Nur gestrecktes Blech oder gemorphter Mini? Aus einem rund vier Meter knackig-kurzen Kleinwagen wird ein stattliches, über einen halben Meter längeres SUV mit robustem Auftritt, satter Präsenz und vor allem einem mächtigen Beinamen Bigster.

Fahrzeugempfehlung

Dacia Bigster hybrid 155

Dacia

Bigster Hybrid 155

2,4
gut
  • Pro Iconsehr funktional
  • Pro Icongroßer Kofferraum
  • Contra Iconunkultivierter Antrieb
  • Contra Iconmäßige Fahrleistungen
Tatsächlich legt Renault mit dem neuen Dacia-Flaggschiff einen gekonnten Modellspagat hin. Sowohl Clio als auch Bigster bauen nämlich auf der gleichen Plattform auf, CMF-B heißt diese im Konzern.

Enge Verwandtschaft mit dem Clio

Motoren, Getriebe, Fahrwerk, Elektronik – Renaults Kleiner und Dacias Dicker teilen sich die Technik, bremsen mit gleichen Teilen, dudeln Musik aus identischen Lautsprechern. Warum auch nicht – das macht die Sache schließlich günstiger.
Dacia Bigster hybrid 155
Plattformbruder: Der Dacia Bigster nutzt dieselbe technische Basis wie der Renault Clio – das macht das große SUV ziemlich günstig.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Im Falle des Bigster bedeutet das letztlich: Den stattlichen Burschen mit den markanten Offroad-Applikationen verkauft Dacia für erträgliche 23.990 Euro. So günstig schafft es in dieser Liga keiner. Und wir wissen ja vom kleinen Bruder Duster – der erledigt seine Sache sehr ordentlich.

Topmodell mit brauchbarem Luxus

Wir ahnen also: Das Rezept sollte auch beim Bigster aufgehen. Das testen wir natürlich. Im AUTO BILD-Prüfprogramm: der neue Dacia als Variante hybrid 155 Journey. Dahinter stehen die Top-Motorisierung, eine gehobene Ausstattung, stets Getriebeautomatik und stolze 155 System-PS. Dahinter stehen aber auch mindestens 30.790 Euro Kaufpreis.
Dacia Bigster hybrid 155
Schwer was los: verwegen designte Lüftungsdüsen, digitale Displays, dickes Sportlenkrad, Getriebe-Wählhebel im Elektroauto-Stil.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Immerhin baut Dacia zu diesem Preis eine brauchbare Portion Luxus und die adäquate Menge Fahrassistenz ins Auto. So fahren teilelektrische Sitze, das umfangreichere Multimediasystem mit 10-Zoll-Monitor und eine automatische Heckklappe serienmäßig mit. Die adaptive Temporegelung hält zudem automatisch den Abstand zum Vordermann, und eine Heckkamera hilft beim Rangieren.

Fahrzeugdaten

Fahrzeugdaten
Motor Bauart/Zylinder 
Vierzylinder, Hybrid 
Hubraum 
1799 cm³ 
Leistung (Verbrenner) 
80 kW (109 PS) 
max. Drehmoment (Verbrenner) 
172 Nm 
Leistung (Elektromotor) 
36 kW (49 PS) 
max. Drehmoment (Elektromotor) 
205 Nm 
Systemleistung 
116 kW (155 PS) 
Vmax
180 km/h 
Getriebe 
Multi-Mode-Getriebe 
Antrieb 
Vorderradantrieb 
Bremsen vorn/hinten 
Scheiben/Scheiben 
Testwagenbereifung 
205/55 R 19 V XL 
Reifentyp 
Continental PremiumContact 6 
Radgröße 
7 x 19" 
Abgas CO2 
106 g/km 
Verbrauch* 
4,7 l/100 km 
Tankinhalt 
50 l 
Kraftstoffsorte 
Super 
Partikelfilter 
Serie 
Vorbeifahrgeräusch 
66 dB(A) 
Anhängelast gebr./ungebr. 
1000/750 kg 
Stützlast 
75 kg 
Kofferraumvolumen 
546–1851 l 
Länge/Breite/Höhe 
4570/1813–2069**/1712 mm 
Radstand 
2702 mm 
Grundpreis
28.890 Euro
Testwagenpreis (wird gewertet)
31.290 Euro
Gegen 900 Euro Aufpreis kommt noch das ganze für die Baureihe verfügbare Assistenzprogramm dazu. Im City-Paket stecken dann unter anderem Rundum-Kamera-Absicherung und ein Totwinkelwarner. Wer nochmals 500 Euro drauflegt, kann seinen Bigster Journey mit schicken 19-Zoll-Rädern schmücken.

Zu viel Grip beim spontanen Ausweichen

Wovon wir an dieser Stelle dringlichst abraten. Denn die optionale Bereifung mit flacher Flanke verhagelt dem Bigster zunächst die Komfortbilanz. Sehr spröde rollen die Pneus ab, kantig überrollen die Gummis kleine Unebenheiten in der Straßenoberfläche – der Fahrer nimmt das als raue, stetige Erschütterungen wahr.
Dacia Bigster hybrid 155
Bei spontanem Ausweichen baut das Vorderrad bisweilen zu viel Grip auf, lässt den Bigster so aufsteigen und auf zwei Rädern fahren.
Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Schlimmer jedoch: Die griffigen 19-Zoll-Reifen bauen unpassend viel Seitenführung auf. Der knackige Grip tut dem Wagen nicht gut. Bei spontanen Ausweichversuchen haben wir festgestellt, dass der Bigster sein äußeres Vorderrad stempelnd mit dem Asphalt verzahnt, zuweilen sogar aufsteigt und auf zwei Rädern fährt.
Dacia Bigster hybrid 155
Kratzspuren vom Ausweichtest am Felgenrand. Im schlimmsten Fall könnte das Rad einhaken und den Wagen kippen lassen.
Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Das führt so weit, dass die Felge rundum am Asphalt kratzt und beschädigt wird. Spätestens hier sehen wir die Gefahr, dass das Rad "einhakt" und der Wagen kippt.

So reagiert Dacia auf unseren Bigster-Test

So reagiert Dacia auf unseren Bigster-Test

AUTO BILD: Bei Fahrversuchen (Ausweichverhalten) ist der Testwagen Bigster hybrid 155 Journey aufgefallen. Wir haben bei entsprechenden Manövern festgestellt, dass der Bigster sich sehr stark – und durch stempelndes Einfedern verstärkt – auf dem linken Vorderrad abstützt, dabei an zwei Rädern Bodenkontakt verliert und die Felge auf dem Asphalt aufsetzt. Das könnte unter ungünstigen Umständen (zu wenig Luftdruck, Aufbrüche/Flickstellen in der Straßenoberfläche) zum Umkippen führen. Das Fahrverhalten haben wir mit Abzug von Punkten im Kapitel Fahrsicherheit bestraft.
Stellungnahme Dacia: Das getestete Fahrzeug ist ein Vorserienmodell. Für die Serienfahrzeuge wurden Optimierungen am Fahrdynamikregelungssystem und der Gesamtfahrwerksbalance vorgenommen. Dies führt zu einer verbesserten Fahrdynamik und einem kontrollierten Fahrverhalten unter verschiedenen Fahrbedingungen bei gleichzeitig optimalem Komfort im Alltag.

An sich ist das Fahrwerk gut abgestimmt

Wo andere Hersteller solche Effekte mit einem ESP-Trick ausbremsen (kurzzeitig blockiertes Vorderrad), hat Dacia für den Bigster keine elektronische Überschlag-Reißleine vorgesehen. Schade, denn in den typischen Fahrübungen (VDA-Ausweichen/Iso-Spurwechsel) arbeitet das Auto ordentlich mit, spurt sicher und fehlerfrei.
Dacia Bigster hybrid 155
Ordentlich: Die Federung arbeitet sehr anständig und schaukelfrei, hat ausreichend Reserven unter Beladung.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Auch die Federung macht ihre Sache gut, räumt Unebenheiten sehr anständig beiseite, federt gemütlich mit langen Schwüngen, bietet Reserven unter Beladung und hält den hohen Aufbau erstaunlich schaukelfrei auf der Straße.

Messwerte

Messwerte
Beschleunigung
0–50 km/h
3,7 s 
0–100 km/h 
9,3 s 
0–130 km/h 
15,8 s 
0–160 km/h 
24,8 s 
Zwischenspurt
60–100 km/h
4,7 s 
80–120 km/h 
6,5 s 
Leergewicht/Zuladung 
1460/480 kg 
Gewichtsverteilung v./h. 
58/42 % 
Wendekreis links/rechts 
11,3/11,3 m 
Sitzhöhe 
650 mm 
Bremsweg
aus 100 km/h kalt
35,3 m 
aus 100 km/h warm 
35,6 m 
Innengeräusch
bei 50 km/h
58 dB(A) 
bei 100 km/h 
65 dB(A) 
bei 130 km/h 
70 dB(A) 
Verbrauch
Sparverbrauch
4,0 l S/100 km 
Testverbrauch Durchschnitt der 155-km-Testrunde
(Abweichung zur WLTP-Angabe)
7,5 l S/100 km
(+60 %)
Sportverbrauch 
8,8 l S/100 km 
CO2 (Testverbrauch) 
178 g/km 
Reichweite (Testverbrauch) 
665 km 
Zum verbindlichen Fahrkomfort passen die Vordersitze. Trotz schlichter Machart (nur simpel aufgeschäumte Wangen) bieten sie lange Flächen, guten Halt und eine anschmiegsame Polsterung. Der Bezug dürfte aber gern weniger rutschig sein.

Ausreichend Platz auch im Fond

Im Fond geht es etwas gehockter zu, dafür gefallen uns das Platzangebot sowie der bequeme Einstieg durch große Türen und weite Ausschnitte. Auch das Gepäckabteil überzeugt.
Dacia Bigster hybrid 155
Das Platzangebot im Fond ordentlich, bis zwei Meter Körpergröße gibt es keine Probleme. Große Türen machen den Einstieg bequem.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Bis zu 1851 Liter Ladung passen hinein, unter dem Ladeboden versteckt sich ein praktisches Fach, die große Heckklappe schwingt weit auf, und die Rückbank (praktische Teilung 40/20/40) lässt sich ohne Kraftanstrengung und per Fernentriegelung zügig flach legen. Klasse, so geht Familienfreund!
Auch das Bedienkonzept lassen wir noch unter benutzerfreundlich laufen. Zu den (angenehm groß per Kacheln dargestellten) Funktionen auf dem Berührbildschirm gibt es direkt darunter eine Tastenleiste für die Klimatisierung, ein weiterer Block mit Schaltern steuert Fahrmodi und -assistenz.
Dacia Bigster hybrid 155
Hilfreich: Die gesonderte Tastenleiste für die Klimatisierung erleichtert die Bedienung des Dacia Bigster.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Das lässt sich passabel fix erlernen und ohne zu viel Ablenkung steuern. Die Infos auf dem Fahrerdisplay sind kleinteilig und freudlos dargestellt, dafür klar gezeichnet und in der Vielfalt nicht erschlagend. Man freundet sich damit bald an.

Antriebsduo hat durchaus Sparpotenzial

Das gilt auch für das – zumindest in der Theorie – komplexe Antriebspaket. Es besteht aus einem speziell für die Zusammenarbeit mit einer E-Maschine trainierten 1.8er-Vierzylinder (Atkinson-Prinzip), einem Getriebe ohne Kupplung (hier werden die Gangsprünge und Anfahrmanöver elektrisch an die Motoren gekoppelt) und zwei E-Maschinen. Zwei Gänge stehen dem elektrischen Pfad zur Verfügung, der Benziner darf vier Übersetzungen abschöpfen.
Dacia Bigster hybrid 155
Doppelherz im Bug: Der 1,8 Liter große Vierzylinder und der Elektromotor sind zu einer Einheit zusammengefasst.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Davon bekommt der Fahrer kaum etwas mit. Unter leichter Last passieren Gangwechsel sanft, die Drehzahlen liegen niedrig, das Konzept schickt genügend Kraft an die Antriebsräder, ohne zu viel Benzin zu verbrauchen. Beim Anfahren fühlt sich der Bigster spontan und kraftvoll an wie ein E-Auto.
Aber: Auf einen kräftiger durchgetretenen Gasfuß reagiert das System gestresst, nervt über eine ausgeprägte Schaltpause bei etwa 120 km/h. Das Multi-Mode-Getriebe nimmt zudem im Generatormodus gern hohe Drehzahlen an, tourt nach schneller Autobahnfahrt länger nach.

Wertung Dacia Bigster hybrid 155

Wertung Dacia Bigster hybrid 155
Karosserie
Gutes Raumgefühl übersichtlich,ordentlicher Kofferraum. Sicherheitsausstattung mager.
3,5 / 5
Antrieb
Kräftiges Anfahrverhalten, durchzugsstark, geringer Verbrauch möglich. Getriebe gewöhnungsbedürftig.
3,5 / 5
Fahrdynamik
In Testwagenkonfiguration schlechtes Ausweichverhalten, Bremsleistung durchschnittlich.
2,5 / 5
Connected Car
Keine Sprachsteuerung, Audiosystem umfangreich, Online-Verknüpfung möglich.
3 / 5
Umwelt
Relativ leichtes Auto, außer Getriebe kaum weitere CO2-Spartricks vorgesehen.
3 / 5
Komfort
Universelle Federung, bequemer Zustieg, passable Sitze. Assistenz-Ausstattung mager.
3 / 5
Kosten
Geringer Kaufpreis, sieben Jahre Garantie, sehr wertstabil eingestuft. Fixkosten höher.
4 / 5
AUTO BILD-Testnote
2,4
Außerdem haben wir eine Brummfrequenz gespürt, die auftritt, sobald der Antrieb unter wenig Last die Akkuzellen nachlädt. Dicker Trost: So sind vier Liter Verbrauch möglich. Das hat der Bigster wohl vom Clio abgeguckt.

Bildergalerie

Dacia Bigster hybrid 155
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Dacia Bigster im ersten Test

Fazit

von

AUTO BILD
Ein geräumiges, funktionales und bequemes Auto mit schlauem Antrieb, dazu günstig zu bekommen – der Bigster dürfte ganz bald ein begehrter Familienfreund werden. Hoffen wir, dass die Autos auf "Serienstand" dann auch fehlerfrei fahren. Wir werden den Bigster auf jeden Fall im Blick behalten. AUTO BILD-Testnote: 2,4