Blick auf die Prototypen des VW-Käfer aus den Jahren 1936 und 1937.
Zwei Prototypen aus den Jahren 1936 und 1937 Seite an Seite. Auffällig: Die unterschiedlichen Lüftungsschlitze auf den Motorhauben.
Bild: DPA
(dpa/jb) Es war ein großer Tag in der Porsche-Villa: Granden des Reichsverbands der Automobilindustrie (RDA) waren in den Feuerbacherweg in Stuttgart geladen. Auch Vertreter von Daimler-Benz, von Opel und des Audi-Vorläufers Auto Union waren gekommen, um den Prototyp des ersten "Volkswagens" zu begutachten. Das Problem: Der heute als Käfer bekannte Wagen wurde ausgerechnet bei dieser Präsentation vor 80 Jahren seinem späteren Ruf als Inbegriff der Zuverlässigkeit nicht gerecht. Der eingebaute A-Motor – ein Zweizylinder-Zweitakter mit 850 Kubikzentimetern - war nicht funktionstüchtig. Das von den Nationalsozialisten "Kraft-durch-Freude-Wagen" getaufte Auto lief nicht.

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Brubaker Box und die 1000 Gesichter des VW Käfer
Trotzdem war das "Erste Treffen der Technischen Kommission" kein Flop: Noch vor Kriegsbeginn wurde der unter dem Arbeitstitel V1 von Ferdinand Porsche für die Nazis entwickelte Volkswagen in Einzelstücken gefertigt – das V stand in diesem Fall nicht für Vergeltungswaffe, sondern für Versuchswagen. Bis Ende des Zweiten Weltkrieges wurden etwa 630 Limousinen gebaut.

Die Briten ließen den Käfer wieder aufleben

Nach Kriegsende ging der VW Käfer unter britischer Regie in Serie, wurde über die nachfolgenden Jahrzehnten zur Erfolgsgeschichte für Volkswagen – und zum Symbol für das deutsche Wirtschaftswunder. Schon 1950 wurden knapp 82.000 VW Käfer gefertigt. Generationen von Deutschen zwängten sich für die Fahrt in den Urlaub in den buckligen VW. Die dunkle Vergangenheit schien vergessen.
Aus Anlass des 40. Jahrestages des Volkswagen-Werks in Wolfsburg stehen am 25.11.1976 die "Männer der ersten Stunde" , (l.-r.) Walter Fröde, Heinz Gröschel, Herbert Kaes, Hans Klauser, Ferdinand Porsche (am Steuer), Rudolf Ringel, Werner Rixmann und Wilhelm Vorwig neben dem 1938 gebauten Protoypen 3 des VW-Käfers. Am 30. Juli 2003 läuft in Mexiko der weltweit letzte Käfer vom Band. Damit geht nahe der Stadt Puebla - 125 Kilometer südöstlich von Mexiko-Stadt - ein fast 70-jähriges Kapitel Automobilgeschichte zu Ende. Vom Käfer, der in den dreißiger Jahren von Ferdinand Porsche entwickelt wurde, wurden insgesamt 21,5 Millionen Exemplare gebaut, davon 1,7 Millionen in Mexiko. In Europa wurde 1978 die Produktion eingestellt, als das letzte Exemplar in Emden vom Band lief.
Die Väter des Käfer (1976): Walter Fröde, Heinz Gröschel, Herbert Kaes, Hans Klauser, Ferdinand Porsche (am Steuer), Rudolf Ringel, Werner Rixmann und Wilhelm Vorwig.
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"Die Sympathie für den Käfer speist sich aus verschiedenen Kanälen, einer davon ist mit Sicherheit das Aussehen", sagt Lutz Fügener, Designprofessor an der Hochschule Pforzheim. "Diese gefällige wiedererkennbare Form, die freundlich ist. Das Kindchenschema mit großen Augen weckt den Beschützerinstinkt. Bei den Autos heute ist es eher das Gegenteil." Der Name Käfer geht vermutlich auf einen Korrespondenten der "New York Times" zurück, der in seiner Berichterstattung die Volkswagen Limousine als "Little shiny Bug" ("kleiner glänzender Käfer") bezeichnete. Der Slogan "Er läuft und läuft und läuft" kam nicht von ungefähr. "Der Käfer war ein Auto, dass zu der Zeit in seiner Zuverlässigkeit herausstand", sagt Fügener. Der VW war sehr einfach zu reparieren und zu warten - durch den luftgekühlten Motor. "Der Käfer hat natürlich eine sehr lange Testphase hinter sich, nämlich den Zweiten Weltkrieg." Porsches Neffe Herbert Kaes unternahm mit dem Prototyp VW 38 mit Wehrmachtszulassung Langstreckenfahrten nach Budapest und Griechenland. Die längste Testfahrt führte gar bis nach Afghanistan.
Adolf Hitler begutachtet auf der Rückbank sitzend den ersten Wagen vom Typ Käfer, der 1936 bei der "Gesellschaft zur Vorbereitung des deutschen Volkswagens" in Stuttgart nach den Entwürfen des Automobilkonstrukteurs Ferdinand Porsche (M, ohne Kopfbedeckung) gebaut wurde. Undatierte Aufnahme.
Adolf Hitler begutachtet den ersten Käfer-Prototyp (undatierte Aufnahme, vor 1938).
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Allerdings war die später so beliebte Form in den 1930er Jahren alles andere als revolutionär. Bei der Konstruktion bediente sich Porsche bei Ideen des österreichischen Designers Béla Barényi. "So hat man sich das aerodynamische Design vorgestellt", sagt Fügener. Fiat und Renault mit seinem "Crémeschnittchen" CV 4 hatten ähnliche Formen im Portfolio. "VW hatte das nicht reserviert."Doch im Gegensatz zu anderen Autobauern blieb Volkswagen dem Käfer und seiner Formsprache treu. Das wurde dem inzwischen mit Abstand größten deutschen Autobauer Ende der 1960er-Jahre fast zum Verhängnis. "Im Jahre 1970 war der Käfer von seiner Entwicklung am Ende", sagt der Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. Weil Volkswagen zu lange an dem Konzept festhielt, habe sich der Konzern den Weg in die Zukunft fast verbaut. "Nach dem Käfer kam eine große Durststrecke, bis der Golf kam und sich durchsetzte." Klar sei aber auch: "Ohne Käfer gäbe es kein VW und ohne Käfer wäre VW nie ein wichtiger Autobauer geworden." Erst 1985 wurde der letzte Käfer in Deutschland offiziell verkauft - wegen seiner Beliebtheit aber noch lange aus Mexiko importiert. Schließlich wurde die Produktion 2003 in Mexiko endgültig eingestell - der vorletzte produzierte steht in der Garage von AUTO BILD KLASSIK, der letzte rollte nach Wolfsburg ins VW-Museum. Insgesamt liefen über die Jahrzehnte 21,5 Millionen Käfer vom Band. Eine grandiose Erfolgsgeschichte, bei der der 3. Juli 1935 ein wichtiger Meilenstein war.