto ist schnell. Wir müssen noch analysieren, um noch schneller zu werden, aber das ist ein guter Ausgangspunkt." Doch Vorsicht: Rubens Barrichello erzielte im Vorjahr in Jerez sogar die schnellste Zeit des gesamten Winters, anschließend folgte aber die schlechteste Saison in der Williams-Geschichte.

Neben der Simulation eines Rennwochenendes nahm Williams heute quasi im Vorbeigehen mit, alle vier Pirelli-Reifentypen ausprobieren zu können. "Der Verschleiß scheint genau wie bei den anderen Autos zu sein, die wir auch analysiert haben", gibt Maldonado Entwarnung. "Heute Morgen war es sehr kalt und in den ersten zwei Runs ist das Auto zu viel gerutscht. Ich glaube aber, das war für alle gleich. Als es wärmer wurde, wurde das besser. Niedrige Temperaturen liegen den Pirellis halt nicht, aber da sitzen alle im gleichen Boot."

Teamkollege Bruno Senna hatte am Dienstag darüber geklagt, überhaupt keinen Grip zu finden, je kälter es ist. Das scheint aber kein spezifisches Williams-Problem zu sein, sondern eine allgemeine Charakteristik der Reifengeneration 2012. Maldonado: "Die erste Runde ist eine Katastrophe, wenn es so kalt ist, aber selbst mehrere Runden können schwierig sein. Manchmal wärmen sich Vorder- und Hinterreifen unterschiedlich schnell auf. Das ist verwirrend."

Besseres Ansprechverhalten als 2011

Positiv fällt auf, dass der FW34 auf Änderungen des Setups sofort und berechenbar anspricht. Das war beim Vorgängermodell FW33, an dem Fahrer und Ingenieure manchmal verzweifelt sind, anders. "Jedes Mal, wenn wir am Auto etwas ändern, kann ich es sofort spüren. Das ist positiv", freut sich Maldonado. "Ich habe ein tolles Gefühl im Auto und kann den Ingenieuren auch genau erklären, was vor sich geht - auf Longruns genauso wie auf kürzere Distanzen."

"Das Auto läuft gut", nickt Gillan. "Wir haben heute die 3.000-Kilometer-Marke überschritten. Bisher ging es uns vor allem um die Zuverlässigkeit und darum, das Auto zu verstehen, aber heute haben wir erstmals auch Performance freigesetzt." Imposant: Der FW34 hat schon 3.132 Testkilometer auf dem Buckel, also mehr als jeder andere Neuwagen. Ansonsten liegt nur noch der MP4-27 von McLaren (3.011), der ebenfalls zuverlässig wie ein Uhrwerk läuft, über der 3.000er-Schallmauer.

Von nun an gilt es, an der Performance zu arbeiten - zum Beispiel an der Traktion aus langsamen Kurven heraus, besonders zu Beginn der Woche noch eine Schwachstelle. Aber: "Das Auto wird mit jedem Tag besser, vor allem weil wir keine technischen Probleme haben", berichtet Maldonado. "Wir fahren jeden Tag mehr als 100 Runden, was für die Fabrik sehr positiv ist, weil sie viele Daten analysieren können. Ich bin sehr glücklich."

Großes Update für letzten Test

Schon seit Jerez befinden sich am Williams "ein paar" neue Teile, "aber primär kommt für den nächsten Test ein Update, um für das erste Rennen bereit zu sein. Das ist bei fast allen Teams ähnlich, denke ich", klärt Gillan auf. Auch Maldonado freut sich schon auf den zweiten Barcelona-Test von 1. bis 4. März: "Wir haben ein gutes Aero-Update. Ich hoffe, dass uns das in allen Kurven helfen wird, auch in den schnellen. Wir werden sehen. Ich habe ein gutes Gefühl."

Für die Steigerung auch in langsamen Kurven ist laut Gillan "eine bessere und lenkbarere aerodynamische Plattform" als in der vergangenen Saison verantwortlich. Denn viel aerodynamischer Anpressdruck komme nicht nur bei schneller Kurvenfahrt zum Tragen: "Selbst in den langsamen Kurven ist die Aerodynamik wichtig - und vielleicht sogar wichtiger, was die Auswirkung auf die Rundenzeiten angeht."

Gillan lässt in diesem Zusammenhang auch den Wechsel von Cosworth- auf Renault-V8-Motoren nicht unerwähnt: "Da hilft uns die Fahrbarkeit des Motors quer durch das gesamte Drehzahlband. Die beiden Faktoren spielen zusammen", spricht der Brite dem neuen Partner aus Frankreich ein Kompliment aus. "Es gibt in allen Bereichen Spielraum für Verbesserungen, aber es geht auf jeden Fall in die richtige Richtung."

"In den langsamen Kurven haben wir am meisten auf die Konkurrenz verloren", analysiert Gillan. Trotzdem sei man nicht hergegangen und habe ausschließlich in diesem Bereich gearbeitet, sondern man habe vor dem Eingehen von Designkompromissen ganz nüchtern analysiert, welche Bereiche sich am meisten auf die Performance auswirken: "Wir müssen darauf schauen, wo man am meisten Rundenzeit holen kann. Opfer bringst du aber nur da, wo es nicht so wichtig ist."

Fotoquelle: xpb.cc

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