20 Jahre Mercedes in Silicon Valley
Im Silivcon Valley wurden auch Konzepte wie das aktuelle Concept IAA entwickelt.
Bild: Werk
Seit 20 Jahren hat Daimler im Silicon Valley eine Außenstelle für Zukunftsentwicklungen. Das klingt erst einmal hoch offiziell, wichtig und nach Schlipsträgern. Doch mit einem Anzug kommt hier keiner ins Büro. Im Mercedes Research and Development (R&D) Center, 309 North Pastoria Avenue in Sunnyvale, gibt es kostenlos Schokoriegel und bunte Getränke – natürlich aus nachhaltigem Anbau. Auf den Schreibtischen liegen Schwämme, weil alle Wände zu beschriften sind, und für offizielle Arbeitszeiten interessiert sich hier im Silicon Valley niemand. Arwed Niestroj, Leiter des Mercedes-Entwicklungszentrums in Sunnyvale, arbeitet hier seit einem Jahr. "Ich wusste, dass das Arbeiten anders ist – hätte aber nie gedacht. wie anders." Niestroj verantwortete bei Daimler einst für die Erprobung der Brennstoffzellenfahrzeuge und war daher frühzeitig mit dem automobilen Zukunftsgen versehen. Doch so wie in der südlichen Bay Area, 45 Minuten südlich von San Francisco, geht es weder bei Daimler noch bei einem anderen Großkonzern zu. "Im vergangenen Jahr wurden allein in San Francisco elf Milliarden Dollar investiert. Und im Rest der Bay Area nochmals elf Milliarden. Das gibt es nirgends sonst", sagt Niestroj.In den vergangenen Jahren wurde die Außenstelle für Zukunftsentwicklungen immer wichtiger – und mit dem letzten Umzug nach Sunnyvale wurde das R&D Center von Mercedes größer und moderner denn je. Aktuell arbeiten hier 240 Menschen. Eric Larsen, einer der Projektleiter, bekleidet mit Poloshirt und ausgewaschenen Chinos, war von Anfang an dabei. "Wir haben damals in einem kleinen Schuppen mit gerade einmal 20 Leuten begonnen. Niemanden interessiert hier, woher Du kommst oder wie Du aussiehst."

Neben aller Lässigkeit zählt die Leistung

20 Jahre Mercedes in Silicon Valley
Die Lounge-Atmosphäre täuscht: Neben all der Lockerheit zählt hier Leistung.
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Nirgends mehr als hier im Silicon Valley geht es bei aller gelebter Lässigkeit um Leistung. Von den großen, weltweit erfolgreichen Technologiekonzernen haben abgesehen von den chinesischen Marken fast alle ihren Hauptsitz ins Silicon Valley verlegt. Ebay, Intel, HP, Yahoo, Google oder Apple – alles liegt in einem Umkreis von gerade einmal einer halben Autostunde. Längst sind die Autohersteller auf den Zukunftszug aufgesprungen. Die Automanager haben erkannt, dass es mit dem Biegen und Schweißen von Blechen kaum getan ist. Längst schlägt das Herz des Automobils nicht nur unter der Motorhaube oder beim Design, sondern auch in den zahllosen Prozessoren, die in Steuergeräten werkeln. Entsprechend groß ist der Druck, hoch qualifizierten Nachwuchs zu bekommen. "Mercedes hat einen exzellenten Namen. Das macht vieles für uns einfacher", sagt R&D Center-Leiter Arwed Niestroj, "doch nirgends ist der Kampf um gute Nachwuchskräfte größer als hier."Nicht immer ist es leicht, den freien Geist des Silicon Valley in heimatliche Konzernzentralen wie nach Stuttgart zu tragen. Mercedes hat seine 100 wichtigsten Führungskräfte daher im Sommer ein paar Tage in Sunnyvale zusammengezogen. Neben den eigenen Entwicklungen ging es um die elektronische Zukunft des Automobils und den allgegenwärtigen "digital lifestyle". Die Gruppe besuchte Kooperationspartner, nahm Fremdfirmen in Augenschein und diskutierte in Kleingruppen stundenlang auf den verschiedenen Terrassen und Balkonen des R&D Centers – mit einem Eis aus der hauseigenen Eiscremebar in der Hand. Denn das harte Arbeiten ist hier nur das eine. Lifestyle spielt für die Jünger des Valley mindestens eine genauso große Rolle.

Bedienkonzepte werden hier entwickelt

20 Jahre Mercedes in Silicon Valley
Hier wird nicht über Antriebsvarianten entschieden, hier stehen Technik und Bedienkonzepte im Mittelpunkt.
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In den letzten Jahren entstanden im R&D Center unter anderem die Bedienkonzepte von Zukunftsmodellen wie dem Mercedes F 015 Luxury in Motion oder dem IAA-Aerodynamik-Konzept 2015, das jüngst in Frankfurt enthüllt wurde. "Hier wurden in den vergangenen Jahren unter anderem das erste Multi-Media-Interface oder 30 Apps für mehr als 80 Länder entwickelt", erzählt Ralf Lamberti, Direktor für den Bereich User Interaction. Auch Mobilitätsideen wie Moovel, car2go oder Boost, ein exklusives Ruftaxi für Kinder, wurden Realität. Wurde in dem Mercedes Entwickungszentrum früher bevorzugt abstrakt geforscht, geht es in dem modernen Bau heute ganz überwiegend um konkrete Serienentwicklungen.

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Informelle Treffen zum Lunch oder einem Latte Macchiato in einem der zahllosen Coffeeshops sind daher an der Tagesordnung. "Man geht regelmäßig Essen und trifft sich gerade auch außerhalb des Büros", erzählt Eric Larsen, "auch am Wochenende." Der Boom der vergangenen Jahrzehnte hat jedoch nicht nur gute Seiten. 2002 gab es den ersten Absturz der New Economy und auch 2008/2009 sah es rund um die Region Palo Alto/San Jose nicht gut aus. Derzeit stehen die Zeichen aber wieder auf Wachstum. Große Firmen wie Google, Apple, Facebook oder eben Daimler expandieren stärker denn je. Kein Wunder, dass die Kaufpreise für Immobilien in den vergangenen drei Jahren um 50 bis 80 Prozent in die Höhe schnellten. Daran dürfte sich in den nächsten Jahren kaum etwas ändern – ebenso wie am automobilen Boom des Silicon Valley.
Autor: Stefan Grundhoff