Toyota Tercel 4WD: Test
Japanische Rarität mit Nutzwert: Allrad-Kombi Toyota Tercel 4WD

Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Gänzlich eigenständig kommt der Tercel 4WD, einer dieser vielen gut gemachten und längst vergessenen Japaner der Achtzigerjahre, rüber. Das schneeweiße Sondermodell "Snow" dürfte noch seltener als ein bei Baur in Handarbeit geklöppelter 325 iX TC2 sein, gibt sich aber nahbar und simpel. Der Tercel 4WD ist ein Typ, der schnell klarmacht, dass Allradantrieb kein Hexenwerk sein muss und dass auch mit wenig Technikeinsatz viel möglich ist. Dass er als individuell gestylter Hochdach-Kombi auftritt, sorgt darüber hinaus für Sympathie-Punkte.
Im Umgang ist er völlig unkompliziert, aber weil Toyota den Tercel 4WD auch in den USA verkaufte, füllt die Anleitung zur korrekten Handhabung des Allradantriebs gut sichtbar und extragroß geschrieben die komplette Innenseite der Beifahrersonnenblende aus. Sicher ist sicher. Hinzu kommt ein Warnhinweis am wichtig aussehenden Neigungsmesser auf dem Armaturenbrett, die 30-Grad-Marke nicht zu überschreiten. Dann fällt der Tercel einfach um.

Ganz viel graues Plastik, rätselfreie Bedienung. Sahen so oder ganz ähnlich nicht alle Japaner-Cockpits in den Achtzigern aus?
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Danke für den Hinweis. Aber jetzt heißt es einsteigen, es geht los. Türen, Sitze, Stoffe, Plastik – das alles hat die halbe Wandstärke der Audi-Materialien, klingt hohl beim Öffnen und Schließen und fasst sich dünn an. Die grau-schwarzen Materialien des Innenraums, Cockpit und Bedienelemente wirken wie Normteile, die Toyota jahrelang in verschiedenen Kombinationen kreuz und quer in Starlet, Carina, Cressida, Corolla und Co verbaut hat. Langweilig, aber funktional. Und es fehlt, auch das ist typisch für die Japan-Autos dieser Zeit, bei der Ausstattung an nichts – außer vielleicht an Kopfstützen auf der Rückbank.
Einfache 4x4-Technik
Den Tercel wählte Toyota für seine Allrad-Offensive, weil der längs eingebaute Motor mit dem darunterliegenden Getriebe die besten Voraussetzungen für einen Umbau für einen zweiten Antrieb durch die Hinterachse bot. Ohne Umlenkungen, einfach so.
Im Gegensatz zu den komplexen Systemen mit Hohlwelle, Torsen-Differenzialen und Viscosperren gibt's beim Tercel 4WD serienmäßig Allwetterreifen und eine Kardanwelle, die zur Starrachse im Heck führt. Die lässt sich bei der Fahrt zuschalten, normalerweise ist der Tercel im Frontantriebsmodus unterwegs. Warum permanent vier Räder antreiben, wenn im Alltag zwei ausreichen? Dann sind auch die 71 PS des zäh schnarrenden Vierzylinders völlig ausreichend. Ein Zug am kleinen Hebel hinterm langen Schaltknüppel, und der Allradantrieb ist aktiviert. Jetzt zieht der Tercel auch im tiefen Geläuf seine Kreise um den großen VW T3 syncro – der richtige Gang und ein schwerer Gasfuß genügen. Drehmoment ist schließlich nicht die Stärke des Vierzylinders.
Widrigkeiten im Alltag
Auf der Straße ist das ein No-Go! Weil das ausgleichende Mitteldifferenzial fehlt, radieren die 175er-Reifen bei Kurvenfahrt wimmernd über den Asphalt, und beim Rangieren verspannt sich der Antrieb derart, dass sich das ganze Auto durchzubiegen scheint. 2WD+2WD wäre die passende Modellbezeichnung für den Tercel.
Lieber zurück in die Kiesgrube, hier gehen wir aufs Ganze. Erst den kleinen Wählhebel von FWD auf 4WD umlegen, dann ganz weit oben links in der Schaltkulisse mit viel Gefühl nach der Geländeuntersetzung suchen. Die lässt sich nur im Allradbetrieb einlegen. Wenn gefunden, kommt zur diffus grün glimmenden 4WD-Anzeige die orange EL-Anzeige hinzu. Tatsache, der Toyota kommt mit Sechsgang-Schaltgetriebe!

Früher Alltag, heute Exot. An den praktischen, betont unauffälligen Tercel erinnern sich wohl nur noch Hardcore-Fans.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Der zusätzliche Extra-Low-Kriechgang ist sogar noch kürzer übersetzt als der Rückwärtsgang, und damit krallt sich der gerade mal rund 1000 Kilo leichte Tercel auch in die steilsten Anstiege. Das Limit setzen hier eher das Vertrauen des Fahrers und die mäßige Bodenfreiheit. "Do not drive in water", lautet einer der vielen Warnhinweise. Warum eigentlich nicht, fragt sich der Tercel-Nutzer und freut sich über einen gut nutzbaren, winterfesten Kombi, der mehr beherrscht als der Durchschnitt. Wenn es kein Premiumprodukt wie Audi und BMW oder Sportwagen wie der Lancia, wenn es einfach ein Auto sein soll, das Allradantrieb anbietet, wenn man ihn braucht, ist der Tercel 4WD genau der Richtige. Wer mehr will, muss den Bus nehmen.
Plus/Minus
Der Tercel 4WD der Generation L20 (1982–86) mag heute ein Exot und seltener als ein Mercedes 300 SL-Flügeltürer sein, aber seine Herkunft ist bürgerlich und zutiefst pragmatisch – er ist halt ein typischer Toyota seiner Zeit. Anderswo hieß er Sprinter Carib oder Tercel Wagon, war auch mal nur mit Frontantrieb oder auch als Allrad-Limousine oder als fünftüriges Schrägheckmodell erhältlich und lief zeitlich vor und ab 1983 auch noch parallel zum Corolla, obwohl er fast die gleiche Größe hatte. Deshalb gibt es Technik aus dem großen Konzernregal.
Dem Frontantriebs-Tercel hat der 4WD den größeren und stärkeren 1,5-Liter mit 71 PS voraus. Werden Öl und Zahnriemen regelmäßig gewechselt, halten die ohc-Vierzylinder ewig. Auch deshalb – und weil sie sich einfach und günstig reparieren lassen – sind die meisten Toyota der alten Bundesrepublik im Export verschwunden.

Der längs eingebaute 1,5-Liter-Vierzylinder leistet zähe, aber ausreichende 71 PS.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Im Gegensatz zum weiterhin entwickelten Corolla E8 kommt der Tercel mit einer einfachen hinteren Starrachse. Massive Rostprobleme kennt die Toyota-Generation der Achtzigerjahre nicht, oft findet sich Rost nur an Falzen und Kanten. Ebenfalls typisch für diese Zeit: zum Ausbleichen neigende Kunststoffe. Beim Tercel 4WD Snow kommt noch der Status des frisierten Nischenmodells hinzu. Zum Tuningpaket gehören graue Dekoraufkleber für die Flanken und eine in Wagenfarbe lackierte Spezial-frontschürze mit vier Zusatzscheinwerfern, hergestellt vom oberbayerischen Toyota-Händler und Offroadzubehör-Hersteller Haslbeck (der auch Räder und Anbauteile für andere Hersteller wie Suzuki oder Daihatsu produzierte). Plus: Als Youngtimer ist ein Tercel 4WD so originell wie praktisch. Minus: Auto und spezifische Ersatzteile sind extrem selten. Da ist ein Mercedes 300 SL unkomplizierter.
Marktlage
Kaum zu glauben, aber die Internetrecherche im In- und Ausland spuckt tatsächlich drei Toyota Tercel aus – einen davon in Süddeutschland laut Anbieter sogar im restaurierten Zustand. Preis? Jenseits der 10.000-Euro-Marke! Aber dass ein Tercel 4WD Liebhaberei sein muss, war sowieso klar. Beim Tercel trifft ein minimales Angebot auf nahezu keinerlei Nachfrage. Aber: Beim direkten Tercel-Konkurrenten Nissan Prairie sieht es noch schlechter aus. Wenn es die Kombination Japan und Allrad sein muss, lohnt ein Blick zu Subaru.
Ersatzteile
Zum Glück steckt unter dem Tercel in weiten Teilen der Corolla E8, gebaut von 1983 bis 1987. Ein Spurstangenkopf kostet schlappe6 Euro, eine Wasserpumpe 37, ein Kupplungssatz um die 80 und ein Zahnriemensatz rund 60 Euro. Wenn’s um Karosserie- oder Ausstattungsteile geht, könnten Spezialanbieter im Aus- oder Inland wie Toyota Classic Parts in Pulheim die letzte Hoffnung sein. Aber wo lässt sich bloß Ersatz für eine maßgeschneiderte Haslbeck-Frontschürze eines Tercel 4WD Snow finden?
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