Kurz das Navi antippen, eine E-Ladestation suchen, eine Textnachricht beantworten – am Steuer kann jede Sekunde ohne Blick auf die Straße im Unfall enden, sogar tödlich. Im aktuellen DEKRA-Verkehrssicherheitsreport 2026 wird das Unfallrisiko durch Ablenkung am Steuer genauer unter die Lupe genommen.
Besonders betroffen: Vielfahrer, Langstreckenpendler, Berufskraftfahrer, Kundenbetreuer im Außendienst oder Kurier- und Expressdienstleister. Diese Gruppen verbringen täglich viele Stunden hinter dem Steuer und geraten besonders leicht in die Ablenkungsfalle.

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Über 7500 Unfälle durch Ablenkung

Im Jahr 2023 zählte das Statistische Bundesamt in Deutschland mehr als 7500 Verkehrsunfälle mit Personenschaden, bei denen Ablenkung als Ursache festgestellt wurde. Experten gehen allerdings von einer hohen Dunkelziffer aus.
"Schon kleine Nebenaufgaben stören die Informationsverarbeitung und erhöhen die Gefahr von Beinaheunfällen, plötzlichen Ausweichmanövern oder tatsächlichen Crashs", warnt Dr. Thomas Wagner, leitender Verkehrspsychologe bei DEKRA.
Studien zeigen, dass sich Taxi- und Lkw-Fahrer häufig mit Telefonaten und Nachrichten die Zeit vertreiben. Das Unfallrisiko erhöht sich damit deutlich. "Schon das Eingeben eines Ziels ins Navigationssystem oder das Schreiben einer Textnachricht erhöht die geistige Belastung, verschlechtert die Fahrleistung und führt häufig zu geringem Sicherheitsabstand oder Geschwindigkeitsüberschreitungen", warnt Wagner.

Wenn Langeweile zum Sicherheitsrisiko wird

Doch nicht nur Smartphones, Navi & Co. sorgen für Ablenkung. Gerade für Berufsfahrer können auch monotone Fahrten über viele Stunden zum Problem werden. Verkehrspsychologen sprechen hier von einer "Überforderung durch Unterforderung".
Knapp 40 Prozent aller Beinaheunfälle passieren einer österreichischen Studie zufolge genau in solchen Momenten – nämlich dann, wenn der Blick nicht auf die Straße gerichtet war oder nebenbei andere Tätigkeiten ausgeführt wurden.
Zeitunglesen am Steuer
AUTO BILD lesen? Eigentlich immer eine gute Idee. Am Steuer zählt aber nur eins: volle Konzentration auf den Verkehr.
Bild: DEKRA

Auch Assistenzsysteme schützen nur bedingt

Selbst die modernste Technik ist kein Freifahrtschein. Denn auch neueste Fahrerassistenzsysteme und automatisierte Fahrfunktionen können das Problem nicht vollständig lösen. Wer sich intensiv auf eine andere Aufgabe konzentriert, braucht wertvolle Zeit, um sich wieder vollständig dem Verkehrsgeschehen zuzuwenden.
Die wichtigste DEKRA-Botschaft bleibt: Wer fährt, sollte sich ausschließlich auf den Verkehr konzentrieren. Denn oft reichen schon wenige Augenblicke der Unaufmerksamkeit aus – und aus einer vermeintlich harmlosen Ablenkung wird ein schwerer Verkehrsunfall.

Tipps gegen Ablenkung am Steuer

Allerdings: So ganz lassen sich ablenkende Tätigkeiten nicht aus dem Cockpit verbannen. DEKRA-Psychologe Wagner hat AUTO BILD verraten, wie Fahrer der Ablenkungsfalle entgehen können.
AUTO BILD: Wie kann ich das Navi möglichst ablenkungsfrei bedienen?
Wagner: Moderne Fahrzeuge bieten hier im Hinblick auf die Sprachsteuerung gute Möglichkeiten. Es ist immer besser, wenn ich weder den Blick von der Straße abwenden noch die Hände vom Lenkrad nehmen muss.
In welcher Fahrsituation ist Ablenkung vielleicht nicht ganz so gefährlich?
Grundsätzlich in keiner! Klar ist zwar, dass ich bei höherer Geschwindigkeit bei gleicher Dauer der Ablenkung mehr Weg zurücklege, das heißt aber nicht, dass es bei langsamer Fahrt kein Problem ist, die Aufmerksamkeit vom Verkehr abzuwenden.
Telefonate über Freisprecheinrichtung sind ja erlaubt. Was sagen sie da zur Ablenkung?
Erlaubt heißt nicht zwingend unproblematisch. Natürlich ist Telefonieren mit Freisprecheinrichtung etwa weniger kritisch als das Telefon mit der Hand ans Ohr zu halten. Dennoch kann ein Telefongespräch, insbesondere, wenn komplexe Themen besprochen werden oder wenn es emotional wird, sehr viel Aufmerksamkeit binden, die dann für die Fahraufgabe fehlt.
Dasselbe kann übrigens auch für Gespräche mit Mitfahrenden gelten. Einen Termin abzusprechen oder kurz eine Rückfrage zu beantworten, ist vergleichsweise unkritisch, aber wenn es um komplexere Dinge geht, bei denen ich als Fahrer mentale Operationen ausführen muss, bindet das zu viel Aufmerksamkeit.
Soll ich Aufgaben an den Beifahrer delegieren?
Das ist immer eine gute Idee, wenn man denn einen Beifahrer hat.
Was hilft, der Langeweile bei langen Schichten vorzubeugen? Stichwort "Überforderung durch Unterforderung".
Das Problem ist hier eine Reizarmut, also das Gegenteil einer Reizüberflutung. Gegenstrategien sollten deshalb die Stimulation "künstlich" nach oben fahren, um mich auf ein durchschnittliches Aktivierungsniveau zu bringen. Das kann durch Musikhören passieren, Podcasts sind auch nicht ganz verkehrt. Ich kann mehr Pausen einlegen, mich kurz bewegen, um den Körper zu aktivieren. Ich kann die Belüftung verändern, das Fenster öffnen, Kaltluft einstellen.
Entscheidend ist der Reizwechsel. So kann es zum Beispiel bei ruhiger Verkehrslage und monotoner Fahrt auch helfen, zwischendurch zehn Minuten ohne Tempomat zu fahren, um in eine aktivere Rolle zu kommen, und ihn danach wieder einzuschalten.