Auto möchte man heute ja auch nicht mehr sein. Früher, da gab es für 100.000 Kilometer Chrom-Plaketten am Grill und Golddublee-Uhren fürs Handgelenk. In den Zwotausendern ist ein Pkw mit dieser Laufleistung allenfalls ein Allerweltstyp. Fast dreimal um die Erde gejagt – das muss jedes Auto abkönnen. Tut es aber nicht. Die unheilsame Mixtur aus überfrachteter Elektronik und leidenschaftslosem Rotstift verrichtet längst zuverlässig ihr zerstörerisches Werk. Gern auch bei VW. Das Abo der Wolfsburger auf hintere Plätze in der AUTO BILD-Zuverlässigkeits-Rangliste steht im geradezu grotesken Widerspruch zum Markterfolg. Willst du VW oben sehen, musst du die Tabelle drehen. Letzter Touran, Vorletzter Polo, Passat und Fox ebenfalls auf den hintersten Rängen.

Auf einen Blick: alle AUTO BILD-Dauertests

VW Tiguan 2.0 TSI Sport & Style
Gut verarbeitet und nach 100.000 km topfit: der Innenraum. Die hellen Polster verschmutzen sehr schnell.
Mit einem Rucksack voller enttäuschter Erwartungen startete also der Tiguan in den Dauerlauf. Ausgerechnet der Tiguan. Ein Modell, das schon bei der Entwicklung unter enormem Kostendruck stand. Um den SUV überhaupt rentabel in Deutschland produzieren zu können, hatte Ex-Markenchef Wolfgang Bernhard damals jede Schraube dreimal umgedreht. Mit Erfolg: Heute gilt der Hochbein-Golf als VWs profitabelstes Stück – und verkauft sich blendend. Bei uns schon über 90.000- mal, insgesamt 310.000-mal. Also ein kleines Sparschwein, das da auf unseren Hof rollte? Das konnte ja heiter werden. Wurde es auch – wobei der kleine Touareg-Bruder keineswegs euphorisch begrüßt wurde.

Alle News und Tests zum VW Tiguan

VW Tiguan 2.0 TSI Sport & Style
Schneepflug: Das Allradsystem des Tiguan ist eher simpel, reicht aber für leichte Ausflüge ins Gelände.
Wenig schmeichelhafte Kommentare wie "nicht schön, aber gut", oder "komplett charismabefreit" eröffnen das Fahrtenbuch. Raspeln wir kein Süßholz: Der Tiguan ist nicht der Johnny Depp der Szene. Er ist vernünftig, nicht verwegen. Aber auch kein Schauspieler. Was du bekommst, siehst du auf Anhieb. Typisch VW. Gut durchdacht. Handlich. Praktisch. Nun ja, zumindest überwiegend. Von Anfang an nervt die hohe Ladekante. Wer schweres Gepäck einlädt, sollte intakte Bandscheiben haben. Auch nicht ideal: die Kofferraumabdeckung. Aus Kostengründen verzichtet VW auf ein Faltrollo und speist Kunden mit einem Pappdeckel à la Golf ab. Soll Bello hinten mitfahren, muss die Ablage zu Hause bleiben.

Top: Interieur nach 100.000 km

Ansonsten sammelt der Tiguan auf seinen Touren zwischen Nordkap und Gibraltar gerade für seinen Innenraum Pluspunkte. Klasse die Sitze: vorn sportlich ausgeformt und mit starker Kondition. Bis zum Testende bewahren sie Haltung. Hinten sind sie in der Länge verschiebbar, die Lehnen lassen sich in der Neigung verstellen. Umklappen geht ganz easy, ein Makel bleibt die kleine Stufe, die dann im Laderaum entsteht. Vom Sparzwang immerhin war weder beim Gestühl noch beim gesamten Interieur was zu spüren. Selbst bei Tachostand 100.000 klapperte nichts, keine Teppichkante löste sich, die Materialien überzeugten. Das Cockpit hatte ja schon im Golf Plus Zeit, sich zu bewähren.

Empfehlenswert: das adaptive Fahrwerk DCC

VW Tiguan 2.0 TSI Sport & Style
Zugnummer: Der Tiguan darf 2100 Kilogramm ziehen.
Nur ein Tipp: Bestellen Sie das Interieur bloß nicht im Beige des Testwagens. Das sieht fünf Tage gut aus, danach könnte man weinen. Gönnen dürfen sich Tiguan-Käufer viel mehr ein Extra, das ich bislang grundsätzlich für überflüssig gehalten habe: das adaptive Fahrwerk, bei VW DCC genannt. Trotz 18-Zoll-Rädern lässt sich damit ein überraschend guter Komfort erzielen. Redakteur Jan Horn: "Klasse Reiseauto. DCC sei Dank." Wer die 1045 Euro nicht investieren möchte, sollte gleich bei den serienmäßigen 17-Zöllern bleiben. Denn mit den großen 18ern hoppelt der Tiguan unflätig über Asphaltflicken. Sparen kann man sich auch den 170 PS starken Benziner (Verkaufsanteil: 8,7 Prozent). Der ist weder sportlich noch kernig, dafür gierig.

Gute Wahl: der 2.0 TDI mit 140 PS

VW Tiguan 2.0 TSI Sport & Style
Rund drei Viertel aller Kunden entscheiden sich für den Allradantrieb.
Schon wer den TSI nur leicht fordert, kann der Tanknadel beim Wandern zuschauen. Nahezu Vollausstattung plus Allradantrieb plus große Stirnfläche – das bedeutet beladen auf Strecke kaum unter zwölf, sondern eher 13 Liter oder mehr, was angesichts des 64-Liter-Tanks zu aberwitzig geringer Reichweite führt. Spaß macht das nicht, zumal auch die Ganganschlüsse nicht glücklich gesetzt sind. Unsere Empfehlung: Tiguan als TDI, am besten mit 140 PS (ab 28.175 Euro), der passt und süffelt nicht so viel (Testverbrauch 7,0 l/100 km). Technisch allerdings ließ sich dem TSI nichts an die Ölwanne flicken. Den Dauerlauf absolvierte er so selbstverständlich wie unsereins den Kantinengang. Tanken, fahren, tanken. Zum Nachtisch etwas Öl (2,5 Liter auf der Gesamtstrecke) und nie außerplanmäßig zum Onkel Doktor.

Dauertestnote 1 – das darf man von einem VW auch erwarten

VW Tiguan 2.0 TSI Sport & Style
Technisch top: Die Demontage nach Testende bringt nur minimale Mängel ans Tageslicht.
Kerngesund fuhr er schließlich zur Demontage, bei der DEKRA-Sachverständiger Günther Schiele den Zustand des Motors kommentierte: "Topfit, wie gerade erst eingefahren." Unter dem Strich bleiben für den Rest des Tiguan normale Gebrauchsspuren und drei defekte Glühlampen. Bedeutet: Note eins und Platz fünf in der ewigen Zuverlässigkeits-Rangliste von AUTO BILD. Bravo, VW! Allerdings: Nüchtern betrachtet ist das Abschneiden dieses Tiguan ein ganz normales Dauertest-Ergebnis, wie wir es von einem Auto für 42.000 Euro (inklusive Extras) auch erwarten. Oder wie es Kollege Christian Steiger – zugegeben etwas gehässig – als Schlusswort im Bordbuch vermerkt: "Jetzt ist ein VW Tiguan also endlich so zuverlässig wie ein Kia cee'd."

Ursache für die hakelnde Schaltung: Es fehlte Fett

Vor der Demontage des Tiguan steht eine finale Probefahrt mit VW-Technikern und AUTO BILD-Redakteuren auf dem Programm. Gespannt lauschen acht Ohren auf kleinste Geräusche, versuchen Problemzonen bei Antrieb, Lenkung oder Fahrwerk zu entdecken. Aber: Da ist tatsächlich fast nichts zu beanstanden. Auch mit mehr als 100.000 Kilometern auf dem Tacho gibt sich der Tiguan kaum eine Blöße. Bis auf ein unangenehmes Knarzen beim Schalten und der Tatsache, dass der Schaltkomfort nicht mehr dem eines Neuwagens entspricht. Also gilt bei der anschließenden Demontage zunächst der Schaltung unsere volle Aufmerksamkeit. Lange müssen wir nicht suchen. Nachdem die Schaltmanschette entfernt ist, wird klar, dass bereits ein wenig mehr Fett das Problem gelöst hätte. Ärgerlich – und doch nur eine Kleinigkeit.

Technisch kerngesund: der Tiguan nach 100.000 Kilometern

Viel mehr finden wir auch nicht. Leichter Rostansatz zwischen Federbein und Federbeindom, eine angerostete Kennzeichenleuchte, minimale Grünspanbildung bei einem Sicherungsanschluss – und die bei VW üblichen "Komposthaufen" hinter den vorderen Radhausverkleidungen. Technisch ist der Tiguan kerngesund. Die Schutzwachsverteilung in den Karosseriehohlräumen ist zwar etwas ungleichmäßig, aber voll ausreichend. Getriebe und Verteilergetriebe haben den Einsatz ohne erkennbare Schäden überstanden. Die Abgasanlage ist noch taufrisch, dem Motor attestiert DEKRA-Sachverständiger Günther Schiele sogar das beste Untersuchungsergebnis der letzen 30 Dauertestfahrzeuge.

Hersteller-Reaktion: Das sagt VW ...

... zum verschwitzten rechten hinteren Stoßdämpfer: "Wir haben den betreffenden Stoßdämpfer nach der Demontage des Dauertestfahrzeugs untersucht. Unsere Messungen haben ergeben, dass der leichte Ölfilm keinen negativen Einfluss auf die korrekte Funk tion des Dämpfers hat.
... zu Rost an einer Kennzeichenleuchte: "Unser Untersuchungsergebnis legt nahe, dass die rechte Leuchte während des Dauertests nicht mit dem notwendigen Anzugsmoment versehen war und es deshalb zu einer zeitweiligen, leichten Undichtigkeit gekommen ist. Dadurch kam es zur Anrostung des Soffiten-Halters."
... zu Radhausverkleidungen der Vorderachse mit unterschiedlich breiten Schlitzen: "Im Rahmen der regelmäßigen Modellpflege wurden Modifikationen vorgenommen, um eine gleichmäßige Optik sicherzustellen."

Das sagen die Leser

"Nur bedingt zu empfehlen." Nach 25 Monaten und 76.000 Kilometern kann ich das Auto nur bedingt weiterempfehlen. Gutes Konzept, aber diverse Mängel und insgesamt drei Monate Werkstattaufenthalt lassen kein besseres Urteil zu. Stefan Puchner, per E-Mail.
"Umstieg nie bereut." Ich bin vom BMW X3 auf den Tiguan umgestiegen – und habe es nicht bereut. Der Komfort, aber auch die Materialqualität im Innenraum sind deutlich besser. Torsten Rehtaler, per E-Mail.

Von

Tomas Hirschberger
Manfred Klangwald