Kia Telluride: Fahrbericht
Kia baut den besseren Range Rover – aber nicht für uns

Während wir uns mit dem Sorento begnügen, gönnt Kia dem Rest der Welt den kolossalen Telluride. In seiner zweiten Auflage ist der größer, hochwertiger und selbstbewusster denn je.
Bild: T. Geiger
Sieben Zentimeter mehr Radstand, sechs Zentimeter mehr Länge und von hinten sogar deutliche Anleihen beim adeligen Range Rover – der neue Kia Telluride strotzt nur so vor Selbstbewusstsein. So sehr, dass die Koreaner selbst ihr Logo nur noch ganz dezent Schwarz auf Schwarz ins eigenwillige Gesicht mit den markanten orangefarbenen Tagfahrleuchten prägen.
Kein Wunder. Schließlich haben sie mit der ersten Auflage ihres großen SUV vor allem in den USA viele Lorbeeren eingesammelt und, wichtiger noch, viele neue Kunden gewonnen, die vorher nicht zuletzt bei den deutschen Premiummarken eingekauft haben. Mit den Zulassungszahlen sind auch die Restwerte gestiegen – so, wie es sich für ein Flaggschiff gehört.
Kia Telluride: der Range Rover aus Korea
Dabei war der Erfolg keineswegs selbstverständlich. Schließlich haben sich die Koreaner mit dem Telluride in ein Segment gewagt, das in Nordamerika traditionell von den heimischen Marken und den japanischen Platzhirschen dominiert wird. Doch statt über den Preis zu punkten, überzeugte der große Kia mit einem erstaunlich stimmigen Gesamtpaket. Viel Platz, eine hochwertige Anmutung und eine Ausstattung, für die man bei der Konkurrenz oft deutlich tiefer in die Tasche greifen muss, machten den Telluride vom Geheimtipp zum Bestseller.

Statt V6 arbeitet nun ein aufgeladener 2,5-Liter-Vierzylinder unter der Haube, auf Wunsch auch mit Hybridunterstützung.
Bild: Kia
Darauf bauen sie nun mit der zweiten Generation auf, die in den USA seit wenigen Wochen im Handel ist und die Marke zu neuen Höhen führen soll. Dass dabei geklotzt und nicht gekleckert wird, merkt man nicht nur an den Range-Rover-Anleihen außen, sondern vor allem am Ambiente im Innenraum.
Luxusgefühl zum Kampfpreis
Bei nun 2,97 Metern Radstand und 5,06 Metern Länge bietet der kolossale Koreaner deshalb nicht nur mehr Platz für Kind und Kegel, auf Wunsch zwei Captain's Chairs in der zweiten Reihe und selbst in der dritten Sitzreihe noch erstaunlich viel Beinfreiheit. Auch der Kofferraum bleibt selbst bei voller Bestuhlung groß genug für einen Roadtrip quer über den Kontinent.
Vor allem aber garniert Kia die Großraumkabine mit einer Finesse, wie man sie bei Preisen ab knapp 40.000 US-Dollar oder umgerechnet nicht einmal 35.000 Euro nun wirklich nicht erwarten würde. Audi, BMW oder Mercedes verkaufen Konkurrenten wie Q7, X7 oder GLS selbst in den USA für 60.000 bis 90.000 Dollar, ohne beim Ambiente oder der Anmutung wirklich einen entsprechenden Mehrwert zu bieten.

Trotz über fünf Metern Länge fährt sich der große Kia überraschend handlich und bleibt jederzeit übersichtlich.
Bild: T. Geiger
Klar, zur Oberklasse fehlen dem Telluride technische Leckerbissen wie eine Luftfederung, eine aktive Wankstabilisierung oder eine Hinterachslenkung. Und viel mehr als einen adaptiven Tempomaten mit Spurführung und die inzwischen üblichen Assistenzsysteme bietet er ebenfalls nicht.
Doch das Finish ist schon jetzt erstklassig. Das gilt ebenso für die Materialauswahl wie für die Komfortausstattung. Klimatisierte Sitze, drei Klimazonen, USB-Anschlüsse an praktisch jedem Platz und elektrische Helfer für fast jeden Handgriff gehören ebenso dazu wie ein Bedienkonzept, das erfreulich bodenständig geblieben ist.
Bis auf den etwas überdimensionierten Drehregler für die Fahrstufenwahl, der groß und klotzig wie ein Baseballschläger aus der Lenksäule ragt, gibt es kaum Anlass zur Kritik. Die Kombination aus großem Touchscreen und erfreulich vielen echten Tasten hat sich schließlich schon seit EV6 & Co. bewährt.
Vor allem wirkt der Innenraum angenehm unaufgeregt. Kia verzichtet auf übertriebene Spielereien und konzentriert sich stattdessen auf das, was im Alltag zählt. Vieles lässt sich intuitiv bedienen, die Sitze sind auch auf langen Etappen bequem, und selbst nach mehreren Stunden hinter dem Lenkrad steigt man erstaunlich entspannt wieder aus.

Bis zu acht Sitzplätze, üppige Platzverhältnisse und viel Komfort machen den Telluride zum idealen Reisewagen für lange Distanzen.
Bild: T. Geiger
Genau das zeigt sich auch auf den Highways entlang der Great Lakes. Zwischen Detroit und Cleveland spielt der Telluride seine größten Stärken aus. Das Fahrwerk bügelt Querfugen und Frostaufbrüche souverän glatt, die Lenkung arbeitet angenehm gelassen, und der große Kia entwickelt genau jene Ruhe, die man auf stundenlangen Etappen zu schätzen lernt.
Er will nicht animieren, sondern ankommen – und macht genau deshalb einen ausgesprochen guten Job. Dass dabei selbst lange Distanzen fast beiläufig vergehen, gehört zu den Qualitäten, die man in keinem Datenblatt findet.
Vier statt sechs Zylinder
So sehr der Telluride außen auf Range Rover macht und innen zumindest ein wenig auf Mercedes GLS, unter der Haube ist es mit dem Prestige allerdings schnell vorbei. Denn einen standesgemäßen V8 sucht man ebenso vergeblich wie den bisherigen V6. Den haben die Koreaner beim Generationswechsel ausgemustert.

Der großzügige Kofferraum gehört zu den Paradedisziplinen des Kia Telluride und schluckt auch bei sieben oder acht Passagieren erstaunlich viel Gepäck.
Bild: Kia
Stattdessen gibt es nun ausschließlich aufgeladene Vierzylinder – je nach Version mit oder ohne Hybridunterstützung. Der 2,5-Liter leistet alleine 278 PS und geht mit 422 Nm zu Werke, fein sortiert von einer achtstufigen Automatik. Wer den Hybrid bestellt, dem helfen noch zwei E-Motoren, die Leistung steigt auf 335 PS und das maximale Drehmoment klettert auf 460 Nm.
Das mag auf dem Papier weniger eindrucksvoll wirken, reicht im Alltag aber völlig aus. Der neue Antrieb passt erstaunlich gut zum Charakter des Telluride. Dieses Auto möchte keine Sportlimousine sein und auch kein SUV, das an jeder Ampel beweisen muss, wie schnell es beschleunigt.
Angenehm und unaufgeregt auf Reisen
Vielmehr fährt der große Kia angenehm unaufgeregt, hält sich akustisch zurück und vermittelt genau jene Souveränität, die man auf langen Reisen schätzt. Und wer braucht schon Prestige, wenn der Preis stimmt und das Auto so präsent ist wie der Telluride.
Natürlich hat Kia den Telluride nicht nur optisch aufgerüstet und ihn so fit gemacht für die feinen Wohngegenden in luxuriösen Ferienorten. Die Koreaner nehmen auch die Abenteuerlust der Amerikaner ernst. Deshalb bekommt er als X-Pro unter anderem Bergungshaken vorne und hinten, 18-Zoll-Räder mit grobstolligen All-Terrain-Reifen sowie ein Fahrwerk mit mehr Federweg und Verschränkung.

In Europa wird der Telluride nicht angeboten – und dürfte gerade deshalb viele Kia-Fans neidisch machen.
Bild: T. Geiger
Für Waldwege, Bootsrampen oder Schotterpisten reicht das allemal – und genau dafür ist das Paket schließlich gedacht. Wer sein SUV nie weiter als bis zum Supermarkt bewegt, wird diese Reserven kaum ausschöpfen. In Nordamerika gehören solche Abstecher dagegen vielerorts zum Alltag und sind oft nur der Auftakt für ein verlängertes Wochenende am See oder im Nationalpark.
In den USA kommt der große Koreaner damit fast überall hin und findet auch über Stock und Stein seinen Weg. Das Entscheidende ist allerdings etwas anderes: Trotz seiner imposanten Abmessungen fährt sich der Telluride überraschend handlich und vor allem ausgesprochen übersichtlich. Er wirkt nie protzig oder einschüchternd, sondern vermittelt vielmehr das beruhigende Gefühl, für jede Aufgabe gerüstet zu sein.
Das SUV, das Europa nicht bekommt
Gerade deshalb dürfte der Telluride viele europäische Kia-Kunden neidisch machen. Denn der ähnlich große EV9 an der Spitze unserer SUV-Flotte ist erstens elektrisch und zweitens teuer und damit für die meisten eben nicht erste Wahl.
So bleibt für uns nur der Sorento. Mit 4,82 Metern Länge und einem Radstand von 2,82 Metern ist er zwar alles andere als klein, aber rund 25 Zentimeter kürzer als der Telluride und spielt damit eine Klasse tiefer.
Auch bei den Antrieben trennen beide Welten. Unser Benziner hat nur 1,6 statt 2,5 Liter Hubraum. Dafür gibt's den Sorento auch als Diesel und als Hybrid mit Steckdosenanschluss.
Am größten ist die Diskrepanz aber beim Preis: Denn obwohl der große Bruder deutlich mehr Platz, Präsenz und Prestige bietet, gibt's den Telluride umgerechnet ab rund 35.000 Euro, während der Sorento bei uns bei rund 55.000 Euro startet.
Fazit
Der neue Telluride macht mächtig Eindruck, bietet reichlich Platz auf allen Sitzen, einen riesigen Kofferraum und genügend Komfort selbst für Fahrten von Detroit bis Cleveland oder von Küste zu Küste.
Dass ihm der V6 fehlt, ist am Ende eher eine Frage des Prestiges als der Performance. Denn auch so ist der große Koreaner ein wunderbar gelassener Gleiter, mit dem die Fahrt gar nicht lang genug sein kann.
Gerade jetzt zur Reisezeit ist es deshalb besonders schade, dass uns Kia sein SUV-Flaggschiff vorenthält. Macht nichts, fliegen wir in den Ferien halt nicht nach Dubrovnik, sondern nach Denver, buchen die neue Größe aus Korea eben als Leihwagen – und fahren durch die Rocky Mountains im Telluride nach Telluride.
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