Interview: Peter Schreyer über Design, Familie und Korea

Interview: Peter Schreyer über Design, Familie und Korea

— 19.11.2013

Der Mann mit der Tigernase

Design ist Kaufgrund Nummer eins bei der Autowahl. Das Goldene Lenkrad hat seine Jury um Designer erweitert – was liegt näher, als einem Designer das Goldene Ehrenlenkrad zu verleihen: Peter Schreyer (60) von Hyundai/Kia.

Der Mann war Chefdesigner bei Audi und VW. Dann aber stieg ein anderer zum Chefdesigner auf. Mit 53 Jahren könnte man das hinnehmen und in Ruhe Richtung Rente marschieren. Nicht so Peter Schreyer. Der Bayer aus Bad Reichenhall nahm ein Angebot aus der Diaspora des Automobilbaus an. Er ging zu Kia nach Korea, trug allen Unkenrufen zum Trotz entscheidend zum Aufstieg der Marke bei und wurde als erster Deutscher in Fernost zum Präsidenten ernannt. Wir treffen Peter Schreyer im Designstudio der Kia-Europazentrale direkt neben der Frankfurter Messe. Zwei weitere Studios sind in Korea und den USA. Sein großes Eckbüro im zweiten Stock hat bodentiefe Fenster mit Blick auf die Theodor-Heuss-Allee. Zur Inspiration setzt er sich schon mal in einen seiner beiden roten Vitra-Liegestühle und schaut auf den Verkehr, der pausenlos vorbeibraust, um zu sehen, wie bestimmte Fahrzeugtypen im Verkehr wirken. Heute sitzt er aber an seinem Glas-Schreibtisch, auf dem viele Stifte liegen, Design-Bücher, wo sein Computer steht und vier Kia-Modelle. Daneben ein rotes Wählscheiben-Telefon – ein Geschenk von Kollegen, für den "direkten Draht" zum Kia-Chef. Aber den hat er eh.

Der helle Holzboden, viel Licht und Glas zieren den Arbeitsplatz von Peter Schreyer.

AUTO BILD: Was ist eigentlich gutes Design? Peter Schreyer: Um es auf den Punkt zu bringen – gutes Design ist, wenn es sich gut verkauft. Es ist dann gut, wenn es dem Besitzer Freude macht.

Welche Philosophie haben Sie für Kia und Hyundai? Die Modelle von Hyundai sollen sinnbildlich wie Wassertropfen sein. Elegant, flüssig, dynamisch, aber doch klassisch. Hyundai ist der Mercedes in Korea, während Kia die Rolle des jungen Wilden übernimmt. Die Schneeflocke mit klarer Architektur und sehr strukturellem Aufbau. Kia sind wie Ikea-Möbel – gut designt und trotzdem sehr preiswert.

Warum ändern sich die Formen der Autos oft zeitgleich, obwohl doch ein so langer Planungsvorlauf existiert? Es geht weniger um die Frage, ob auf rund eckig folgt und dann wieder rund. Es geht vielmehr um neue Möglichkeiten, die sich durch technische Änderungen ergeben. Auch gesetzliche Regelungen spielen da hinein. Wie die Vorschriften zum Fußgängerschutz, die den gesamten Fahrzeugvorbau beeinflussen. Das war allerdings lästig.

Neben dem Designer Peter Schreyer gibt es auch noch den Maler Peter Schreyer. Was reizt Sie daran? Wenn ich male, kann ich ohne Vorgaben gestalten. Das ist sehr schön. Mir gefallen Bilder von Cy Twombly, diese abstrakt kindliche und improvisierte Kunst.

Haben Sie schon eigene Bilder verkauft? Ja, ein paar. Aber ich verschenke sie lieber an Menschen, die mir etwas bedeuten.

Welche Note hatten Sie eigentlich in Kunsterziehung? Da hatte ich einen Einser – aber um ehrlich zu sein, war das auch der Einzige im Zeugnis.

Wie muss man sich das vorstellen, wenn ein erfolgreicher Designchef abgeworben wird? Läuft das über Headhunter mit konspirativen Treffen und harten Verhandlungen? Nein, ich wurde direkt von Kia angesprochen und habe dann drei Wochen überlegt, ehe ich zusagte.

Peter Schreyer im Interview mit AUTO BILD-Chefredakteur Bernd Wieland, Nicolaus Fest und Joachim R. Walther (v.l.).

Was hat Ihre Frau Simona dazu gesagt? Die war begeistert.

Seitdem sehen Sie sich aber recht selten! Das Familienleben beschränkt sich auf Wochenenden und den Urlaub. Aber meine Frau und die Kinder (Anm.d. Red.: ein Sohn – 19 Jahre und eine Tochter – 16) waren auch schon dreimal mit in Korea.

Sie waren etwas häufiger dort... Ja, es waren exakt 117 Reisen, also 234 Flüge, und der nächste Trip steht schon kurz bevor.

Was machen Sie im Flieger? Ich schlafe, denke nach oder spiele mein Lieblingsspiel auf dem iPhone: Reno Air Race, bei dem man mit Sportflugzeugen einen Parcours durchfliegt.

Gleichen sich die Geschmäcker weltweit an? Gutes Design gefällt überall, aber jeder Markt hat seine Vorlieben. Europa ist ein Markt für Fünftürer, Asien einer für Limousinen, in USA dominieren große Autos wie SUV oder Pick-ups.

Sie haben den Passat, TT, A2, A6, A8, Golf IV, Lupo und New Beetle gemacht. Auf welches Auto sind Sie besonders stolz? Auf den Golf IV und den Audi A2.

Stolzer als auf alle Kia? Nein, aber hier bin ich stolz darauf, der ganzen Modellpalette ein neues Gesicht gegeben zu haben – vom Kia Rio bis zum Optima.

Die KIA-typische Tigernase, hier ziert sie den neuen KIA cee'd GT.

Die sogenannte Tigernase. Wer hatte die Idee dafür? Es war schon so etwas wie ein Geistesblitz. Ich habe nach einem Familiengesicht gesucht, das die Autos zentriert, gleichzeitig aber unique und doch von Modell zu Modell variabel ist.

Wie viel müssen Designer von Technik verstehen? Am meisten. Nicht bis ins letzte Detail wie die Techniker, aber sie brauchen den besten Gesamtüberblick, weil alle technischen oder gesetzlichen Anforderungen Einfluss auf die Form haben.

Wofür sind Sie als Designer noch zuständig außer für die äußere Form? Für das Interieur. Und das geht bis zum Ton des Gurtwarners oder Blinkers. Die Inneneinrichtung ist extrem wichtig. Die muss positiv überraschen. Man sitzt ja auch viel länger im Auto, als davorzustehen. Das Lenkrad spielt eine ganz wichtige Rolle. Wenn ich das anfasse, ist es, als ob ich jemandem die Hand gebe. Das muss passen wie ein Handschuh. Man braucht das Gefühl, dass es perfekt in der Hand liegt.

Welche fremde Marke beeindruckt Sie beim Design zurzeit am meisten? Jaguar und Land Rover haben eine tolle Wandlung vollzogen, auch Ford gefällt mir gut. Und der neue 5er BMW.

Das schönste Auto aller Zeiten? Die Geschichte des Porsche 911 ist beeindruckend. Eine Form so lange aktuell zu halten – Kompliment.

Peter Schreyer über ...

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Vor welchen Kollegen ziehen Sie den Hut? Vor Giorgio Giugiaro und Hartmut Warkuß. Aber auch vor den Mercedes-Kollegen. Aus einem ganz bestimmten Grund: Mercedes hat den CLS gebaut, ein viertüriges Coupé. Das war eine Pioniertat, die anderen Designern jetzt ebenfalls solche Formen ermöglicht.

Ferdinand Piëch hat gesagt: "Wir hätten Peter Schreyer nicht gehen lassen sollen." Ein Ritterschlag? Ja, das ehrt mich wirklich sehr. Und trotzdem bereue ich meinen Schritt nicht. Es ist eine tolle Erfahrung, diese andere Kultur kennenlernen zu dürfen. Das bringt eine völlig neue Sicht der Dinge.

Was können europäische Manager von koreanischen lernen? Die können voneinander lernen. In Europa dominiert Technik-Besessenheit, in Korea das wirtschaftliche Denken.

Wertet Ihre Beförderung zum Präsidenten den gesamten Berufsstand auf? Ich hoffe, dass es das tut. Designer waren lange unterbewertet, hatten einen zu geringen Stellenwert. Design ist das wichtigste Kaufkriterium, aber es lässt sich halt nicht in Zahlen messen.

Muss man in Korea Karaoke singen? Und können Sie es? Man muss es nicht können, aber man muss mitmachen. Und wenn man als Erster singen darf, ist das eine besonders Ehre. Ich singe aber sehr schlecht. Wenn ich muss, dann singe ich immer "Help!" von den Beatles – die Melodie ist nicht so schwer.

Peter Schreyer trägt fast immer nur Schwarz. Die einzige Außnahme sind die Ringelsocken. 

Peter Schreyer ist komplett in Schwarz gekleidet. Bis zu den schwarzen Lederstiefeln. Darunter blitzen aber Ringelsocken hervor.
Sie sind der Man in Black. Warum tragen Sie immer schwarz? Ich will mich vor dem Objekt zurücknehmen, auffällige Kleidung lenkt nur ab. Und Schwarz hat den praktischen Vorteil, dass ich nie überlegen muss, welche Farbe dazu passt.

Tragen Sie auch zu Hause und im Urlaub schwarz? Bis zur Badehose und den Ringelsocken? Nein, so weit geht es wirklich nicht. Ich will mir jetzt auch wieder eine Lederhose zulegen – und die wird sicher auch nicht schwarz sein.

Hinter seinem Schreibtisch stehen drei Flugzeugmodelle. Fliegen – eine alte Leidenschaft des Bayern, der auch wettkampfmäßig Skeleton fuhr – diese flachen Schlitten im Eiskanal.

Als Kind wollte er Pilot werden, hat eine Fluglizenz und geht immer noch in die Luft – nicht als "Roter Baron", sondern eher als "Schwarzer Peter".

Sie wollten als Kind Pilot werden und haben einen Flugschein. Steht eine alte Fokker oder Ähnliches im Hangar?  Nein, aber ich hätte gern eine Stearman – das ist ein Doppeldecker aus den 40er-Jahren.

Und automobile Oldtimer? Ja, die gibt es daheim in Ingolstadt. Da stehen ein Jaguar E-Type Coupé mit zwölf Zylindern, ein Fiat Spider Volumex von Pininfarina und ein Audi TT der ersten Serie.

Und welche hätten Sie gern noch dazu? Einen Ferrari Dino, Lancia Stratos und einen Cheetah Riverside – ein ganz schräges Auto aus Amerika.

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