Der Torcal soll mehr sein als ein gutes Elektroauto – ein guter Bentley. Wenn es nach CEO Frank-Steffen Walliser geht, soll der Torcal sogar einer der besten Bentley aller Zeiten sein. Erster Check des neuen "Einstiegsmodells" aus Crewe!
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Beim Begriff "Einstiegsmodell" denken vermutlich die allerwenigsten Leute an ein Auto mit 888 PS und einer Fülle an Luxusfeatures, aber bei Bentley gelten eben andere Maßstäbe. Dass die Traditionsmarke aus Crewe elektrisch wird, war schon lange bekannt.

Bentley wird elektrisch

Im Rahmen der "Beyond 100"-Strategie wollte die Luxusmarke ab 2026 ausschließlich Plug-in-Hybride und Elektroautos bauen, ehe ab 2030 nur noch elektrische Bentley aus der sogenannten Dream Factory in Crewe rollen sollten. Doch mit dem Strategieplan "Beyond 100+" wurde der Kurs zwischenzeitlich angepasst.
Bentley Torcal
Der Torcal ist kleiner als ein Bentayga, besitzt aber einen größeren Radstand. Außerdem ist er das erste Modell, das mit dem leicht überarbeiteten Logo kommt.
Bild: Bentley Motors
Bedeutet: Auch Verbrenner wie der Continental GT Supersports bleiben (vorerst) im Programm. Dennoch führt kein Weg an der Elektrifizierung vorbei, und so lässt Bentley seinen Kunden ab 2027 die Wahl: Verbrenner, Hybrid oder Elektro. Die oberste Priorität während der Entwicklung des Torcal lautete: Das neue Modell soll nicht einfach ein gutes Elektroauto sein, es soll vielmehr ein echter Bentley sein.

Verwandt mit dem Porsche Cayenne Electric

Optisch ist es das. Denn dass unter der Karosserie mit der opulenten Front die "PPE-41 C"-Plattform steckt, die auch beim Porsche Cayenne Electric zum Einsatz kommt, würde man nicht vermuten. Zwar hat der Torcal mit fünf Meter Länge Cayenne-Format, er versprüht aber deutlich mehr Prestige als der Porsche. Der eckige Grill mit den "fliegenden" Diamanten erinnert sicherlich nicht ganz zufällig an Rolls-Royce. Die Scheinwerfer sind zweigeteilt, mit weit oben platzierten schmalen LED-Schlitzen und darunter angeordneten Hauptscheinwerfern.
Bentley Torcal
Zusätzlich zum Kofferraum besitzt der Torcal einen 90 Liter großen Frunk. Ladeanschlüsse auf beiden Seiten sind praktisch.
Bild: Bentley Motors
Im Profil fallen die stark ausgestellten hinteren Radhäuser auf – ein typisches Bentley-Merkmal. Die Briten beschreiben diesen charakteristischen Look als "ruhendes Biest". Das Heck wirkt aufgeräumt, die zweigeteilten, ebenfalls sehr schmalen Rückleuchten punkten mit einem edlen 3D-Effekt. Insgesamt wirkt der Torcal modern, aber fast schon zurückhaltend, verzichtet dennoch nicht auf einige klassische Designfeatures.

Hochwertiger Innenraum mit einem Schönheitsfehler

Das gilt auch für den Innenraum. AUTO BILD durfte vorab im nach einem spanischen Naturschutzgebiet ("El Torcal de Antequera") benannten Torcal Probe sitzen. Typisch Bentley ist das Layout des Armaturenbretts, das an das geflügelte B erinnern soll. Ebenfalls typisch ist die sehr hochwertige Materialauswahl und Verarbeitungsqualität.
Auch wenn die Briten im Studio mehrfach betonen, die zwei gezeigten Torcal seien noch Vorserienautos – an der Qualität gibt es nichts auszusetzen. Das Leder ist so fein, wie man es von Bentley gewohnt ist, das Finish der Knöpfe und Tasten ist genauso detailverliebt wie im Flying Spur, und jede Kontrastnaht sitzt auf den Zehntelmillimeter perfekt. Handarbeit eben. Ganz neu gibt es sogar ein extrem hochwertiges "Woll-Interieur", das in Kooperation mit der alteingesessenen britischen Firma "Fox Brothers & Co" entstanden ist.
Bentley Torcal
Bei Bentley entschied man sich bewusst gegen ein Beifahrerdisplay – schließlich sollen die Kunden das von ihnen gewählte Zierelement entsprechend großflächig bewundern können.
Bild: Bentley Motors
Also ein waschechter Bentley? Fast, denn der gebogene Touchscreen und die haptisch noch mal verfeinerte Bedieneinheit hinter dem Lenkrad sind Konzern-Überbleibsel. Auf die Frage, warum der Torcal nicht das beliebte sich um die Achse drehende Display aus Continental GT und Flying Spur bekommen hat, weichen die Verantwortlichen aus und verweisen auf die gute Ergonomie des gebogenen Touchscreens. Schade, denn das "Rotating Display" hätte den Innenraum noch mal eigenständiger und hochwertiger gemacht.

Torcal oder Torcal S?

Stichwort eigenständig: Unter der Karosserie gibt es bekannte Technik. Bentley wird den Torcal in zwei Versionen anbieten – als Torcal Core und Torcal S, die auf jeweils einen Elektromotor pro Achse setzen. Der Leistungsunterschied ist gar nicht so groß: Schon das Basismodell bringt es auf 821 PS und 1194 Nm und beschleunigt in 3,4 Sekunden auf 100 km/h.

Bis zu 888 PS und 1350 Nm

Der Torcal S schickt 888 PS und 1350 Nm Drehmoment an alle vier Räder, was ihn zum bislang drehmomentstärksten Bentley macht. Den Sprint auf Tempo 100 erledigt der Torcal S in 2,9 Sekunden, Schluss ist erst bei 260 km/h. Beeindruckende Werte, erst recht für ein vermeintliches Einstiegsmodell. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass der Porsche Cayenne Turbo Electric noch (!) schneller ist.
In puncto Reichweite nehmen sich die beiden elektrischen Luxus-SUV praktisch nichts: Die 113-kWh-Batterie (mit zehn Jahren Garantie) des 2795 Kilo schweren Torcal soll eine maximale Reichweite von bis zu 600 Kilometern ermöglichen. Die 800-Volt-Plattform soll bis zu 400 kW Ladeleistung verkraften.
Bentley Torcal
Zum Marktstart im Sommer 2027 wird es den Torcal als "First Edition" geben. Übrigens: Dem persönlichen Individualisierungsdrang sind praktisch keine Grenzen gesetzt – Mulliner sei Dank.
Bild: Bentley Motors
Aber Zahlen sind nun mal nicht alles. Auch wenn Torcal und Cayenne technisch eng miteinander verwandt sind, so war es den Briten besonders wichtig, das Erstlingswerk den Bentley-Touch zu verpassen. Ein konkretes Beispiel: Zwar ist die Hardware des vollaktiven Fahrwerks identisch, die Abstimmung erfolgte aber Bentley-spezifisch, was auch für die Lenkung gelten soll. Bereits vor einigen Wochen durfte AUTO BILD vorab in einem noch getarnten Prototyp mitfahren. Die ersten Kilometer waren geprägt von Ruhe, denn der Torcal ist hervorragend isoliert. Dank Doppelverglasung ist die Außenwelt geradezu abgeschirmt.

V8-Sound aus Trommeln

Zumindest so lange, bis Martin Page, Produktleiter Torcal, in den Sportmodus wechselt. Auch der Torcal besitzt einen Soundgenerator, wobei die Briten einen anderen Ansatz wählen als die meisten anderen Hersteller. Statt "einfach" den Sound eines der Verbrenner-Modelle einzuspielen, wird der charakteristische Klang des 6,75-Liter-V8 mithilfe von Trommeln imitiert, "Propulsion Sound" sagen die Briten dazu. Was ungewöhnlich erscheint, klingt im Innenraum aber tatsächlich halbwegs realistisch. Trotzdem: Ich bevorzuge echten Sound – oder Ruhe.
Bentley Torcal
Im Rahmen einer Mitfahrt durch den amerikanischen Küstenort Monterey konnten erste Eindrücke gesammelt werden.
Bild: Bentley Motors
Auf der kurzen Mitfahrt beeindruckt der Torcal vor allem durch seinen Komfort. Aufgrund des Tempolimits von maximal 65 Meilen (ca. 105 km/h) gibt es heute nur einen kleinen Vorgeschmack darauf, was der Torcal längsdynamisch kann. Allen sportlichen Ansprüchen zum Trotz: Fake-Gangwechsel wird es im Torcal nicht geben, das wäre schließlich auch nicht Bentley-like.
Immer wieder wird im Rahmen der Präsentation die außerordentliche Spreizung zwischen Komfort und Sportlichkeit herausgestellt. Der Torcal soll komfortabler als ein Flying Spur und gleichzeitig sportlicher als ein Continental GT Speed sein. Klingt erst mal nach einer ambitionierten Ansage. Werden wir überprüfen.

Der Torcal erweitert das Angebot

Für alle, die sich mit der Idee eines elektrischen Bentley noch nicht so recht anfreunden können, lautet die gute Nachricht: Bentayga, Continental GT und Flying Spur bleiben natürlich im Programm. Bentley nennt das "Luxury of Choice". Wir sagen: die Qual der Wahl.

Fazit

Ist der Torcal ein echter Bentley? Auf den ersten Blick ja! Die alles entscheidende Frage ist jedoch: Wollen die Kunden ein (weiteres) elektrisches Luxusauto? Viele Elektroautos in der Preisklasse ab 200.000 Euro sind Ladenhüter. Bentley hat jedoch den Vorteil, dass die Modellpalette zukünftig das gesamte Antriebsspektrum abdeckt. Kein Interesse an Elektro? Kein Problem, dann nehmen Sie eben einen Bentayga.