Dacia Bigster hybrid 155: Test
Dacias dickes Ding: Bigster stolpert beim Ausweichen

Der neue Dacia Bigster rollt vor und will über Komfort und seine Dimensionen punkten. Aber: Ganz astrein fährt er nicht – wie unser Test zeigt.
Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Enge Verwandtschaft mit dem Clio
Motoren, Getriebe, Fahrwerk, Elektronik – Renaults Kleiner und Dacias Dicker teilen sich die Technik, bremsen mit gleichen Teilen, dudeln Musik aus identischen Lautsprechern. Warum auch nicht – das macht die Sache schließlich günstiger.

Plattformbruder: Der Dacia Bigster nutzt dieselbe technische Basis wie der Renault Clio – das macht das große SUV ziemlich günstig.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Topmodell mit brauchbarem Luxus
Wir ahnen also: Das Rezept sollte auch beim Bigster aufgehen. Das testen wir natürlich. Im AUTO BILD-Prüfprogramm: der neue Dacia als Variante hybrid 155 Journey. Dahinter stehen die Top-Motorisierung, eine gehobene Ausstattung, stets Getriebeautomatik und stolze 155 System-PS. Dahinter stehen aber auch mindestens 30.790 Euro Kaufpreis.

Schwer was los: verwegen designte Lüftungsdüsen, digitale Displays, dickes Sportlenkrad, Getriebe-Wählhebel im Elektroauto-Stil.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Immerhin baut Dacia zu diesem Preis eine brauchbare Portion Luxus und die adäquate Menge Fahrassistenz ins Auto. So fahren teilelektrische Sitze, das umfangreichere Multimediasystem mit 10-Zoll-Monitor und eine automatische Heckklappe serienmäßig mit. Die adaptive Temporegelung hält zudem automatisch den Abstand zum Vordermann, und eine Heckkamera hilft beim Rangieren.
Fahrzeugdaten
Modell | Dacia Bigster hybrid 155 |
|---|---|
Motor Bauart/Zylinder | Vierzylinder, Hybrid |
Hubraum | 1799 cm³ |
Leistung (Verbrenner) | 80 kW (109 PS) |
max. Drehmoment (Verbrenner) | 172 Nm |
Leistung (Elektromotor) | 36 kW (49 PS) |
max. Drehmoment (Elektromotor) | 205 Nm |
Systemleistung | 116 kW (155 PS) |
Vmax | 180 km/h |
Getriebe | Multi-Mode-Getriebe |
Antrieb | Vorderradantrieb |
Bremsen vorn/hinten | Scheiben/Scheiben |
Testwagenbereifung | 205/55 R 19 V XL |
Reifentyp | Continental PremiumContact 6 |
Radgröße | 7 x 19" |
Abgas CO2 | 106 g/km |
Verbrauch* | 4,7 l/100 km |
Tankinhalt | 50 l |
Kraftstoffsorte | Super |
Partikelfilter | Serie |
Vorbeifahrgeräusch | 66 dB(A) |
Anhängelast gebr./ungebr. | 1000/750 kg |
Stützlast | 75 kg |
Kofferraumvolumen | 546–1851 l |
Länge/Breite/Höhe | 4570/1813–2069**/1712 mm |
Radstand | 2702 mm |
Grundpreis | 28.890 Euro |
Testwagenpreis (wird gewertet) | 31.290 Euro |
Gegen 900 Euro Aufpreis kommt noch das ganze für die Baureihe verfügbare Assistenzprogramm dazu. Im City-Paket stecken dann unter anderem Rundum-Kamera-Absicherung und ein Totwinkelwarner. Wer nochmals 500 Euro drauflegt, kann seinen Bigster Journey mit schicken 19-Zoll-Rädern schmücken.
Zu viel Grip beim spontanen Ausweichen
Wovon wir an dieser Stelle dringlichst abraten. Denn die optionale Bereifung mit flacher Flanke verhagelt dem Bigster zunächst die Komfortbilanz. Sehr spröde rollen die Pneus ab, kantig überrollen die Gummis kleine Unebenheiten in der Straßenoberfläche – der Fahrer nimmt das als raue, stetige Erschütterungen wahr.

Bei spontanem Ausweichen baut das Vorderrad bisweilen zu viel Grip auf, lässt den Bigster so aufsteigen und auf zwei Rädern fahren.
Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Schlimmer jedoch: Die griffigen 19-Zoll-Reifen bauen unpassend viel Seitenführung auf. Der knackige Grip tut dem Wagen nicht gut. Bei spontanen Ausweichversuchen haben wir festgestellt, dass der Bigster sein äußeres Vorderrad stempelnd mit dem Asphalt verzahnt, zuweilen sogar aufsteigt und auf zwei Rädern fährt.

Kratzspuren vom Ausweichtest am Felgenrand. Im schlimmsten Fall könnte das Rad einhaken und den Wagen kippen lassen.
Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Das führt so weit, dass die Felge rundum am Asphalt kratzt und beschädigt wird. Spätestens hier sehen wir die Gefahr, dass das Rad "einhakt" und der Wagen kippt.
So reagiert Dacia auf unseren Bigster-Test
So reagiert Dacia auf unseren Bigster-Test
AUTO BILD: Bei Fahrversuchen (Ausweichverhalten) ist der Testwagen Bigster hybrid 155 Journey aufgefallen. Wir haben bei entsprechenden Manövern festgestellt, dass der Bigster sich sehr stark – und durch stempelndes Einfedern verstärkt – auf dem linken Vorderrad abstützt, dabei an zwei Rädern Bodenkontakt verliert und die Felge auf dem Asphalt aufsetzt. Das könnte unter ungünstigen Umständen (zu wenig Luftdruck, Aufbrüche/Flickstellen in der Straßenoberfläche) zum Umkippen führen. Das Fahrverhalten haben wir mit Abzug von Punkten im Kapitel Fahrsicherheit bestraft.
Stellungnahme Dacia: Das getestete Fahrzeug ist ein Vorserienmodell. Für die Serienfahrzeuge wurden Optimierungen am Fahrdynamikregelungssystem und der Gesamtfahrwerksbalance vorgenommen. Dies führt zu einer verbesserten Fahrdynamik und einem kontrollierten Fahrverhalten unter verschiedenen Fahrbedingungen bei gleichzeitig optimalem Komfort im Alltag.
Stellungnahme Dacia: Das getestete Fahrzeug ist ein Vorserienmodell. Für die Serienfahrzeuge wurden Optimierungen am Fahrdynamikregelungssystem und der Gesamtfahrwerksbalance vorgenommen. Dies führt zu einer verbesserten Fahrdynamik und einem kontrollierten Fahrverhalten unter verschiedenen Fahrbedingungen bei gleichzeitig optimalem Komfort im Alltag.
An sich ist das Fahrwerk gut abgestimmt
Wo andere Hersteller solche Effekte mit einem ESP-Trick ausbremsen (kurzzeitig blockiertes Vorderrad), hat Dacia für den Bigster keine elektronische Überschlag-Reißleine vorgesehen. Schade, denn in den typischen Fahrübungen (VDA-Ausweichen/Iso-Spurwechsel) arbeitet das Auto ordentlich mit, spurt sicher und fehlerfrei.

Ordentlich: Die Federung arbeitet sehr anständig und schaukelfrei, hat ausreichend Reserven unter Beladung.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Auch die Federung macht ihre Sache gut, räumt Unebenheiten sehr anständig beiseite, federt gemütlich mit langen Schwüngen, bietet Reserven unter Beladung und hält den hohen Aufbau erstaunlich schaukelfrei auf der Straße.
Messwerte
Modell | Dacia Bigster hybrid 155 |
|---|---|
Beschleunigung | |
0–50 km/h | 3,7 s |
0–100 km/h | 9,3 s |
0–130 km/h | 15,8 s |
0–160 km/h | 24,8 s |
Zwischenspurt | |
60–100 km/h | 4,7 s |
80–120 km/h | 6,5 s |
Leergewicht/Zuladung | 1460/480 kg |
Gewichtsverteilung v./h. | 58/42 % |
Wendekreis links/rechts | 11,3/11,3 m |
Sitzhöhe | 650 mm |
Bremsweg | |
aus 100 km/h kalt | 35,3 m |
aus 100 km/h warm | 35,6 m |
Innengeräusch | |
bei 50 km/h | 58 dB(A) |
bei 100 km/h | 65 dB(A) |
bei 130 km/h | 70 dB(A) |
Verbrauch | |
Sparverbrauch | 4,0 l S/100 km |
Testverbrauch Durchschnitt der 155-km-Testrunde (Abweichung zur WLTP-Angabe) | 7,5 l S/100 km (+60 %) |
Sportverbrauch | 8,8 l S/100 km |
CO2 (Testverbrauch) | 178 g/km |
Reichweite (Testverbrauch) | 665 km |
Zum verbindlichen Fahrkomfort passen die Vordersitze. Trotz schlichter Machart (nur simpel aufgeschäumte Wangen) bieten sie lange Flächen, guten Halt und eine anschmiegsame Polsterung. Der Bezug dürfte aber gern weniger rutschig sein.
Ausreichend Platz auch im Fond
Im Fond geht es etwas gehockter zu, dafür gefallen uns das Platzangebot sowie der bequeme Einstieg durch große Türen und weite Ausschnitte. Auch das Gepäckabteil überzeugt.

Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Bis zu 1851 Liter Ladung passen hinein, unter dem Ladeboden versteckt sich ein praktisches Fach, die große Heckklappe schwingt weit auf, und die Rückbank (praktische Teilung 40/20/40) lässt sich ohne Kraftanstrengung und per Fernentriegelung zügig flach legen. Klasse, so geht Familienfreund!
Auch das Bedienkonzept lassen wir noch unter benutzerfreundlich laufen. Zu den (angenehm groß per Kacheln dargestellten) Funktionen auf dem Berührbildschirm gibt es direkt darunter eine Tastenleiste für die Klimatisierung, ein weiterer Block mit Schaltern steuert Fahrmodi und -assistenz.

Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Das lässt sich passabel fix erlernen und ohne zu viel Ablenkung steuern. Die Infos auf dem Fahrerdisplay sind kleinteilig und freudlos dargestellt, dafür klar gezeichnet und in der Vielfalt nicht erschlagend. Man freundet sich damit bald an.
Antriebsduo hat durchaus Sparpotenzial
Das gilt auch für das – zumindest in der Theorie – komplexe Antriebspaket. Es besteht aus einem speziell für die Zusammenarbeit mit einer E-Maschine trainierten 1.8er-Vierzylinder (Atkinson-Prinzip), einem Getriebe ohne Kupplung (hier werden die Gangsprünge und Anfahrmanöver elektrisch an die Motoren gekoppelt) und zwei E-Maschinen. Zwei Gänge stehen dem elektrischen Pfad zur Verfügung, der Benziner darf vier Übersetzungen abschöpfen.

Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Davon bekommt der Fahrer kaum etwas mit. Unter leichter Last passieren Gangwechsel sanft, die Drehzahlen liegen niedrig, das Konzept schickt genügend Kraft an die Antriebsräder, ohne zu viel Benzin zu verbrauchen. Beim Anfahren fühlt sich der Bigster spontan und kraftvoll an wie ein E-Auto.
Aber: Auf einen kräftiger durchgetretenen Gasfuß reagiert das System gestresst, nervt über eine ausgeprägte Schaltpause bei etwa 120 km/h. Das Multi-Mode-Getriebe nimmt zudem im Generatormodus gern hohe Drehzahlen an, tourt nach schneller Autobahnfahrt länger nach.
Wertung Dacia Bigster hybrid 155
Kategorie | Bewertung / Beschreibung | Punkte |
|---|---|---|
Karosserie | Gutes Raumgefühl übersichtlich,ordentlicher Kofferraum. Sicherheitsausstattung mager. | 3,5 / 5 |
Antrieb | Kräftiges Anfahrverhalten, durchzugsstark, geringer Verbrauch möglich. Getriebe gewöhnungsbedürftig. | 3,5 / 5 |
Fahrdynamik | In Testwagenkonfiguration schlechtes Ausweichverhalten, Bremsleistung durchschnittlich. | 2,5 / 5 |
Connected Car | Keine Sprachsteuerung, Audiosystem umfangreich, Online-Verknüpfung möglich. | 3 / 5 |
Umwelt | Relativ leichtes Auto, außer Getriebe kaum weitere CO2-Spartricks vorgesehen. | 3 / 5 |
Komfort | Universelle Federung, bequemer Zustieg, passable Sitze. Assistenz-Ausstattung mager. | 3 / 5 |
Kosten | Geringer Kaufpreis, sieben Jahre Garantie, sehr wertstabil eingestuft. Fixkosten höher. | 4 / 5 |
AUTO BILD-Testnote | 2,4 |
Außerdem haben wir eine Brummfrequenz gespürt, die auftritt, sobald der Antrieb unter wenig Last die Akkuzellen nachlädt. Dicker Trost: So sind vier Liter Verbrauch möglich. Das hat der Bigster wohl vom Clio abgeguckt.
Fazit
Ein geräumiges, funktionales und bequemes Auto mit schlauem Antrieb, dazu günstig zu bekommen – der Bigster dürfte ganz bald ein begehrter Familienfreund werden. Hoffen wir, dass die Autos auf "Serienstand" dann auch fehlerfrei fahren. Wir werden den Bigster auf jeden Fall im Blick behalten. AUTO BILD-Testnote: 2,4
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