Vernunft statt Vergnügen, Verzicht statt Verschwendung, Versagung statt Verführung – das Leben als Musterknabe scheint auf den ersten Blick ziemlich langweilig. Doch das täuscht. Zumindest wenn es um automobile Klassenstreber geht. Die erfreuen sich nämlich allseits größter Beliebtheit und wissen durchaus, wie man Spaß schreibt. Allen voran der Golf. Das hierzulande meistgekaufte Auto ist in seiner sechsten Generation mehr denn je ein vernünftiges Vollwertmobil, das auch im Basistrimm nicht nach Askese riecht. Seit Ende letzten Jahres hält Opel mit der vierten Generation des Astra dagegen. Sein äußerer Auftritt ist modern, solide, hochwertig, die Alltagstauglichkeit ist dennoch nicht zu kurz gekommen. Und auch Kia will am Kompaktklasse-Kuchen naschen. Der preisgünstige cee'd lockt nicht nur mir sieben Jahren Garantie, sondern auch mit europäisiertem Design und behaglichem Interieur.

Überblick: Alle News und Tests zum VW Golf

"Eco Dynamics" prangt auf der Heckklappe des Kia, der mit optionalem Start-Stopp-System ISG (300 Euro) antritt. Reicht das bereits für ein grünes Gewissen? Mit 6,3 Liter Super pro 100 Kilometer verfehlt der Koreaner den praxisfremden ECE-Prüfstandswert zwar um 0,6 Liter, dennoch zählt er zu den wirklich sparsamen Benzinern im Lande. Ohne dass er ein Langweiler wäre: Der 1,4-Liter-Motor nimmt spontan Gas an und ist der drehfreudigste, aber auch der lauteste im Vergleich. Die Messung der Fahrleistungen bestätigt den spritzigen Eindruck. Bei Beschleunigung und Durchzug hat der Cee'd die Nase vorn. Trotz drehmomentfördernden Turboladers bleibt dem Golf 1.2 TSI hier nur das Nachsehen: Für den Sprint auf 100 km/h braucht er eine halbe Sekunde länger, in der Elastizität verliert er endgültig den Anschluss. Da der kleine Direkteinspritzer seinen Drehmoment-Gipfel bereits bei 1500 Touren bereitstellt, fühlt er sich jedoch nie schlapp an, animiert zu einer schaltfaulen, entspannten Fahrweise. In Sachen Laufkultur markiert er die Spitze in diesem Vergleich, weich und vibrationsfrei verrichtet er seine Arbeit. Dröhnen und Lärmen liegen ihm fern. Auch sein Testverbrauch überzeugt – nur 6,3 Liter Super. Dennoch 0,8 Liter mehr, als das Werk verspricht.

Überblick: Alle News und Tests zum Opel Astra

Die rote Laterne im Antriebskapitel trägt der Astra. Sein 1,4-Liter-Sauger ist mit dem Testwagengewicht von satten 1,4 Tonnen schlichtweg überfordert. Zäh im Antritt, flau im Durchzug, ohne jede Drehfreude – Astra fahren mit 87 PS ist eine Geduldsprobe. Überholmanöver auf der Landstraße wollen gut geplant sein: Gegenverkehr genau taxieren, zwei Gänge zurückschalten und dann voll reintreten ... Akustisch wirkt der Opel-Motor nicht nur dabei angestrengt, Laufkultur klingt anders. Der finale Dämpfer folgt beim Tanken: 6,9 Liter, immerhin satte 1,4 Liter über der Werksangabe. Beim Handling lässt sich der Opel hingegen nicht den Schneid abkaufen. Sein Fahrverhalten ist jederzeit sicher, das Eigenlenkverhalten weitgehend neutral, und trotz seines hohen Gewichts meistert er auch den Slalom mit Anstand. Noch einen Tick sportlicher lässt sich der Golf bewegen, lenkt noch zackiger ein und wirkt insgesamt leichtfüßiger. Auch der Kia bietet ein hohes Maß an Fahrsicherheit, kündigt den Grenzbereich gutmütig untersteuernd an und zeigt nur bei ganz groben Manövern Lastwechselreaktionen. Seine indifferent arbeitende Lenkung sowie die schlechte Traktion verhindern jedoch sportliche Großtaten.
Das harte Fahrwerk des Cee'd wirkt im Vergleich zum sänftenartigen Federungskomfort des Astra recht hölzern. Der VW federt spürbar straffer als der Opel, fühlt sich jedoch angenehm verbindlich an. Die besten Plätze im Kia? Eindeutig hinten. Denn während man vorn auf harten Sitzen ohne Seitenhalt herumrutscht, genießt man im Fond das mit Abstand beste Platzangebot in diesem Vergleich. Genau umgekehrt verhält es sich im Astra: Er bietet vorn am meisten Freiraum auf gut geformten Sitzen, im Fond mangelt es hingegen akut an Beinfreiheit. Am ausgewogensten auch hier der Wolfsburger: Vorn großzügiger als der Koreaner, hinten nicht so beengt wie der Rüsselsheimer. Eine Wohltat sind die bequemen und reichlich Seitenführung spendenden Sitze sowie die hochwertige Qualitätsanmutung des Golf. Bei Materialauswahl und Verarbeitung können Kia und Opel nicht mithalten.
Der Cee'd kommt satte 3665 Euro billiger als der Golf, fährt im Alter allerdings den höchsten Wertverlust ein. Der VW kostet in der Anschaffung zwar über 3000 Euro mehr als der Koreaner, ist dafür später als Gebrauchter aber begehrt. Den Sieg im Kostenkapitel sichert sich indes der Astra mit großzügigen Garantieleistungen und niedrigen Festkosten – damit erweist er sich zumindest in diesem Kapitel als echter Musterknabe.

Fazit

Die optimistischen ECE-Verbrauchswerte verfehlen alle drei Kandidaten. Der schwere Opel schluckt gar 1,4 Liter mehr – auch ein Zeichen dafür, dass der 87-PS-Benziner in diesem ausgewachsenen, komfortablen Auto überfordert ist. Wesentlich lebendiger fährt der geräumige und preisgünstige Kia, der aber speziell beim Federungs- und Sitzkomfort Nachholbedarf zeigt. Als einziger Musterknabe kristallisiert sich der Golf heraus: Top-Fahrwerk, guter Motor – aber teuer.