Entwarnung aus England: Nachdem Jaguar seine Fans gewaltig geschockt und auf dem Weg zum Type 01 nicht nur die Benziner über Bord geworfen hat, sondern gleich noch bald 100 Jahre Tradition mit dazu, versöhnt uns jetzt die bessere Hälfte Land Rover.
Zwar biegt auch die schmutzige Schwester endlich auf die Electric Avenue ein. Doch wenn als elektrischer Erstling zum Jahreswechsel der überfällige Range Rover Electric an den Start geht, dann stehen die Werte der Alten Schule unverrückbar ganz oben im Lastenheft. Schließlich soll der Luxusliner ihrer Lordschaft zuallererst mal ein Range Rover bleiben und nur in zweiter Linie ein Elektroauto werden, sagt Entwicklungschef Thomas Müller.

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Ja, sie glätten ein bisschen den ikonischen Grill, schreiben EV auf die Radnaben und montieren eine geschlossene Heckschürze, wo sonst die Endrohre ihrer Sechs- oder Achtzylinder herausragen. Aber ansonsten ändert sich am Design nichts und am Fahrverhalten sogar noch weniger. Der kultivierte Kraftakt beim Anfahren, der Gleitflug auf der Autobahn oder die abenteuerlichen Abstecher ins Gelände: Der Stromer macht einfach alles genauso wie der Verbrenner. Nur noch einmal ein bisschen besser.

Mehr als nur ein Ersatz für den V8

Mit der eisernen Faust von 550 PS und 850 Nm, vornehm verpackt in einem Seidenhandschuh, wuchtet der adelige Allradler seine gut und gerne drei Tonnen auf die Teststrecke in Gaydon und gleitet nur Augenblicke später souverän und vor allem mucksmäuschenstill dem Horizont entgegen. Von 0 auf 100 in weniger als fünf Sekunden: Da steht er dem V8 in nichts nach, nur dass der dabei laut und vernehmlich knurrt. Für die einen Musik in den Ohren, für die anderen so störend wie Grölgesänge der Palastwache.
Erst auf der langen Geraden merkt man irgendwann einen Unterschied, weil die Elektronik den beiden Motoren bei 200 Sachen den Stecker zieht. Aber andererseits: Wer es mal in einen Range Rover geschafft hat, ist selber Herr seiner Zeit und muss sich nicht mehr hetzen lassen.
Im Gelände spielt der Elektroantrieb seine Stärken aus und dosiert die Kraft noch präziser.
Bild: Range Rover
Den größten Unterschied merkt man dort, wo sich die allermeisten Kunden wahrscheinlich nie hintrauen, selbst wenn es kaum ein Luxus-SUV gibt, das sich dort besser bewährt: im Gelände. Nicht nur, dass wahlweise Fuchs und Hase oder Giraffe und Gnu nicht so schnell abhauen, wenn sich der stille Stromer anschleicht. Die Kraft wird hier noch schneller verteilt und noch feiner dosiert. Und weil sich mit der Batterie weder an der Wattiefe noch an den Böschungswinkeln etwas ändert, kraxelt er fast schon gelangweilt über Geröllhalden, taucht mühelos durch tiefe Gräben und streunert durch die Steppe.
Während unten der Dreck an den stabil geschützten Batterieboden klatscht und im Radhaus die Kieselsteine rasseln, sitzt du wie auf Wolken gebettet auf einem klimatisierten Hochsitz und siehst die Welt da draußen aus der Vogelperspektive. Schade, dass das hier Gaydon ist und nicht die Serengeti. Aber da stehen ja auch noch keine Ladesäulen.

Große Batterie und schnelles Laden

Wobei er dort vergleichsweise selten stoppen muss: Nicht umsonst haben die Briten die Batterie zum Sandwich aufgedoppelt und so auch im eher knappen Raum ihrer Verbrennerplattform 118,5 kWh untergebracht. Die reichen im Zyklus für 600 und im Alltag für 531 Kilometer, verspricht Land Rover, und verweist auf eine neue KI-Funktion, mit der sie den Aktionsradius präziser und zuverlässiger berechnen wollen als die Konkurrenz. "Egal, ob ein Pferdeanhänger hinten dranhängt, ob es über die Autobahn geht oder durchs Outback."
Aber weil auch die dickste Batterie irgendwann leer ist und die feine Gesellschaft tendenziell wenig Geduld hat, haben sie den Akku mit 800 Volt verdrahtet und erlauben eine Ladeleistung von bis zu 350 kW.
Hochsitz mit Aussicht: Selbst im Gelände reisen die Passagiere im Luxusklasse-Ambiente.
Bild: Range Rover
Ja, sie haben lange warten müssen auf dieses Auto, und sie werden bei Preisen ab 163.500 Euro tief in die Tasche greifen müssen. Und trotzdem dürfte der elektrische Range Rover Balsam sein auf die geschundenen Seelen anglophiler Besserverdiener. Schließlich ist er, allenfalls noch bedrängt von der Mercedes G-Klasse, der erste elektrische Edelgeländewagen und kommt damit Konkurrenten wie dem Bentley Torcal, Aston Martin und Rolls-Royce zuvor. Über 80.000 Interessenten sollen sich schon unverbindlich vorregistriert haben.

Gegenentwurf zur Jaguar-Strategie

Gerade vor dem Hintergrund der fast schon verstörenden Jaguar-Strategie beweist der elektrische Range Rover, dass man für den Neuanfang keine Brechstange braucht und nicht alles Gelernte über Bord werfen muss.
Der Range Rover bleibt auch elektrisch ganz der Alte – und genau das macht ihn so überzeugend.
Bild: Range Rover
Das Flaggschiff ist zwar das erste, aber beileibe nicht das letzte E-Modell aus Gaydon. Ja, der Range Rover Sport in seinem Windschatten wird ähnlich konventionell sein. Aber wenn im nächsten Jahr als fünfter Range Rover ein Gran Turismo kommt, wird man die Marke in der Marke ebenfalls mit neuen Augen sehen. Und hoffentlich trotzdem wiedererkennen.

Fazit

Ja, sie haben sich viel Zeit gelassen mit der Entwicklung. Aber was lange währt, wird endlich gut. Während Schwester Jaguar eine gefährliche Wette auf die Zukunft eingegangen ist, hält Land Rover beim elektrischen Range Rover am Bewährten fest und hat damit ein ohnehin schon gutes Auto noch einmal deutlich verbessert.