Mercedes EQS mit Feststoffakku knackt eigenen Reichweiten-Rekord
Mercedes mit Feststoffbatterie fährt 1205 km mit einer Ladung!

Der Mercedes EQS mit dem neuen Feststoffakku hat gleich zwei Reichweiten-Rekorde für E-Autos geknackt: 1205 km fuhr die elektrische S-Klasse mit einer Ladung – und auch am Ziel war die Batterie längst noch nicht leer!
Bild: Mercedes-Benz AG – Communicati
Mercedes hat mit einer Testfahrt quer durch Europa quasi nebenbei einen neuen Reichweiten-Rekord für Elektroautos aufgestellt: Das Experimentalfahrzeug mit dem neuen Feststoffakku fuhr 1205 Kilometer von Stuttgart nach Malmö (Schweden), ohne zwischendurch zu laden. Damit brach der Mercedes den Rekord vom Lucid Air Grand Tourer vom August.
Doch am Ziel war die Festkörperbatterie alles andere als leer: Es blieben noch 137 km Restreichweite. "Damit hat der EQS eindrucksvoll bewiesen, dass diese Technologie nicht nur im Labor, sondern auch unter realen Bedingungen überzeugt", teilt Mercedes mit. Mit der Tour sollte die Leistungsfähigkeit des neuartigen Energiespeichers erprobt werden. Sie erfolgte unter realen Bedingungen auf Autobahnen und ohne Fähr-Passage.
Mit dieser Kilometerleistung hat der EQS mit Feststoffakku nicht nur den eigenen, sondern auch den Rekord des Konzeptautos Vision EQXX von 2022 übertroffen. Der elektrische Silberpfeil hatte vor drei Jahren die 1203 km lange Strecke Stuttgart-Silverstone ohne nachzuladen bewältigt. Im EQXX hatte Mercedes geballte Hightech verbaut; unter anderem das Zweigang-Getriebe des neuen CLA.
Bis 2030 soll Festkörper-Akku erhältlich sein
Den Feststoffakku will Mercedes in rund vier Jahren als Produkt anbieten. "Ein echter Gamechanger für die Elektromobilität", teilt Entwicklungsvorstand Markus Schäfer mit. Der Manager hatte im Sommer gegenüber der Zeitung Automobilwoche angekündigt, dass die innovative Batterie-Technologie noch vor 2030 in Mercedes-Serienmodellen verfügbar sein werde. In dem Stuttgarter Unternehmen ist man davon überzeugt, dass die neue Akku-Variante auch Kosten einsparen kann.

Der Feststoff-Akku von Mercedes und Factorial Energy sieht wie eine typische Elektroauto-Flachbatterie aus. Laut Mercedes nimmt er im EQS vergleichbar viel Platz ein wie der konventionelle Energiespeicher mit flüssigem Elektrolyt.
Bild: Mercedes-Benz AG – Communicati
Seit dem Frühjahr wird ein seriennaher Prototyp in England intensiven Straßentests unterzogen. Dabei war bereits nach kurzer Zeit ein Rekord erzielt worden: Der modifizierte Mercedes EQS schaffte eine Reichweite von über 1000 Kilometern mit nur einer Akkuladung. Der Feststoffakku entstand in Zusammenarbeit mit Formel-1-Batterieexperten von AMG.
Mit dem neuen Energiespeicher übertraf der EQS-Prototyp die Reichweite eines vergleichbaren Serien-Akkus in der elektrischen S-Klasse laut Hersteller um 25 Prozent. Kern der Feststoffbatterie sind Zellen des US-Batterieherstellers Factorial Energy. Die EQS-Tests dauern an.
"Gewicht und Größe vergleichbar mit Standardbatterie"
In puncto Abmessungen und Gewicht sei der neuartige Akku vergleichbar mit dem Energiespeicher im Serien-EQS, erklärt Mercedes. Es handle sich um den ersten straßentauglichen Pkw mit einer Lithium-Metall-Feststoffbatterie weltweit. Für die Tests habe Mercedes den EQS nur "leicht modifiziert", damit der Festkörper-Akku hineinpasst.

Das Fahrzeug wurde laut Mercedes nur geringfügig modifiziert, der Akku sei annähernd so schwer wie der konventionelle Li-Ionen-Energiespeicher im EQS.
Bild: Mercedes-Benz AG – Communicati
Wichtig dabei: Im Gegensatz zu vielen anderen Forschungsvorhaben mit Feststoffakkus handelt es sich nach Herstellerangaben um eine ausgereifte Konstruktion im Vorserienstadium. Denn anders als bei der Entwicklung einzelner Zellen oder Experimenten im Reagenzglas kann Mercedes bereits konkrete Eigenschaften des Energiespeichers nennen.
Das ist neu – bisher schweigen sich Hersteller nämlich über das Gewicht neuartiger Wunderakkus aus. Und das ist wesentlich, verspricht die Branche sich doch von der potenziellen Gewichtsersparnis die größten Effekte der neuen Technologie.
Akku wächst und schrumpft je nach Ladungszustand
Sogar die Energiedichte prognostiziert Mercedes: Sie könnte mit dem Prinzip, das dem getesteten Akku zugrunde liegt, auf 450 Wattstunden pro Kilogramm auf Zellebene gesteigert werden. Moderne Akkus liefern etwa den halben Wert. Dass sich diese Energiedichte nicht 1:1 auf das Akkugewicht übertragen lässt, liegt daran, dass beim Feststoffakku offenbar zusätzliches Material notwendig ist.

Der modifizierte Mercedes EQS erhielt in Großbritannien seinen neuen Akku, seitdem ist er auf Testfahrt.
Bild: Mercedes-Benz AG
Mercedes verrät auch hier ein paar spannende Details der Konstruktion: So verfügt der EQS-Feststoffakku "über einen innovativen, schwimmend gelagerten Zellträger". Werden die Akkus aufgeladen, dehnt sich der Elektrolyt aus, beim Entladen schrumpft er.
Auf diese Volumenänderung reagiert der Akku automatisch mithilfe von pneumatischen Aktuatoren, also druckluftgesteuerten Mini-Schaltern. Der Zellträger wird in seinem Behälter je nach Ladungszustand größer und kleiner.
Patent für die Entwicklung ging an Factorial Energy
Für die Konstruktion bekam das US-Unternehmen Factorial Energy, an dem Mercedes seit 2022 beteiligt ist, ein Patent. Factorial steuerte die Zellen für den Experimental-Akku bei.
Er wurde von F1-Motorsportexperten der Tochterfirma Mercedes-AMG High Performance Powertrains (HPP) in Großbritannien entwickelt – in Zusammenarbeit mit dem Mercedes-Benz Kompetenzzentrum für Batterietechnologie.
Feststoffakkus gelten seit Jahren als Weiterentwicklung konventioneller Lithium-Ionen-Akkus. Neu ist die Beschaffenheit des Elektrolyts, also die stromleitende Schicht zwischen Anode und Kathode. Weil sie nicht wie bisher flüssig ist, lässt sich Gewicht einsparen. Als Nebeneffekt ist der Akku weniger empfindlich bei niedrigen Temperaturen und lässt sich schwerer entzünden.

1205 Kilometer legte der Mercedes EQS mit Feststoffakku zurück, hier überquert er gerade die Grenze zwischen Dänemark und Schweden.
Bild: Mercedes-Benz AG – Communicati
Zuletzt hatte Factorial schwefelbasierte Elektrolyte getestet. Solche Akku-Modelle, von Factorial "Solstice" genannt, wurden schon in Zusammenarbeit mit Mercedes entwickelt. Der US-Hersteller, laut Mercedes Marktführer bei dieser Technologie, traut sich zu, damit die Reichweite von Elektroautos um bis zu 80 Prozent zu erhöhen.
Weiterer Hersteller fertigt bald Feststoffakkus für Mercedes
Ein interessanter Nebenaspekt: Offenbar verfährt Mercedes – wie auch andere Hersteller – mehrgleisig. Kürzlich wurde bekannt, dass der chinesische Batteriehersteller Farasis eine Pilotproduktion für Feststoffbatteriezellen auf Sulfidbasis baut. Ein wichtiger strategischer Partner ist Mercedes, die Stuttgarter sind seit 2020 an dem chinesischen Unternehmen beteiligt. Ob ein Zusammenhang mit dem sulfidbasierten Akkutyp von Factorial besteht, ist nicht bekannt.
Fazit
Der neue Rekord ist beeindruckend – zumal er nicht bei Schrittgeschwindigkeit, sondern auf der Autobahn erzielt wurde. Chapeau, Mercedes! Endlich geht der Feststoffakku in die konkrete Testphase auf der Straße – und noch dazu von einem altbekannten, sogar dem ältesten Autohersteller. Die Stuttgarter haben offenbar als erster Autobauer weltweit die technischen Hürden überwunden und stehen kurz davor, das Konzept in die Serienreife zu bringen. Diverse Hersteller von Nio bis Toyota sind offenbar noch nicht so weit, denn mehr als Ankündigungen gab es von dort bisher nicht. Und das zeigt: Europa ist noch lange nicht abgehängt.
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