Das Teilen und gemeinsame Nutzen eines Autos, Carsharing genannt, hat sich vom Trend zum absoluten Boom entwickelt. Kein Bereich auf dem Mobilitätssektor kann annähernd vergleichbare Zuwächse vorweisen. Nach einer Bilanz des Bundesverbandes Carsharing waren zum Stichtag am 1. Januar 2020 fast 2,3 Millionen Carsharing-Kunden registriert. Vor fünf Jahren lag die Zahl noch bei rund einer Million. Mittlerweile bieten in Deutschland 226 Anbieter Carsharing an – in 840 deutschen Städten und Gemeinden.

Carsharing für Autohersteller interessant

Carsharing: Munderloh in Oldenburg
Auch die bekannte Autovermietung Sixt hat das Carsharing als lukratives Geschäftsfeld entdeckt.
Ein Ende des Booms ist nicht abzusehen – im Gegenteil. Immer mehr, immer neue Anbieter drängen auf den Markt, die vorhandenen Player vergrößern Verbreitungsgebiete und Fahrzeugflotten. Auch die großen Autofirmen wollen bei diesem Geschäft mitmischen, vor allem, um nichts zu verpassen. So bieten Daimler und BMW gemeinsam den Dienst SHARE NOW an, und Ford hat den Ford Carsharing-Dienst im Angebot. Volkswagen musste hingegen sein Carsharing-Projekt namens Quicar im März 2016 einstellen. Mittlerweile arbeiten die Wolfsburger jedoch wieder an neuen und vergleichbaren Geschäftsmodellen. Und auch Opel stampfte im August 2017 sein CarUnity nach gerade einmal zwei Jahren ein und übergab seine Nutzer an den Wettbewerber Tamyca. Tamyca wiederum verkündete kurze Zeit später die Übernahme durch SnappCar. Im Oktober 2017 zog dann auch noch Citroën mit seinem Multicity sein Angebot zurück.

Markt permanent in Bewegung

Auf dem Carsharing-Markt gibt es bei den Anbietern ein reges Kommen und Gehen. Auch Verschiebungen unter den etablierten, privaten Carsharing-Anbietern gibt es immer wieder. So wurde die private Plattform Autonetzer, die sich erst im September 2014 mit Nachbarschaftsauto zusammengeschlossen hatte, kürzlich vom französischen Anbieter Drivy geschluckt. Damit ist Drivy in Deutschland zum größten Internetportal für privates Carsharing geworden. Mit RUHRAUTOe setzt ein Carsharing-Angebot ausschließlich auf Elektroautos.
 
Welche Vor- und welche Nachteile bietet Carsharing? Beides ist leicht auszumachen: Carsharing bietet, gemessen an den Fixkosten eines Privatwagens, echte Kostenvorteile – da man nur zahlt, wenn man das Auto nutzt. Allerdings sind die Minutenpreise zum Teil recht happig, verglichen mit der Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs. Auch fahren Nutzer von Anbietern mit Minutentarifen permanent gegen die Uhr: Wer länger braucht, zahlt auch mehr. Von Nachteil ist auch, dass es keinen garantierten Auto-Zugriff zu jeder Zeit gibt. Hier ist der eigene Wagen unschlagbar. Für Vielfahrer und fürs tägliche Pendeln zur Arbeit bietet Carsharing je nach den individuellen Umständen oft keinen Kostenvorteil mehr.

Wie funktionieren die verschiedenen Systeme? Im Wesentlichen gibt es zwei: stationsgebundene Systeme und stationslose Systeme ("Free Float"). Das erste Modell ist das klassische, dabei ist der Carsharing-Wagen an einen festen Standplatz gebunden, muss von dort abgeholt und wieder zurückgebracht werden. Cambio arbeitet etwa nach diesem Prinzip. Zu den bekanntesten Free-Float-Systemen gehört das Gemeinschaftsprojekt SHARE NOW von Daimler und BMW. Die Fahrzeug-Flotte reicht hier auf der Seite von Mercedes vom Smart bis hin zur A-Klasse und dem AMG CLA. BMW stellt Modelle wie etwa den Mini, Mini Countryman, BMW 1er und BMW X1 zur Verfügung. Alle Fahrzeuge können innerhalb definierter Nutzungsgebiet überall abgestellt und übernommen werden. Zugang zum Wagen gibt es meist über eine Smartphone-App, gelegentlich noch mit einer Chipkarte, Schlüsselübergaben sind also nicht nötig. Neben den großen Firmen bieten viele lokale Dienste sowie unkonventionelle Unternehmen wie Getaway ihren Service an – dort kann man die Privatwagen der Mitglieder fahren.

Welche Kosten sind für Carsharing-Mitglieder fällig?
Die Kostenmodelle sind unterschiedlich. Gemeinsam sind aber meist Mitgliedsbeitrag, Stunden- und Tagessätze sowie (abgestufte) Kilometerkosten. Beim privaten Carsharing verhandeln Mieter und Vermieter die Preise untereinander.

Von

Elias Holdenried
Isabella Sauer