In den Boxengasse herrscht während der Rennen derzeit Hochbetrieb

Formel 1 2013

— 13.05.2013

79 Boxenstopps: Reifen-Chaos oder Spektakel?

Nach der "Boxenstopp-Orgie" von Barcelona zieht Pirelli die Notbremse, doch die Meinungen über die Reifen gehen nach wie vor weit auseinander



Beim Großen Preis von Spanien hatten nicht nur die Fahrer, sondern auch ihre Mechaniker, alle Hände voll zu tun. Insgesamt 79 Mal suchten die Piloten im Rennverlauf die die Box auf. Zieht man die sechs Straf- und Reparatur-Stopps ab, verbleiben 73 reguläre Reifenwechsel - im Durchschnitt wechselte jeder Pilot mehr als drei Mal die Pirelli-Pneus. Eine solche "Boxenstopp-Orgie" hat die Formel 1 bei einem trockenen Rennen selten erlebt, und zum ersten Mal seit dem Grand Prix der Türkei 2011 fuhr mit Fernando Alonso (Ferrari) ein Fahrer mit einer geplanten Vier-Stopp-Strategie zum Sieg.

Diese Werte zeigen: Auch in Barcelona drehte sich wieder einmal alles um die Reifen. Und wie schon bei den vorherigen Rennen musste sich Einheitslieferant Pirelli nach dem Rennen teils heftige Kritik gefallen lassen. So bezeichnete Sebastian Vettel den überarbeiteten harten Reifen als "Griff ins Klo" und beklagte: "Es ist natürlich schon in gewisser Weise schade, wenn man nicht einmal eine Runde dabei hat, wo man mal ordentlich aufs Gas treten kann."

McLaren-Pilot Sergio Perez hat zur aktuellen Reifensituation ebenfalls eine eindeutige Meinung: "Das ist schrecklich. Das ist keine Formel 1 mehr. Es ist so langweilig. Du musst nur nach den Reifen schauen", so der Mexikaner. Pirelli hatte vor der Saison angekündigt, die Reifenmischungen weicher und damit aggressiver zu machen, um die Teams vor neue Herausforderungen zu stellen. Das ist den Italienern mehr als gründlich gelungen. Aus Sorge vor dem Abbauen der Reifen ergibt sich in den Rennen ein teils bizarres Bild.

Macht die Formel 1 noch Spaß?

Die Piloten richten ihr Tempo nicht mehr nach den Konkurrenten aus, sondern fahren Zielzeiten, die ihnen die Ingenieure vorgeben. Aus sportlicher Sicht ein wenig erfreulicher Zustand, wie Martin Whitmarsh zugeben muss: "Wenn du neue Reifen am Auto hast, musst du in den ersten drei, vier Runden gewissermaßen auf Zehenspitzen fahren. Für jeden Rennfahrer ist es nicht besonders prickelnd, durch Kurven zu schleichen, die eigentlich die größte fahrerische Herausforderung darstellen sollten", sagt der McLaren-Teamchef.

"So ist es für die Fahrer jedenfalls kein Spaß. Wenn du mit frischen Reifen gleich drei schnelle Runden fährst, um mit einem vorgezogenen Boxenstopp einen anderen Piloten zu überholen, dann gehen deine Reifen fünf Runden später so richtig in die Knie", erläutert Whitmarsh die Problematik im Rennen. Das ist auch der Mehrheit der Fans ein Dorn im Auge, wie einer Umfrage unter den Besuchern von 'Motorsport-Total.com' ergab. Dort wünschten sich 67,42 Prozent der knapp 7.500 Teilnehmer die langlebigen Bridgestone-Reifen zurück.

Experte Marc Surer denkt jedoch nur ungern an diese Zeiten zurück. "Man trauert natürlich den Zeiten nach, in denen für jedes Auto die Reifen gebaut wurden. Kannst du dich noch erinnern, wie unfair das war? Die Topteams bekamen für jedes Rennen neue Mischungen, die kleinen Teams mussten nehmen, was sie bekommen haben", erinnert der Schweizer im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com. "Nämlich die Reifen, die die anderen nicht wollten. Diese Zeiten wünsche ich mir auch nicht zurück. Jetzt haben nämlich auch die Teams aus dem Mittelfeld eine Chance. Einige davon haben hier aufgetrumpft. Sie haben eben die gleichen Bedingungen", so Surer.

Spektakel oder Fluch?

Ist das vermeintliche Reifen-Chaos wirklich ein Fluch für die Formel 1? Darüber gehen die Meinungen im Fahrerlager weit auseinander. Whitmarsh nimmt Pirelli gegen Kritik in Schutz: "Pirelli hat reagiert und das Spektakel vergrößert. Du kriegst es aber nicht immer auf den Punkt hin", so der McLaren-Teamchef. "Man muss Pirelli auch mal loben: Einige Rennen sind durch die Reifensituation besser geworden. Manche litten eher darunter", meint Whitmarsh. "Für die Beteiligten ist das ein bisschen frustrierend."

Surer kann die Aufregung ebenfalls nicht ganz nachvollziehen: "Man muss es einfach so sagen: Das ist in jedem Motorsport so. Du hast deine Reifen zur Verfügung und damit musst du leben", betont der Schweizer. "Manchmal sagt man ja: Es gibt Fahrer, die gewinnen nur im Trockenen, aber nicht im Regen - und umgekehrt. Jetzt haben wir Reifen, die vielleicht ein bisschen so sind, als würde man im Regen fahren. Trotzdem führt der beste Fahrer der Formel 1 die Meisterschaft an", so der Schweizer.

Zu den größten Kritiker von Pirelli gehörten nach dem Rennen in Barcelona erneut vor allem die beiden Teams, die mit dem Reifenmanagement die größten Schwierigkeiten hatten: Red Bull und Mercedes. "Das ist der größte Witz, du kannst nicht mehr Rennen fahren. Ich ärgere mich maßlos über dieses Spiel der Reifen in der Formel 1, das irgendwann absurd wird", polterte Mercedes-Aufsichtsratsboss Niki Lauda bei 'RTL'.

Klare Worte von Lauda und Mateschitz

Und auch sein Landsmann und Red Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz fand klare Worte: "Das hat nichts mehr mit Rennsport zu tun, das ist ein Wettbewerb im Reifenmanagement", sagt Mateschitz gegenüber 'Autosport'. "Wenn wir das Beste aus unserem Auto herausholen würden, müssten wir je nach Rennstrecke acht oder zehn Mal stoppen", so der Österreicher, der nach Informationen des britischen Fachmagazins am Sonntagabend bei einem Treffen mit Formel-1-Boss Bernie Ecclestone persönlich wegen der Reifen intervenierte.

Lotus-Teamchef Eric Boullier erinnert jedoch daran: "Es sind die gleichen Reifen für jeden. Es gab einige kleine Veränderung, um das am stärksten meckernde Team zu beruhigen", teilt der Franzose gegen Red Bull aus. Der Intervention des Weltmeister-Teams wird zugeschrieben, dass Pirelli die harte Reifenmischung vor den Rennen in Barcelona verändert hat. "Sie sollten Reifen bauen, die 20 Runden halten, sie haben es getan", verteidigt Boullier die Italiener. "Die Leute sollten sich fragen, ob es an den Reifen liegt", wirft der Lotus-Teamchef der Konkurrenz vor. "Wenn unser Auto es kann, haben wir offenbar etwas, was das möglich macht."

Der E21 von Lotus ist eines der reifenschonendsten Autos des Jahrgangs 2013, was Kimi Räikkönen immer wieder eine andere Rennstrategie ermöglicht. Während die Ferrari-Piloten gestern vier Mal stoppten, wechselte der Finne nur drei Mal die Reifen und wählte dabei eine völlig andere Strategie. "Fernando ist viermal hart gefahren, Kimi ist dreimal weich gefahren. Da sieht man schon, wie sich dieser Reifenkampf entwickelt. Man kann beide Lösungen wählen, und ist trotzdem schnell. Aber in Wirklichkeit weiß keiner warum", meint Lauda bei 'RTL' und unterstellt Lotus in diesem Zusammenhang ein "Zufallsprodukt".

Reifenschäden schrecken die Teams auf

Doch nicht nur aus sportlicher Sicht geriet Pirelli ins Fadenkreuz der Kritik. Nachdem sich in Bahrain bei Lewis Hamilton und in Barcelona gleich bei zwei Fahrzeugen (Paul di Resta und Jean-Eric Vergne) im Verlauf des Wochenendes die Lauffläche der Reifen ablöste, wird die Frage gestellt, ob die Reifen der Italiener sicher genug sind. "Dieser erneute schwere Reifenschaden ist natürlich besorgniserregend", sagt Whitmarsh. Und Red-Bull-Besitzer Mateschitz fragt sich "wann diese Reifenschäden zu schweren Unfällen führen werden?"

Aufgrund der anhaltenden Kritik sieht sich Pirelli immer mehr zum Handeln gezwungen. Mit der Lieferung eines Versuchsreifen wollten die Italiener schon in Barcelona für mehr Fahrbetrieb im Rennen sorgen, und nach der "Boxenstopp-Orgie" vom Sonntag zieht der Hersteller nun die Notbremse: "Wir hatten zwei bis drei Boxenstopps geplant. Wir waren wohl etwas zu aggressiv. Vier ist nicht, was wir wollten. Vier Boxenstopps, das ist zu kompliziert und das wissen wir. Aus unserer Sicht war es kein guter Tag", erklärte Motorsport-Chef Paul Hembery.

"Wir haben daher vor, zu unserem Plan aus der Vergangenheit zurückzukehren. Zwei bis drei Boxenstopps. Da wollen wir wieder hinkommen", sagt Hembery. Bis zum Rennen in Silverstone will Pirelli die Reifen daher überarbeiten und wieder etwas konservativer auslegen. Während diese Nachricht vor allem im Red-Bull-Lager auf Zustimmung stoßen sollte, fühlt sich Boullier benachteiligt: "Es ist irgendwo nicht fair. Aber wir müssen das annehmen und damit zurechtkommen - das werden wir tun", erklärt der Lotus-Teamchef.

Fotoquelle: xpbimages.com

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