Bei neuen Elektroautos denkt man schnell an die großen, chinesischen Marken: BYD, Nio oder MG. Doch wer sich deren Marktanteile anschaut, sieht die funkelnden Riesen zu Gnomen schrumpfen. So setzte der Hersteller BYD, der 2024 weltweit nach eigenen Angaben 4,25 Millionen E-Autos verkauft hat, auf dem deutschen Markt in den ersten vier Monaten 2025 lediglich 2791 Neuwagen ab. Das entspricht einem Marktanteil von 0,31 Prozent. Zum Vergleich: Von Januar bis April 2025 wurden in Deutschland insgesamt 907.259 neue Autos zugelassen.
Andere Hersteller blicken auf eine ähnlich desaströse Bilanz. Great Wall Motors mit der Marke Ora kommt auf gerade einmal 707 verkaufte Neuwagen, Leapmotor auf 987, Nio mit dem innovativen Batteriewechsel-System hat sage und schreibe 83 Fahrzeuge verkauft. Sogar Smart, als Marke seit Jahrzehnten etabliert, brachte von Januar bis Mai hierzulande nur 1281 neue Autos auf die Straße.

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"Fast unsichtbar ist dabei die Zahl der Käufe privater Kunden", sagt Marktbeobachter Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer vom Center of Automotive Research (CAR) in Bochum. Die Elektromarke BYD verkaufte Autos an nur 330 Privatkunden. Das entspricht einem Privatanteil von zwölf Prozent. Im April sank der Anteil sogar auf 7,3 Prozent. Was ist da los?

Wie vergleichbar sind die Märkte China und Deutschland?

"Der Erfolg der chinesischen Hersteller auf ihrem Heimatmarkt ist mit Deutschland nicht vergleichbar", so Dudenhöffer gegenüber AUTO BILD. In China seien viele Neuwagenkäufer "Erstkäufer", die noch von keiner Marke geprägt wurden. In Deutschland dagegen hatten 95 Prozent der Käufer zuvor bereits ein Auto und seien entsprechend von der oder den jeweiligen Marke(n) geprägt.
BYD Dolphin
Der elektrische Kleinwagen BYD Dolphin kostet ab 32.990 Euro, BYD setzte davon weltweit mehr als 660.000 Exemplare ab – in Deutschland wurden 2024 nur 440 Stück verkauft.
Bild: BYD Co. Ltd
"Es gibt eine starke Markenloyalität der deutschen Kunden, da haben es neue Wettbewerber schwer", sagt Prof. Helena Wisbert, Expertin für Automobilwirtschaft an der Ostfalia-Universität Wolfsburg. Dazu passt eine aktuelle Umfrage des Online-Automarkts AutoScout24: Gefragt nach der beliebtesten Automarke votierten weit über 60 Prozent für ein deutsches Label. Erst auf Platz sechs landete mit Toyota ein ausländischer Hersteller. Chinesische Marken? Fehlanzeige!
"Warum sollte ein deutscher Käufer jetzt ein chinesisches Elektroauto kaufen?", ist Dudenhöffers rhetorische Frage. Nach Ansicht des Analysten sprechen gleich mehrere Gründe dagegen: So konzentrieren sich die chinesischen Hersteller einseitig auf Elektroautos. Dudenhöffer: "Die decken bei uns aber bisher nur 20 Prozent des Marktes ab." Hinzu kommt: E-Autos bieten mittlerweile alle; die neuen Marken haben – anders als Tesla noch vor rund zehn Jahren – damit kein Alleinstellungsmerkmal mehr.

Elektroautos vor allem für Dienstwagenflotten interessant

"Bei den Elektroautos sind 70 Prozent der Kunden Gewerbekunden, also viele Unternehmen, die Elektroautos in der Dienstwagenflotte haben", so Wisbert. Und gerade für diese Kunden seien flexible Leasingangebote und ein umfassender Service besonders wichtig. Das könnten die chinesischen Hersteller bisher nicht bieten.
Auch die Datensicherheit bei chinesischen Neuwagen ist offenbar ein Kritikpunkt: Sie war für fast die Hälfte der Befragten einer Studie des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach im vergangenen Jahr 2024 ein Beweggrund, von chinesischen E-Autos vorläufig die Finger zu lassen.

Können sich die neuen Marken am Markt etablieren?

Das öffnet den Blick auf ein weiteres Thema: Die Neuen auf dem Markt sind noch mit dem Aufbau eines Kundendienst- und Werkstattnetzes beschäftigt. Auch lassen offenkundige Qualitätsmängel wie fehlerhafte Texte in den Bedienmenüs (siehe Fotos) daran zweifeln, ob mit der notwendigen Sorgfalt vorgegangen wird.
Die Funktion "Update verfügbar" im Display vom BYD Seal
Was "Update beschikbaar" bedeuten soll, kann man auch ohne niederländische Sprachkenntnis erahnen – nur sät die unsaubere Übersetzung Misstrauen.
Bild: Matthias Brügge/AUTO BILD
Vorstellbar, dass viele Kunden noch misstrauisch sind, ob die Marken sich wirklich etablieren. Niemand möchte ein Auto fahren, für das es möglicherweise in ein paar Jahren keine Teile mehr gibt. "BYD und Co müssen sich bei Zuverlässigkeit und Qualität erst noch beweisen, da die Autos alle noch relativ neu auf der Straße sind", so Helena Wisbert.
Kryptische Erklärung im BYD Seal
Auch diese technische Übersetzung kann man sich mit etwas Knobelei erschließen, aber was steckt dahinter?
Bild: Matthias Brügge/AUTO BILD
Ein PR-Strohfeuer reicht da nicht aus. Prof. Dudenhöffer: "Anders als Japaner und Koreaner vor Jahrzehnten wenden die Chinesen viel mehr Geld auf – doch sie verbrennen es auch." Zugleich machten sie bisher keine Anstalten, auf die Kultur eines fremden Marktes einzugehen, die eben nicht so stark von E-Autos geprägt sei wie die chinesische. Das könne zu großen Enttäuschungen führen.
Display-Information im BYD Seal
Es muss nichts heißen, dass manche Funktionen im BYD Seal schlecht übersetzt sind – doch vertrauenerweckend ist das nicht.
Bild: Matthias Brügge/AUTO BILD
Dudenhöffer: "Bei denen kann es passieren, dass sie über Nacht alles wieder einstellen." So geschah es zum Beispiel mit dem Marktplatz Yesauto, der 2020 mit großem Aufwand die etablierten Autoportale AutoScout24 etc. aufmischen sollte. Nach drei Jahren verschwand das aufwendig installierte Portal sang- und klanglos vom deutschen Markt.

Wie viel Zeit benötigen Chinas Hersteller?

Während es nicht sicher ist, dass kleinere Marken wie XPeng auf Dauer bestehen können, hält Dudenhöffer indes die großen Hersteller für robust genug, um die Konsolidierungsphase zu überstehen. Wie lange müssen sie durchhalten, um auf dem deutschen Markt einen Fuß in die Tür zu bekommen?
Wisbert: "BYD bringt diesen Monat ein 20.000-Euro-Elektroauto auf den Markt und ist damit VW zwei Jahre voraus, was preisgünstige Elektroautos angeht." Überdies sollen in Kürze noch hierzulande gefragte Autotypen folgen wie die beliebten Plug-in-Hybride, beispielsweise von Smart.
Wenn man den Werdegang anderer Autohersteller betrachtet, stehen die chinesischen noch ziemlich am Anfang. Wie lange brauchten Toyota oder Kia, bis gesichtslose Billigheimer aus Fernost zu hochwertigen, technologisch anspruchsvollen Marktteilnehmern wurden? Das ging nicht in ein paar Monaten, und so werden auch die Chinesen ihre Zeit brauchen und noch die ein oder andere Feder lassen. Vielleicht passen sie als Erstes ihre Strategie an – und entwickeln originelle Marketing-Ideen. Entscheidend ist gerade auf dem deutschen Markt, die Käufer langfristig zu überzeugen. Dafür muss sicher nicht jedes Spaltmaß stimmen, aber Flüchtigkeitsfehler (wie etwa bei der Bedienoberfläche) ruinieren den Ruf eines Produkts nachhaltig. Es gibt also noch viel Raum für vertrauensbildende Maßnahmen.