Jeder kennt es vom Smartphone: Batterien halten bei Kälte nicht so lange durch wie bei warmen Außentemperaturen. Das gilt natürlich auch für die Akkus von Elektroautos. Nur: Wie stark sinkt die Reichweite bei niedrigen Temperaturen? 
Das US-Unternehmen Recurrentauto, auf Akku-Analysen spezialisiert, hat sich kürzlich die Batteriedaten von Tausenden Elektroautos im realen Alltagsbetrieb vorgenommen. Dabei kam heraus: Elektroautos haben bis zu 32 Prozent weniger Reichweite bei Temperaturen unter null Grad.
Jaguar I-Pace
Den besten Wert ermittelte Recurrentauto für den Jaguar i-Pace: Bei Frost büßt sein Akku nur drei Prozent Reichweite ein.

Am besten schlug sich dabei der Jaguar i-Pace: Sein großer Akku (95 kWh) verlor nur drei Prozent. Auch dem Akku vom Audi e-tron blieb bei Temperaturen unter null Grad noch relativ viel Saft, nämlich acht Prozent weniger. Referenzwert war die Reichweitenberechnung laut EPA, das US-Pendant zum WLTP.
Auch sehr gut: E-Autos von Tesla. Die vier analysierten Tesla (Model S mit 100-kWh-Akku, Model X mit 75-kWh-Akku, Model 3 Long Range mit 75-kWh-Akku und Model Y Long Range AWD) verloren laut Test nur zwischen 15 und 19 Prozent Reichweite.
Opel Ampera-e
Der Chevrolet Bolt, baugleich mit dem Opel Ampera-e (Bild), verliert bei Minusgraden im Schnitt 32 Prozent Reichweite.
Am schlechtesten war das Ergebnis des Chevrolet Bolt: Er büßte bei Minusgraden fast ein Drittel (32 Prozent) seiner Reichweite ein. Doch auch Ford Mustang Mach-E mit großem 99-kWh-Akku und VW ID.4 sahen nicht gut aus, beide verloren 30 Prozent an Reichweite.

Wie weit schrumpft die Reichweite dieser E-Autos?

Hier die Ergebnisse von Recurrentauto im Detail:

So schrumpft die Akku-Reichweite von Elektroautos bei Kälte

Automodell
Reichweiten-Verlust im Winter
Abzweigung
Audi e-tron
Abzweigung
Abzweigung
BMW i3 (42 kWh)
Abzweigung
Abzweigung
Chevy Bolt
Abzweigung
Abzweigung
Mustang Mach-E (AWD 99 kWh)
Abzweigung
Abzweigung
Hyundai Kona
Abzweigung
Abzweigung
Jaguar I-Pace
Abzweigung
Abzweigung
Nissan Leaf (62 kWh)
Abzweigung
Abzweigung
Tesla Model 3 (LR 75 kWh)
Abzweigung
Abzweigung
Tesla Model S (P100D)
Abzweigung
Abzweigung
Tesla Model X (75D)
Abzweigung
Abzweigung
Tesla Model Y (LR AWD)
Abzweigung
Abzweigung
VW e-Golf (36 kWh)
Abzweigung
Abzweigung
VW ID.4
Abzweigung
-8 Prozent
-24 Prozent
-32 Prozent
-30 Prozent
-19 Prozent
-3 Prozent
-21 Prozent
-17 Prozent
-19 Prozent
-15 Prozent
-15 Prozent
-23 Prozent
-30 Prozent

Warum schrumpft die Reichweite von E-Autos im Winter?

Woran liegt das eigentlich? Das Hauptproblem ist übrigens nicht, dass sich die Akkus von E-Autos bei kalten Temperaturen schneller selbst entladen und die Energieabgabe insgesamt zähflüssiger von sich geht. Schuld sind die zusätzlichen Nebenaggregate und Verbraucher: Sie knabbern massiv an der Reichweite. Allen voran die Heizung.

E-Auto: Reichweiten-Top-5 laut WLTP

Ausgewählte Produkte in tabellarischer Übersicht
1.
Mercedes EQS (WLTP-Reichweite bis zu 785 km)
2.
Tesla Model S Long Range (WLTP-Reichweite bis zu 663 km)
3.
BMW iX (WLTP-Reichweite bis zu 630 km)
4.
Ford Mustang Mach-E (WLTP-Reichweite bis zu 610 km)
5.
BMW i4 (WLTP-Reichweite bis zu 591 km)
Da die Abwärme eines Verbrennungsmotors nach dem Start fehlt, zieht die elektrische Heizung Strom aus dem Akku, um den Innenraum für die Insassen aufzuwärmen. Etwas energiesparend wirkt da eine Wärmepumpe, aber auch die braucht Strom. Der Fahrakku muss ebenfalls beheizt werden, auch das kostet etwas Energie.

So viel Reichweite verloren E-Autos im Wintertest

Kaum besser waren die Ergebnisse im Praxis-Test des ADAC: Dabei wurde eine 10 bis 30 Prozent kürzere Fahrstrecke bei Kälte festgestellt, im Extremfall auch mehr. Und im Test der American Automobile Association (kurz "AAA", das US-Pendant zum ADAC) büßten E-Autos im Winter sogar bis zu 41 Prozent ihrer Reichweite ein.
Nissan Leaf
Der Nissan Leaf schnitt im Wintertest noch am besten ab. Er verlor bei Minusgraden "nur" 31 Prozent an Reichweite.
Im Test mit fünf Autos errechnete die AAA 2019 den Durchschnitt des Reichweitenverlustes von BMW i3, Chevrolet Bolt (hierzulande Opel Ampera-e), Nissan Leaf, Tesla Model S 75D und VW e-Golf. Sie alle mussten sich auf einem Rollenprüfstand bei unterschiedlichen Wintertemperaturen beweisen. Bei minus sieben Grad Celsius zeigte sich die nachlassende Kapazität besonders. 

Wie stark vermindert die Bordheizung die Reichweite?

Bei Temperaturen unter null Grad sank die elektrische Reichweite im AAA-Test um durchschnittlich zwölf Prozent, wenn die Innenraumheizung nicht eingeschaltet war. Mit aktivierter Heizung schrumpfte sie im Schnitt um 41 Prozent!
Im Vergleich verlor der BMW am meisten Reichweite, bei etwa minus sieben Grad Celsius und eingeschalteter Heizung kam er nur noch halb so weit (50 Prozent). Am besten schnitten Nissan Leaf und VW e-Golf ab, die nur 31 bzw. 36 Prozent verloren.

Tipps zum E-Auto-Fahren im Winter

Wie heizt man das E-Auto vor der Fahrt auf?

Pfeil
Am besten wärmt man den Innenraum schon vor Fahrtantritt am Ladekabel hängend auf. So senkt das Heizen die Reichweite eines Elektroautos nicht allzu sehr, weil man den Bordakku nicht mit der Heizleistung belastet. Das Auto holt sich dann die benötigte Energie aus dem Stromnetz. Tipp: Das Vorheizen oder Kühlen (im Sommer) am Stecker lässt sich meist per App oder Programmierung steuern. Das gilt auch fürs Schnellladen. Immerhin geht das Heizen schnell, weil keine Abwärme von einer Antriebskomponente benötigt wird.

Wann ist der beste Zeitpunkt, um im Winter den Akku zu laden?

Pfeil
Elektroautos der neuesten Generation haben ein Batteriemanagement, das für bestmögliche Ladebedingungen sorgt. Das bedeutet: Wird das E-Auto mit eiskaltem Akku an den Ladestrom gehängt, passiert erst mal nichts – der Akku wird nicht geladen, sondern der Ladestrom geht komplett in die Batterieheizung. Sie heizt den Akku auf und bereitet ihn damit aufs Laden vor. Erst bei optimaler Batterietemperatur beginnt der Ladevorgang. Insofern spielt es für die Gesundheit des Fahrakkus ("State of Health") keine Rolle, ob sie vor dem Laden kalt oder durch eine vorherige Fahrt noch warm sind. Es spart lediglich Energie. Andererseits ist es nicht gut für den Akku, mit voller Ladung längere Zeit ungenutzt herumzustehen. Am besten: Die Ladezeit programmieren, sodass der Energiespeicher unmittelbar vor dem Abfahren voll ist.

Warum sollte man E-Autos in einer Garage parken?

Pfeil
Wer kann, sollte das E-Auto in der kalten Jahreszeit geschützt abstellen – dann friert es möglicherweise gar nicht oder zumindest nicht so stark zu. Das bedeutet wiederum, dass das Enteisen der Scheiben und das Heizen des Innentraums durch die Standklimatisierung nicht so lange dauert – das spart Energie aus dem Bord-Akku. Außerdem kühlt die Batterie weniger aus, somit ist die Energieausbeute höher – und folglich auch die Reichweite.

Was taugt besser zum Scheiben-Abtauen als die Lüftung?

Pfeil
Steht das E-Auto draußen, kann es bei nächtlichem Frost außen überfrorene und innen beschlagene Scheiben haben. Eiskratzen ist nur der erste Schritt: Bei einem Verbrenner würde man jetzt nach dem Losfahren die Lüftung und Heizung voll aufdrehen, um die Scheiben freizupusten. Beim E-Auto geht das natürlich auch, verlangt aber einen hohen Energieaufwand zulasten der Reichweite. Besser: Die beheizbare Frontscheibe aktivieren – viele Elektroautos sind serienmäßig damit ausgestattet. So wird die Scheibe in kürzester Zeit frei, und es bleibt mehr elektrische Energie zum Fahren.

Warum ist die Sitzheizung besser als die Autoheizung?

Pfeil
Klimaautomatik, die Heizung für Sitze, Lenkrad, Außenspiegel und Scheiben – in der kalten Jahreszeit schaltet man nur allzu gern alles an, was das Wageninnere heizt oder für gute Sicht sorgt. Aber: Je mehr Verbraucher man zuschaltet, desto mehr reduziert sich die Reichweite des E-Autos. Schließlich zieht der Wagen die meiste Energie aus der Traktionsbatterie. Bei einem Auto, das abends noch 150 Kilometer Reichweite anzeigt, sind es nach erfolgreicher Klimatisierung schnell nur 100 Kilometer oder weniger. Tipp: Wenn Sie alleine fahren, aktivieren Sie lieber nur die Lenkradheizung und die Sitzheizung, statt die Autoheizung voll aufzudrehen. 19 Grad Innentemperatur reichen aus. Kommt die Autoheizung doch zum Einsatz, dann am besten im Umluftmodus.

Wie spart man mit dem Eco-Modus Energie?

Pfeil
Während der Fahrt sollte gerade im Winter die Belastung des Akkus so niedrig wie möglich gehalten werden. Tipp: Dafür ist der Eco-Fahrmodus am besten geeignet, denn durch die geringere Motorleistung reduziert sich der Verbrauch. Außerdem müssen so die Regelsysteme weniger oft eingreifen, was ebenfalls den Energiehunger des Autos reduziert.

Muss man im Stau Angst vor dem Erfrieren haben?

Pfeil
Auch bei einem längeren Stau im Winter besteht für E-Auto-Fahrer kein Grund zur Sorge. Ein ADAC-Versuch bewies, dass die Heizung eines E-Autos auch bei eisiger Kälte problemlos mehrere Stunden auf Wohlfühltemperatur laufen darf. Mit der 52 Kilowattstunden großen Batterie eines Renault Zoe Z.E. konnte man ungefähr 17 Stunden und mit den 32,3 kWh eines VW e-Up 15 Stunden ausharren. Tipp: Es ist immer sinnvoll, überflüssige Stromfresser abzuschalten, eine warme Jacke einer voll aufgedrehten Heizung vorzuziehen und Türen und Fenster nicht unnötigerweise zu öffnen.

Welche Sonderausstattungen eines E-Autos können helfen?

Pfeil
Manche Elektroautos bieten eine Wärmepumpe im Ausstattungspaket an. Sie verdichtet Kältemittel unter hohem Druck und produziert so Wärme, ohne die Batterie allzu sehr zu belasten. Und sie heizt beim Ansteuern einer Ladestation den Akku für einen optimalen Ladevorgang vor. Wie viel Reichweite man mit einer Wärmepumpe gewinnen kann, hängt von technischen Details ab. Als Daumenregel gilt: Mit einer Wärmepumpe reicht ein Drittel der Elektroenergie zum Heizen des Autos aus gegenüber einer herkömmlichen Heizung. Zudem kann nicht nur in einigen E-Autos die Heizung so reguliert werden, dass bei Alleinfahrten nur ein Platz im Cockpit beheizt wird.

Besteht die Gefahr, dass bei Winterkälte der Akku zusammenbricht?

Pfeil
Man kennt das vom Verbrenner: Nach einer kalten Nacht streikt oft die Starterbatterie. Kaputte Energiespeicher sind laut ADAC Jahr für Jahr die Pannenursache Nummer eins. Bei Fahrakkus von Elektroautos sieht die Sache jedoch ganz anders aus: Sie sind ungleich größer und daher erheblich widerstandsfähiger. Während eine durchschnittliche Starterbatterie unter 1 Kilowattstunde leistet, bringt es der Fahrakku des kleinen Dacia Spring auf 26,8 kWh, also mehr als das 27fache! Die Gefahr, dass ein E-Auto nach einer Frostnacht keinen Mucks mehr macht, ist also äußerst gering. Anders verhält es sich bei der Starterbatterie für E-Autos – denn die gibt es auch! Die 12-Volt-Batterie ist für klassische Systeme an Bord zuständig, z. B. für Zentralverriegelung und Innenbeleuchtung. Fällt sie aus, geht nichts mehr. Daher sollte man bei älteren E-Autos im Herbst diese Batterie checken lassen – also genau wie beim Verbrenner.

Wie kann ich außerdem Energie sparen?

Pfeil
Die Winterkälte kann die Akku-Kapazität erheblich kürzen. Umso wichtiger, mit der Energie auch beim Fahren sparsam umzugehen. Das bedeutet: im Verkehr mitschwimmen, indem man unnötige Überholmanöver und Beschleunigung vermeidet. Stattdessen fährt man vorausschauend. Stehen mehrere Fahrmodi zur Verfügung, aktivieren Sie den Eco-Modus. Der spart locker fünf Prozent Energie, indem er Höchstgeschwindigkeit und Beschleunigung begrenzt, die Rekuperation erhöht und die Heizleistung reduziert. Ein weiterer Aspekt: Wer im One-Pedal-Modus fährt, spart noch mehr Energie. Dieser Modus stellt die Rekuperation so hoch ein, dass das Bremspedal nur noch im Notfall bedient werden muss, weil das Auto durch die Rekuperationsbremse bereits stark verzögert wird. Dann fahren sie nur noch mit dem Gaspedal – und sobald sie den Fuß wegnehmen, lädt die Batterie per Rekuperation nach.

Wie lange hält mein E-Auto mich im Winter warm?

Pfeil
Es passiert regelmäßig im Winter: Schneechaos führt auch in Deutschland dazu, dass immer wieder Autofahrer für Stunden oder eine ganze Nacht auf der Autobahn ausharren müssen, bis die Straße vor ihnen freigeräumt wird. Für Verbrenner kein Problem, weil ja der Motor automatisch Abwärme erzeugt, die für die Heizung genutzt werden kann. Und E-Autos? Da sieht es nicht schlechter aus. Je nach Fahrzeugtyp benötigt die Heizung ein bis zwei Kilowatt pro Stunde, mit einer Wärmepumpe kann es unter 1 kW sein. Hinzu kommen maximal 0,5 kW für die Bordelektronik. Ein VW ID.3 Pro S hat 77 kWh nutzbare Batteriekapazität. Bei pessimistischer Schätzung könnte man also mehr als 30 Stunden im beheizten Auto verbringen, bis der Akku leer ist.

Von

Roland Wildberg