Renault R8 Gordini: Der legendäre "Hexer" ist zurück
Renault lässt den "Hexer" wieder zaubern
Mini hat John Cooper, Fiat Carlo Abarth – und Renault Amédée Gordini. Doch den Mann, der aus braven Familienkutschen blaue Wunder machte, hatte Renault fast vergessen. Jetzt erinnert eine Studie an den legendären "Hexer"!
Bild: AUTO BILD / Finn-Ole-Kleinfeldt
Der Autosalon Paris hat noch gar nicht eröffnet, und es gibt doch schon den ersten Messe-Star. Denn mit der Designstudie eines neuen R8 Gordini hat Renault einen echten Knaller platziert, der mit heißem Design und coolem Konzept selbst Petrolheads begeistert – trotz des Elektroantriebs.
Nur mit dem Namen können die Wenigsten etwas anfangen. Zumindest, wenn sie ihre automobile Sozialisation nicht zu Zeiten erlebt haben, in denen die Beatles und die Stones erst noch die Hitparaden erobern mussten.

Die "Gorde", wie sie ihre Fans bis heute zärtlich nennen, gewinnt Rallyes in Serie und begründet nebenbei den ersten Markenpokal der Welt.
Bild: Renault
Denn die großen Zeiten des Amédée Gordini liegen jetzt mehr als ein halbes Jahrhundert zurück – und anders als die Konkurrenz mit Abarth bei Fiat, John Cooper bei Mini oder Hans-Werner Aufrechts Rennstall AMG bei Mercedes hat Renault den frühen Helden der Vollgasfraktion lange sträflich vernachlässigt.
Dabei waren seine Breitensportler schon legendär, als sie bei VW oder Peugeot noch gar nicht wussten, wie man GTI buchstabiert: blau lackiert, mit zwei weißen Streifen vom Bug bis zum Heck und viel mehr Feuer im Heck, als man dem biederen Blech zugetraut hätte. Kein anderer hat die Brot-und-Butter-Autos der Grande Nation derart flott gemacht wie der kleine Italiener, den sie in Paris nur "le Sorcier“ nannten – den Hexer.
Renault R8 Gordini: vom Lehrling zum Hexer
Die Geschichte beginnt wie im Kino: Geboren 1899 in einem Dorf bei Bologna, sieht der kleine Amédée mit acht Jahren sein erstes Autorennen und ist für den Rest seines Lebens verloren. Schon als Schüler lungert er lieber in Werkstätten herum als im Klassenzimmer, geht früh in die Lehre, schraubt Seite an Seite mit einem gewissen Alfieri Maserati und baut sich als Teenager aus Restteilen sein erstes eigenes Auto. Mitte der Zwanziger zieht er nach Paris – und bleibt für immer.
Dort erwirbt er sich schnell einen fast mystischen Ruf. Denn Gordini hat nie Geld, aber immer Ideen. Wo andere mit Hubraum und großen Budgets protzen, kitzelt er mit Feile und Fingerspitzengefühl aus kleinen Motoren ungeahnte Leistung und fährt damit Siege in Serie ein.

Ein unverkennbares Design: blau lackiert, mit zwei weißen Streifen vom Bug bis zum Heck.
Bild: Renault
Nach dem Krieg wagt er sich sogar ans große Ganze, baut eigene Rennwagen und tritt damit in der Formel 1 gegen Ferrari, Maserati und Mercedes an: David gegen ein ganzes Rudel von Goliaths, chronisch klamm, aber vom Publikum geliebt. Gewonnen hat er dort nie, doch Frankreich verleiht ihm trotzdem den Orden der Ehrenlegion.
Gordini macht dem Renault 8 Beine
Als ihm Ende der Fünfziger endgültig das Geld ausgeht, klopft Renault an – und es beginnt die zweite, die größere Karriere. Erst macht der Hexer der braven Dauphine Beine, dann stellt man ihm den noch braveren R8 auf den Hof: vier Türen, Heckmotor, 40 PS, ein Auto für den Familienvater mit Baskenmütze.
Als Gordini damit fertig ist, hat der Wagen mehr als doppelt so viel Leistung, läuft 170 Sachen und rückt den Sportwagen jener Zeit respektlos auf die Pelle. Vor allem aber kostet er nur einen Bruchteil und wird über Nacht zum Traum einer ganzen Generation: Gut zehn Jahre, bevor in Wolfsburg jemand die Buchstaben GTI auf einen Golf klebt, erfindet Frankreich den Sportwagen für jedermann. Renault selbst bezeichnet den R8 Gordini heute als eine Art Geburt des GTI, bevor es diesen Namen überhaupt gab.

Ein Blick ins Interieur der neuen Gordini-Studie.
Bild: Renault
Die "Gorde", wie sie ihre Fans bis heute zärtlich nennen, gewinnt Rallyes in Serie und begründet nebenbei den ersten Markenpokal der Welt – alle im gleichen Auto, es zählt allein der Fahrer. Halb Frankreich hat in diesem zickigen Hecktriebler das Driften gelernt, und manch späterer Formel-1- und Rallye-Star gleich mit. Als die Produktion 1970 ausläuft, pilgern Zehntausende zum Abschied an die Rennstrecke von Le Castellet: ein Woodstock in Blau-Weiß. Renault datiert den legendären "Jour G" auf den 18. und 19. Juli 1970.
Da gehört die Firma längst zu Renault: Gordinis Werkstatt wird zur Keimzelle von Renault Sport, und als der Konzern Ende der Siebziger in Le Mans gewinnt und mit dem Turbo die Formel 1 auf den Kopf stellt, steht auf den Motoren noch immer sein Name. Der Hexer selbst erlebt das gerade noch: Er stirbt 1979 in Paris.
Bekommt Gordini noch eine zweite Chance?
Mit ihm verblasst die Marke. Mehr als 200.000 Autos haben seinen Namen getragen, doch fortan heißen die schnellen Renault Alpine, Turbo oder Williams. Nur einmal flackert die Legende noch auf: Vor gut 15 Jahren legt Renault den Twingo und den Clio als "Gordini" auf – mit blauem Lack, weißen Streifen und keinem einzigen PS extra. Während Fiat mit Abarth und Mini mit John Cooper Works bis heute gutes Geld verdienen, bleibt Gordini bloße Schminke und verschwindet nach drei Jahren sang- und klanglos wieder aus den Preislisten.

Gordini: Mehr als 200.000 Autos haben seinen Namen getragen.
Bild: Renault
Und jetzt? Offiziell ist die Studie nur eine Stilübung, ein Einzelstück fürs Museum. Und die Rolle der sportlichen Tochter hat im Konzern längst die wiederbelebte Alpine übernommen. Doch Renault hat zuletzt mit R5, R4 und Twingo reihenweise Ikonen zurück auf die Straße geholt und mit der 540 PS starken, aber leider auch über 160.000 Euro teuren Kleinserie des Turbo 3E bewiesen, dass selbst die Entwickler der Generation E eine Überdosis Benzin im Blut haben.

Vor gut 15 Jahren legt Renault den Twingo und den Clio als "Gordini" auf.
Bild: Renault
Gut möglich also, dass noch ein Rest Zaubertrank im Kessel ist und es auch für ein Revival von Gordini reicht. Wie das Auto aussehen muss, haben sie schon einmal begriffen. Denn auch der neue R8 ist natürlich in "Bleu de France" lackiert und trägt selbstverständlich zwei weiße Streifen.
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