Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) hat beim genauen Blick auf Unfälle mit Elektroautos wiederkehrende Crashmuster festgestellt. Denn gerade beim Anfahren oder Rückwärtsrangieren ereigneten sich auffällig viele Fußgängerunfälle.
Vor allem aber scheint eine weitere technische Spezialität von Elektroautos relativ häufig für Unfälle zu sorgen: Autos mit dem sogenannten One Pedal Drive waren in der Statistik relativ oft vertreten. Für die Studie hat die UDV knapp 500 schwere Unfälle aus der Unfalldatenbank der Versicherer detailliert analysiert. Dabei wurden Elektroautos mit baugleichen Verbrennern verglichen (Minis, Klein-, Kompakt-, Mittel- und Oberklassewagen).

Verwechslungsgefahr bei One-Pedal-Drive

Der One Pedal Drive ist eine praktische Einrichtung: Wenn man das System aktiviert, wird anstelle der Bremse eine starke Rekuperation aktiviert. Die verzögert enorm, sodass im normalen Elektroautobetrieb die mechanische Bremse oft ungenutzt bleibt. Stattdessen wird das Auto durch das Fahrpedal verzögert, indem man den Fuß leicht anhebt. Dann bremst man per Rekuperation.
Die UDV geht nun davon aus, dass in Notfällen – wenn ein schnelles Bremsen erforderlich ist – manche Fahrer das Fahrpedal mit dem Bremspedal verwechseln. Statt also den rechten Fuß zu heben, treten sie instinktiv aufs Pedal, so wie man auf die Bremse treten würde. Die Folge: Das Auto beschleunigt noch mehr, der Crash wird sogar heftiger.

Jeder zweite Unfallfahrer war älter als 75

"Die Studie legt nahe, dass die Gewöhnung an diese Fahrweise in Notsituationen eine Pedalverwechslung begünstigen kann", fasst UDV-Leiterin Kirstin Zeidler die Interpretation der Unfallforscher zusammen. Indirekt bestätigt wird die Annahme durch das Alter der Unfallfahrer: In der Analyse war knapp jeder zweite älter als 75 Jahre.

Sind Elektroautos zu leise?

Auch beim Abbiegen in Dämmerung und Dunkelheit kommt es häufig zu Kollisionen mit querenden Passanten. Werden E-Autos zu spät wahrgenommen? "Unsere Untersuchung bestätigt Hinweise darauf, dass Fußgängerinnen und Fußgänger E-Autos in solchen Situationen schlechter wahrnehmen", sagt UDV-Leiterin Kirstin Zeidler. Bei niedrigem Tempo geben Elektroautos nahezu kein Geräusch von sich. Erst ab ca. 30 km/h sind ihre Reifengeräusche deutlich vernehmbar.
Daher ist in der EU seit 1. Juli 2019 ein Geräuschsimulator für künstlichen Fahrsound vorgeschrieben. Das "Acoustic Vehicle Alerting System" (AVAS) muss Töne produzieren, die dem Geräusch eines Verbrennungsmotors zumindest ähneln. Sind sie bei den aktuell verbauten AVAS-Produkten zu leise? Zeidler von der UDV: "Die künstlichen Fahrgeräusche sind womöglich nicht hörbar genug oder lassen sich noch nicht eindeutig einem Pkw zuordnen."
Die Unfallforscher sehen weiteren Untersuchungsbedarf, um mehr über diese speziellen Unfallmuster herauszufinden. Insgesamt habe die Untersuchung aber nicht ergeben, dass Elektroautos unsicherer oder gar gefährlicher als andere Autos sind, heben die Unfallforscher hervor.

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Mehr Insassenschutz dank höherem Gewicht

Die Untersuchung legt auch bessere Ergebnisse von Elektroautos in der Unfallstatistik zutage. So war die Besatzung von Kleinwagen mit Elektroantrieb ("kleine Elektroautos") gegenüber denen gleich großer Verbrenner im Vorteil: Das höhere Gewicht der E-Autos bringt offenbar einen besseren Insassenschutz.
"Bei einem Unfall sind Insassen schwererer Fahrzeuge in der Regel besser geschützt", fasst es die UDV zusammen. Zugleich bleibt der Partnerschutz wichtig, denn größere Gewichtsunterschiede bedeuten für Unfallgegner ein höheres Verletzungsrisiko.
Ein weiteres positives Fazit der Studie: Am Steuer von Elektroautos ist man vorsichtiger und risikobewusster unterwegs als allgemein im Auto. Ob das einen Rückschluss auf die Zusammensetzung der Personengruppe, die Fahrprofile oder die technischen Erfordernisse von Elektroautos erlaubt, bleibt offen.